Viele fragen sich, was an Motorsport überhaupt interessant sein soll. "Die fahren doch nur immer im Kreis!", heißt es oft verständnislos. Doch wer selbst einmal in einem reinrassigen Sportwagen gesessen hat, weiß, dass es nicht nur die Gier nach Geschwindigkeit ist. Es geht um den Duft von Motoröl, den Druck der irren Beschleunigung und vor allem um den brüllenden Sound, den viele Motoren ausstrahlen und der buchstäblich bis ins Mark spürbar ist.

Wenn es darum geht, genau dieses Rennsportfeeling für Spielefans nachzubilden, führte bisher kaum ein Weg an den Games des Entwicklerstudios SimBin vorbei. Die Schweden haben sich mit Titeln wie GTR, RACE – The WTCC Game oder Race 07 einen Namen gemacht und einige der besten Rennsportsimulationen überhaupt für den PC fabriziert. Nun wagt man mit Race Pro auch endlich den Schritt auf die Konsolenplattform, jedoch exklusiv für Xbox 360.

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Außen pfui, innen hui?

Der Ansatz ist auf den ersten Blick derselbe geblieben: Hinter einer spartanischen Oberfläche, mit der man sicher keinen Stil-Blumentopf gewinnt, versteckt sich eine hochkomplexe Rennsimulation. Grafik-Fetischisten, das sei vorweg angemerkt, werden mit Race Pro sicher nicht ihre Erfüllung erleben. Wagen und Rennstrecken sind zwar recht detailliert ausstaffiert, kommen über Mittelklasse-Optik jedoch nicht hinaus. Besonders hübsche Effekte haben noch nie die Stärke dieser Spielreihe ausgemacht.

RACE Pro - Im Rausch der Geschwindigkeit

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In dieser Perspektive fahren wirklich nur die ganz Hartgesottenen.
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Konkurrenz-Produkte wie PGR 4 oder Forza 2 hinterlassen in dieser Disziplin einen deutlich besseren Eindruck. Dafür punktet der Titel jedoch in puncto Sound: Die Wagen röhren schön brachial und kernig, die Schaltgeräusche sind klar vernehmbar und vor allem kann man die Wagen sogar am Klang unterscheiden. Eine musikalische Hintergrundberieselung gibt es jedoch nicht einmal optional.

Im Mittelpunkt des Interesses steht bei Race Pro jedoch vor allem der Simulationsanspruch. Sprich: Wie authentisch wirkt das Rennsportambiente? Um das herauszufinden, begibt man sich ohne weitere Umwege auf die Piste, wobei das Herzstück des Spiels im Karriere-Modus untergebracht ist. In acht Gruppen aufgeteilt präsentiert man euch eine Reihe von Fahrzeugklassen. Angefangen bei Minis, Caterham-Fahrzeugen über Audis, Seats und Formel 3000-Rennwagen bis hin zu Viper GTS-R oder Koenigsegg-Spezialangfertigungen. Die Auswahl ist ganz nett, doch mit dem immensen Aufgebot von Spitzenklasse-Boliden anderer Rennspiele kann SimBin, wie schon bei seinen PC-Games, leider nicht mithalten.

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Wie an der Perlenkette aufgereiht: Die KI hält sich immer schön an die Ideallinie.
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Der Spielablauf ist denkbar simpel: Wollt ihr eine Fahrzeugklasse spielen, bewerbt ihr euch per Probefahrt und unterschreibt dann einen Vertrag, der euch einige Credits kostet. Alternativ könnt ihr die Probefahrt zwar auch weglassen, zahlt dann allerdings mehr für den Vertrag. Erst wenn dieses Prozedere absolviert wurde, stürzt man sich in die richtigen Rennevents und schaltet nach und nach weitere Klassen sowie Fahrzeuge frei.

Profi-Modus für Rennsportcracks

Hier offenbart sich auch die ganze „Race Pro“-Klasse: ungefiltertes Renn-Feeling. Wer das genießen möchte, greift gleich zum Profi-Modus. Nur hier präsentiert sich die Welt der Rennsport-Simulation im vollen Ausmaß: Es gibt keine Fahrhilfen wie Traktionskontrolle, ABS oder Stabilitätshilfe, die das Ausbrechen der PS-Monster verhindern würden, keine Kurven-Anzeige oder ähnliche Sperenzchen, die Arcadespielern das Leben sonst versüßen.

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Trotz schicker Fahrzeuge kommt Race Pro grafisch nicht gegen die Genre-Konkurrenz an.
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Es herrscht ein rohes, anspruchsvolles Fahrgefühl, bei dem schon kleine Bodenwellen und eine Unachtsamkeit über Sieg und Niederlage entscheiden können. Bereits ein schwerwiegender Fehler, ein Ausflug ins Kiesbett oder ein Dreher, zerstören im Profi-Modus bereits häufig die Siegchancen.

