Man kennt das: Da schenkt man der Freundin nach Monaten des Sparens das langersehnte Cocktailkleid, nur um dann festzustellen, dass die Gute selbst mit viel Schweiß und Schmierfett nicht in den XS-Fetzen passt. „Macht doch nichts, es ist ja der gute Wille, der zählt“, würde die enttäuschte Dame nun in einer gerechten Welt raunen und uns mit einem köstlichen Mahl entschädigen. Oder – so dürfte es wohl eher in 90% der Haushalte ablaufen – würdigt uns die nächsten zwei Wochen keines Blickes.

Der gute Wille… selten so gelacht. Von guten Ideen allein kann man sich nichts kaufen und Frauen befriedigt man so schon gar nicht. Die Umsetzung ist es, die zählt. Eine Lektion, die auch der ungarische Entwickler dieser Tage schmerzlich lernen dürfte. Die liefern mit „Raven Squad“ nämlich einen bunten Genremix ab: halb Ego-Shooter, halb Echtzeitstrategie. Komplett schwachsinnig.

Raven Squad: Operation Hidden Dagger - Video Review

Verloren im Dschungel

Die Sonne steht hoch, hier in Kolumbien. Oder Brasilien. Venezuela? Irgendetwas Südamerikanisches mit Sicherheit. Wir wissen es nicht, so genau nimmt es „Raven Squad“ mit seiner Geschichte ja ohnehin nicht. Zumindest dass wir das Jahr 2011 schreiben, haben wir uns noch merken können. Warum auch immer, relevant ist das Datum für die Handlung ohnehin nicht. Aber schön zu sehen, dass im Jahre 2011 immer noch die Sonne scheint.

Raven Squad: Operation Hidden Dagger - Spiele-Schwachsinn aus dem Urwald

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Ahh, die Sonne Kol...äh Barce...von wo eigentlich? Auch egal: Hauptsache es geht zur Sache.
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In jedem Fall sollen wir – namentlich das Raven Squad – hier irgendetwas befreien. Oder töten. Oder eben beides. Die Grenzen sind da ja manchmal fließend. Unsere stolze Elitetruppe kann ohnehin beides ganz vortrefflich. Mit Anführern, die sich „Paladin“ und „Shadow“ nennen, kann ja nicht viel schiefgehen. Daneben stehen vier weitere nicht minder harte Kerle: „Zombie“, „Flash“ oder „Thor“ heißen die zum Beispiel. In Punkto Namensgebung ist „Raven Squad“ also ganz vorn dabei.

„Sechs individuelle Charaktere mit eigener Persönlichkeit“, verspricht uns die Packungsrückseite. Und die lügt bekanntlich nie. Dementsprechend aufmerksam haben wir in den Zwischensequenzen auf messerscharfe Dialoge oder Gefühlsregungen des dreckigen halben Dutzends gewartet. Ausfindig machen konnten wir nichts davon. Aber gut, nun sind die Worte „Individualität“ und „Persönlichkeit“ ja auch sehr dehnbare Begriffe. Zumindest aber die „sechs“ trifft vollends zu.

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Paladin und seine knallharte Einsatztruppe retten den Tag. Und töten die deutsche Sprache.
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Aber mal halblang: Taktik-Shooter, die irgendein Team in irgendeinen Dschungel absetzen und dann durch die Mühlen der Genre-Routine prügeln, gibt es wie Sand am Meer. Und Atomic Motion, der ungarische Entwickler, wird sich sehr wohl etwas dabei gedacht haben, im Jahr 2009 – also zeitgleich mit großkalibrigen Konkurrenten wie ArmA 2 und Operation Flashpoint 2 – ein eigenes Produkt auf den Markt zu werfen. Oder nicht?

Raven Squad wollten wir nicht einmal dann kaufen, wenn ein kolumbianisches Supermodel der Packung beiliegen würde.Fazit lesen

Die kurze Antwort: Nein, haben sie nicht. Uns würde es sogar wundern, wenn während des Entwicklungsprozesses von „Raven Squad“ überhaupt einmal ein Gehirn zum Einsatz gekommen wäre. Denn hier sind wirklich Hopfen und Malz verloren, ist selbst mit zig Day-One-Patches nichts mehr zu reißen oder durch großzügige Spenden zu retten – „Raven Squad“, man kann es gar nicht klarer formulieren, ist ein riesiger Haufen unsäglicher Scheiße.

Alles Übel kommt von oben

Dabei klingt die Grundidee noch so verlockend: Durch die geschickte Verknüpfung zweier Genres soll „Raven Squad“ mit den Vorzügen beider Welten glänzen, packende Ego-Shooter-Action auf der einen, taktisch tiefgründige Strategien auf der anderen Haben-Seite. Im Spiel äußert sich dieser Grundgedanke in der Tatsache, jederzeit beliebig zwischen FPS- und RTS-Modus umherschalten zu können.

