Für die, die es noch nicht wissen: Pep Guardiola hasst das Tiki-Taka. Ein Begriff, der für die Spielweise des Münchner Trainers in den vergangenen Jahren immer herhalten musste. Für ihn bedeutet Tiki-Taka nichts weiter als das stupide Hin- und Herpassen um des Passens willen und nicht, um damit Räume oder Überzahlsituationen zu schaffen. Zusammengefasst also mehr Schein als Sein: ein Attribut, für das die PES-Reihe nie stand – und in diesem Jahr wohl noch nie so weit davon entfernt war.

Aufgehübschte Meisterliga und neue MyClub-Features

Dank des limitierten Lizenzumfangs hat PES 2016 seine Schwächen ja unbestritten im europäischen Verbandsfußball, der mit den südamerikanischen und der asiatischen Liga halbwegs kompensiert werden soll. So lassen sich auch in diesem Jahr wieder die offiziellen südamerikanischen Pokale austragen, aber mal ganz im Ernst: Ob ich nun einen frei definierten Pokal mit 16 Mannschaften oder einen offiziellen Pokal mit dann nachgebildetem Original-Pokal am Ende in die Luft halte, ist mir zumindest relativ wurscht.

Pro Evolution Soccer 2016 - Gameplay Trailer

Abseits der südamerikanischen Pokale und der UEFA Champions League darf man sich in den altbekannten Spielmodi austoben. Freundschaftsspiele online und offline, selbst gebastelte Turniere, Become a Legend, Meisterliga und der MyClub-Modus. Ein FIFA mit seiner umfangreichen Saison oder der Virtuellen Bundesliga bieten da noch einiges mehr – was aber nicht zuletzt auch schlichtweg am Besitz von mehr (Exklusiv-)Lizenzen liegt.

Musikalisch wird man von einem Soundtrack begleitet, der auf jeden Fall umfangreicher als der letztjährige ist, welcher mit gefühlten fünf Songs aber auch eine nicht nur niedrige, sondern vor allem nervende Messlatte gelegt hatte. Da ist die Songauswahl und auch die Anzahl in diesem Jahr erträglicher – auch wenn hier nicht mit einer Vielfalt aus dem konkurrierenden Haus mitgehalten werden kann.

Über den „Werde zur Legende“-Modus brauch man in diesem Jahr keine großen Worte zu verlieren, präsentiert er sich wirklich unverändert nüchtern und steril und weiß atmosphärisch absolut nicht zu überzeugen. Hier muss Konami sich mal langsam was einfallen lassen, denn mit jedem neuen Jahr wächst der Verdacht, dass der Modus dem Entwickler so wichtig ist, dass er anscheinend immer in der letzten Woche vor Ende der Entwicklung noch schnell mit reingewurschtelt wird, „weil die Leute das ja auch bei FIFA haben“.

Easy to learn – hard to master. Der beste Fußball, den ich in den letzten Jahren spielen durfte.Fazit lesen

Deutlich besser hat es Konami da im Meisterliga-Modus gemacht. Hier werden wir mit einem frischeren Menüdesign und Infoboxen empfangen. Sie halten uns nun täglich über Gerüchte, Transfers oder Statements von Spielern auf dem Laufenden, wodurch PES 2016 besser als vorherige Teile das Gefühl vermittelt, Teil der Managerwelt zu sein, ohne mich einfach nur nüchtern durch die Menüpunkte zu jagen. Wie aber schon bei der Konkurrenz muss auch hier die mangelnde Interaktion mit den eigenen Spielern bemängelt werden, die zwar immer fleißig Statements abgeben. Ich als Trainer habe aber dennoch keine andere Möglichkeit der Kommunikation, als den Spieler eben aufzustellen oder auf der Bank zu lassen.

Pro Evolution Soccer 2016 - Die Evolution im (Wind-)Schatten des Riesen

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Bei PES ist ja nie nur die Frage, was es kann - sondern auch immer, was es im vergleich zu FIFA kann, in dem Fall FIFA 16.
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Auch das Training ist relativ überschaubar und bietet nur die Wahl, ob das Training für den entsprechenden Spieler körperlich, technisch oder eben ausgeglichen ausfallen soll. Gerade die PES-Reihe hatte hier schon deutlich bessere Ansätze. Und nein, damit sind nicht die Zauberschuhe von vor ein paar Jahren gemeint, die auf wundersame Weise Spieler verbessert haben. Dafür werden wieder Zwischensequenzen des Managers oder von Neuzugängen eingestreut, die auf jeden Fall für eine erfreuliche Abwechslung sorgen, auch wenn die Umsetzung solcher Vereinsmeilensteine leider nach wie vor nicht an die Dramaturgie eines NBA 2K heranreicht. Wann werden die Entwickler der beiden Fußballreihen wohl endlich verstehen, dass es für die Immersion eines Managermodus beider Reihen immens wichtig sein kann, sich durch entsprechende „emotionale Rückmeldungen“ viel besser als Teil der Mannschaft zu verstehen?

