Wenn ich an Rainbow Six denke, fällt mir sofort „Vegas“ ein – für mich persönlich der bislang beste Teil der Reihe. Das waren tolle Taktikgefechte mit spielerischem Tiefgang. Aber das Spiel kam anno 2006 heraus, „Vegas 2“ 2008. Nachdem Ubisoft „Patriots“ als Fortsetzung angekündigt und wieder eingemottet hatte, war meine Hoffnung auf einen Nachfolger fast schon erloschen. Doch dann zog man mit „Siege“ plötzlich ein weiteres Ass aus dem Ärmel und mein Begeisterungs-Feuer entflammte erneut. Erstmals war es nun ein paar Tage lang in der Closed Alpha möglich, den Taktik-Shooter auszuprobieren – keine Frage, dass ich mich sofort drauf gestürzt habe.

Zugegeben, es ist nur ein sehr kleiner Teil, den Ubisoft mit diesem Feldtest von Rainbow Six Siege enthüllt. Vom Einzelspieler-Modus ist nichts zu sehen und auch vom Mehrspieler-Part ist nur ein Modus anspielbar: Geiselbefreiung. Es ist also nur ein dürftiger Vorgeschmack auf das komplette Spiel, für das noch kein konkreter Veröffentlichungstermin genannt wurde. Irgendwann im Herbst 2015 soll es soweit sein. Die Closed Alpha gibt inhaltlich zwar nur sehr wenig von dem taktischen Ego-Shooter preis - zwei Maps, ein Spielmodus und zehn Operator-Chartaktere -, dennoch verdeutlicht dieser kleine Appetithappen die grundsätzliche spielerische Ausrichtung von Siege.

Zwei Phasen, ein Ziel

Das actionreiche Treiben auf den beiden Karten „Haus“ und „Präsidentenflugzeug“ zeigt schon ziemlich gut, wohin die Reise geht: strategische Gefechte, bei denen es nicht um blindwütige Ballerei geht. Der Modus Geiselbefreiung steht exemplarisch dafür, was Ubisoft mit Siege erreichen möchte. Die Grundlage besteht aus einer - Achtung: Modewort - „asymmetrischen“ Spielanlage, in der sich zwei Teams mit grundsätzlich divergierenden Zielen und Spielsystemen gegenüberstehen.

Tom Clancy’s Rainbow Six Siege - Ballern mit Köpfchen

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Wer die Geisel tötet, verliert. Ihre Rettung gelingt aber nur sehr selten.
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Während eine Crew bestehend aus fünf Spielern versucht, die Geisel zu befreien, will das gleichstark besetzte gegnerische Team den Zugriff mit allen Mitteln verhindern. Aber: Wer die Entführten dabei tötet, verliert die Runde! Wer in den mit 60 FPS flüssig laufenden Scharmützel also einfach drauflosballert, riskiert nicht nur den Tod der Geisel, er zieht sich unter Umständen auch den Zorn seiner Mitspieler zu. Im Eifer des Gefechts passieren natürlich mal Fehler; wer jedoch so aggressiv wie Rambo vorgeht, macht sich in den kleinen Teams kaum Freunde. Allerdings scheint es bei diesem Geiselsystem noch Ungereimtheiten zu geben: Teilweise ballerten Spieler durch die Opfer hindurch, während in anderen Fällen schon ein Treffer zum Abbruch der Mission führte.

Die Partien lassen sich grundsätzlich in zwei Abschnitte gliedern. Jedem Match geht eine 40-sekündige Aufwärmphase voraus. Während die Verteidiger sich dabei verschanzen, Stolperdraht verlegen, Fenster und Türen vernageln und andere Hindernisse aufstellen, kundschaften die Angreifer das Areal mit Mini-Drohnen aus. Die Verteidiger können zwischen verschiedenen Spawnpunkten auf den Karten wählen, um diese dann möglichst effektiv zu verbarrikadieren. Das Perfide: Große Teile der Umgebung sind zerstörbar; ich kann mir niemals sicher sein, dass die aufgebaute Verteidigung mich nach allen Seiten hin absichert.

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Im Verlauf der Gefechte in der Closed Alpha passiert es immer wieder, dass ich von durch die Wand brechende Gegner überrascht werde, oder selbst Verteidiger übertölple, wenn ich kopfüber am Seil hängend durch ein vernageltes Fenster schieße. Manchmal ballern wir sogar absichtlich Gucklöcher in unsere Barrikaden, um Feinde rechtzeitig zu erspähen, in anderen Fällen sind die Füße der Kontrahenten in den nicht bis zum Boden reichenden Absperrungen erkennbar – dann heißt es draufhalten!

