Die Geschichte der Rabbids ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Ursprünglich als kleiner Gag am Rande für die seinerzeit sehr erfolgreiche Rayman-Reihe gedacht, entwickelten sich die hasenähnlichen Psychoknäuel schnell zum Publikumsliebling. Ihre Gestaltung war hierbei Trumpf: Ein minimalistisches aber unverwechselbares Design, dazu ein Schlachtruf, der zugleich nervtötend und blutrünstig klingt – und eine Legende war geboren.

Ihr erstes „eigenes“ Spiel dann, Rayman Raving Rabbids, traf als spaßige Minispiel-Sammlung in den Anfängen der Wii-Ära genau den Nerv der Zeit: lustig, unkompliziert, genau das Richtige für feucht fröhliche Zappel-Partys. Doch spätestens nach dem zweiten, innovationslosen Nachfolger war die Luft aus der Serie raus. Fans forderten daher seit jeher das erste „richtige“ Rabbids-Spiel. Mit Rabbids Go Home wurde dieser Wunsch nun erfüllt. Doch wie sagt der Amerikaner: Be careful what you wish for…

Rabbids Go Home - Auf dem Weg zum Mond7 weitere Videos

Die Prämisse von Rabbids Go Home ist so unwichtig wie schnell erklärbar: Die Rabbids wollen nach Hause, ihr Zuhause ist scheinbar der Mond. Nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen, den Erdsatteliten zu erreichen, erdenken die Rabbids ihren aufwändigsten und beknacktesten Plan: Den Menschen haufenweise Zeugs stehlen, alles auf einen Berg aufschütten und somit höher und höher steigen, bis sie am Ziel sind. Ausbaden müssen das insbesondere zwei Rabbids, die nun, mit einem Einkaufswagen bewaffnet, durch die Konsumgesellschaft heizen und alles zusammenklauben, was sie in ihre kleinen pelzigen Finger kriegen.

Rabbids Go Home - Ein kleiner Schritt für einen Hasen, ein riesiger Schritt für die geistige Unversehrtheit

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Sehen diese Viecher aus, als bräuchten sie eine Story?
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Das war’s, jeder weitere Versuch, die Motivation der Rabbids zu erkunden, wäre schlichtweg albern und würde mit Recht ausgelacht. Wozu sollten die Chaoskarnickel auch eine Hintergrundstory brauchen, sie hatten de facto noch nie eine, und für dieses Spiel reicht uns die vorhandene Vorraussetzung vollkommen. Worauf also warten, ölen wir die Räder des Einkaufswagens und los geht’s!

Bwaaaaaaaaaah!

Ist das Spiel erst einmal eingelegt und die Konsole eingeschaltet, überkommt einen sofort das wohlige Gefühl wiederkehrender Gewohnheit: Die Rabbids sind wieder da, ihre Gestaltung hat sich kaum verändert und ist so schlicht und effektiv wie eh und je. Wahlweise tragen sie herrlich blöde Accessoires wie Tangas oder Blasinstrumente, sie quietschen und murmeln vor sich hin und wandeln stetig auf dem schmalen Grat zwischen Neugierde und Selbstverstümmelung.

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Lasst eure innere Rampensau... äh, euren Rampenhasen raus!
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Allerdings hat sich das Spielprinzip grundlegend geändert. Stand man in den vorherigen Teilen noch mit seinen Freunden vor der Wii und hat sich praktisch totgehampelt, damit der eigene Hase im jeweiligen Minispiel die beste Figur abgab, ist Rabbids Go Home nun eher ein 3D-Action-Adventure mit Rennspielelementen. Hätte man einen Vergleich zu ziehen, müsste man wohl sagen: Das Gameplay ist wie eine Mischung aus der Tony-Hawk-Reihe, Sonic the Hedgehog und einer Prise Mario Kart. Klingt im Prinzip erstmal nicht verkehrt, allerdings muss man bedenken, dass viele Köche den Brei verderben und viele Einflüsse unter Umständen das Spiel.

