Wer schon mal in Island war, der weiß, dass die direkten Nachfahren der Wikinger noch immer ein äußerst zähes und vor allem anpassungsfähiges Völkchen sind. Kommt ein Isländer zu Fall, rappelt er sich wieder auf, klopft sich den Staub aus der Kleidung und schreitet umso schneller und zielstrebiger voran - in dem Bewusstsein, etwas aus dem Sturz gelernt zu haben. Und genau dieser Mentalität verdankt Legion seine Existenz.

CCP - wie ein Boot auf hoher See

So erfolgreich CCP nach außen hin auch erscheinen mag - die Geschichte des Publishers ist ein einziges Wechselspiel aus extremen Höhen und Tiefen. Den Anfang markierte Hættuspil - ein ziemlich verrücktes Brettspiel, das sich in Island mit 10.000 Exemplaren verflixt gut verkauft hatte. So gut, dass sich die Macher von den Erlösen jede Menge Brennivín gekauft haben mussten, denn auf die Idee, jetzt plötzlich ein MMOG zu entwickeln konnte keinem klaren Kopf entsprungen sein.

Und so rekrutierte das junge Unternehmen ein paar mehr oder minder erfolglose Programmierer und schlidderte während der Entwicklungsphase von EVE Online mehr als einmal knapp an der Pleite vorbei, brachte die Weltraumsimulation aus der Not heraus quasi ohne Content auf den Markt und überließ die Spieler ihrem Schicksal. Dass genau das in der Szene einen Nerv treffen würde, konnte damals nun wirklich niemand ahnen.

Project Nova - Der Name ist Legion

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Bei der Entwicklung von Project Legion kann man auf all das zurückgreifen, was man mit Dust 514 schon gebastelt hat. Das spart viel Zeit und Entwicklerschweiß.
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Ein Unglück kommt selten allein

Doch das Spiel lief gut, wuchs und generierte bald satte Einnahmen, von denen man eine ganze Brennivín-Destillerie hätte kaufen können. Stattdessen erwarb man lieber den Publisher White Wolf, um in technischer Kooperation mit Nvdia eine Engine namens Carbon und daraus ein Vampire-MMOG zu machen. Doch Nvidia stieg irgendwann aus dem Projekt aus. Mit World of Darkness sah es damit ebenso düster aus wie mit den ehrgeizigen Ideen rund um die Avatare in den Raumstationen von New Eden.

Zwischenzeitlich lief die geeinte EVE-Community, die sich als Investor verstand, Amok. Man fühlte sich verraten und verkauft, wusch CCP-CEO Hilmar Veigar Pétursson gehörig den Kopf und zwang ihn förmlich, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Das funktionierte auch ganz gut, bis im vergangenen Jahr mit dem Release von Dust 514 das nächste Debakel folgte.

Warten auf St. Nimmerlein

Zwar ist Dust 514 kein schlechtes Spiel und hier in Island finden sich jede Menge treue Fans - die vertragliche Bindung an Sonys PlayStation 3 allerdings war die dümmste Idee seit der Erfindung von Brennivín. Der erwartete Erfolg blieb aus, denn weder waren EVE-Spieler bereit, sich eine Konsole zuzulegen, noch war die angepeilte Zielgruppe auch nur annähernd so groß, wie die Japaner einst mit allerlei eindrucksvollen Statistiken behauptet hatten.

Dabei hätte es so einfach sein können, denn wenn ich mit einem Fan über Dust spreche bekomme ich stets die gleiche Antwort: “Ich warte, bis die Verträge mit Sony auslaufen und Dust 514 für den PC erscheint.” Dass man die Fans aber nicht bis zum St. Nimmerleinstag warten lassen konnte, war CCP offenbar recht bald klar, denn man holte sich schon Ende Juni vergangenen Jahres mit Sean Decker namhafte Hilfe für den seit dem Ausscheiden von Produzent Brandon Laurino verwaisten Shooter.

CCPs Würfelglück

Die Rekrutierung Deckers war damals eine kleine Sensation. Immerhin stammt der Mann von EA und DICE, hat dort eine lange Historie, die von Battlefield 2 über Bad Company bis hin zu Mirror’s Edge reicht. Und Decker kam nicht allein - er brachte seinen Kollegen Jean-Charles Caudechon mit ins Spiel, der fortan unter dem Namen ‘CCP Rouge’ als ausführender Produzent für Dust 514 verantwortlich zeichnen sollte.

Na endlich!Ausblick lesen

Knapp sieben Monate ist das nun her, in denen CCP zwar fleißig an Dust 514 gearbeitet hat, jedoch zu keiner Zeit etwas über Erfolg, Misserfolg oder den weiteren Weg des Spiels sagen wollte. Das allerdings war auch kein Wunder, denn was Decker und Caudechon in dieser Zeit ausheckten, konnte man zu keinem anderen Zeitpunkt als zum EVE Fanfest bekanntgeben.

