„Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut.“ Dieses Zitat beschreibt sehr gut, was sich in den letzten Monaten rund um die ambitionierte Rennsimulation Project Cars zutrug. Zur letztjährigen Gamescom noch vollmundig als einzige echte Simulation für das Weihnachtsgeschäft 2014 angekündigt, wurde das Spiel zunächst auf den 20. März 2015 verschoben. Kurze Zeit später folgte eine weitere Terminänderung hin zum 2. April 2015, die dann abermals auf Mitte Mai korrigiert wurde. Geht’s nach der jüngst auf dem Bandai Namco Level-up Event in Frankfurt gezeigten Vorabfassung, stehen die Chancen gut, dass zumindest dieser Termin eingehalten wird.

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Bis Project Cars Mitte Mai endlich erscheint, verbleiben vier bis fünf Wochen. Diese Zeit wollen die britischen Racing-Veteranen von Slighty Mad Studios (Need for Speed Shift, Need for Speed Shift 2 Unleashed) nutzen, ihrem in Zusammenarbeit mit engagierten Fans und namhaften Rennfahrern wie Nicolas Hamilton entworfenen Vollgas-Traum den letzten Feinschliff zu verpassen. Eine nachvollziehbare Entscheidung – vor allem wenn man bedenkt, wie leidenschaftlich das Spielestudio seit Jahren bei der Sache ist und wie eng die Community in die Entwicklung eingebunden wurde. Zur Erinnerung: Die Finanzierung des Titels erfolgte unter anderem über die von Slighty Mad ins Leben gerufene Online-Plattform „World of Mass Development“ (www.wmdportal.com). Registrierte Mitglieder haben hier durch den Kauf sogenannter „Tool Packs“ die Möglichkeit, am Entstehungsprozess des Spiels direkt mitzuwirken.

Project CARS - Können Forza und Gran Turismo bald einpacken?

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Die Cockpit-Perspektive zählt zu den optischen Höhepunkten des Spiels. Pfiffig: In der für die zweite Jahreshälfte angekündigten Wii-U-Fassung werden sämtliche Tasten des Lenkrads auf dem Touchscreen des Controllers angezeigt – volle Interaktion inklusive.
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Wer beispielsweise das 112,50 Euro teure Tool Pack „Senior“ erworben hat, erhält wöchentlich Zugriff auf eine aktuelle Version des Spiels, kann Meetings der Entwickler im Livestream mitverfolgen und Projekt-spezifische Foreneinträge erstellen. Käufer des auf 1125 Euro bezifferten „Manager“-Packs dürfen gar selbst an Meetings teilnehmen, Privatnachrichten an die Entwickler schicken und direkt auf die Scripts des Spiels zugreifen. Der ultimative Anreiz bleibt jedoch die Tatsache, dass alle Unterstützer, egal welchen Ranges, über einen Zeitraum von drei Jahren an den Einnahmen des Spiels beteiligt werden. Ein „Senior“ zum Beispiel würde – verkauft sich das Spiel eine Million Mal – 450 Euro erhalten; Käufer des „Manager“-Tools-Packs bereits das zehnfache, also 4500 Euro. Will heißen: Nicht zuletzt aufgrund dieser ganz besonderen Art der Community-Verzahnung dürften die Briten ein ganz persönliches Interesse hegen, einen möglichst runden und fehlerfreien Titel abzuliefern.

Hinzu kommen zwei Ziele, die man sich bereits 2012 auf die Fahne geschrieben hat: Nicht weniger als eine Million Verkäufe und eine Metacritic-Durchschnittswertung von 90 oder mehr Punkten. Dass Project Cars das Potenzial hat, diese und andere hochgesteckte Erwartungen zu erfüllen, beweist eine Probefahrt mit der aktuellen Version, die optisch wie spielerisch ordentlich Gas gibt.