Schade, die Rabbids hätten ein besseres Spiel mit mehr Abwechslung verdient.Fazit lesen

Zuerst also werden wir von einem unserer Mithasen aufgefordert, 50 Gegenstände (sogenannten „Kram“) zu sammeln und zu ihm auf die Müllkippe zu bringen, damit das Projekt „Müllstapel“ gestartet werden kann. Damit beginnt unsere Tutorialsektion, die sich im Spiel immer mal wieder zurückmelden wird, denn tatsächlich lernen unsere Helden (und ihr Einkaufswagen) im Storyverlauf neue Fähigkeiten wie Geschwindigkeitsschübe oder die Fähigkeit, über Wasser zu gleiten. Allzu nennenswert sind diese jedoch nicht, schließlich ist ein Boost mittlerweile in jedem nicht zu realitätsnahen Rennspiel eh Pflicht und der Einkaufswagen lenkt sich als Jetski nicht anders als… nun, als Einkaufswagen eben.

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Hase beim Jetski - klingt cool, ist aber unnötig.
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Zunächst jedoch steuern sich unsere Einkaufswagenfahrer so leicht wie es nur geht, wir lenken sie mit dem Nunchuck und beschleunigen mit dem A-Knopf, so wetzen wir erst einmal in die Welt hinaus, genauer gesagt in ein belebtes Wohnviertel, von wo aus wir uns per Kanalisation zu unseren Missionen begeben.

Warum dieser Zwischenschritt mit der Ministadt (die tatsächlich nicht mehr als ein besserer Kreisverkehr ist) überhaupt sein musste, sei einmal dahingestellt, wichtig ist in jedem Fall, dass wir hier unseren Opfern und Feinden begegnen, dem grausamsten Geschöpf der Natur, dem erbarmungslosesten Konsumenten überhaupt: dem modernen Menschen.

Shop 'til you drop

Die Menschen in Rabbids Go Home sind offensichtlich als Sozialsatire gedacht, als Persiflage des modernen Individuums, das mit der einfachsten Agenda überhaupt vor sich hin existiert: Work, buy, consume, die. Die Damen und Herren sind nur von einem besessen: kaufen. Sie horten den ganzen Tag Waren in rauen Massen, und genau hierin sehen die Rabbids ihre Chance. Jetzt heißt es, den Homo Sapiens so viel wie nur irgend möglich abzuluchsen, um dann schleunigst den Stapel zu erweitern und den Mond zu erreichen.

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Verminatoren - Die eigentlich Guten im Spiel?
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Die Menschen allerdings mögen zwar nahezu willenlose Warenzombies sein, die sich alleine nicht gegen die Rabbids verteidigen können, aber das bedeutet nicht, dass sie den Diebstahl ihres geliebten Krams einfach hinnehmen. Sie schicken den kleinen Nagern daher diverse Feinde entgegen, darunter Wachhunde und die Verminatoren, speziell ausgebildete Schädlingsbekämpfer, die den Rabbids den Garaus machen sollen. Die Killerkaninchen wiederum wehren ihre Feinde vorzugsweise mit ihrem allseits bekannten und beliebten Schrei ab, ihrem Markenzeichen.

Damit ist das Grundgerüst des Spiels umrissen, und allzu viel Abwechslung bringt Rabbids Go Home in die Formel auch nicht mehr hinein. Man fährt durch die Gegend und sammelt Items, die teils sehr unterschiedlich aussehen, aber alle die gleiche Funktion haben. Dann gibt man die Items bei einem bestimmten Hasen ab. Zurückspulen, wiederholen. Am Ende eines Levels findet man ein größeres Item, das keinen Effekt hat.

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Items kriegen.
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Öfter mal springt man über Rampen, um die Items zu kriegen. Manchmal muss man Minimalrätsel lösen, um Items zu kriegen, oder beleidigend einfache Geschicklichkeitstests absolvieren, um Items zu kriegen. Man spielt, um Items zu kriegen. Items kriegen.

Items kriegen?

Items kriegen. Gut, nun könnte diese exakt eine Aufgabe des Spiels ja unterhaltsam gestaltet sein, doch die Wahrheit ist, dass das ganze Konzept von Rabbids Go Home nicht aufgeht. Bis zu einem relativ späten Zeitpunkt des Spiels steht man beispielsweise unter keinerlei Zeitdruck oder ähnlichem, die Stage zu absolvieren oder die Collectibles zu sammeln. Man kann also gemütlichst in seinem Gitterkörbchen durch die Gegend tingeln und Kram sammeln.

