Kann ein Szenario beklemmender sein als der Mount Hikami? Ein nebelumwobener, von finsteren Mooren, dichten Wäldern und tiefen Wasserfällen gesäumter Berg, an dem gebeutelte Seelen des Nachts Suizid begehen – ihre teils schockierend vernarbten Leichen werden dann später über den Fluss hinabgespült. Mal ehrlich: Würde ich dort wohnen, ich hätte längst das Weite gesucht.

Project Zero: Priesterin des schwarzen Wassers - Launch Trailer (deutsch)Ein weiteres Video

Nicht so jedoch Yuri, Miu und Ren. Die zwei Mädchen und der etwas ältere Mann haben jeweils eigene triftige Gründe, die sie auf den gefürchteten Berg verschlagen – natürlich stets nachts und nur mit einer Taschenlampe und der serientypischen Camera Obscura bewaffnet. Zumeist alleine streifen sie durch die Dunkelheit, wandern zwischen Bäumen, Ruinen und verlassenen Häusern umher, treffen in regelmäßigen Abständen auf bizarre Geister, in denen die Seelen der Verstorbenen weiterleben. Und diese Geister scheinen viel mehr Macht zu besitzen als zunächst angenommen: Schon früh im Spiel werde ich Zeuge, wie sich ein junges Mädchen tief im Wald selbst die Kehle durchschneidet, nachdem ein Geist sie dazu motiviert hat. Ich kann nichts weiter tun als danebenstehen und zuschauen. Harter Tobak – speziell für einen Project-Zero-Neuling wie mich, der sowieso ein wenig ein Angsthase ist.

Project Zero: Priesterin des schwarzen Wassers - Fotoshooting am Suizidberg

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Ihr erkundet das Gelände zwar mit drei verschiedenen Charakteren, aber dennoch meistens allein.
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Maiden of Black Water – das Spiel, das dieses grausame Szenario inszeniert – ist das mittlerweile fünfte Project Zero seit 2001 und gleichzeitig das erste für die Wii U wie auch das erste für mich. Ich gehe also ganz unvoreingenommen heran und kann und werde damit im folgenden Test auch keine Vergleiche zu den Vorgängern ziehen. Wer einen direkten Vergleich sucht, darf sich gerne an dieser Stelle aus dem Bericht klicken und einen anderen Test zu Rate ziehen. Das nur als kleiner Hinweis.

Subtiler Horror statt Jumpscares

Zurück zum Mount Hikami. Ich gebe gerne zu, dass mich diese frühe Suizid-Szene ziemlich getroffen hat. Ich habe meines Angsthasentums zum Trotz schon einige Horrorspiele erlebt – darunter auch Titel wie P.T., Outlast oder Silent Hill: Shattered Memories. Aber dass ein Spiel mich tatsächlich hilflos dabei zusehen lässt, wie sich ein junges Mädchen selbst umbringt? Das ist ein für mich neuer Grad an Terror.

Maiden of Black Water ist kein Splatter- oder Jumpscare-Horror, wie er heute oft zelebriert wird. Im Gegenteil: Auch wenn es solche gewalthaltigen Szenen gibt, so ist es nicht der Gewaltgrad, der abschreckt. Project Zero spielt viel mehr mit der psychischen Ebene, wenn es immer wieder kleine Geschichten von Verstorbenen erzählt, die sich an Bäumen aufgehängt haben oder von Klippen gesprungen sind. Und es erzählt diese Geschichten, indem es sie visualisiert und mich als Spieler auch noch dazu antreibt, die virtuelle Kamera in die Hand zu nehmen und auf die Tragödie draufzuhalten.

Packshot zu Project Zero: Priesterin des schwarzen WassersProject Zero: Priesterin des schwarzen WassersErschienen für Wii U kaufen: Jetzt kaufen:

Dass ich das tue – also hektisch das GamePad vor mich halte und den Geist fotografiere –, hat dabei durchaus entscheidende Gründe. Denn schon nach wenigen Minuten am Mount Hikami wird klar, dass diese grotesken übernatürlichen Existenzen nicht ungefährlich sind: Haben sie mich erst bemerkt, verfolgen sie mich permanent und versuchen aggressiv, mich in ihre Schattenwelt zu ziehen. Um das zu verhindern, helfen nur eine ruhige Hand und ein Auge für den richtigen Moment – denn die Camera Obscura, dieses antike Fotogerät, mit dem sich Yuri, Miu und Ren auf den Mount Hikami wagen, ist die einzige Waffe, mit der sich die finsteren Geister zurücktreiben und letztlich auch auflösen lassen. Um sich selbst zu schützen, gilt es also, durch den Sucher zu blicken, die Schwachpunkte der Geister zu erhaschen und dann im perfekten Moment zu knipsen, wenn die Linse sie alle eingefangen hat.

