Ein bisschen umhören links und rechts, nur schnell die eigene Meinung validieren, dann schreibt es sich gleich viel befreiter. In einer kleinen Branche wie dieser, in der man keinen Stein auf einen Facebook-Freund werfen kann, ohne einen Videospielkollegen zu treffen, ist ein kurzer „Und, was hältst du so davon?“-Chat eher die Regel als die Ausnahme. Für gewöhnlich wenig mehr als gutgemeintes Austauschen von Floskeln, das Abgleichen zweier ohnehin sehr ähnlicher Eindrücke; „Cool?“ – „Cool.“, bittedanke. Wie gesagt: für gewöhnlich.

Womöglich ist das, was uns ab diesem Freitag erwartet, nur die logische Konsequenz eines langen Trends. Seit Tag 1 umgibt Pokémon Tekken eine krude Ambivalenz, eine bizarre Mischung aus Aprilscherz-Eindruck und „Fuck yeah, Pikachu-Luchador!“. Nintendos 721 kleine Goldesel zählen seit nunmehr 20 Jahren zu den eher polarisierenden Marken, haben entweder Fans oder Gegner – insofern waren die extremen Reaktionen auf diese doch recht skurrile Zwangsvermählung mit der Tekken-Serie nicht gerade völlig unvorhersehbar. Nicht die größte Überraschung also, wenn nun auch das uneheliche Kind eines der Liebe-oder-hassen-Sorte ist.

Weniger aufgrund des, diplomatisch formuliert, „gewöhnungsbedürftigen“ Fundaments. Diese Diskussion wird keine über Pokémon per se; wer die Existenzberechtigung der Kerlchen bislang in Abrede stellte, wird nicht die Seiten wechseln, weil hier plötzlich „Prügelspiel“ an einer Stelle unserer Datenbank steht, die sonst für das Rollenspiel-Genre reserviert war. Pokémon Tekken wird nicht für grundverschiedene Meinungen sorgen, weil es ein Pokémon-Spiel, sondern ein enorm unübliches Beat-em-up ist.

Pokémon Tekken - Gotta klatsch 'em all

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Pikachu als Luchador? Mein Main-Charakter stand bereits fest, bevor Pokémon Tekken überhaupt spielbar war.
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Pokémon Stadium Reloaded

Und zumindest einen kleinen Anteil daran trägt die unglückliche Namensgebung. Denn, um euch diesen Zahn gleich mal zu ziehen: Mit Tekken hat diese Wii-U-Umsetzung eines Arcade-Games in etwa so viel zu tun wie Dead or Alive mit Emanzipation. Bis auf dasselbe Entwicklerteam und zwei Gesundheitsbalken am oberen Bildschirmrand teilen sich beide Spiele genau gar nichts. Zwar begann diese Nummer hier ursprünglich als „Tekken-Engine-Spiel mit Pokémon-Charakteren“, allerdings ist davon laut Aussage der Entwickler wenig (lies: nichts) übrig geblieben.

Das degradiert „Pokkén“ längst nicht zu einem Lückenfüller, sorgt aber immerhin für eine etwas realitätsnähere Perspektive. Andernfalls könntet ihr die ersten Stunden so eure Probleme haben, wenn Glurak brav eine Attacke nach der anderen abfeiert, ohne erkennbares Muster oder der Möglichkeit, die einzelnen Angriffe zu einer Kombo aneinanderzureihen. Der Pokémon-Schriftzug im Titel ist deutlich mehr als ein fadenscheiniger Grund, die ohnehin schon leicht deformierten Schädel der Monster weiter zu verunstalten: Im Auftrag von Nintendo hat Bandai Namco sich schon sehr genau überlegt, wie ein Prügelspiel nach Pokémon-Gesetzmäßigkeiten funktionieren würde. Nun kann ich kaum behaupten, vom Ergebnis weggeblasen worden zu sein. Als Freund des hintergründigen Universums weiß ich die Bemühung allerdings sehr zu schätzen; es wäre in jeder Hinsicht einfacher gewesen, dem Pokémon-Kostüm ein 08/15-Prügelspielkorsett überzustülpen.

