Ich liebe Netflix. Ich bin sogar regelrecht süchtig nach dem Streamingdienst. Und trotzdem musste ich mich an den Ansatz von Quantum Break erst einmal gewöhnen. Die Entwickler von Remedy Entertainment haben sich für ihr neues Triple-A-Spiel bekanntlich für eine besondere Erzählweise entschieden: Sie verschmelzen Action-Game und TV-Serie zu einer in dieser Form bisher noch nicht dagewesenen Digital-Symbiose. Funktioniert das?

Quantum Break beginnt mit einem missglückten Zeitreise-Experiment an der fiktiven Riverport University. Der durch aus X-Men bekannte Shawn Ashmore dargestellte Jack Joyce muss die Sache wieder in Ordnung bringen und nimmt es in der Story-Kampagne mit den Einsatzkräften des Megakonzerns Monarch Solutions und dessen Geschäftsführer Paul Serene (Game-of-Thrones-Star Aidan Gillen) sowie dessen Kompagnon Martin Hatch (Lance Reddick, The Wire) auf. Wie Bruder Will Joyce – verkörpert von Herr-der-Ringe-Hobbit Dominic Monaghan – in das Zeitreisechaos passt? Wird an dieser Stelle nicht verraten. Denn wie ein guter Film bezieht Quantum Break seine Faszination aus den Überraschungen innerhalb des Plots und den Konflikten der Charaktere.

Die fünf Hauptakte von Quantum Break, unterteilt in 14 Kapitel, durchlaufe ich mit Protagonist Jack Joyce persönlich. In diesem Teil ist das Spiel ein traditionelles Actionspiel, in dem ich den Helden aus der Verfolgerperspektive steuere. Zwischen den Akten entscheide ich an Knotenpunkten über das weitere Vorgehen und beeinflusse damit Missionen und Handlungsverlauf. Doch dazu gleich mehr.

Videospiel und TV-Serie in einem

Die Akte werden durch eine aufwendig inszenierte Live-Action-Serie verbunden. Die technische Umsetzung ist dabei etwas merkwürdig gelöst: Während sich Xbox-One-Besitzer die Serie in verschiedenen Qualitätsstufen – bis hin zu 1080p – herunterladen können, dürfen PC-Spieler sie lediglich streamen, erhalten im Gegenzug aber immerhin 4K-Auflösung.

Quantum Break - Das Netflix der Videospiele?

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Paul Serene (Aidan Gillen, rechts) und sein Kompagnon Martin Hatch (Lance Reddick) betreiben den Megakonzern Monarch Solutions. In der TV-Serie werden die Geschehnisse innerhalb des Unternehmens beleuchtet.
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Die vier jeweils 22-minütigen Episoden beleuchten die Ereignisse abseits der Hauptgeschichte und stellen Nebencharaktere auf meist interessante Weise in den Mittelpunkt. Allerdings ist es anfangs etwas befremdlich, dass der im Spiel so wichtige Charakter Jack Joyce in der Serie kaum vorkommt. Denn hier geht es vor allem um das Treiben innerhalb von Monarch Solutions und deren Pläne, die Welt zu erobern. Hat man sich aber damit abgefunden, überzeugt die Serie mit einem stimmigen Plot und hohem Produktionsaufwand: Sie ergänzt die Geschichte des Spiels sehr gut und ist kurzweilig genug, um auch Fans kerniger Actionstreifen nicht zu langweilen.

Zugegeben, nicht alle Charaktere sind wahnsinnig tiefgründig gezeichnet und klar, an eine Netflix-Produktion reicht das Gebotene lange nicht heran. Trotzdem fühle mich gut unterhalten und habe mich auf jede neue Episode gefreut. Zudem muss man das Ganze auch im Kontext betrachten: Wir reden hier von einem Videospiel, das durch eine Live-Action-Serie ergänzt wird. Und das funktioniert sehr gut, finde ich.

Packshot zu Quantum BreakQuantum BreakErschienen für Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Entscheide dich!

Zurück zu den eingangs erwähnten Knotenpunkten: Wofür ich mich an diesen entscheide, bestimmt nicht nicht nur über den Spielverlauf, sondern beeinflusst auch meine persönliche Serienversion. Insgesamt wurden laut Remedy immerhin rund 40 Varianten der TV-Serie gedreht. Zwar erlebt somit nicht jeder Spieler ein komplett individuelles Abenteuer, doch der an Life is Strange erinnernde Ansatz überzeugt – die Wahlmöglichkeiten lockern das ansonsten sehr lineare Spiel spürbar auf.