Dafür hat man nun zumindest Rollen innerhalb eines Teams eingeführt, die eine gewisse Hierarchie innerhalb einer Mannschaft widerspiegeln, von der trotzdem jeder profitiert. Hat ein aufstrebender Jugendspieler in dem Falle die Rolle „Nachwuchstalent“ inne, entwickelt er sich in absolvierten Spielen schneller als andere Spieler, während ein „Maestro“ anderen Spielern bei deren Entwicklung hilft und „Legenden“ wiederum den Merchandise-Verkauf ankurbeln, was sich dann auf eurer täglichen Abrechnung bemerkbar macht. Ein interessantes System, das gut funktioniert und so gute Dynamiken innerhalb der Mannschaft entstehen lassen kann.

Packshot zu Pro Evolution Soccer 2016Pro Evolution Soccer 2016Erschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Einige Neuerungen hat aber der MyClub-Modus erfahren, die den Modus für mich zu einem weitaus motivierenderen machen, als es der FUT-Modus von EA derzeit ist. Ja, auch in diesem Jahr funktioniert der Spielerkauf wieder über das Roulette-ähnliche Zufallsprinzip, das bei entsprechender Kombination von guten Agenten zumindest grob modifiziert werden kann. Nein, man kann nicht wie bei FIFA einfach Geld nehmen und sich seinen Wunschspieler holen. Dafür ist die Freude über gute Spieler oder – noch viel besser – Spieler, die in das eigene System passen und sowieso auf der Liste der Lieblingsspieler stehen eine unvergleichlich große, wie es sie im FUT wohl dank dem Leitspruch: „Haste (echtes) Geld, kannst du alles und jeden kaufen“ wohl nie so wirklich geben wird.

Hier muss man sich mit seinen Spielern auseinandersetzen und ihre Stärken und Schwächen kennenlernen, wenn man weiß, dass man sich jetzt aufgrund mangelnder Alternativen eine Weile miteinander arrangieren muss. Das bringt einem nicht nur gute Spieler abseits des eigenen Fan-Radars näher, sondern sorgt auch für eine enge Bindung zu den Spielern, die nun auch leveln können und somit zu einem viel größerem Bestandteil eines funktionierendem Teams werden. So entwickeln sich Spieler von Level 1-30 und können durch entsprechende Erfahrungspunkte nicht nur einzelne Attribute, sondern auch ihre Gesamtstärke erhöhen – und ab Level 30 noch bis Level 50 weiterhin Attribute verbessern, während die Gesamtstärke dann aber die gleiche bleibt.

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Weniger Lizenzen machen kein schlechteres Spiel.
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So sind zwei Thomas Müller in zwei Teams nicht derselbe Thomas Müller, denn die Fähigkeiten können nun variieren, was das Ganze deutlich interessanter und individueller gestaltet. Spieler, die man nicht mehr gebrauchen kann, kann man nun auch zu Übungsleitern machen, die dann beim Training von anderen Spielern verbraucht werden und je nach Übereinstimmung mit dem zu trainierenden Spieler einige Level springen lassen.

Wie aus den letzten Forzas bekannt, könnt ihr nun auch hier ein Cloud-Team bereitstellen, das in eurer Abwesenheit gegen die Teams von anderen Spielern antritt und so je nach Abschneiden für euch GP sammelt. Erfreuliche Neuerung zudem nun die Möglichkeit, mit zwei Trainern bis zu drei Taktiken festzulegen, die alle innerhalb des Spiels zum Einsatz kommen können. Zu Beginn hält sich der Umfang an Wettbewerben abseits der klassischen Ligen-Systeme und Herausforderungspokale noch in Grenzen, wird von Konami aber erwartungsgemäß die nächsten Wochen mit zusätzlichen Herausforderungen, wie man sie schon aus der FUT-Reihe kennt, erweitert.

Rasenschach in Perfektion

Beginnen wir mit dem unrühmlichsten Punkt vorweg: dem deutschen Kommentator. Neben Hansi Küpper hat jetzt nämlich nun Marco Hagemann Platz genommen, der seine Sache wenig überzeugend abliefert. Ach, Butter bei die Fische, der Kommentar ist wirklich grausam und erinnert an die inhaltliche Sinnlosigkeit und emotionslose Schläfrigkeit der Fußballkommentare aus den 90ern. Hier ist der englische Kommentar zwar auch nicht perfekt, aber im Gegensatz zum Deutschen wirklich eine Wohltat.