Packshot zu Tom Clancy’s Rainbow Six SiegeTom Clancy’s Rainbow Six SiegeErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Dass die Hindernisse nicht bis zum Fußboden reichen, hat auch noch einen weiteren Grund: Spielt man als Angreifer, schickt man in der Aufwärmphase seine Mini-Drohnen los, die den schmalen Schlitz nutzen können, um in das Abwehrnest zu schlüpfen. Auf diese Weise soll der Standort der Geisel ausfindig gemacht werden, die in der anschließenden Angriffswelle auf der Karte markiert ist. Erspähen die Verteidiger die Drohnen, können sie die Gadgets abschießen und eine Kompromittierung ihrer Position verhindern – häufig rutschen sie aber in der Hektik der Verschanzungsarbeiten unbemerkt durch oder werden zu spät bemerkt. Machen die Angreifer die Geisel in dieser Phase nicht ausfindig, müssen sie das gesamte Level nach ihrem Ziel durchkämmen. Und das kostet wertvolle Zeit, schließlich dauert die Angriffsrunde nur drei Minuten – und wenn man diese Zeit mit Suchen vergeuden muss, spielt das den Verteidigern zusätzlich in die Karten. Die müssen ja nur warten, bis es irgendwo „Bumm“ macht.

Ab durch die Decke!

Das offensive Team besitzt ebenfalls außergewöhnliche Werkzeuge, setzt bei der vorsichtigen Erstürmung der Räume beispielsweise einen Vorschlaghammer ein, sprengt sich mit Haftbomben den Weg frei, verfügt auch über unterschiedliche Granaten (Spreng-, EMP-, Rauchgranate) oder Schilde. Wie bei den Verteidigern lässt sich jede Spielfigur dabei individuell ausstatten, hat spezielle Aufgaben. Allerdings ist die Zahl der Waffen und Gadgets in der Closed Alpha noch sehr übersichtlich. Das komplette Spiel wird hoffentlich deutlich mehr Abwechslung bieten.

Taktik, Spannung, Action: Dieser Vorgeschmack macht Bock auf mehr!Ausblick lesen

Derzeit habe ich etwa bei der Primärwaffe nur die Auswahl zwischen zwei Schießprügeln. Soweit das jetzt schon erkennbar ist, wird es aber eine Charakter-Entwicklung geben, die Platz für das Freischalten neuer Ausrüstungsgegenstände und Wummen erlaubt. Ein bisschen nervig ist für meinen Geschmack, dass es vor dem Spielstart praktisch eine First-Come-First-Served-Platzvergabe für die fünf Rollen gibt. Wer zu spät kommt, muss sich mit den verbliebenen Aufgaben zufriedengeben.

Tom Clancy’s Rainbow Six Siege - Ballern mit Köpfchen

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Wer nicht als Team agiert, wird meist den Kürzeren ziehen.
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Cool ist, dass es bei der Erstürmung nicht nur ein oder zwei lineare Wege gibt. Angreifer können sich im Haus-Level etwa an Seilen aufs Dach hangeln, um an ungewöhnliche Zugangsorte zu gelangen. Oder sie sprengen sich den Weg an Orten frei, die die Verteidiger nicht erwarten. Win großer Teil der Umgebung ist zerstörbar, es kann durch viele Wände und Hindernisse geballert werden. Im Flugzeug droht Ungemach dagegen eher aus Lüftungsschächten oder Falltüren. Die Folge: Nirgendwo kann man sich seiner Sache sicher sein. Das erhöht die Spannung immens.

Ganz wichtig ist die Kommunikation unter den Spielern - wenn die nicht stimmt, steht man sich bestenfalls im Weg, da es aber Friendly Fire gibt, kann es schnell Unglücke geben. Als Verteidiger kann ich meine Kameraden wiederbeleben (sofern diese keinen tödlichen Kopfschuss erlitten haben) oder auch Sicherheitskameras nutzen, um die Umgebung auszuspähen. Das geht übrigens auch, nachdem man gekillt wurde. Deshalb sollte man in Falle des virtuellen Ablebens den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern seiner Mannschaft aktiv weiterhelfen, die Mission abzuschließen.

Tom Clancy’s Rainbow Six Siege - Ballern mit Köpfchen

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Wer ungewöhnliche Zugriffspunkte wählt, erhöht durch das Überraschungsmoment seine Siegeschancen enorm.
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Die Angreifer verfügen über eine ähnliche Möglichkeit: Sollten ihre Drohnen nicht zerstört worden sein, können sie während der Angriffsphase ebenfalls noch dazu genutzt werden, die feindliche Stellung auszukundschaften. Außerdem kann man auch die verbliebenen Gefährten aus ihrer Perspektive verfolgen und ihnen Tipps geben. Auf diese Weise lässt sich herausbekommen, hinter welcher Wand sich Gegner verstecken, um dahinter eine Bombe hochgehen zu lassen. Oder sich über ihnen platzieren und dann ... ihr wisst schon. Was sich in der Closed Alpha jedoch bereits abzeichnete: Nur in den wenigsten Partien gelingt es tatsächlich, die Gefangenen zu befreien. Meist löschte ein Team das andere aus – oder die Geisel wurde getötet.

Das grundlegende Spielprinzip von Rainbow Six Siege funktioniert in der Alpha schon sehr gut, allerdings ist auch noch eine Menge Feintuning notwendig: Es gibt eine Reihe von Grafikfehlern, die Steuerung reagiert für meinen Geschmack teils zu träge und das Tastatur-Layout ist sperrig (lässt sich nur marginal anpassen). Außerdem sorgen einige hölzerne Animationen für unfreiwillige Comic, das Waffenfeedback ist noch unzureichend und das Matchmaking strotzt vor Fehlern. Zudem hatte ich oft das Gefühl, trotz solider Internetleitung von hohen Latenzen geplagt zu sein.