Quantum Break besitzt damit im Gegensatz zu anderen Actionspielen einen hohen Wiederspielwert, was die lediglich etwa sechs Stunden Spielzeit etwas relativiert. Schließlich kann ich beim zweiten Durchlauf konsequent andere Wege aufsuchen und werde dafür mit veränderten Serienepisoden und teils leicht modifizierten Levels belohnt.

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Von der wirklich beeindruckenden Präsentation seiner Geschichte abgesehen ist Quantum Break ein klassischer Actiontitel. Ihr kämpft euch unter anderem über den Universitätscampus, durch Lagerhäuser und Laboranlagen. Im Gegensatz zu Titeln wie The Division geht die Spielfigur in Quantum Break automatisch in Deckung: Sobald ein Objekt genutzt werden kann, bezieht Jack Stellung dahinter.

Ein rasantes Zeitreise-Spektakel mit Star-Besetzung und mutiger Erzählweise.Fazit lesen

Im Spielverlauf greife ich zu Schrotflinten, Sturmgewehren und Pistolen, um die Monarch-Schergen auf Distanz zu halten; Granaten gibt es allerdings nicht. Auch ist Jack nicht in der Lage, blind über die Deckung zu feuern. Folglich muss man weitaus offensiver vorgehen als in anderen Spielen. Die feindlichen Soldaten agieren zudem recht aggressiv und nutzen ihre zahlenmäßige Überlegenheit.

Ich bin ein Superheld

Durch das misslungene Zeitexperiment erhält Jack Superkräfte. Mit diesen heizt er seinen Feinden mächtig ein. Löblich: Remedy gibt alle sechs Fertigkeiten bereits sehr früh frei, was zum munteren Experimentieren einlädt. Durch das Finden sogenannter Chrononquellen könnt ihr die Talente des Helden in einem – leider arg einfach gehaltenen – Upgrade-System verbessern.

Die wichtigste Funktion ist der Zeitblick, mit dem Jack kurzzeitig durch Wände sehen kann. Gegner sind dann rot, benutzbare Objekte und der Weg zum nächsten Missionsziel gelb markiert – sowohl bei den Kämpfen als auch bei der Erkundung der Areale eine große Hilfe. Für schnelle Positionswechsel benutzt Jack entweder den „Woosh“ oder das „Flashen“. Mit diesen Aktionen legt man in Windeseile Entfernungen zurück – Jack sprintet dann für Sekunden durch die Zeit. Er entgeht so dem Beschuss und wechselt die Position, ohne dass es seine Widersacher bemerken. Mit dem Zeitstopper friere ich Opponenten ein, per Zeitexplosion schicke ich Gegnergruppen spektakulär in ein schwarzes Loch und der Schutzschild schließlich blockt kurzzeitig feindliche Attacken ab.

Quantum Break - Das Netflix der Videospiele?

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Allzu zimperlich geht Quantum Break mit den Einheiten von Monarch Solutions nicht gerade um. Die armen Burschen bleiben teils in sehr unvorteilhaften Positionen zwischen Raum und Zeit stecken.
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Der richtige Einsatz und das Kombinieren von Jacks Fertigkeiten sind in Quantum Break das Mittel zum Erfolg. Durch das Zusammenspiel und die clevere Gamepad-Belegung entsteht ein ausgezeichneter Spielfluss. Gelungene Angriffe führen zu grafisch toll dargestellten Actionpassagen, die so mancher Hollywood-Produktion in nichts nachstehen.

Immer geradeaus

Quantum Break bietet keine offene Spielwelt à la The Division oder ausladende Areale wie in Halo 5: Guardians. Stattdessen führt mich das Spiel linear durch seine fünf Akte und wechselt dabei stimmig dargestellte Actionpassagen mit anspruchslosen Umgebungsrätseln ab. Durch die Zeitanomalien stellt Quantum Break euch vor simple, aber hübsch anzusehende Kletteraufgaben. Mal muss Jack beispielsweise die Zeit zurückspulen, um zuvor eingestürzte Regale aus dem Weg zu räumen. Ein anderes Mal gilt es, eine eingestürzte Plattform als Aufzug zu benutzen.

Remedy schafft es, in seinem Zeitreisekatastrophenspiel ungewöhnliche, mitunter sehr atmosphärische Augenblicke zu kreieren, die mich über so manche Schwäche gern hinwegsehen lassen – etwa die zahllosen Sammelgegenstände in Form von Flyern, Infotafeln oder Sprachnachrichten, die mir Zusatzinformationen zur Story liefern sollen, mich aber letztlich nur aus der Immersion herausreißen. Der Star des Spiels ist ohnehin ganz klar seine filmhafte, bisweilen furiose Präsentation. Remedy verschießt hier ein wahres Feuerwerk an Effekten und Details, das auf der Xbox One seinesgleichen sucht.