20 Jahre wird die Pokémon-Marke 2016 alt. 20 Jahre! Und in dieser Zeit haben sich die kleinen Monster nicht nur vermehrt wie die Karnickel, sondern auch über 100 verschiedene Spiele hervorgebracht. Ein Jubiläum, das es zu feiern gilt – und das natürlich nicht nur mit einem TV-Spot zum Super Bowl, sondern auch in guter alter Videospielform. Im ersten Pokémon in diesem Jahr schlüpfen wir allerdings nicht in die Haut eines Trainers, sondern in die aller 720 Pokémon.

Pokémon Super Mystery Dungeon - Vorbereitung auf das AbenteuerEin weiteres Video

Das mag zunächst ungewohnt klingen, doch eigentlich ist das Prinzip ganz und gar nicht neu und schon halb so alt wie die Marke Pokémon selbst. Vor zehn Jahren erschien das erste Pokémon Mystery Dungeon für den Game Boy Advance – seither hat sich daraus eine Ablegerserie entwickelt. Pokémon Super Mystery Dungeon ist ihr jüngster Spross und ein netter, kleiner, sympathischer Dungeon Crawler, der aber an den entscheidenden Stellen nicht genug aus seinen Möglichkeiten macht.

Moment – Pokémon und ein Dungeon Crawler? Richtig: In Pokémon Mystery Dungeon wird man als Spieler in die Lage der kleinen Taschenmonster versetzt und erkundet fortan zufallsgenerierte Dungeons, sucht nach versteckten Schätzen und Objekten, wagt sich Etage für Etage tiefer in das Labyrinth hinein. Für jemanden wie mich, der nie zuvor ein Mystery Dungeon gespielt hat, war das zunächst ein ziemlich bizarres Szenario. Mit Flemmli, Pikachu und Mauzi durch Höhlen laufen und Schätze sammeln? Pokémon, die miteinander reden? Aber hat man sich erst einmal ein bisschen an das schräge Szenario gewöhnt, freundet man sich sogar schnell damit an. Vor allem auch deshalb, weil die 720 Pokémon dank gelungener Dialoge alle auch ihre eigene Persönlichkeit besitzen und sich gegenseitig mit kecken Sprüchen auf die Schippe nehmen. So macht es viel Spaß, den Unterhaltungen zu folgen – auch wenn sie mitunter sehr lange dauern können und alles damit etwas zu textlastig wird.

Pokémon Super Mystery Dungeon - Glumanda muss in den Wasserdungeon

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Kleine Monster vor tristem Grund – an diesen Anblick solltet ihr euch gewöhnen.
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Das ist vor allem deshalb etwas störend, weil die Geschichte selbst erzählerisch nicht allzu viel hergibt. Ihr – eigentlich ein menschlicher Pokémon-Trainer – wacht eines Tages plötzlich als Pokémon auf und das in einer Welt, in der es keine Menschen gibt. Hier leben Blanas, Plinfa und Schnuthelm glücklich zusammen, Onkel Porenta unterrichtet in der Schule, tagsüber wird in Dungeons nach Geld und Schätzen geschürft. Natürlich wird die Idylle schon bald von einer seltsamen Macht getrübt, natürlich stecken finstere Widersacher dahinter – und natürlich sind Freundschaft und Zusammenhalt wichtige Werte, um dem Bösen auf die Schliche zu kommen und das Mysterium dieser Welt zu lüften.

Pokémon wäre nicht Pokémon, würde es sich nicht durchweg familienfreundlich präsentieren. Aber in Super Mystery Dungeon ist vieles doch arg auf eine sehr junge Zielgruppe getrimmt – für erwachsene Pokémon-Fans kann das durchaus zum Problem werden. Was vor allem deshalb schade ist, weil das Spielkonzept dahinter alles andere als kindisch ist und gezielt auf ein vorausschauendes Planen, eine clevere Positionierung der Pokémon im Spielfeld und ein intelligentes Ressourcenmanagement setzt.

Packshot zu Pokémon Super Mystery DungeonPokémon Super Mystery DungeonErschienen für 3DS kaufen: ab 27,95€

Hinter der putzigen, aber eben doch sehr kindlichen Fassade verbirgt sich nämlich ein tatsächlich recht kompetenter Dungeon Crawler, der das typische rundenbasierte Pokémon-Kampfsystem auf interessante Weise in ein gänzlich anderes Genre transferiert. Im Prinzip funktionieren die Kämpfe ganz genauso wie in den großen Hauptteilen der Serie – inklusive AP-Counter (Aktionen können nicht unbegrenzt oft eingesetzt werden) und allen gängigen Pokémon- und Effekttypen.

