Das Internet ist voller selbsternannter Experten und bei Remedy kennt man diese Sorte Besserwisser nun ziemlich genau. Gerade einmal achteinhalb Minuten zeigten die finnischen Entwickler ihr Xbox-One-exklusives Spiel im ersten Gameplay-Trailer auf der gamescom 2014 – nur um im Anschluss Kommentare über Quantum Break lesen zu müssen, die qualifizierter als ihre eigenen sein wollten.

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Wer in den „Nicht noch ein 08/15-Deckungs-Shooter!“-Chor einstimmte, sollte neben seinem offensichtlich vorhandenen Hang zu vorschnellen Urteilen vor allem an seiner Wahrnehmung zweifeln, denn 08/15 ist an Quantum Break allenfalls Name und Hintergrund des Protagonisten.

Jack Joyce hat bislang keinesfalls den Charme seiner beiden Brüder im Geiste und wurde von den Finnen auch nicht als melancholischer Max Payne oder zweifelnder Alan Wake angelegt, was angesichts seiner Ausgangslage nur gut so ist. Er ist weniger ein cooler Typ per se als Opfer einer unglücklichen Folge von Ereignissen, die schlussendlich in einem missglückten Zeitexperiment münden und ihm die übliche Superheldenstrahlung verpassen.

Quantum Break - Glaubt nicht alles, was man im Internet erzählt

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Offizielle Bilder wie diese tragen nicht unbedingt dazu bei, Quantum Break nach dem bleireichen Gameplay-Trailer in einem anderen Licht zu sehen.
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Wenig einfallsreich, zugegeben, und noch am ehesten mehr oder minder verdienter Adressat für den übereifrigen post-gamescom-Internethohn, der allerdings auch an dieser Stelle nach hinten losgehen könnte. An brauchbaren Autoren hat es Remedy noch nie gefehlt, daran soll sich bei Quantum Break nichts ändern. „We love to talk about our story“, hieß es folgerichtig in der gamescom-Präsentation, ohne dass man dabei näher ins Detail gehen wollte. Im Licht der Unternehmensvita und vordergründigen Zeitprämisse des Spiels allerdings kein ganz unglaubwürdiges Versprechen.

In Finnland weiß man, was man will

Ihr ganz eigenes Gespür für Dramaturgie haben sie in Köln ohnehin einmal mehr unter Beweis gestellt. Der Gameplay-Trailer zeigte bereits vage Andeutung des Bogens, der den im Mai 2013 begonnenen Kreis schließen sollte, als das Exklusivspiel während der Xbox-One-Präsentation angekündigt wurde. Viele Informationen schenkte man dem geifernden Publikum nicht, nur ein paar gutgemeinte Floskeln, den großen Namen des Studios und einen kurzen Render-Trailer – ein paar Szenen, in denen ein riesiger Tanker genüsslich eine vielbefahrene Brücke zum Kollabieren und damit erste Spekulationen in Gang brachte.

Packshot zu Quantum BreakQuantum BreakErschienen für Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Diese Mutmaßungen fanden nun ihr abruptes Ende. „You guys should be familiar with this little bastard...“, begann Oskari Häkkinen noch, bevor die Kamera nach unten schwenkte und den Grund für das immense Ausmaß an Zerstörung offenbarte, von dem der Gameplay-Trailer nur einen Ausschnitt zeigte. Beinahe deckungsgleich legte sich die gezeigte Szene über die Bilder von vor über einem Jahr und wie damals endete die Fahrt des Schiffes auch diesmal jäh in einer kreischenden Umarmung von Metall. Mit einem kleinen Unterschied: In einem schlechten Tausch haben wir nun den gemütlichen Luxus des Außenstehenden für die unmittelbare Erfahrung des Beteiligten eingewechselt.

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Schöner und beeindruckender wurde in Videospielen noch keine Brücke zerlegt.
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Zuvor hatten wir die gamescom-Demo zwar nicht selbst spielen, zumindest aber dem ausführenden Produzenten Kai Auvinen dabei über die Schulter schauen können, was vermutlich aufs Selbe hinausläuft, wenn man bedenkt, dass der gute Mann drei Tage lang kaum etwas anderes getan hat.

Wir haben denselben nüchternen Anfang gesehen, den ersten beeindruckten Blick auf die Skyline der Stadt geworfen und das unangenehme Ziehen im Hinterkopf gespürt, als Jack Joyce eine Spur zu unvermittelt seine Waffe aus dem Holster zog und tat, was von einem Protagonist eines AAA-Spiels im Jahr 2014 nun einmal erwartet wird. „Nett“ beschreibt diese Szene noch am euphorischsten, auch wenn erstmals bereits zwei der großen Stärken Quantum Breaks auszumachen sind. Zwei Punkte auf der Haben-Seite, die in den folgenden Minuten immer stärker in den Vordergrund rückten und aus einem Spiel, das im Kern ein Deckungs-Shooter ist (wozu sollen wir uns etwas anderes vormachen?), eines der interessantesten Projekte der gamescom hat werden lassen, in das zwei- bis dreistellige Millionenbeträge gepumpt werden.

