Um vollmundig nach Tradition klingende Jubiläen sind Spieleentwickler heutzutage nicht verlegen. Auch Rare, einst enger Verbündeter Nintendos, heute Hofschmiede bei Microsoft, lässt sich dreißig Lenzen golden einrahmen und lädt Xbox-One-Besitzer zum Mitfeiern ein. Die Spielesammlung Rare Replay dokumentiert zu diesem Anlass dreißig Klassiker gehobenen Niveaus und geht trotzdem für lediglich 30 Euro über den Ladentisch.

Rare Replay - Ankündigungstrailer von der E3 2015

Zweifellos ein guter Fang, noch bevor man überhaupt weiß, welche Spiele in der Sammlung stecken. Der Name Rare mag im Jahre 2015 nicht mehr so respekteinflößend klingen wie in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts, aber es geht noch immer um die Erben einer der wichtigsten Spieleschmieden der Branche.

Vor der Übernahme durch Microsoft arbeiteten die Briten von Rare (damals Rareware) intensiv und exklusiv für Nintendo und avancierte zu einer Art Lehrling der branchenweit dominanten Japaner. Nicht, dass die Leute bei Rare vorher keinen Erfolg gehabt hätten. Nach einer mäßigen Einstiegsphase auf dem in Großbritannien beliebten ZX-Spectrum-Heimcomputer sattelten sie auf das Nintendo Entertainment System um, hinterließen gar wahre Kult-Klassiker wie etwa Battletoads oder RC-Pro Am. Rare produzierte aber auch eine Menge Schrott (vornehmlich in Auftragsarbeit, zum Beispiel für LJN) und hatte selbst bei besseren Titeln selten eine Händchen für den letzten Schliff. Siehe die witzige, aber schwer zu steuernde Schlangen-Mampfparade Snake Rattle n Roll oder der grafisch imposante, aber zähe Prügler Battletoads Arcade.

Was den Rare-Kult ausmacht

Mit dem Aufstieg zum Hofstudio Nintendos änderte sich das Anfang der Neunzigerjahre schlagartig. Alle drei Donkey-Kong-Country-Episoden auf dem Super Nintendo waren bis zum letzten Pixel durchgestylt und optimiert worden, während Banjo Kazooie auf dem Nintendo 64 sogar dem viel gefeierten Mario Konkurrenz machte. Es folgten Überraschungsknüller wie FPS-Legenden Golden Eye und Perfect Dark oder die legendär zotigen Abenteuer des wie ein Matrose fluchenden Eichhörnchens Conker.

Die anschließende Übernahme durch Microsoft hinterließ ihre Spuren, denn einige kreative Köpfe verließen das Studio. Trotz noch immer tollen Design-Ideen und Spielkonzepten ließ die Qualität der abgelieferten Werke sichtbar nach. Umso erfreulicher, dass die intensive Nintendo-Schaffensphase den Kern der vorliegenden Sammlung ausmacht. Lediglich auf Donkey Kong und James Bond muss mangels Lizenzen verzichtet werden, ansonsten steht das komplette Königsbankett der Hochkaräter zur Verfügung.

Rare Replay - Spaßpaket mit kleinen Macken

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So... viele... tolle... Spiele!
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Allerdings wirkt die Präsentation und Einflechtung der einzelnen Spiele etwas inhomogen, um nicht zu sagen inkonsequent. So bekommt ihr bei Banjo Kazooie und Perfect Dark die jeweiligen optimierten Xbox-360-Ports für die Xbox Live Arcade, während man sich bei Conker und Killer Instinct Gold mit N64-Emulationen begnügen muss. An sich kein Problem, wenn die Xbox-360-Ports nicht separat auf der Festplatte lägen, während alle anderen Spiele an die Haupt-App von Rare Replay gebunden sind. Die einen darf man also direkt starten, andere nicht.

Kein großer Lapsus, aber einer von vielen Punkten, der Rare Replay ein kleines Geschmäckle der Unvollkommenheit verleiht. Etwas anderes aus dieser Kategorie gefällig? Wie wäre es damit: Ein paar der alten NES-Schinken kommen in isometrischer 3D-Perspektive daher. Heißt im Klartext, die virtuelle Kamera guckt von schräg oben auf das Spielgeschehen. Entsprechend damaliger Verhältnisse war es logisch, auch die Richtungsanweisungen auf dem Steuerkreuz um 45 Grad zu versetzen. Im Zeitalter der Analogsticks wäre das nicht mehr nötig, es behindert sogar intuitives Steuern und dürfte Anfängern bei Snake Rattle n Roll sowie Cobra Triangle mächtig Kopfschmerzen bereiten. Schade, beide Klassiker haben noch heute einiges zu bieten und werden womöglich von manchen Leuten nur aufgrund der ungewohnten Steuerung ignoriert.

