Alle starren auf ihre Handys und wandern blind für ihre Umgebung durch die Straßen der Stadt. Sie sind auf der Suche nach den seltensten Pokémon, verschießen ihre Pokébälle im Gewehrfeuertakt und laufen hier und dort auch mal gegen eine Straßenlaterne. Für wenige Tage habe ich den Spaß mitgemacht, doch dann war einfach die Luft raus. Mir fehlte etwas. Und dieses Etwas war leider sehr groß und beinhaltete viele der Elemente, die ich als Grundsäulen der Spielreihe verstehe. Also hieß es ausharren, bis Pokémon Sonne & Mond veröffentlicht wird … Lange Rede, wenig Sinn: Hier sitze ich nun und spiele das Fanprojekt Pokémon Reborn – ich konnte einfach nicht mehr länger warten.

Pokémon Reborn ist ein äußerst umfangreiches Projekt, welches von Nintendo nicht weiter beachtet wird (oder etwa doch?), mit dessen Existenz der riesige Konzern jedoch keine Probleme zu haben scheint. Man lässt die Fans gewähren und ihren Spaß haben. Letztendlich ist man von dem eigenen Franchise absolut überzeugt und fürchtet keine Konkurrenz auf diesem Niveau. Doch wenn ich nach zig Stunden etwas gelernt habe, dann, dass sich der japanische Papa der Pokémon hier und dort noch etwas abschauen kann und vielleicht auch sollte.

Eine Spielreihe über so lange Zeit weiterzuführen bedeutet nämlich nicht, lediglich an Menge der zu fangenden Mini-Monster zuzulegen und die Grafik in geordneten Bahnen aufzufrischen. Nein, das ganze Universum muss wachsen, sich dann und wann selbst neu erfinden und am Gameplay rumschrauben, bis es nicht mehr zu verbessern ist. Klar, Nintendo macht genau das immer wieder. Aber meiner Meinung nach nicht annähernd umfangreich genug. Dieses Verständnis wurde gefestigt, als ich gesehen habe, was für gute Ideen die aktuelle Version von Reborn mit sich bringt.

Pokémon Reborn vs Sonne & Mond - Pokémon Go Home: Was die neuen Editionen von einem Fanprojekt lernen können

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Reborn schlägt einen sehr düsteren Ton an – anders als die Originale
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Pokemon Sonne & Mond besser machen

Größter Propunkt ist, dass man alle bereits bekannten 721 Pokémon sammeln kann. Etwas, das wir bei jedem neuen Teil zu hoffen wagten, aber nie bekamen. Sei so einfach nicht machbar, war stets schelmisch grinsend die Antwort. Scheinbar doch. Und das gar nicht mal plump, denn die Wege, an alle Pocket Monster zu gelangen, sind hier äußerst vielfältig und teilweise sogar sehr clever. Vom bloßen Fangen über Rettung vor anderen Menschen und Tieren bis hin zum Preis in einem Gewinnspiel. Die Tages- und Nachtzeit wird dabei genauso berücksichtigt wie Wetter und wechselnde Umgebung.

Das kann Nintendo auch und zwar schon lange. Und mit jedem Teil immer besser. Also: bitte, bitte! Macht es eines Tages möglich, dass wir das volle Spektrum dieser putzigen Wesen genießen können; wir warten und wissen jetzt, dass es die Spielwelt nicht beschädigen würde … Worauf warten wir noch? Von meiner Seite aus auf etwas mehr Herausforderung. Ich habe jeden Teil seit 1999 gespielt und obwohl ich stets durchaus meinen Spaß hatte (und manchmal sogar mehr als das, denn Eis-in-der-Waffel-Pokémon sind schon ein Gag für sich), habe ich gleichzeitig frustriert festgestellt, dass es irgendwie immer einfacher wird.

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In der letzten Edition habe ich kaum noch im hohen Gras zum Trainieren suchen müssen, weil die Arenaleiter auch so keine wirkliche Gegenwehr zu bieten hatten. Wilde Pokémon zu suchen, war irgendwann nur noch eine Frage der Sammelwut und an Orden zu gelangen nur noch ein bloße Notwendigkeit. Entsprechend überrascht war ich, als mir die erste Arenaleiterin in Reborn ordentlich Paroli geboten hat und bereits der zweite Leiter meinen kleinen Kämpfern den Arsch versohlte.

