Wir könnten uns jetzt an Begrifflichkeiten aufhängen: an der korrekten Terminologie einer Überschneidung zweier Videospiele, an der „Crossover“-Definition im ursprünglichen Sinne und warum dieses Aufeinandertreffen von Zylinderschnüffler und zeigefingerwedelnder Sturmfrisur nur leidlich als solches durchgeht. Unberechtigt wäre das nicht bei einem Spiel, das lieber zwei statt eines wäre und dabei fast gar keines mehr ist.

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Je nachdem, wo ihr die Linie zieht, geht Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney mehr oder weniger als das durch, was Street Fighter X Tekken, Kingdom Hearts oder Sonic & SEGA All-Stars Racing Transformed vorgemacht haben: verschiedene Universen zu einem zu verschmelzen.

Als Level-5-Boss Akihiro Hino vor vier Jahren eine ungewöhnliche Bitte in den Capcom-Briefkasten warf, war die fixe Idee eines archetypischen Crossovers bereits zu einem kleinen Projekt herangewachsen. Aus dem unförmigen Klotz wurde ein grobe Skulptur von dem, was japanische 3DS-Besitzer bereits seit Ende 2012 zwischen zwei Plastikdeckeln kaufen können. Mehr als einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen beiden Welten hatte man beim Klingeln an Capcoms Tür jedoch noch nicht – und auch in den folgenden Monaten blieb die Suche danach weitgehend erfolglos.

Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney - Ein „vs.“ macht noch lange kein Crossover

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Allzu viele alte Bekannte werdet ihr nicht treffen, da nur der Beginn in der Gegenwart spielt.
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Nicht Fisch noch Fleisch – und trotzdem ziemlich lecker

Sophie de Narrateur heißt das blonde, etwas zurückhaltende Mädel, das mehr noch als fünfter Hauptcharakter Bindeglied und stärkste Verbindung zweier Videospiele ist, die nicht gerade deckungsgleich, sich aber dennoch erstaunlich ähnlich sind. Sie zerrt Anwalt und Detektiv nach Labyrinthia, jenen mittelalterlichen Schauplatzes, der für die folgenden rund 30 Stunden eure Spielwiese sein wird. Keine übermäßig aufregende und erst recht keine, in der sich ein Anzugträger wie Phoenix pudelwohl fühlt, aber eine passende Kulisse für eine manchmal erstaunlich ernste, gelegentlich sehr vorhersehbare Geschichte, der man mit „zweckdienlich“ nicht ganz gerecht werden würde.

Nicht die Erzählung von einem kruden Schriftsteller, der mit seinen Zeilen den Verlauf der ganzen Stadt bestimmt, ist hier das Problem und auch die während seiner Jagd anzutreffenden, einigermaßen langweiligen Stadtbewohner sind nicht ursächlich dafür, dass Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney am Ende des Jahres eher auf „Enttäuschungen 2014“- denn Top-Listen zu finden sein wird.

Packshot zu Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace AttorneyProfessor Layton vs. Phoenix Wright: Ace AttorneyErschienen für 3DS kaufen: Jetzt kaufen:

Level-5 erzählt seine Geschichte vielleicht etwas zu routiniert, lässt sich auf dem Weg zum tollen Finale manchmal zu viel Zeit, findet letztlich allerdings einen smarten Mittelweg zwischen englischer Gentleman-Konservativität und den wilden Ausbrüchen des leicht trotteligen Gegenstücks.

Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney - Ein „vs.“ macht noch lange kein Crossover

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Sooo schön: Die Zwischensequenz sind das absolute Highlight des Crossovers.
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Das 3DS-Crossover atmet gleichermaßen Rätsel- und Gerichtsluft, setzt seine charismatischen Denker aber vor allem pointiert in Szene. Wenn Layton und Phoenix erstmals aus einer Kehle „Einspruch!“ schreien, wisst ihr ziemlich genau, was damit gemeint ist.