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Wie ein Cheat auf Abruf - per RTS-Zoom sieht man jeder Zeit die gesamte Umgebung.
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Während wir also gerade auf Gazellenpfötchen durchs Unterholz hüpfen (sprich mit gezogener Waffe durch die Botanik marodieren), – ZACK – reicht ein beherzter Tipper auf die Leertaste, schon positioniert sich die Kamera mehrere Kilometer über unseren Köpfen und zeigt die gesamte Karte aus der Vogelperspektive. Hier steuern wir unser Squad nun wie in den Command & Starcrafts da draußen standesgemäß per Mausklick. Der Übergang funktioniert dabei sogar erstaunlich fließend.

Sollte „Raven Squad“ also womöglich doch noch Spaß machen? Nicht die Bohne! Die Ansätze sind zwar vorhanden, werden aber mit ungarischer Präzision in Grund und Boden getreten. Das Dumme - trotz aller Ideenkernschmelzerei - ist nämlich, dass sowohl der Shooter-Part als auch die RTS-Komponente komplett für den Eimer sind. Die Kombination aus beidem gewinnt da verständlicherweise per Definition schon mal keinen Blumentopf mehr.

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Raven Squad ist lächerlich leicht - eure Truppe schaltet im Alleingang jeden gegner aus.
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Ein Blick in die Tiefe entlarvt das schreckliche Lügengespinst, das uns die Packungsaufschrift als Game Features anpreist: Es ist ja toll, einen Echtzeitstrategie-Modus ins Spiel zu integrieren. Wenn man aber bei aller Euphorie ob der vielen Genres, die man werbewirksam in die Amazon-Beschreibung pflastern kann, ganz nebenbei die eigentliche „Strategie“ vergisst, kann das den geneigten gamona-Spieleredakteur schon mal verärgern.

Was uns hier als „taktische Übersicht“ angedreht wird, ist nicht viel mehr als eine überdimensionierte Minimap mit aktiviertem Wallhack. Oder anders gesagt: Man sieht wirklich alles. Jeden Gegner, die Missionsziele, NPCs, Munitionslager. Ein Mausklick reicht aus und unser Squad bewegt sich zur entsprechenden Position, ballert dort im Alleingang alles nieder und wartet dort auf den nächsten Befeh… pardon Mausklick.

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Besonders drollig: Nach oben scrollen funktioniert nur alle fünf Versuche. Wenn ihr Glück habt.
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Strategisch ist so etwas natürlich nicht, der Schwierigkeitsgrad ist im RTS-Modus zum Teil lächerlich einfach. Deckungen oder andere Optionen gibt es ebenfalls – wenn überhaupt – nur sporadisch. Auf spielerischer Seite plagen hier Wegfindungsnöte das Geschehen und ein Bug, der derart nervig ist, dass wir während des Tests zu etwa 90% der Spielzeit auf den RTS-Modus verzichtet haben – um schlimmere Wutausbrüche zu vermeiden.

Das Scrollen in die verschiedenen Himmelsrichtungen funktioniert meist tadellos – nur nicht in nördliche Richtung. Selbst wenn wir sekundenlang den Mauszeiger an den oberen Bildschirmrand „drücken“, tut sich gar nichts. Während außerhalb des Bildes also bereits unser Squad zu Klump geschossen wurde, rackerten wir noch mit der Kameraperspektive umher. Ein Graus…

Künstliche Verblödung

Nun könnte man meinen, dass zumindest der Shooter-Part seine fünfzehn Minuten Ruhm bekommt, doch auch hier patzt „Raven Squad“ ganz gewaltig. Wir sparen uns an dieser Stelle all zu ausführliche Worte – nur so viel: Steuerung mies, Grafik unzeitgemäß, Missionen uninspiriert, Levelaufbau unerträglich linear, eine Präsentation bar jeglicher Highlights und eine KI vom anderen Stern. Einem sehr, sehr… sehr, sehr dunklen Stern.

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Die KI der gegner ist eine Sauerei - meist reagieren sie selbst auf direkten Beschuss nicht.
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Ohne Witz: Was „Raven Squad“ uns als Künstliche Intelligenz verkaufen will, würde selbst einer handelsüblichen Herdplatte zu akademischen Ehren gereichen. Schießbudenfiguren wohin man blickt, hilflos umherirrende Männer und geistige Totalausfälle - hätten wir den Zapfenstreich nicht am Wochenende live miterlebt, man könnte meinen, das Oktoberfest wäre dieses Jahr in den kolumbianischen Dschungel verlegt worden.

Es müssen ja nicht immer gleich taktisch ausgefuchste Manöver à la „FEAR“ sein. Hier kann man allerdings schon von Glück reden, wenn die Gegner auf euren Beschuss überhaupt reagieren. Im Idealfall folgen sie euch sogar bis um die nächste Ecke – vorausgesetzt die gewitzten Dschungelkämpfer bleiben nicht am erstbesten Busch hängen. Oder verkeilen sich in den Bodentexturen.