Auf dem Weg zum Fotorealismus

Nehmen wir als Beispiel die Fahrzeugmodelle: Die aus bis zu 60.000 Polygonen erstellten Lizenzvehikel strotzen nur so vor Details und sind auf PC ebenso wie auf PS4 (die Fassungen für Xbox One und Wii U wurde nicht gezeigt) kaum mehr von ihren realen Vorbildern zu unterscheiden. Das gilt im Übrigen auch für die Darstellung sämtlicher Cockpits, in denen ihr euch mit dem rechten Analogstick frei umsehen dürft. Egal, ob Armaturenbrett, Mittelkonsole, Lenkrad, Rücksitz oder Überrollbügel – nahezu jedes Element wurde haarklein modelliert. Mal abgesehen von den Kieselsteinen auf der Fußmatte vielleicht.

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Stoßstange an Stoßstange bis zum Horizont. In vielen Rennveranstaltungen kann man gegen bis zu 39 KI-Fahrer antreten. Entscheidet man sich als Letzter zu starten, erhält der Begriff „Aufholjagd“ eine ganze neue Bedeutung.
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Mächtig Eindruck schindet zudem die Helmperspektive. Hier sind selbst das Innenfutter des Kopfschutzes sowie Schmutzpartikel auf dem Visier zu sehen. Irre! Um die bestmögliche Sicht auf den Seitenspiegel zu ergattern, dreht der Fahrer den Kopf immer wieder in die jeweilige Richtung. Das Ganze funktioniert natürlich auch mit gängigen VR-Brillen – Project Morpheus eingeschlossen (sobald die Hardware verfügbar wird). Schade hingegen: Auf dem Event wurde kein VR-Setup angeboten. Was Eindrücke hierzu angeht, verweisen wir daher auf unsere letzte Vorschau. Mehrspieler-Rennen waren ebenfalls nicht möglich, sollen in der fertigen Fassung aber mit bis zu 20 Fahrzeugen gleichzeitig funktionieren.

Was den Fuhrpark betrifft, setzen die Briten auf Klasse statt Masse. Ziemlich genau 70 Fahrzeuge klingen im Vergleich zu einem Gran Turismo 6 nicht sonderlich viel, dafür verteilt sich das Aufgebot durchdacht über verschiedenste Automobilkategorien. Seien es nun Karts, Formel-1-Rennwagen, Tourenwagen, Straßenboliden, Les-Mans-Prototypen oder sündhaft teure Supercars – Vielfalt ist Trumpf. Als kleine Entschädigung für die zahlreichen Terminverschiebungen verspricht Slighty Mad außerdem monatlich Gratis-Flitzer. Den Anfang macht die bereits in Fast & Furious 7 zu bestaunenden Rarität Lykan Hypersport – ein im mittleren Osten gefertigtes, im Inneren mit kostbaren Edelsteinen verziertes Protzobjekt für Superreiche. Listenpreis? 3,4 Millionen Dollar. Topspeed? 385 Stundenkilometer. Beschleunigung von 0 auf 100? 2,8 Sekunden. Kurz gesagt: Der feuchte Traum eines jeden Fahrzeug-Liebhabers!

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Sieht aus wie das neue F1 2015, ist aber ein Screenshot aus Project Cars, wo ausgewählte Formula-1-Boliden ebenfalls einen Auftritt feiern.
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Doch Helmkamera-Perspektive, akkurat modellierter Fuhrpark und VR-Support sind erst der Anfang einer langen Liste von Features, mit denen man Mitte Mai auftrumpfen möchte. Besonderes angetan waren wir – wie schon bei unserer letzten Begegnung mit Project CARS – vom dynamischen Tageszeiten- und Wettermodell, das sich nach Lust und Laune konfigurieren lässt. Sind beispielsweise Zeitmultiplikatoren aktiviert, könnt ihr auf der Nordschleife zunächst bei gleißender Mittagssonne durchstarten, nur um wenige Minuten später bei Nacht und strömendem Regen einen Boxenstopp einzulegen. Und wenn dann auch noch aufwirbelnde Gischt die Sicht versperrt, Regentropfen realistisch am Seitenspiegel abperlen und Lichtblitze den Himmel durchzucken, schlägt die Nadel auf dem Spielspaßtacho voll aus.