Willkommen in der Legion, Fremder!

Nein, man würde Dust 514 nicht für PC entwickeln, wie sich das mancher Fan so im Vorfeld ausgemalt hatte. Das wäre zwar die einfachste Variante, doch würde sich Vertragspartner Sony kaum freiwillig darauf einlassen. Also besannen sich die beiden Ex-EAler der größten Stärke von Dust - der Unreal Engine 3. Die ist nicht nur erfreulich aufwärtskompatibel zur nächsten Generation - sie läuft auch und gerade auf dem PC wie geschmiert.

Und so machte man sich an die Arbeit, baute eine neue Umgebung mit alten Assets auf - diesmal für PC. Warum man das Spiel Project Legion nannte, darüber lässt sich nun vortrefflich spekulieren - möglicherweise hat dieses Wort insbesondere für den gebürtigen Franzosen Caudechon, der einige Jahre in Afrika gelebt haben soll, eine ganz besondere Bedeutung - naheliegender als Dust ist die allemal.

Aus dem Staub gemacht

Noch einmal: Anders als viele Kollegen anfangs berichtet haben, wird Legion kein Projekt innerhalb von Dust 514. Legion ist ein eigenständiges Spiel mit eigenem Konzept - ein Online-Shooter für PC, der im selben Universum angesiedelt ist wie EVE Online und Dust 514. Letzteres wird auch in Zukunft weiter entwickelt - von einem kleinen Team, das Hand in Hand mit dem Team von Legion arbeiten wird. Denkbar ist auch, das man Dust 514 nebenbei für die PlayStation 4 vorbereitet. Technisch ist das kein Problem.

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Noch will er nichts Konkretes versprechen, doch als Fan der beiden VR-Geräte will Gaudechon nicht ausschließen, dass auch Project Legion in diese Richtung entwickelt wird.
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Derweil arbeiten an Project Legion rund 60 Leute im CCP-Studio Shanghai. Angesichts der wenigen Monate, die zwischen dem Personal- und Kurswechsel und dem Fanfest liegen, kann eigentlich noch nicht sonderlich viel passiert sein. Und doch schaffen es die Entwickler, ein paar Minuten Gameplay live auf dem Fanfest zu zeigen - ohne technische Probleme.

Unterwegs auf Welten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat

Project Legion ist Unreal, das erkennt man auf den ersten Blick. Und es es sieht so aus, wie Dust 514 hätte aussehen können, wäre es nicht an die technischen Bedinungen einer veralteten Konsole gebunden. Es gibt wundervolle Lichteffekte, hier und da brennen Bäume in der außerirdischen Umgebung und wenn im Hintergrund das planetare Bombardement einsetzt, fühlt man sich herrlich klein und verspürt im Ansatz so etwas wie einen Fluchtinstinkt.

Kurz - die Atmosphäre stimmt schon mal und genau das ist Caudechon wichtig, der dem Spieler unbedingt vermitteln möchte, dass er sich auf einer fernen, möglicherweise lebensfeindlichen Welt, irgendwo in einer fernen Galaxie befindet. Ein Gefühl, das ein Last-Generation-Shooter bei einem verwöhnten PC-Zocker einfach nicht mehr erzeugen kann.

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Project Legion soll mit der Sci-Fi-Sandbox verknüpft werden - und zwar tiefer und bedeutsamer als Dust 514. Zuvor muss jedoch der Kern des Shooters perfekt geschliffen sein.
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Battlefield New Eden

Wichtig ist Caudechon außerdem, dass das Core-Gameplay stimmt. Als Entwickler diverser Battlefield-Spiele hat er gelernt, dass ein solches Spiel vom Kern her aufgebaut werden muss. Diese Art der Entwicklung will er auch für Legion beibehalten. Erst wenn die Shooter-Mechaniken handwerklich perfekt sind, wenn das Balancing stimmt, wenn man reif für den E-Sport ist, kann man sich weiteren Elementen zuwenden.

Zu diesen gehört naturgemäß auch die Verknüpfung zu EVE Online. Die soll auf jeden Fall hergestellt werden und das weit tiefer und bedeutungsvoller, als man das bei Dust 514 bislang umgesetzt hat. Zudem plant Caudechon ein Meta-Game einzubauen, das entfernt an ein MMOG erinnert. Mit Blick auf die EVE-Community soll Legion gemütlicheren Spielern die Möglichkeit bieten, Rohstoffe auf fernen Welten zu sammeln. Erzabbau, Crafting und Fitting wie in EVE - als Alternative zum actiongeladenen Kampfgeschehen.