Project Zero: Priesterin des schwarzen Wassers - Fotoshooting am Suizidberg

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Das Gamepad als Kamera macht sich gut.
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Ein bisschen fühlt es sich also wie Fotoshooting an, wenn man das Wii U GamePad kippt, dreht und neigt und eilig versucht, möglichst viele Schwachpunkte des Feindes auf die Linse zu bekommen – denn nur wenn man sie alle auf einmal erwischt, besteht die Chance auf einen Schnappschuss, welcher den Geist zurückdrängt. Und dabei muss man jederzeit bedenken, dass die Camera Obscura keine moderne Spiegelreflex- oder Digitalkamera ist, sondern ein fast schon antikes Gerät mit analogem Film – der nach jedem Knipser erst einmal zeitaufwendig getauscht werden muss. In dieser Zeit ist man also regelrecht wehrlos – umso wichtiger ist es darum, nicht einfach drauflos zu fotografieren, sondern das Auge für die Dinge zu haben und genau den richtigen Moment für das Geisterporträt zu erwischen.

Das System verspricht also zunächst eine enorme taktische Tiefe. Und tatsächlich wird man auch dafür bestraft, verschwenderisch mit seinen Fotos umzugehen: Dann nämlich kommen die Geister extrem nahe und zehren mit ihren Griffen an der Gesundheitsleiste. Was anfangs noch nervenaufreibend ist, verblasst allerdings im Laufe des Spiels viel zu früh aufgrund zweierlei spieldesign-technischer Mäkel: Zum einen werden die Kämpfe nicht platziert und klimaxartig eingesetzt, sondern verkommen viel zu schnell zu nerviger Routine, und zum anderen stopft Project Zero einem so viele Heilmittel in das Inventar, dass das Risiko, zu sterben, quasi auf Null sinkt – gemeinsam mit der Angst vor den Geistern.

Fotoshooting am Suizidberg: Das Szenario ist fantastisch, die Umsetzung leider inkonsequent. Der anfängliche Grusel wird zu schnell durch Routine verdrängt.Fazit lesen

Das ist wahnsinnig schade und gewissermaßen ein Spannungskiller für die ganze Atmosphäre, denn nichts schadet einem Horrorspiel mehr als die Gewissheit, dass man aus dem Kampf ja sowieso als Sieger hervorgeht. Selbst die Filme für die Kamera, also die Quasi-Munition des Fotografen, schüttet Project Zero nicht sorgfältig ausbalanciert, sondern regelrecht inflationär aus. Überall in der Welt liegen bläulich funkelnde Gegenstände herum, in 90% der Fälle Heilmittel oder Filme für die Kamera. Und es gibt auch keine Möglichkeit, das zu umgehen – anfangs sind nur die Schwierigkeitsgrade Leicht und Normal anwählbar, welche sich in Sachen Objektausschüttung quasi nichts zueinander geben.

Project Zero 5 nimmt sich selbst den Horror

Kurzsichtigkeit bewiesen die Entwickler auch beim Design der Spielwelt und der Aufgaben in jener. Nicht nur, dass Miu, Yuri und Ren nach jedem Kapitel bzw. „Tropfen“, wie es im Project-Zero-Sprech heißt, in ihren Antiquitätenladen am Fuße des Berges zurückkehren – in gefühlt jedem neuen Abschnitt ab Kapitel 4 oder 5 müssen sie die gleichen Areale des Mount Hikami erneut durchqueren. Das ist Backtracking der schlimmsten Sorte, zumal die Items jedes Mal an der gleichen Stelle herumliegen. Außerdem ist es irgendwann auch einfach nicht mehr beklemmend, ständig denselben Bergpfad hinauf zu wandern. Das ist etwas, das in einem Horrorspiel einfach nicht passieren darf!

Project Zero: Priesterin des schwarzen Wassers - Fotoshooting am Suizidberg

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Es müssen nicht immer Jumpscares sein, um wirklich zu gruseln.
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Nichtsdestotrotz ist Maiden of Black Water ein sehr düsteres und einnehmendes Spiel – und ich habe mich nicht nur einmal dabei erwischt, wie ich erschrocken zusammengezuckt bin, als mal wieder ein bizarrer Geist aus dem Nichts vor meiner Kameralinse aufgetaucht oder als plötzlich eine Schattenfigur hinter den Bäumen im Wald vorbeigehuscht ist. Zumal das alles mit einer herrlich (oder fürchterlich, je nachdem, ob man das Gruseln mag oder nicht) verstörenden Klangkulisse untermalt wird. Zu schade ist es dann, dass ausgerechnet Kopfhörer bei der Entwicklung keine Rolle gespielt haben: Wer seine Soundquellen an die Buchse des GamePads ansteckt, bekommt dort nur Umgebungsgeräusche zu hören – alles andere inklusive der Musik und Sprachausgabe wird nicht übertragen und es gibt auch keine Möglichkeit, dieses technische Problem irgendwie zu beheben. Off-TV-Play wird damit zwangsläufig ad absurdum geführt. Gerade ein Spiel, das derart auf Sound setzt, kann und darf sich solche offensichtlichen Patzer einfach nicht erlauben. Hoffentlich merzt ein Patch das Problem aus.

In diesem Zuge dürfte man gerne auch die völlig verhunzte Laufsteuerung reparieren. Gerade in engen Bereichen und innerhalb von Kämpfen ist es ein Krampf, sich überhaupt umzudrehen, geschweige denn das Weite zu suchen – die Figuren fühlen sich nämlich teilweise an wie schwerfällige Panzer.

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