Technik-Terror

Neulich hat mein Mainboard zu mir gesprochen. Wirklich wahr. Nach dem Hochfahren des Rechners meinte ich, eine Stimme zu hören. Aber ich schob das auf die norma-len Wahnvorstellungen, die sich bei knapp 40 Grad eben einstellen. Beim erneuten Start des Computers hörte ich es dann klar und deutlich:Eine quietschige Stimme, die wie aus einem SF-Film der 70er Jahre klang, erzählte mir, dass der Rechner gerade bootet.

Nach erstem Schrecken, späterem Staunen und etlichen Neustarts musste ich leider feststellen, dass die Konversation doch ziemlich einseitig ist.

Einen anderen Text hat die Hardware nämlich nicht auf Lager. Über ein »Guten Morgen. Schön, wieder mit dir zusammen zu arbeiten.« hätte ich mich zum Beispiel gefreut. Vielleicht wird so etwas ja in Kürze eingeführt. Wäre doch nett, von jedem Gerät freundlich bis devot begrüßt zu werden. Ich rede schließlich auch mit PC, Fax und Co.

Besonders wenn ich in Hektik bin und die Geräte Probleme haben, habe ich stets ein Wort für sie übrig. Was die Gegenstände von mir zu hören bekommen, möchte ich aus Gründen des Jugendschutzgesetzes aber lieber nicht wiedergeben.

Vielleicht ist es doch ganz gut, dass die Technik nicht allzu viel zu sagen hat. Oder werden wir künftig von lauter technischen Widerworten umgeben sein? Kann ich in Zukunft nicht mehr in Ruhe telefonieren, weil ein aggressives Stimmenwirrwarr den Raum erfüllt?

Der Rechner sagt, ihm sei zu warm, während die Waschmaschine überdie Wassertemperatur diskutieren will und die Kaffeemaschine sich darüber beschwert, mein Kaffee wäre zu stark. Vielleicht meckert die Maus auch noch, sie habe Berührungsängste und der Monitor verlangt mal wieder nach einem Staubtuch.

Nein danke, so habe ich mir den Segen der Kosten und Zeit sparenden Technik nicht vorgestellt. Hoffentlich dauert es noch ein bisschen, bis es soweit ist. Dann ziehe ich nämlich aufs Land, spiele nur noch Brett- und Tabletop-Spiele und schreibe wieder mit Notizblock und Bleistift. Statt Mails gibt es dann Briefe und statt Telefon ...

Na was eigentlich? Wahrscheinlich verabrede ich mich künftig per Rauchwolke oder Trommel. Wollte sowieso schon immer einen Percussion-Kurs machen.

Aber bleiben wir realistisch. Denn bisher spricht allein das Motherboard. Und bis jetzt hat es noch nichts von mir verlangt und auch keine blöden Fragen gestellt.

Über das Einsiedlerdasein kann ich immer noch nachdenken, wenn das Board sich darüber beschwert, dass ich nie antworte. Jetzt schlage ich mich erst mal mit dem Summen des Lüfters für die Grafikkarte herum. Ob er mir damit etwas sagen will?
Der Technikwahn nimmt langsam überhand. Da ich mir das Leben möglichst angenehm gestalten möchte, sammeln sich in meiner Wohnung neben Standards wie Telefonen, Scanner und Drucker jetzt auch Funkcontroller für die Konsole, eine Dolby-Surround-Anlage, Lightguns und viel anderer Schnickschnack.

Alles praktische Dinge. Das Problem ist nur, dass ich wegen Ihnen demnächst anbauen muss. Zunächst quollen nur die Ecken neben PC und Konsolen über. Als dann der restliche Teil von Büro und Wohnzimmer in Beschlag genommen wurde, gab es schließlich eine Invasion, so dass das Zeug mittlerweile in der ganzen Wohnung zu finden ist.Auf den Stühlen stapeln sich Fernbedienungen, die Regale liegen voller Ladekabel, überall sammelt sich passendes Werkzeug - Hilfe!
Am schlimmsten ist der Kabelsalat. Gehen Sie mit einer Spielkonsole ins Internet? Dann sind sie wahrscheinlich auch genervt von den etlichen Metern Kabel, die wie Stolperfallen quer durch Ihre Wohnung verlaufen. Wie ein riesiges Spinnennetz liegen sie auf dem Fußboden bereit und warten darauf, dass das nächste Opfer hereintritt und sich in ihnen verheddert.

Außerdem weiß ich nicht mehr, wo ich das ganze Zeug anschließen soll. Und damit meine ich nicht nur den erhöhten Verbrauch an Mehrfachsteckdosen. Wieso hat ein moderner PC nicht serienmäßig 20 bis 30 Anschlüsse? Dann bräuchte der User beim Anschluss neuen Zubehörs nicht bangend zu raten, welchen Stecker er rausziehen kann, ohne eine Katastrophe herbeizuführen.

Angeblich sollen all die Joysticks, Lenkräder und Gamepads den Spielspaß erhöhen. Vielleicht mag das auf Freunde von Knobel- und Geschicklichkeitsspielen zutreffen.

Mir bringt es jedenfalls langsam keinen Spaß mehr, zu rätseln, wo ich das ganze Zeug unterbringen und anschließen soll, ohne die Wohnung umräumen zu müssen. Zum Glück brauchen wir solche Geräte nicht auch noch aufzurüsten. Im Gegensatz zum PC, der bei jedem neuen Toptitel eine neue Ausstattung braucht. Natürlich freuen wir uns darüber, dass die Entwickler Spiele stets möglichst gut aussehen lassen wollen und die Technik immer weiter ausreizen.

Aber kann man nicht mal einen grafisch beeindruckenden Ego-Shooter auf den Markt bringen, ohne dass wir uns gleich einen fast komplett neuen PC kaufen müssen? Eigentlich können wir froh sein, dass Highlights wie »Half Life 2« nicht allzu oft erscheinen. Wer will sich schon dreimal im Jahr einen neuen Rechner kaufen?