Deutschland einig Sony-Land. Vor einem Jahr erschien die PlayStation 4 weltweit, doch nirgendwo wurde ihre Markteinführung so gefeiert wie bei uns. Ganze Horden stürmten Technik-Kaufhäuser als gäbe es Goldbarren umsonst. Auch in folgenden Monaten war sie stetig ausverkauft. Zu Recht?

Herzlichen Glückwunsch, Sony! Gratulation zu einem Jahr neuer Hardwaregeneration und zu einem furiosen Systemstart, der so ziemlich alles dagewesene übertrumpfte. Zumindest was die Länge der Warteschlangen angeht, die entfernt an japanische Verhältnisse erinnerte. Inklusive einem Schuss amerikanischer Ellenbogenmentalität.

War geschickt von euch platziert. Damals noch 100 Euro günstiger als die Konkurrenz, weil ohne Fuchtelsensor ausgeliefert, und dann auch noch im frühen Dezember, als das Weihnachtsgeld der Zocker lockerer saß als die Sabbel von Per Mertesacker nach dem WM-Spiel gegen Algerien.

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An den Feiertagen alleine lag es sicherlich nicht. Weltweit ging die vierte PlayStation-Konsole inzwischen 14 Millionen Mal über den Ladentisch, davon über eine Million Einheiten in Deutschland. Irre schnell, nicht nur angesichts des Zeitraums, sondern auch in Hinsicht auf die verfügbare Spielbibliothek. Was hohe Erwartungen impliziert. Weder Xbox One noch PS4 konnten zum Start mit zwingenden Pflichttiteln auftrumpfen. Selbst das hochgehandelte Killzone 4 blieb unter Par.

Um das Verhältnis zu verdeutlichen, ziehe ich gerne Segas Dreamcast zum Vergleich heran, die solche Verkaufszahlen in drei Jahren nicht zustande brachte, obwohl ihre Bibliothek vor lauter Vorzeigespielen aus allen Nähten platzte. Oder denkt mal an den GameCube mit seinen läppischen 21 Millionen Abverkäufen innerhalb von sechs Jahren. Für Sony aller Voraussicht nach eine Hürde der kommenden Monate.

Allerdings kann ich den Erfolg bislang nur als eingeheimste Vorschusslorbeeren interpretieren. Von den vollmundigen Versprechungen der Anfangstage blieb bis zum Status quo wenig übrig. Mindestens 20 hochqualitative Exklusivtitel für das erste Jahr waren im Gespräch. Die Realität sieht anders aus.

Mal abgesehen von der geschrumpften Anzahl mit Verschiebung zugunsten kleinerer Download-Titel und Indie-Spiele scheint es mit der Qualität der Exklusivtitel ein wenig zu hapern. DriveClub scheiterte am unzuverlässigen Online-Modus, an schwacher KI sowie einfach gestricktem Spielablauf. LittleBigPlanet 3 sieht knuffig aus - wie immer – erreichte mit Sumo Digital als Schöpfer aber keineswegs exorbitante Wertungen wie einst unter der Regie von Media Molecule. The Last of Us Remastered dürfte die Spitze des Eisbergs in Sachen Unterhaltungswert darstellen, sofern nicht schon auf der PS3 ausgekostet.

PlayStation 4 - Ein Jahr PS4, ein Jahr Vorschusslorbeeren

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Tolle Konsole, keine Frage. Aber es gibt noch einige Versprechen, die es einzulösen gilt, Sony.
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Langeweile? Ach, iwo! Dritthersteller liefern genug Material für euren neuen Dauerbrenner, meist sogar in minimal besserer Qualität als auf der Xbox One, auch wenn die Unterschiede gering ausfallen. Normalerweise geht es um die schiere Anzahl an Pixeln. Siehe jene ominöse 900p-Debatte auf Microsofts Acker. Acht Gigabyte superschnelles GDDR-5-Gedächtnis und eine Handvoll GPU-Shader verschaffen euch den dünnen Vorteil vor Microsofts Kiste, der an mancher Stelle durch den etwas langsameren Haupt-Rechenknecht wieder getilgt wird. Im Moment habt ihr ganz klar bessere Karten, zumal die PS4 einigen Features von Nintendos Wii U nacheifert. Wie das bislang wenig genutzte Touchpad oder der kleine Lautsprecher am rundum verbesserten, aber noch immer keineswegs idealen DualShock-4-Controller.

Rosige Aussichten. Raum zur Verbesserung bleibt trotz alledem reichlich, denn obwohl man inzwischen für Online-Sitzungen bare Münze abdrücken soll, bleibt die Qualität der PSN- Spielerfahrung nach einem Jahr hinter Xbox Live zurück. Wenn nicht in schierer Anbindungsqualität, dann in der durchgängigen Verfügbarkeit, im Shop und im Matchmaking. Da geht noch einiges, auch wenn die kostenloses PS-Plus-Spiele eine verdammt nette Dreingabe sind. Dennoch: Macht mal Dampf, bitte.

