Das Lieblingsthema aller Kolumnisten unserer Branche ist das Offenlegen grundsätzlicher Schwächen der aktuellen Spielegeneration. Ich selbst habe hierzu schon etliche Zeilen vernörgelt.

Angestrengt nach potentiellen Ärgernissen der virtuellen Welt suchend, sitze ich also zu Hause in meinem unaufgeräumten Arbeitszimmer und mein Blick wandert durch dringend Seifenwasser benötigende Fenster. Ich schaue auf den dreckigen Bürgersteig vor meinem Grundstück. Als mir dann auch noch der anklagend in der Einfahrt stehende Rasenmäher ins Auge fällt, schwant mir: Unsere Spiele brauchen nicht mehr Realität. Unsere Realität braucht mehr Spiel.

Der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga definierte in seinem Buch »Homo ludens« das »Spiel« als eine »freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des 'Andersseins' als das 'gewöhnliche Leben'.«

Arbeit ist dagegen eine zielgerichtete, zweckgebundene menschliche Verrichtung und wird immer mit einer mehr oder minder stark ausgeprägten Form der Unfreiwilligkeit verbunden.

Real Life 2.0 - Freiheit macht Arbeit – Reallife Version 2.0

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Gartenarbeit Deluxe: In der Realität verhasst, auf der Konsole geliebt.
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Der Versuch »Space Invaders« einerseits und »Kartoffeln ernten« andererseits in diese Kategorien einzuordnen, fällt uns nicht allzu schwer. Gerade bei den Videogames der ersten Generationen ist das »Anderssein als das gewöhnliche Leben« augenfällig. Punktefressende Keksgesichter mit Geisterphobie sowie affenjagende Klempner aus Italien gehören zumindest in unserer Region nicht zum klassischen Stadtbild. Und warum die tradierten Berufe wie Bäcker, Schreiner oder Landwirt in ihrer ursprünglichen Form von den Betroffenen nicht eben aus Freude an der Beschäftigung selbst gewählt wurden, leuchtet ebenfalls unmittelbar ein.

Doch dann schauen wir uns auf dem heutigen Arbeitsmarkt um. Bis auf wenige Ausnahmen sind in den Industrieländern die meisten Jobs weitgehend automatisiert und beruhen nur noch begrenzt auf körperlicher Tätigkeit. Die Spiele werden dagegen immer komplexer und aufwändiger und reichen mit neuartigen Controllern immer weiter in die Wirklichkeit hinein. Sie benötigen ein Mehr an physischer Aktivität.

Da hampeln beispielsweise sechs erwachsene Menschen bis spät in die Nacht vor einer winzigen, an den Wohnzimmerfernseher gepappten Kamera herum und vollführen an Hospitalismus grenzende Wischbewegungen. Dank »Eyetoy« putzen sie nichtexistente Fenster - stundenlang. Am nächsten Tag haben sie nicht nur Muskelkater, sondern die feste Überzeugung gewonnen, sie hätten Spaß gehabt und müssten das »unbedingt mal wieder machen«. Andernorts melken ansonsten völlig klar denkende Zeitgenossen mit einem weißen Nintendo-Zauberstab digitale Kühe, bis die Oberarme brennen. Die Frauen finden es süß, die Männer sind begeistert von »der Technik«. Und dass man sich dabei sogar noch bewegt, mögen sie alle.

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Hundeerziehung ist Stress - wer macht so etwas freiwillig?
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Bereits vor dreißig Jahren hätte man diese Aktivitäten haben können, ganz realitätsnah. Nur wäre damals von den Käseigel essenden Plateausohlenträgern niemand auf die Idee gekommen, dass es der Stimmung dient, den Partygästen Seifenlauge in die Hand zu drücken und sie putzen zu schicken, respektive den Landwirt von nebenan aus dem Bett zu klingeln, um eine Kuh auszuleihen. Auch heute dürfte eine Horde Angetrunkener, die johlend um die Häuser ziehen und Fenster wischen, bei den Nachbarn für Irritationen sorgen, hin zur Verständigung des psychiatrischen Notdienstes. Dabei macht Letzteres rational betrachtet so viel mehr Sinn als die entsprechende Eyetoy-Variante.

Genauso die lieben Kleinen: Manch aufmüpfigen Zwerg an die Mathehausaufgaben zu zwingen, ist Herausforderung genug, um als olympische Disziplin aufgenommen zu werden. Bizarrerweise erweist es sich als exakt ebenso schwer, dem kurzen Rechenaufgabenverweigerer das Nintendo DS mit »Dr. Kawashimas Gehirn Jogging« zu entreißen. Und warum zum Geier empfinden viele Kinder die wöchentlichen Klavier-, Geigen- oder Posaunenstunden als Qual, hämmern aber voller Begeisterung bei »Guitar Hero« in die Plastiktasten? Die Tatsache, dass Letzteres außerhalb seines Selbstzwecks vollkommen sinnfrei ist, sollte das Gegenteil nahe legen. Wenn schon lernen, dann doch ein Instrument, mit dem man tatsächlich etwas anfangen kann.