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Hier im Bild: Zwei Casual Gamer beim schwersten Level von Rabbids Go Home.
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Sicherlich macht es mehr Spaß, wie ein Irrer durchs Gelände zu heizen und mit Höchstgeschwindigkeit an den sporadischen Hindernissen vorbei zu rasen, jedoch leidet der Punktestand darunter. Und jener relativ späte Punkt im Spiel hebt die Schwierigkeit auch nur von „Zu leicht für diese Welt“ auf „So leicht, dass Casual-Gamer einschlafen“. Nun sind eben ein paar Hindernisse im Weg und hin und wieder kommt ein Gegner mehr, doch zu diesem Zeitpunkt macht das den Braten auch nicht mehr fett.

Das Umgebungsdesign hebt die Spannung des Spielers auch nicht eben an. Bestand der Witz der „Rayman Raving Rabbids“-Spiele noch darin, dass diese ausgeflippten Nager vor dem kulturellen Hintergrund unserer „normalen“ Welt agierten und demzufolge nur Chaos stifteten, hat man die sympathischen Knalltüten jetzt in eine Welt gehievt, die nicht nur eine stilisierte Parodie der westlichen Konsumgesellschaft der 60er Jahre darstellt, sondern auch noch öde und steril wirkt.

Es sind weder Rabbids in unserer Welt noch Rabbids in der Rabbid-Welt, es sind einfach nur Rabbids in der Welt der Langeweile. Die Levels sind aus Tilesets zusammengeschustert, die bereits nach kurzer Zeit beginnen, sich zu wiederholen. Und das unansehnliche Krankenhaus beim zweiten Mal zu plündern, ist nicht wirklich besser als beim ersten Mal.

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Hui, wenn wir doch sonst nur auch so viel Spaß hätten!
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Ein paar Versuche gibt es, das Spielkonzept aufzulockern, doch sind sie zu spärlich und in den meisten Fällen wohl zu spät, da selbst der geneigte Spieler bis dahin schon das Handtuch geworfen haben wird. So gibt es hin und wieder Level, in denen die Rabbids versuchen, dem Müllturm eine Flugzeugturbine hinzuzufügen, die sie höchstpersönlich von einem startenden Flugzeug abhebeln und auf der sie dann, gesteuert vom Spieler, durch den Flughafen bis zum nächsten Ausgang rauschen.

Auch die holperige Reise in einem übergroßen Autoreifen, den man von Oberflächen abprallen lassen muss, ist eine nette Abwechslung. Aber was sagt es über ein Spiel, wenn solche Einlagen mehr Spaß machen als das eigentliche Spiel?

Wenn es nicht kaputt ist…

Das größte Problem an Rabbids Go Home ist jedoch, dass es aus seinen Protagonisten und seiner Lizenz so gut wie nichts macht. Die kultigen Schneebälle hatten immerhin schon früheren mittelmäßigen Spielen zu einem reinen Designsieg verholfen, hätte man also die halbgare Formel mit nur ein bisschen mehr „Bwaaah!“ aufgepeppt, hätte es eines dieser herrlich albern gestalteten Spiele werden können, an die sich die Leute erinnern würden. Die taktisch noch bessere Idee wäre wahrscheinlich gewesen, einfach beim alten Eisen zu bleiben und einen neuen aber verbesserten Teil der Raving Rabbids-Reihe zu kreieren.

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Ein Griff nach den Sternen, da kann man sich die Hasenpfote verbrennen.
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Es ist durchaus sehr löblich, dass Ubisoft dieses Wagnis eingegangen ist, aber wie es mit Wagnissen so ist, sie können auch furchtbar schiefgehen. Rabbids Go Home ist ein Sonderfall, es ist weder ein Meisterwerk noch eine Katastrophe, es ist einfach das reine Mittelmaß, das teilweise helle Momente hat, aber im Großen und Ganzen an keiner Stelle wirklich stimmt.

Schon ein vernünftiger Charaktereditor für die Häschen hätte wieder etwas gerettet, zumindest hätte es die verzweifelteste Produktplatzierung aller Zeiten etwas relativiert, bei der die Rabbids ganz groß eine Tüte Capri Sonne in die Kamera halten. Fehlt eigentlich nur, dass ihnen danach von draußen jemand ein Geldbündel reicht und sie sich damit in normale, standardisierte Bürger der 60er-Jahre-Mittelschicht umoperieren lassen. Es wäre das passende Bild gewesen.