Packshot zu Pokémon TekkenPokémon TekkenErschienen für Wii U kaufen: Jetzt kaufen:

Stattdessen rund zwei Dutzend simpel ausführbare Manöver für jedes der 16 anthropomorphen Wesen, außerdem eine einheitliche Steuerungsschablone und ein Ansatz, der eher auf ein grundlegendes Gefühl für die innere Logik der Welt als auf flinke Finger und auswendig gelernte Kombos setzt. „Maximale Zugänglichkeit bei hoher Komplexität“ lautet so ungefähr das Motto, das sich Bandai aufs Banner geschrieben hat. Das ist, wie gesagt, aller Ehren wert und so ziemlich das Gegenteil vom Weg des geringsten Widerstandes. Allerdings landet Pokémon Tekken letztlich irgendwo im Niemandsland dazwischen, ist nicht Fisch noch Fleisch.

Pokémon Tekken - Ankündigung für Frühling 2016Ein weiteres Video

Kein Wunder, dass der japanische Arcade-Automat ungeliebt verstaubte: Wer initial einen gängigen Prügler erwartet, sich nur mal schnell mit Kumpels messen will, stolpert hier am laufenden Meter. Das erste Mal spätestens unmittelbar nach Kampfbeginn, wenn immer wieder scheinbar willkürlich zwischen zwei verschiedenen Phasen gewechselt wird: Feld- und Duellphase.

Erstgenannte entspricht weitestgehend dem Schema aktueller Anime-Prügler, lässt euch innerhalb einer von unsichtbaren Wänden begrenzten, sehr überschaubaren Umgebung im dreidimensionalen Raum loslegen. Ihr tänzelt ein wenig umeinander herum, nutzt vor allem auch die verblüffend zahlreichen Distanzangriffe – und findet euch nach wenigen Treffern plötzlich in der Duellphase wieder. 2D-Perspektive und weniger Fernattacken hier, dafür höherer Schaden und überhaupt schon eher das, was man von einem Beat-em-up erwarten würde. Eher, weil der Tekken-Beiname den ihm innewohnenden Implikationen selbst in dieser klassischen Kampfphase kaum gerecht wird.

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16 Pokémon sind nun wahrlich nicht gerade üppig, immerhin unterscheiden sich die Kerlchen aber grundlegend voneinander und spielen sich völlig unterschiedlich.
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Den Verzicht auf Kombos im weitesten Sinn hatten wir ja bereits und bis auf ein enorm reduziertes Block- und krudes Kontersystem, bei dem ihr gegnerische Attacken antizipieren, statt auf sie reagieren müsst, hat all das, ich kann mich nur wiederholen, wenig damit zu tun, was man von einem Spiel dieses Genres erwarten würde. Was für sich genommen längst kein Problem wäre. Smash Bros. etwa schert sich ebenfalls nicht um Konvention, hat das Brechen eben jener vielmehr zur Kür gemacht und Perfektion gebracht, musste sich allerdings auch an keiner bestehenden Welt und deren Gesetzmäßigkeiten abarbeiten. Die größte Stärke von Pokkén ist nämlich zugleich seine Achillesferse: die Vorlagentreue.

Eher der kleinste gemeinsame Nenner als das Beste zweier Welten: Pokémon Tekken hat clevere Ideen, die allerdings nur bedingt Spaß machen.Fazit lesen

Mehr Pokémon als Tekken

Der Elektronager und seine Kollegen wecken gewisse Erwartungen und obschon diese kaum alle erfüllt werden (können), steckt hier doch mehr Pokémon drin, als man vielleicht annehmen würde. Jeder der wenig eloquenten Kämpfer kann im Level aufsteigen, anschließend jeweils einen von vier Statuswerten erhöhen, außerdem gibt es andere Trainer und die typischen Attacken und, nun, „realistische“ Bewegungsmuster. Gluraks Physis entspricht nun nicht unbedingt der eines Menschen, Pikachus schon gar nicht... ihr könnt euch in etwa denken, worauf ich hinaus will.