Pokémon Super Mystery Dungeon - Glumanda muss in den Wasserdungeon

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Pikachu ist bereits Level 50, hat aber noch immer keinen Donnerstein bekommen? Was ist da los?!
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Der Clou in Mystery Dungeon: Die Pokémon in der eigenen Gruppe – man zieht mit bis zwei monsterlichen Mitstreitern los – lassen sich auf dem Spielfeld bewegen. In einem achteckigen Raster kann man sich folglich direkt seitlich oder schräg diagonal gegenüber einem Gegner positionieren – je nachdem, wie weit man entfernt ist oder in welcher Position man zu ihm steht, ergeben sich daraus taktische Vorteile. Ein Hydropi etwa kann mit Aquaknarre bis zu drei Felder in gerader Linie abdecken, dem ein Machollo ohne Fernkampfangriffe für zwei Runden schutzlos ausgeliefert wäre – denn jede Runde kann man nur einen Angriff ausführen oder einen Schritt auf dem Raster tätigen. So lohnt es sich, vorausschauend zu agieren und nicht beherzt draufloszustürmen – ein spannendes Konzept.

Besondere Bedeutung kommt den Items zu, von denen man bis zu 24 im Inventar mit sich tragen kann. Belebersamen etwa sind wichtig, um nach einem K.O. wieder aufstehen zu können. Äpfel sind essentiell, um in den tiefen Dungeons nicht zu hungern. Ebenfalls unerlässlich: Sinelbeeren, um KP zu heilen, und Elixiere, um die Aktionspunkte wieder aufzuladen, wenn ein Angriff komplett aufgebraucht wurde. Und dann gibt es neben diversen Zweigen und Bombenpulversorten ja auch noch die neuen „Ringel“: Armbänder, in die man Edelsteine einsetzen kann, um Boni zu erhalten. Kein Wunder also, dass die 24 Slots ischnell gefüllt sind – und dann gilt es, das Inventar sorgfältig zu organisieren.

Ein netter, kurzweiliger, sympathischer Start in das neue Pokémon-Jahr – aber keiner, der dem 20. Geburtstag der Serie gerecht werden kann.Fazit lesen

Das ist es auch, was die Erkundung der Dungeons gerade für kurze Sitzungen spaßig macht, denn für ein Spiel, das sich zweifelsohne an Kinder richtet, ist Super Mystery Dungeon teilweise angenehm knifflig. Gerade in den Bosskämpfen kann ein schlechtes Inventarmanagement schnell zu großen Problemen und schlussendlich sogar zum Game Over führen. Nicht unbedingt etwas, was man von Pokémon gewohnt ist – und genau deshalb auch sehr cool.

Pokémon Super Mystery Dungeon - Glumanda muss in den Wasserdungeon

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Die Gespräche sind tatsächlich ganz nett. Kaum zu glauben, dass wir das mal von einem Pokémon-Spiel sagen würden.
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Allerdings ist es nicht genug, um vom größten Problem des Spiels abzulenken: der fehlenden Vielfalt im Leveldesign und Spielverlauf. Stellt euch darauf ein, immer und immer wieder ähnlich aufgebaute und teilweise identisch aussehende Labyrinthe zu erkunden und auf unzählige lästige kleine Gegner zu treffen. Die Zufallsgenerierung der Levels erweist sich hier eher als Nach- denn Vorteil, da es einfach an markanten Strukturen und außergewöhnlichen Ideen mangelt. Für den Wiederspielwert und gerade in einem Dungeon Crawler ist es sinnvoll, quasi unendlich viele Level zu haben. Aber wenn diese sich dann ständig identisch anfühlen, interessieren sie auch niemanden mehr.

Gerade angesichts des 20. Geburtstages der Serie hätte Super Mystery Dungeon an vielerlei Stellen mehr Hingabe nötig gehabt – auch stilistisch. Die 720 Pokémon sind zwar klasse in Szene gesetzt, die Dungeons selbst aber eine optische Tristesse sondergleichen, meistens von Stockwerk zu Stockwerk völlig identisch im Design und häufig alles andere als hübsch. Und eine Frage habe ich mir das ganze Spiel über gestellt: Wieso darf ich in jeder Nebenmission das zu steuernde Pokémon aussuchen, bin aber in der Hauptgeschichte stets auf mein Starter-Pokémon festgelegt? Das ist eine blöde Regelung, denn spätestens dann, wenn man mit einem Flemmli einen Wasserdungeon erkundet und nicht zum Pikachu in der zweiten Reihe wechseln darf, kann es richtig frustrierend werden.