From Zero to Hero

Die auf dem Event gezeigte Version gewährte des weiteren einen ersten ausführlichen Blick auf den von Slightly Mad bis dato eher stiefmütterlich skizzierten Karrieremodus. Darin gilt es, eines von insgesamt drei „historischen Zielen“ zu erfüllen. „Zero to Hero“ etwa fordert, dass ihr euch innerhalb von zehn Rennkalender-Saisons vom talentierten Kart-Piloten bis zur Spitze des Le Mans Prototype 1 World Champions hocharbeitet.

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Nachtfahrten und Ausdauerrennen sind zwei weitere Highlights von Project Cars. Wer mag, darf sogar die 24 Stunden von Les Mans in Echtzeit nachfahren – laut Entwicklerteam mit einem auf 55 Teilnehmern bestehenden Fahrerfeld für den ultimativen Kick.
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„Defending Champ“ dreht den Spieß um. Aufgabe hier: Die Meisterschaft drei Jahre lang verteidigen. Bliebe noch „Triple Crown“. Eben diese dreifache Krönung wird euch dann zuteil, wenn ihr in drei verschiedenen Disziplinen die Meisterschaft gewinnt. So weit, so gut. Der Unterschied im Vergleich zum Groß der Rennspielkonkurrenz: Wie ihr das Problem angeht, ist euch selbst überlassen, vor allem in den letzten beiden Langzeitherausforderungen. Ihr müsst also nicht erst umständlich Erfahrungspunkte zusammenklauben, um schnellere Wagen freizuschalten, sondern könnt ohne Umschweife in der jeweiligen Rennklasse mit einem PS-Geschoss eurer Wahl (sofern für diesen Event zugelassen) loslegen. Damit’s auch immer schön übersichtlich bleibt, wird jede Veranstaltung zudem mit einem rasant geschnittenen Erklärvideo eingeführt.

Auch der letzte Blick aus der Helmkamera stimmt hoffnungsvoll, dass das finale Spiel den Erwartungen gerecht wird.Ausblick lesen

Netter Dreh: Ihr könnt euch vor Beginn der Karriere nicht nur selbst einen individuellen Fahrernamen, eine auf dem Fahrzeug sichtbare Nummer sowie das zu vertretende Land zuweisen, sondern obendrein einen virtuellen Twitter-Spitzenamen. Auf diesen wird im Spielverlauf dann zwischen einzelnen Veranstaltungen von KI-gesteuerten Followern im sogenannten FanChat Bezug genommen, was sich als nette Motivationsspritze erweist und einem hin und wieder auch den ein oder anderen Grinser entlockt. Aktiv interagieren kann man mit seinem Twitter-Gefolge allerdings nicht.

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Egal, wie viele Fahrzeuge sich auf einem Bildschirm tummeln – die PS4-Fassung glänzt mit einer stabilen Bildrate.
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Und so nimmt eure Rennfahrer-Karriere ihren Lauf. Wer nichts anbrennen lässt und gute Leistungen einfährt, wird abseits der Standardrennen beispielsweise zu spannenden Sonder-Events geladen. Oder ihr landet auf dem Radar von Scouts anderer Team, die Abwerbeversuche starten, und so weiter. Eine Kalenderfunktion, ein virtuelles Postfach, News aus der Welt des Racings sowie umfangreiche Statistiken runden das Gesamtpaket ab.

Offensichtlichstes Manko: Bisher wirkt die Präsentation innerhalb dieser Menüs sehr nüchtern. 3D-Avatare, begehbare Mannschaftsquartiere und anderen Schnickschnack sucht man hier vergeben. Stört aber kaum, denn auf diese Weise rückt das in den Vordergrund, was die eigentliche Faszination ausmacht: die mitreißende Action innerhalb der Rennen, der wir bereits in der letzten Preview ausführlich auf den Zahn fühlen konnten.