Dieser Umstand führt zu einem indirekten, wenig nachvollziehbaren Kampfgeschehen. Statt Schlägen und Tritten schleudert ihr euch Donnerblitze und Feuerbälle um die Ohren, was ehrlich gesagt ziemlich fett aussieht, zudem perfekt zur Vorlage passt. Nur lebt ein Prügelspiel aber auch von einem Mindestmaß an Direktheit, an der plausiblen Evidenz dessen, was da gerade auf dem Bildschirm abgeht. Bei Pokémon Tekken hingegen fühlt es sich bisweilen so an, als würdet ihr die einzelnen Attacken lediglich auswählen und nur passiv ihrer Ausführung beiwohnen. Das war bis zu einem gewissen Grad vermutlich sogar die Intention hierhinter und liest sich schlimmer, als es tatsächlich ist. Ihr habt schon noch jederzeit die volle Kontrolle, so ist es nun auch nicht – was fehlt, ist vielmehr ein Gespür für die Wucht und das, was ihr gerade ausgelöst habt.

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Eine langweilige Liga, ansonsten kaum mehr als das absolute Minimum, mit dem ihr euch beschäftigen könnt.
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Diesem latent unpräzisen Ablauf wirkt Bandai Namco mit einer Handvoll strategischer Mechaniken entgegen. Es gibt einen für überzeichnete Spiele dieser Bauart typischen Superduper-Modus, der euch eine begrenze Zeit schneller, stärker und überhaupt viel krasser sein lässt, außerdem eine besonders dicke, auf Knopfdruck abrufbereite Spezialattacke ermöglicht: jederzeit ausführbar und absurd leicht zu blocken. Dazu im Kampf einsetzbare „Helfer-Pokémon“ mit unterstützenden Fähigkeiten wie leichter Heilung oder Angriffen auf den Gegner sowie ein bisschen mehr Klein-Klein. Alles nettes Zeug, durchaus gut gedacht und allemal hübsch inszeniert, wie ohnehin so ziemlich alles, was ihr hier zu sehen bekommt. Bis auf die durchaus spielentscheidenden Finisher ist das aber kaum mehr als nice to have und viel weniger spielrelevant, als sich das die Entwickler wohl wünschen würden.

Das war's schon?

Und ohne langfristig motivierende Kämpfe wird das Eis ziemlich dünn, denn Pokkén tut nicht mehr als unbedingt nötig, um euch bei Laune zu halten. Gut möglich, dass hier die Wurzeln des Arcade-Automaten durchschimmern, andererseits: Bei einer Portierung auf die Wii U sollte womöglich sichergestellt werden, ein bisschen mehr zu implementieren als fadenscheinige Gründe, sich gegenseitig einen neuen Scheitel zu ziehen. Das absolute Minimum ist – wäre ja auch noch schöner – natürlich vorhanden: lokale und Online-Matches, außerdem ein ganz brauchbarer Trainingsmodus und die Aneinanderreihung gleichförmiger Kämpfe, die hier Story-Modus genannt wird. Vielleicht sollte man nicht alles nachmachen, was Street Figher vorlebt.

Das ist, zumindest in meiner Welt, wenig mehr als okay, jedenfalls weit entfernt vom frenetischen Jubel, den andere Kollegen für Pokémon Tekken übrig haben. Ihre Argumentation ist eine weniger mechanische als meine, eine, die vor allem auf die logische Verknüpfung der einzelnen Attacken abzielt – etwas, das es in diesem Bereich bislang nun wirklich kaum zu sehen gab. Diese Meinungen stehen keinesfalls in einem unauflösbaren Widerspruch miteinander, ergänzen sich vielmehr und zeigen, dass Artikel wie diese immer auch zwingend subjektiv gefärbt sind. Auf welcher Seite ihr am Ende steht, ist vor allem damit verknüpft, welche Erwartungen ihr an ein Spiel stellt, das Pokémon mit Tekken verbinden will.