Packshot zu Pokémon Sonne & MondPokémon Sonne & MondRelease: 3DS: 23.11.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Selten habe ich so gut abgestimmte Pokémon-Teams gesehen, die tatsächlich das bezeichnet tun, was auch ihre ursprüngliche Aufgabe war: den Spieler testen, herauszufinden, ob er gut genug ist, der Beste zu werden, wie keiner vor ihm war. Wer hier bestehen will, muss die richtigen Typen mit den richtigen Fähigkeiten im richtigen Moment nutzen. Und nicht einfach nur die härteste Attacke in das Gesicht des Gegners drücken, bis dieser kopfüber auf den Boden klatscht.

Was diese Widersacher noch gemeiner macht, ist, dass sie alle auf einem Feld kämpfen, das ihre natürlichen Attacken verstärkt. Dieses Umgebungssystem bekommt Reborn tatsächlich besser hin als sein offizieller großer Bruder. Wenn es Feen- und Geister- und Was-weiß-ich-noch-Pokémon gibt, dann ist es kaum weiter hergeholt, wenn es auch entsprechende Orte gibt, die ihre Kraft pushen. Kristallhöhlen, vergifteter Boden und pure Dunkelheit seien nur mal als Beispiele in den Raum geworfen.

Pokémon Reborn vs Sonne & Mond - Pokémon Go Home: Was die neuen Editionen von einem Fanprojekt lernen können

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Das ehrgeizige Reborn-Fanprojekt bietet mehr als genug gute Ideen, von denen sich Nintendo inspirieren lassen kann.
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Dieses Prinzip zieht das Fanprojekt auch konsequent durch und erlaubt, dass die Bedingungen im Kampf zu euren Gunsten oder Nachteil ausfallen können. Man muss clever sein und leider muss ich zugeben, dass diese Eigenschaft für mich schon lange nicht mehr in einem Pokémon-Spiel notwendig gewesen ist. Mit einer starken Flammenattacke den Wald abbrennen, mit Gift den Boden verunreinigen, sodass "Verwurzler" jede Runde Schaden austeilt statt zu heilen … Das sind gute Ideen, die ich mir in Zukunft auch in einem offiziellen Teil wünsche.

Klar, so düster wie Reborn darf Pokémon vonseiten Nintendos niemals werden. Raub, Mord, Tierquälerei, Umweltverschmutzung – das sind nicht unbedingt die Themen, die der Zielgruppe gerecht werden. Aber dieser kleine Abstecher ins Giftland, fernab der Regenbogen- und Lollipopwelt, die wir seit knapp 17 Jahren präsentiert bekommen, tat doch erstaunlich gut. Etwas zu hart, wohl wahr, aber ebenfalls ein guter Ansatz. In der heutigen Zeit sind viele Fans der Reihe schon keine Teenager mehr. Und auch, wenn primär Kinder erreicht werden sollen, so darf man ihnen ruhig mal eine Welt und Gegenspieler anbieten, die nicht nur dem Anschein nach negativ wirken und ganz schnell ihren weichen Kern offenbaren. So funktioniert das Leben nicht – und dieser Tatsache darf man sich ruhig stellen.

So viel mehr, das man jetzt erwähnen könnte und nur so wenig Platz. Aber die Grundidee kam vielleicht an. Die Hoffnung, Nintendo zückt die Lupe und lässt sich seinerseits inspirieren, nachdem die Firma genau das bei so vielen anderen schon erreicht hat. Bitte bringt nicht einfach die gleiche Suppe zu Tisch 3 wie immer, nur in einer größeren Schüssel und stets mit neuen, schönen Verzierungen. Nutzt mal andere Gewürze. Testet. Spielt. Seid, was ihr immer wart: experimentierfreudig. Bei einer neuen Generation muss Interesse geweckt werden, um das Franchise zu sichern, keine Frage. Doch vergesst dabei uns nicht. Die alten Säcke, die immer noch einen Game Boy im Nachttisch zu liegen haben.

Pokémon Reborn vs Sonne & Mond - Die Geschichte der Pokémon - wie die Taschenmonster die Spielewelt eroberten

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