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Natürlich darf Banjo Kazooie nicht in einer solchen Sammlung fehlen.
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Da kann man sich durchaus ärgern. Verspielte Menüs und geschwungene Schriftarten hier, kleine Animationen und schön gestaltete Titelkarten dort, aber nirgends eine Option, mit der man die Steuerung nach eigenem Gutdünken umstellen könnte. Stattdessen Cheat-Optionen und mehrere Speicherstände, selbst bei jenen alten Titeln, die ursprünglich gar keine Speicherstände unterstützten. Einige Retro-Schinken darf man gar mitten im Geschehen zurückspulen.

Ohne Stempel keine Videos

Was das alles soll? Nun, einerseits soll Rare Replay offensichtlich Nintendos Virtual Console in Komfort und Frustverminderung übertrumpfen. Jedermann soll in der Lage sein, die Abspannsequenz der Klassiker zu genießen, ohne die Reflexe eines Jedi-Ritters antrainieren zu müssen. Das gilt insbesondere für solche Brocken wie Battletoads, die Reaktionen im Millisekunden-Bereich verlangen, aber auf heutigen HD-Fernsehern unspielbar werden können, wenn die Verzögerung des Bildaufbaus eine gewisse Grenze überschreitet. Tatsächlich sind bereits 50 Millisekunden Lag bei Battletoads ein Todesurteil. Kenner schrecken allein beim Gedanken an die High-Speed-Tunnel zusammen.

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Battletoads - noch so ein Klassiker!
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Andererseits möchte Rare, dass man ausnahmslos alle Vintage-Schinken der Sammlung spielt. Selbst diejenigen, auf die man gar nicht so viel Lust hat. Denn nur so erhält man Stempel auf Publikums-Karten, die wiederum diverse Videos freischalten. Darunter Making-of-Reportagen, Musikbeispiele und Einblicke in verworfene Konzepte. Unheimlich interessantes Material, daher ist es umso ärgerlicher, dass man sich ausgerechnet diesen Jubiläums-Aufhänger freispielen muss.

Eine grandiose Sammlung, die nur technisch nicht vollends befriedigt.Fazit lesen

An Abwechslung mangelt es dabei ganz bestimmt nicht, denn zu jedem Klassiker gehört eine Reihe Sonderprüfungen, die frappant an Nintendos NES-Remix-Serie erinnern. Solche „Snapshots“ picken eine ganz bestimmte Aufgabe aus dem Spielfluss heraus und legen setzen sie als primäres Ziel. Praktisch als ob man die alten Games in ihre Einzelteile zerpflücken würde. Daher wäre es logischer - weil im Zusammenhang verständlicher -, wenn man beim Spielen der Originale lediglich die zugehörigen Snapshots freischalten würde, statt mühsam Stempel für Videos zu sammeln.

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Cobra Triangle dürften dagegen nicht soooo viele Spieler kennen, oder?
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ZX Spectum und Klassiker wie Sabrewolf in allen Ehren, aber man kann nicht jedem zumuten, deren Acht-Farben-Palette zu ertragen, ganz zu schweigen vom Pixel-Trash, der bei Kollisionen verschiedenfarbiger Sprites entsteht. Ein bisschen weniger Zwang und mehr Option würden dem Konzept der Sammlung besser stehen.

Testlauf für den Xbox 360-Emulator

Ist natürlich eine geschmacksabhängige Aussage. Anhänger der Retro-Szene freuen sich höchstwahrscheinlich über die Einbindung der ganz alten Rare-Hits. Nur sollte man all jene, die keine Lust darauf haben, nicht über drei Ecken überreden, indem man wichtige Features vorenthält.

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Schneller Sidescroller? Klar, Jetpac Refuelled!
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Apropos Retro-Szene: Die technische Emulation läuft hervorragend, egal ob NES oder N64. Killer Instinct und Conker’s Bad Fur Day gehören zu den Problemkindern bei Wald-und-Wiesen-Emulatoren auf dem PC, werden in Rares Sammlung jedoch irre gut und flüssig wiedergegeben. Kaum ein Grafikfehler ist zu erspähen.

Das gilt allerdings nicht für die einstigen Xbox-360-Vollpreistitel, darunter Kameo, Perfect Dark Zero, Viva Pinata und Banjo Kazooie: Schraube locker (Nuts and Bolts im Original). Vor dem inzwischen obligatorischen Day-One-Patch ruckelten alle 360-Spiele erbärmlich, sobald Transparenzen und Partikel zu sehen waren. Banjo Kazooie: Schraube locker schrammte gar an der Unspielbarkeit durch heftige Bildeinbrüche.

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Und last, but not least: Perfect Dark ist auch an Bord und sicher einen Blick wert!
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Der jüngste Patch schaufelt mehr Leistung frei und stabilisiert die Bildrate irgendwo rund um die 20 FPS-Marke herum. Ist also noch immer nicht ideal, aber könnte sich mit weiteren Updates noch verbessern. Das wäre auch seitens Microsoft mehr als angebracht, sonst verkommt die wohlwollend aufgenommene Abwärtskompatibilität zu einer weiteren Farce in der Xbox-One-Fail-Strichliste. Rare Replay ist womöglich ein Testballon vor der offiziellen Einführung der Xbox-360-Emulation im Herbst dieses Jahres.