Wie sehr sich die Fahrhilfen in Race Pro auf die Fahrzeugeigenschaften auswirken wird deutlich, wenn man ein wenig mit diesen voreinstellbaren Features herumspielt: Plötzlich liegen die Wagen wie Bretter auf dem Asphalt, lassen sich auch durch amateurhaftes Herumgezerre nicht aus der Ruhe bringen und Untersteuern so gut wie nie.

Reinrassige, aber auch sehr spartanische Rennsportsimulation für Cracks.Fazit lesen

Besonders drastisch wirkt sich die Wahl des Schwierigkeitsgrads jedoch auf die Fahrkünste der KI-Fahrer aus. Während man auf Halb-Profi wenigstens noch ein wenig Gegenwehr verspürt, dürften sich wirklich nur Anfänger im Neulings-Modus unterhalten fühlen. In diesen beiden Modi ähnelt Race Pro eher Arcade-Racern, bei denen man wie auf Schienen durch die Kurven gleitet, allerdings lassen sich auch hier die Fahrhilfen anpassen, sodass sich lernwillige Gamer langsam an die höheren Spielstufen herantasten können.

Widerborstige KI-Fahrer

Nicht überzeugend wirkt dabei jedoch das Balancing. Während ein Renn-Event auf Profi locker machbar ist, steckt man dagegen in Halb-Profi im nächsten Rennen bereits in der Meute fest. Ausgewogenheit gehört nicht zu den Stärken des Spiels. Die KI-Fahrer halten sich in der Regel an die Ideallinie und verfolgen sie auf Biegen und Brechen. Wagt man es, sich ihr zu nähern wird man gnadenlos aus dem Weg katapultiert. Dummerweise leidet nur ihr als Spieler unter solchen Eskapaden, KI-Fahrzeuge zeigen sich von solchen Karambolagen gänzlich unbeeindruckt, was gerade auf höheren Spielstufen äußerst störend und demotivierend sein kann.

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Ein Ausritt in die Pampa bedeutet im Profi-Modus meist das Ende aller Siegeschancen.
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Rennsport-Freaks werden zu schätzen wissen, dass sich das eigene Fahrverhalten auch tatsächlich auf die Platzierung auswirkt. Das bezieht sich nicht nur auf das Einhalten der Ideallinie, sondern auch auf das Schadensmodell der Boliden. Auf den ersten Blick sind die Dellen rein oberflächlich. Doch wer die entsprechenden Einstellungen aktiviert stellt bald fest, dass sich ein halb zerstörter Wagen deutlich schlechter um die Kurven bugsieren lässt und somit rücksichtsloses Fahren und rowdyhaftes Verhalten nichts auf den Pisten zu suchen haben.

Besonders beeindruckend ist zudem die authentische Fahrphysik der Autos, die sich direkt auf das sehr griffige Handling auswirkt. Man spürt quasi körperlich, wie träge sich die Wagen teilweise durch die Kurven quälen, wie sie im Kiesbett durchgeschüttelt werden, wie Bodenwellen die Boliden bei Tempo 250 von der Fahrbahn drängen wollen.

SimBin gelingt dabei das Kunststück, dass jeder Wagen sein eigenes Feeling hat, einen eigenen Charakter entwickelt. Vom störrischen Esel bis hin zur grazilen Balletttänzerin ist fast jede Einstufung vertreten, und dementsprechend abwechslungsreich, herausfordernd und motivierend gestalten sich die Rennevents.

Mangelnde Streckenvielfalt

Leider lässt sich Ähnliches nicht über die Streckenvielfalt berichten. Nur eine Handvoll, meist zweitklassiger, Rundkurse werden euch immer wieder vorgesetzt. Zu den Highlights zählen dabei schon Monza und Brents Hatch, die meisten Parcours kann man nach einigen Stunden Spielzeit fast schon mit verbundenen Augen absolvieren.

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Die immergleichen Rundkurse zehren am Nervenkostüm.
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Nervig sind daneben auch die langen Ladezeiten beim Neustart eines Rennens. Es ist kaum nachvollziehbar, warum man in diesen Fällen zwischen 15 und 30 Sekunden Wartezeit erdulden muss, anstatt sich gleich wieder auf seinem Startplatz wiederzufinden. Dagegen ist die Framerate bis auf wenige Ausnahmen in der Regel ziemlich stabil und zeigt nur in einigen Kurven kleinere Einbrüche.

Wer sich nicht nur im Karriere- oder Meisterschaftsmodus mit der KI messen will bzw. in Zeitrennen Bestzeiten herausfahren will, kann auch den Wettkampf mit menschlichen Kontrahenten suchen. Ein Mehrspieler-Modus für bis zu 12 Fahrer erlaubt Online-Matches auf allen verfügbaren Strecken. Schade allerdings, dass man einen Splitscreen-Modus für zwei Spieler vergeblich sucht. Wer mit einem Kumpel zocken möchte, muss auf den Hotseat-Modus zurückgreifen, was ungleich weniger Spaß bereitet.