Sind die erhobenen Zeigefinger wenig später gesunken, ist's dann aber auch schnell wieder Essig mit der Gänsehaut-Euphorie. Vom feuchten Traum aller Fans und den halb geschluchzten Liebesbekundungen an die Entwickler für diesen großartigen Moment bleibt bisweilen wenig übrig, sobald der Richterhammer wieder auf den hölzernen Resonanzblock donnert. Eine akustische „Achtung: Von nun an spielt ihr einen Phoenix-Wright-Abschnitt“-Einblendung.

Zwei zum Preis von einem

„Unterschiedliche Fanlager“, „Überforderung“, „Vereinfachen“, krakelige Pfeile, Fragezeichen – mit Bestandteilen wie diesen dürften einige Flipcharts bei den Entwicklern von Level-5 vollgeschmiert worden sein, bis etwas gefunden wurde, das halbwegs als spielerisches Fundament taugte. Eine reichlich wacklige Grundlage zunächst, später mit Stützpfeilern stabilisiert und nur sporadisch verhüllt, so dass man diese bei näherem Hinsehen gelegentlich immer noch sehen kann.

Inhaltlich überzeugendes Crossover, spielerisch das Abspulen zweier guter, aber separater Spiele, von denen keines voll zur Geltung kommt.Fazit lesen

Irgendwann musste eine Entscheidung her: Was für ein Spiel sollte das hier eigentlich werden? Man entschied sich letztlich für das Naheliegendste – und bietet euch nun, einige Meetings, viel Kaffee und ein paar Jahre später, mit Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney freundlicherweise zwei Spiele auf einmal an. Nicht unbedingt der schlechteste Deal, könnte man meinen. Funktioniert ja auch ganz gut: ein paar Stunden, bei jedem anders, je nachdem, was ihr von den Originalen haltet und wie gut ihr euch mit ihnen auskennt.

Professor Layton vs. Phoenix Wright: Ace Attorney - Ein „vs.“ macht noch lange kein Crossover

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Die Rätsel sind gut, aber für Layton-Verhältnisse allenfalls Durchschnitt.
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Wer seine Erwartungen auf „etwas völlig Neues“ gemeinsam mit den Nörglern hinter sich gelassen hat, bekommt vielleicht das buchstäblichste Crossover überhaupt: Eines, das beide Vorbilder unverändert übernimmt – und einfach nacheinander ablaufen lässt.

Vor wunderschön gezeichneter Kulisse, begleitet von bekannten Klängen, nickt euch der englische Gentleman zu; gemeinsam mit ihm setzt ihr die ersten vorsichtigen Schritte in dieser neuen Welt, die eigentlich gar keine ist. Wer den Zylindersammler schon einmal zur Seite stand, wird sich in den ersten Stunden angenehm erinnert, spätestens nach drei Dutzend Rätseln möglicherweise hintergangen fühlen.

Bis dahin habt ihr Sophie längst aus ihrer ersten Verhandlung herausgeboxt, habt dem guten Namen von Strafverteidiger und Star-Anwalt Phoenix Wright alle Ehre gemacht und das bezopfte Mädel vor einer Verurteilung bewahrt. So wie auf dem DS schon vor ein paar Jahren, heute mit deutlich mehr Hilfestellungen und ausufernden Erklärungen als damals, und trotzdem...

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So. Absolut. Großartig.
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Eine Frage der Perspektive

Glückwunsch: Solltet ihr bislang sowohl alle Professor-Layton- als auch Phoenix-Wright-Spiele mit Missachtung gestraft haben (warum auch immer man das als vernunftbegabter Mensch tun sollte), wisst ihr nun alles, was ihr wissen müsst. Bis auf etwas Insiderhumor macht ihr hiermit nicht viel falsch, um in zwei der großartigsten Reihen einzusteigen, die auf dem DS ihren Durchbruch hatten.

Pech gehabt: Solltet ihr bislang so ziemlich alles mit dem Titel „Professor Layton“ und „Phoenix Wright“ gierig verschlungen haben (Lob dafür!), müsst ihr beim Rausgehen noch diese eine entscheidende Kleinigkeit mitnehmen. Spielerisch entsprechen beide Abschnitte zwar beinahe pixelgenau ihren separaten Vorlagen – deren Anspruch, Komplexität und Tiefe erreichen sie aber nie so ganz.