Geld, mit dem sich durchaus wichtige Expertise kaufen lässt, wie im Fall von Remedy geschehen. Auch in unserer Datenbank ist Quantum Break unter dem Shooter-Genre zu finden und das nicht gerade zu Unrecht. Trotz Zeitmanipulierbarkeit und ähnlichem Gelöt werden die Schießereien auch auf der Xbox One kaum in bislang ungeahnte Spähren vorstoßen, bis auf ein paar notorische Verweigerer verlangt das allerdings auch niemand.

Quantum Break ist das derzeit ambitionierteste Xbox-One-Spiel und trotz einiger offener Fragen schon jetzt ein guter Grund, optimistisch in das Spielejahr 2015 zu schauen.Ausblick lesen

Nach Max Payne (und teilweise auch Alan Wake) haben die Finnen jedoch eine äußerst filigrane Handschrift für den Unterschied zwischen plumpen Ballereien und anspruchslosem Draufhalten entwickelt. Diese Linien zeichnen auch die Konturen Quantum Breaks nach, weshalb wir uns um den spielerischen Kern nur wenig Sorgen machen müssen. Wenn wir irgendwann im nächsten Jahr nicht dauerhaft von einer Deckung zur nächsten jagen, wird Microsofts Hoffnungsträger vieles, nur nicht der stumpfe Shooter, für den ihn viele nach dem gamescom-Trailer hielten.

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Remedy wissen, wie sie mit der Xbox One umzugehen haben. Technisch ist Quantum Break einer der Höhepunkte auf Microsofts Konsole.
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Hättet ihr uns doch nur mehr gezeigt

Der abschließende Kampf gegen die beiden Söldner-Schränke markierte in seiner schick inszenierten Einführung neuer Elemente zugleich den spielerischen Höhepunkt als auch das Ende jener Demo. Nur hinter verschlossenen Türen präsentierte Remedy das Déjà-vu vom Mai vergangenen Jahres und ein paar zusätzliche Minuten danach. Nicht viel – fünf vielleicht, maximal zehn – aber genug um zu zeigen, dass der gewählte Ausschnitt des Gameplay-Trailers möglicherweise nicht der beste war.

Was die Jungs hier unmittelbar nach der Tankerkollision abfeuern, kommt den hochgesteckten Next-Gen-Erwartungen noch am nächsten, denen wir in kollektiver Resignation seit dem Start der neuen Konsolen nachtrauern. Lauft ihr mal über eine riesige einstürzende Brücke, weicht dabei in Zeitschleifen gefangenen LKWs aus und versucht, das Ausmaß der Zerstörung auch nur ansatzweise zu erfassen, wisst ihr, wovon ich hier rede.

Weniger die (verdammt ansehnliche) Grafik als die Inszenierung selbst ist beinahe aller auf der gamescom gezeigten Konkurrenten um einige Zeit voraus, zeigt zugleich aber den Trugschluss auf, neue Technik allein sei alles, was PS4 und Xbox One ausmachen. Ohne eine grundlegende Vision, ein genaues Bild im Kopf von dem, was man zeigen will, wird ein Spiel kaum mehr als ein vager Spiegel einer groben Vorstellung – Remedy hingegen wissen ziemlich genau, wie Quantum Break im Detail wirken, aussehen und sich anfühlen soll.

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Dürfen derzeit in keinem Spiel fehlen: Mäntel, die im Wind flattern.
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„Filmisch“ ist ein absolut treffender Begriff für dieses Feuerwerk und erst die Finnen zeigen, wie inflationär er in Ermangelung einer besseren Alternative häufig in Artikeln verschleudert wird. Und im Fall von Quantum Break trifft er gleich doppelt zu, da uns auch auf der gamescom abermals eine zugehörige Fernsehserie zum Xbox-One-Spiel versprochen wurde.

„Die Spielweise hat konkrete Auswirkungen auf die Serie, diese hingegen liefert zahlreiche Hinweise auf das Xbox-Erlebnis“, hieß es nach der Präsentation, „Hierzu können wir leider noch keine genaueren Details nennen“ nach weiteren Fragen bezüglich Termin und weiterer Details. Eine ähnliche Reaktionen erhielten wir beim Nachhaken für weitere Einzelheiten über die beiden anderen Hauptcharaktere des Spiels, Beth Wilder und Paul Serene.

Remedy bleibt den Leuten da draußen wortwörtlich noch einige Antworten schuldig, nur eines solltet ihr ihnen schon jetzt glauben: Quantum Break wird mehr als ein schnöder Deckungs-Shooter.