Besser sieht es da schon auf dem Platz aus. Auch in diesem Jahr sehen die großen Spieler in PES 2016 deutlich besser als beim Konkurrenten aus. Einen Thomas Müller erkennt man nicht nur wegen seinem Gesicht als solchen, sondern auch dank seiner Nase schon im Profil. Die Gesichter besitzen deutlich mehr Tiefe – Auch wenn manche Spieler mit aufgerissenem Mund mitunter noch etwas apathisch wirken und je nach Augenfarbe – so komisch es klingen mag – noch mitunter zwischen ausdruckslos und Massenmörder pendeln.

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Die Stuerung ist direkt, präzise und funktioniert bestens.
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Dafür fällt die direkte Steuerung sofort auf. Jeder Pass, jede Flanke, jeder Positionswechsel wird ohne Verzögerung umgesetzt – Insofern es die Physik mit einem Ball am Fuß natürlich zulässt, wohlgemerkt. Mitspieler laufen sich nicht nur geschickt frei, sondern bilden auch dynamische Anspielstationen bei Ballbesitzfußball, den die Bayern nicht besser spielen könnten. Und hier kommt – nicht zuletzt auch mit der verbesserten Physik-Engine – etwas zum Tragen, das FIFA immer noch versucht, PES 2016 aber umsetzt: eine klare, einfache Steuerung, die trotzdem tiefgängig ist.

Sozusagen das Dark Souls der Fußballspiele, was die Steuerungsmechanik angeht. Easy to learn – hard to master. Hole ich mir Mitspieler zu Hilfe, greifen sie den ballführenden Gegner auch wirklich an – Leser des FIFA-Tests wissen, was ich meine. Pässe sind hier Mittel zum Zweck des großen Ganzen; das Werkzeug, das man für einen sauber durchdachten und perfekt durchgezogenen Spielzug braucht und keine Fähigkeit, die die meisten Profis auf dem Rasen schon wie bei FIFA 16 immer noch zu überfordern scheint. Ich habe nur eine Taste zum Tacklen und eine für meine optionale Verteidigungshaltung. Der Rest spielt sich zwischen den beiden Spielern ab und lässt so mehr Raum für den eigentlichen Zweikampf als eine Orgie aus vier Tasten, die innerhalb von Sekundenbruchteilen jeweils gedrückt werden müssen.

Während ein EA als eines der neuen Gameplay-Features in diesem Jahr die Grätschen gepriesen hat, funktionieren diese bei PES 2016 schon seit dem letzten Jahr genauso – Nur dass es eben nicht groß thematisiert, sondern einfach gemacht wurde. Diese Selbstverständlichkeit, mit der hier die Mechaniken problemlos funktionieren, ohne Frustmomente á la „Das hab ich doch jetzt gar nicht gedrückt“ zu erzeugen, lässt PES 2016 schon fast zum zugänglicheren Titel der beiden Großen in diesem Jahr werden.

Lediglich die Torhüter haben nach wie vor das Problem mit flachen Bällen. Das Wort Bahnschranke trifft es ganz gut, wenn man beschreiben müsste, wie sich die Schlussmänner bei flachen Schüssen verhalten. Das Problem wird zumindest im MyClub-Modus bei einer entsprechenden Teamchemie einigermaßen behoben – es bleibt aber definitiv die Schwachstelle. Denn abseits dessen sind die Bewacher der heiligen zwei Pfosten sehr sicher und eine relativ sichere Bank. Und auch wenn die Lizenzen es nicht umfassend hergeben, kommt im Stadion gute Stimmung auf, bei der das Raunen und Mitfiebern deutlich präsenter als bei FIFA ist – manchmal schon fast zu präsent, wenn ein Raunen durchs Stadion geht, obwohl der Torschuss in Richtung Eckfahne ging.

Womit sich Konami allerdings ein Eigentor geschossen hat, ist die diesjährige PC-Portierung. So wurde der aktuelle Teil nur halbherzig portiert und auch wenn der Unterschied nicht direkt bei der Darstellung der Spielergesichter sofort zu erkennen ist, wurde die PC-Version in vielen Details deutlich abgespeckt und ist für den Preis - und nicht zuletzt der Kennzeichnung als Bundle, um entsprechende Bewertungen der User auf Steam zu verhindern – nicht akzeptabel und wird hoffentlich von Konami zumindest mit einem standesgemäßen Patch entschädigt. Und es sich mit der moddingfreundlichen und deswegen treueren PES-Community zu verscherzen, ist hoffentlich das Letzte, was Konami im Sinn hat. Denn abseits dessen ist PES 2016 vor allem spielerisch so stark wie schon seit Jahren nicht – und für viele sogar das beste PES seit PES 06.

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