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„Raven Squad“ wird somit zum restlos stupiden Ballerfest, in dem man sich die schnurgerade aufgereihten Soldatengrüppchen wie beim Tontauben-Schützenfest seelenruhig einzeln vornimmt. In der RTS-Übersicht offenbart sich zudem, dass es tatsächlich stets exakt drei Gegner sind, die irgendwo hinter einer Mauer auf uns warten. Bis zum Schluss ändert sich daran nichts. Selbst RTL-Vorabend-Soaps sind weniger vorhersehbar…

Um sich also ein Quäntchen Spannung zu erhalten, macht „Raven Squad“ kurioserweise noch am meisten Spaß, wenn man auf den RTS-Modus verzichtet. Was wiederum die gesamte Grundidee des Spiels ad absurdum führt. Und eigentlich dessen ganze Existenz. Shooter ohne Echtzeitstrategie-Anteil gibt’s schließlich wie Sand am Meer. Jeder einzelne von ihnen ist um Meilen besser. Selbst die schlechten Vertreter des Genres.

Ick nix sprecken Dutsch!

Mal sehen: Auf unserer Milchmädchenrechnung stehen damit bereits ein überflüssiger, weil unspielbarer RTS-Modus, eine belanglose Shooter-Komponente, die mit der absurdesten KI seit Erfindung des Genres aufwartet, sowie die unnötige Kombination aus beidem, deren Grad an Überflüssigkeit sich kaum in Zahlen bemessen lässt. Fehlt eigentlich nur noch ein echter Kracher, um das Totaldesaster abzurunden.

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Schießt den Vogel ab: Die Synchro ist - bitte besonders schlimmes Wort an diese Stelle denken...
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Und weil „Atomic Motion“ uns lieb hat, spielen uns die Herren Ungaren freudig in die Hände und präsentieren so ganz nebenbei die schlechteste Vertonung, die wir je in einem Spiel gehört haben. Damit wir uns nicht missverstehen: Der Superlativ von „schlecht“ wird in Spielereviews ja gerne mal überproportional oft verwendet, aber wenn wir ihn nur noch ein einziges Mal nutzen dürften – BINGO – „Raven Squad“ wäre unser Kandidat.

In Ermangelung echter Kompetenzen hat Entwickler Atomic Motion scheinbar eine schwer sprachgestörte Laientruppe aus dem Ostblock engagiert, die sich die meiste Zeit weigert, auch nur einen richtigen Ton zu treffen. Die Betonung der Sätze liegt generell falsch, jedes zweite Wort wird mit russischem Akzent gesprochen. Dass die „Raven Squad“-Gang komplett aus Amerikanern besteht, ist Atomic Motion wahrscheinlich erst nach den Sprachaufnahmen aufgefallen.

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Gerne nerven auch unlogische oder falsche Durchsagen über Funk.
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Die ohnehin schon nicht gerade mitreißende Story wird damit zum lächerlichen Kasperletheater mit Freakshowgarantie. Wenn man zur Abwechslung mal versteht, was die Protagonisten von sich geben, muss man sich schon zwingen nicht laut loszulachen. Vor allem, wenn auch noch schlecht übersetzt wurde. Wie man aus der einfachen Standard-Fernfunkfloskel „Please Repeat!“ ein „Kannst du das noch mal machen?“ zimmern kann, ist uns schleierhaft.

Hinzu kommen unlogische oder schlicht falsche Funkmeldungen eurer Kameraden. „Achtung, hinter dir, du wirst verfolgt“, tönt es oftmals aus den Boxen – obwohl dort weit und breit niemand zu sehen ist. An anderer Stelle bekommen wir dann den wohlgemeinten (?) Rat: „Okay, ihr könnt euch kurz ausruhen – der Feind zieht sich zurück“. Und zwar während wir aus vollen Rohren beschossen werden.

Das war mal Field Ops

Witzig auch, dass sich die grafische Qualität umgekehrt proportional zum Spielerfortschritt entwickelt. Wo wir im ersten Level noch eine halbwegs malerische Tropenkulisse beäugen dürfen, sorgen nur wenige Missionen später trübe Farbgebung, staksige Animationen und grottige Matschtexturen für exponentielle Griebenbildung beim Betrachter. Muss man auch erstmal schaffen – grafischer Verfall pro abgelaufenem Meter…

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Grafisch gibt sich Raven Squad sehr wechselhaft - zwischen "ganz hübsch" und "hässlich".
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Erschreckend ist bei aller Gehässigkeit vor allem eines: Im Programmcode von „Raven Squad“ stecken gut sichtbar die Überreste des eingestellten „Field Ops“, eines Titels also, den nicht wenige gamona-Redakteure lange Zeit auf dem Most-Wanted-Radar hatten. Das ebenfalls ungarische Projekt wurde irgendwann eingestampft – der klägliche Rest zeigt nun unter neuer Flagge seine hässliche Fratze.

Wer Glück hat, kommt aber gar nicht so weit, sich das Trauerspiel aus der Nähe anzusehen. Ein fataler Bug sorgt nämlich schon während des Introfilmchens für einen Totalabsturz, der sich nur per Trick umgehen lässt. Indem man direkt nach Spielstart wie von Sinnen auf die Escape-Taste einhämmert, umgeht man den Start des Cinematics und gelangt so doch noch ins Hauptmenü. Aber mal ehrlich – wer will das schon…?