Die Mannschaft der Slightly Mad Studios kann ihren Stolz nur schwerlich verbergen. Geschwellte Brust, feste Stimme und viele vollmundige Versprechen füllen den gamescom-Präsentationsstand beim Publisher Namco, wenn es um die Fortschritte der anstehenden Automobil-Simulation Project Cars geht.

Project CARS - 'Game of the Year'-Edition8 weitere Videos

Eigentlich wäre die Terminierung doch Alleinstellungsmerkmal genug: Project Cars erscheint zu Weihnachten als einzige waschechte Simulation unter einer beachtlichen Palette namhafter Spritschlucker-Festivals. Turn10s Spin-off Forza Horizon 2 hat jedoch nicht so viel Anspruch wie die Vertreter der Stammserie, genau wie Drive Club und The Crew. Das sind allesamt Arcade-Rennspiele mit einem Hang zur Übertreibung. Ganz zu schweigen von einer für Simulationen unwürdigen Bildwiederholrate bei 30 festen Zählern.

Doch das alleine genügt den Entwicklern nicht. Project Cars soll überall dort glänzen, wo kommerziell begünstigten Platzhirsche Gran Turismo und Forza bislang Schwächen zeigen. Angefangen bei glaubhaften Wettereffekten über dynamische Tageszeiten bis hin zum völlig freien Aufbau der Karriere.

Project CARS - Der Neue im Ring

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 394/3971/397
Eine Automobil-Simulation auf der Überholspur.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

So hohe Ansprüche kommen nicht von ungefähr. Das Studio hat eine beachtliche Historie in diesem Genre aufzuweisen, der man nicht nachstehen möchte, und das Gros der Features stammt sowieso aus der Wunschliste der Project-Cars-Community, deren härtester Kern bereits beim Crowdfunding Entschlossenheit zeigte. Und so ließ man auch nicht ab, bis Slightly Mad endlich Boxenstops und echte Ausdauerrennen implementierte, die über sämtliche bisher üblichen Dimensionen hinausgehen. 



Gentlemen, start your engines

Boxenstops dienen hier nicht der authentischen Rennsportvermittlung, sie sind bitter nötig, wenn man sich im Fahrerfeld durchsetzen will. Näselt die Crew durch den Boxenfunk, es könne womöglich bald regnen, dann ist ein Tausch der Reifen durchaus angebracht. Sprit und Schäden spielen ebenfalls eine Rolle. Aller spätestens, wenn man sich dazu entschließt, die 24 Stunden von LeMans in Echtzeit abzuarbeiten, denn auch das ist problemlos möglich. Dort wo Polyphony und Turn10 zögern, ja gar aus falscher Rücksicht auf Anfänger Spieleinstellungen und Anpassungen des Fahrverhaltens verweigern, drehen die Jungs von Slightly Mad erst richtig auf.

Packshot zu Project CARSProject CARSErschienen für Wii U, PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Ob Project Cars den eigens auferlegten Ansprüchen gerecht wird, steht natürlich (wie immer) auf einem anderen Blatt, doch die aktuelle Vorabversion des Endprodukts entlässt uns in guter Hoffnung. Das Fahrgefühl stimmt, da es das Gewicht der Boliden ungemein authentisch vermittelt. Selbst mit einem gewöhnlichen Controller spürt man die Trägheit beim Einlenken und das Sperren der Reifen bei harten Bremsmanövern. Zu sehen gab es in unserer Anspielgelegenheit zwar lediglich den Hockenheimring, doch der glänzte förmlich an allen Ecken.

Project CARS - Der Neue im Ring

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 394/3971/397
Project Cars soll mit glaubwürdigen Wettereffekten punkten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Beleuchtung und Detailreichtum können sich sehen lassen, obwohl die aktuelle Build in Eile zusammengestrickt wurde. Gut zu erkennen an einigen Programmfehlern wie einem falsch platzierten Partikel-Generator für den Regen. Der schwebte noch an einer Stelle, die einen prima Einruck in der Cockpitperspektive hinterließ, bei jeder anderen Kamera-Einstellung jedoch ein Schmunzeln entlockte, weil man genau sah, wo die unsichtbare Wolke über dem Wagen schwebte.

Noch ist also nicht alles in Butter und schon gar nicht so butterweich wie etwa bei Forza Motorsport. Dieses ultrasanfte, geradezu schwebende Zoomen über dem Asphalt, das man aus Forza und Gran Tursimo kennt, fehlt dem Programm. Man darf ja auch nicht vergessen: Forza berechnet seine Physik mit allen Einzelteilen eines Wagens 360 mal in der Sekunde. Die Rechenkraft für diesen Luxus investiert Slighly Mad lieber in Wettereffekte und Umgebung. Eben eine Frage der Prioritäten.

Sollten noch ein paar optisch schöne Stadtstrecken das Portfolio ergänzen und billige Lizenzumgehungstricks im Endprodukt vermieden werden, steht Project Cars eine glänzende Zukunft bevor.Ausblick lesen

Apropos Prioritäten: Es gibt da noch so ein Feld, auf dem Project Cars trotz vollmundiger Versprechen eben nicht den Qualitätsstandard seiner Konkurrenten übertrifft. Es geht um die Nachstellung bekannter Strecken. Während Forza und GT inzwischen alle Fahrzeuge und Strecken Strecken per Laserabmessung zentimetergenau nachmodellieren, gibt sich Slightly Mad damit zufrieden, diesen Standard beim größten Teil der Modelle zu erfüllen - aber eben nicht bei allen. 

Die größte Enttäuschung könnte womöglich die Nordschleife des Nürburgrings werden, die laut Aussage einiger Vorab-Tester nicht komplett der Vorlage entspricht und sogar einen Tick zu eng erscheint. Was aber nicht verwundert, weil hier eben kein Laserscan vorliegt, ganz zu schweigen von einer offiziellen Lizenz. Der Kurs heißt hier "Eiffelwald".

Project CARS - Der Neue im Ring

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 394/3971/397
Ob sich Project Cars letztlich durchsetzen kann? Die Konkurrenz ist hart.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Project Cars macht bisher einen hervorragenden Eindruck, aber es sind solche Kleinigkeiten, die an der Ernsthaftigkeit des Programms zweifeln lassen. Wer Lizenzen für unzählige Sportkarren aufbringen kann, der sollte sich auch eine Lizenz samt Laserscan für die Nordschleife leisten können. Alles andere wäre billig. Aber wer weiß, noch sind ja nicht alle offiziellen Strecken bekannt.

 Übrigens: Das Spiel macht über Oculus Rift einen verdammt guten Eindruck. Wir durften mit der zweiten Version des 3D-Headsets Probe spielen und waren abseits der noch zu nah liegenden Kamerabrennweite höchst zufrieden. Weitere 3D-Brillen sollen ebenfalls unterstützt werden, etwa Sonys hauseigene Variante Project Morpheus.