Tolle Features mit kleinen Hindernissen

Allein der rechnerische Wert der verbauten Technik macht eure PlayStation 4 zur Zeit zur attraktivsten erhältlichen Konsolen-Anschaffung. Ihre Kraft entfaltet sie jedoch nicht in jeder Hinsicht. Was nutzen acht Gigabyte RAM, wenn ein Großteil dauerhaft für Betriebssystem und Video-Mitschnitte draufgeht? Wozu moderne USB-Anschlüsse, wenn das Kopieren von Screenshots und Filmen auf einen USB-Stick gefühlte Jahrzehnte dauert? Touch- und Gyro-Sensor, anyone?

Sehe ich da gewisse Parallelen zur frühen Variante der Xbox 360? So von wegen Hitzeentwicklung oder Controller-Abnutzung? Ich mach mir schon manchmal Sorgen, wie heiß der kleine Kasten wohl mal wird, wenn er einem dichteren Hausstaub-Befall unterliegt. Ein intern verbautes Netzteil mag ästhetische Vorteile haben, aber ich hege doch gewisse Zweifel, ob das bei diesem dünnen Gehäuse auf Dauer gut geht. Macht ja schon jetzt ganz schön Wind, das Ding.

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Uncharted 4, wann bekommen wir dich endlich zu sehen?
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Und nun? Abwarten! In mehrerer Hinsicht. Zum Beispiel auf potenzielle Hits wie Uncharted 4 und Rime. Schon auf PS3 konnte Naughty Dog Erstaunliches aus der Hardware kitzeln. Womöglich beginnt die „New Generation“ erst richtig, wenn ein Feuerwerk aus beinahe fotorealistischer Grafik und beklemmender Action zeigt, was zukünftig möglich ist. Wird mal Zeit, dass ihr mit den Exklusivtiteln auf Touren kommt, Sony.

Ich sitze wegen Uncharted schon auf heißen Kohlen, ihr dagegen auf Stapeln von PS-Vita Handhelds. Bedauerlich, wäre ein weiterer Bereich, in dem ihr Nintendos Wii U ein Schnippchen schlagen könntet. Ihr verhökert die Vita bereits für 'nen Appel und 'n Ei. Allerdings stößt die Idee des Remote Play weder bei den Nutzern noch bei den Herstellern auf viel Gegenliebe. Ich weiß auch nicht, woran das liegt.

Ähnlich steht es um das ominöse Share Play, das zumindest unter Deutschen eher für Stirnrunzeln als für Begeisterungsstürme sorgt. Schuld sind nicht Einschränkungen wie 60 Minuten Sitzungsdauer, einseitiger Verdienst von Trophäen und Ähnliches, sondern hiesige Jugendschutzbestimmungen. Wir dürfen trotz Altersverifikation per Personalausweis nur innerhalb der Landesgrenze anderen beim Zocken zuschauen oder virtuell den Controller herumreichen, weil wir sonst Gefahr liefen, böse indizierte Inhalte auf die Mattscheibe zu bekommen. Ich denke mal, ihr könnt verstehen, warum PS4-Kunden zur Zeit permanent mit den Augen rollen, wenn es um vermeintlich fortschrittliche Kaufargumente geht. Irgendwo ist zur Zeit immer der Wurm drin. Muss das sein?

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Indie-Spiele wie Rime sind wirklich sehr nett, aber nicht der ausschlaggebende Kaufgrund und das Maß aller PS4-Dinge.
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Selbst einfache Pflichtübungen wie Singstar habt ihr vergeigt. Was soll denn der Käse von wegen ins Handy singen? Ultimate Party? Höchstens ultimative Latenzprobleme, unterirdische Klangqualität, unterschlagene Schwierigkeitsgrade.

Wozu hab ich mir eigentlich Move angeschafft, wenn es doch in der Versenkung verschwindet? Da wird mir Angst und Bange um Project Morpheus. Bitte lasst die ambitionierte VR-Brille nicht in der Versenkung verschwinden wie einst das PS2-Modell mit dem blumigen Namen „PUD-J5A“. Bislang ist sie das einzige nennenswerte Gegengewicht zu Oculus Rift. Kurzum: Ihr Leute von Sony führt zur Zeit den Markt zurecht an. Aber damit es so bleibt, solltet ihr ein paar eurer alten Versprechen einhalten – auf einem für alle brauchbaren Niveau. Auf uns wartet ein spannendes neues Jahr.