Die nahe liegende Antwort scheint sich in den unterschiedlichen Belohnungssystemen zu finden. Denn grundsätzlich kommen selbst in der Spielwelt etliche Frusterlebnisse vor. Dort drängen wir uns selbst zum Weitermachen, obwohl »von einem Gefühl der Spannung und Freude« oft schon lange nicht mehr die Rede sein kann. Vielmehr erlebt man häufig genug den inneren Druck, einen Endgegner noch umkloppen oder die nächste Stufe erreichen zu »müssen«. Spaß sieht anders aus. Nur locken die Spiele mit neuen Levels, Highscores, Stufenaufstieg, interessanten Zusatzinhalten und ähnlichen Größen, die als Gegenleistungen für fleißiges »Dranbleiben« die Bindung an den jeweiligen Titel erhöhen (sollen). Freude als überwundener Frust.

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Wie im Puff, so bei Wow: Nicht allen Beteiligten macht es Spaß.
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Doch wenn wir ehrlich sind, hält die Wirklichkeit solche Mechanismen in einem weitaus größeren Umfang bereit. Lernen in der Schule etwa resultiert in aller Regel in guten Noten, die je nach Sichtweise Symbole für ein Vorankommen vergleichbar mit der blanken Zahl hinter dem Wort »Stufe:« sind. Wer körperliche Qualen erduldet (landläufig auch als »Sport« bezeichnet), springt irgendwann höher, läuft schneller, wirft weiter und - glaubt man der Medizin - lebt sogar länger. Wer die tägliche Maloche erträgt, bekommt monatlich eine Summe X gutgeschrieben, die verblüffend den 100 Goldstücken ähnelt, die wir in fiktiven Fantasyländern für das Versemmeln argloser Orktrupps ausgehändigt erhalten.

Zugegeben, die Erfolge im Spiel sind oft schneller erreicht als in der Realität. Aber hierauf allein kann sich unsere Liebe zur Fiktion eigentlich nicht begründen, betrachtet man, wie sich Millionen von Menschen in MMOs von Minierfolg zu Minierfolg hangeln, um erst nach Wochen oder gar Monaten die Endlevel erleben zu dürfen.

Es bleibt allein die Freiwilligkeit der Beschäftigung als Differenzierungskriterium zwischen Arbeit und Freizeit. Muss ich eine Aufgabe erledigen, oder entscheide ich selbst über das ob und wie? Nimmt man zu dieser Einsicht die Tatsache, dass ein Großteil aktueller Jobs vor der ein oder anderen Form von Bildschirm stattfindet, wird erst richtig deutlich, wie willkürlich die Aufteilung in Spiel und Arbeit ist.

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Einmal managen, bitte: Hoeneß kassiert, ihr zahlt.
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Am augenscheinlichsten erscheint das bei Jobs wie Betatestern, Spieleredakteuren, Playboy-Fotografen oder MMO-Goldfarmern. Warum bezahlt die jemand für etwas, das die meisten von uns aus Spaß an der Freude machen würden? Aber selbst für »trockene« Tätigkeiten wie Steuerberater, Rechtsanwälte oder Consultants trifft das Gesagte zu. Immerhin existieren unzählige Menschen, die wahnsinnig komplexe Managerspiele und Wirtschaftssimulationen zocken - nicht nur ohne Bezahlung, sie legen sogar Geld dafür hin.

Insofern nimmt es dann auch nicht mehr Wunder, dass reale und fiktive Währungen austauschbar werden, sprich Gold mit Euro und Linden Dollar mit US Dollar gekauft werden. Die Spannbreite dessen, was Menschen »freiwillig« tun, ist nun mal unüberschaubar (wie übrigens auf jeder S&M-Convention problemlos nachprüfbar).

Wenn aber doch offenbar allein unser Blickwinkel die Natur eines Objektes bestimmt, sollte das auf der anderen Seite heißen, wir selbst haben es in der Hand, die Realität erträglicher zu gestalten.

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In der Schule verhasst, auf dem DS geliebt: das kleine 1x1.
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Wer sagt denn, dass Rasenmähen Quälerei ist? Ich werde es ab sofort als Level 1 des Adventures »Volker baut einen Privatgolfplatz« betrachten. Und Straßekehren wird von einer typisch deutschen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme mit Brechreizgarantie zum neuen Dating-Game »Mann mit Besen sucht Frau mit Hund«. Was die Unordnung auf meinem Schreibtisch betrifft: Ging es nicht auch bei Tetris darum, möglichst viel Gerümpel auf begrenztem Raum unterzubekommen?

Notfalls stelle ich vor alle bisher gehassten Aktivitäten ab sofort die Silbe »Sim« und freue mich darüber, dass zwar teilweise das Spielprinzip ausbaufähig, aber dafür die Grafik saugeil ist. Wie schon der olle Flaubert gesagt hat: »Das Wahre gibt es nicht. Es gibt nur verschiedene Arten des Sehens«. In diesem Sinne Proust: Ich geh' jetzt Geschirrspülen.