Irgendjemand meckert immer. Weil sich die Fortsetzung zu sehr am Vorgänger orientiert. Weil die Fortsetzung zu stark vom Vorgänger abweicht. Weil früher sowieso alles besser war. Am Entwirren dieses gordischen Knotens der Spielefortsetzungen haben sich schon einige Entwickler die Finger verheddert und je länger eine Reihe besteht, je tiefer ihr Fahrwasser ist, desto undankbarer wird dieser Job. Die Jungs und Mädels drüben bei Game Freak können ein Lied davon singen.

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Ist nicht so ganz einfach, diesen einen Moment konkret zu benennen. Den entscheidenden Punkt, an dem der Rückhalt des eigenen Erfolgs weniger beflügelt als vielmehr zur zentnerschweren Bürde wird, an dem es statt „Macht mal nur so weiter, die Leute werden's schon kaufen“ plötzlich „Wenn ihr so weitermacht, wird das bald niemand mehr kaufen“ heißt. Von Call of Duty bis Assassin's Creed sehen sich irgendwann alle Massenmarktspiele mit dem kniffligen Spagat aus sinnvoller Progression bei gleichzeitiger Markentreue konfrontiert. Wer an der originären Formel zu viel herumschraubt, vergrault womöglich das Bestandspublikum. Wer hingegen immer und immer wieder alten Wein in neuen Schläuchen präsentiert, läuft Gefahr, eben diese Gruppe zu langweilen, bis sie schließlich ganz abspringt – vom Gewinnen neuer Interessenten ganz zu schweigen.

Ich erzähle den wenigsten von euch etwas Neues, wenn ich nun sage, dass ihr kaum einen Stein werfen könnt, ohne einen Entwickler zu treffen, der sich nicht für letztere Methode entscheidet. Konservative Strategien sind in Zeiten von Millionenbudgets und sportlichen Gewinnprognosen zumeist das kleinere Übel; lieber die treuen Schäfchen ins Trockene holen, bevor sie sich nach einem Wetterumschwung in alle Himmelsrichtungen zerstreuen.

Pokémon Sonne & Mond - Mega-Entwicklung?

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Das Design der Pokémon ist natürlich Geschmacksfrage, aber zumindest bin ich bislang keinen Totalausfällen über den Weg gelaufen, von denen es in den vergangenen Editionen doch immer mal wieder einige gab.
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Nun kommen bei Pokémon noch einige weitere Faktoren hinzu – das alte Lieben-oder-Hassen-Dogma als einer der gewichtigsten –, doch kann ich kaum behaupten, diese zurückhaltende Gleichförmigkeit nicht gespürt zu haben bei einer Marke, die ich als Viertklässler noch inhaliert habe, ihr im Laufe der Jahre nicht mit einem gewissen Fatalismus begegnet zu sein. Vor diesem Zwischen-den-Stühlen-Hintergrund hat sich Entwickler Game Freak seit jeher an der utopischen Aufgabe versucht, das Unvereinbare zu vereinen, den sprichwörtlichen Wurzeln ihres Goldesels treu zu bleiben und gleichwohl mit neuen Impulsen entscheidend voranzubringen. Ein Vorhaben mit angezogener Handbremse, zugegeben, zumal subversive Mechaniken – wir sprechen hier immerhin vom Wohl und Wehe einer Reihe, deren Hauptspiele allein über 200 Millionen Einheiten abgesetzt haben – im Zweifel eher im Schredder als im Programmcode landeten.

An dieser Herangehensweise werden, machen wir uns nichts vor, auch Sonne und Mond nichts ändern. Doch wenn wir von den vergleichsweise progressiven X- und Y-Editionen mal absehen, stellt dieser Streifzug durch die Hawaiianische Alola-Region womöglich einen der bislang mutigsten dar. Um euch diesen Zahn allerdings gleich zu ziehen: Die Grundformel bleibt auch diesmal weitestgehend unangefasst. Wenn ihr solch eine Erfahrung sucht, seid ihr mit dem Fanprojekt Pokémon Reborn vielleicht besser beraten – und würdet unter Umständen trotzdem einen Fehler machen, die neue Generation ungesehen unter „more of the same“ zu verbuchen.

Packshot zu Pokémon Sonne & MondPokémon Sonne & MondRelease: 3DS: 23.11.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Konkurrenz belebt das Poké-Geschäft

Wobei es mit „ungesehen“ ohnehin so eine Sache ist, dürfte es schließlich schwerfallen, ausgerechnet die neuen Pokémon-Spiele zu übersehen. Weniger, weil Nintendos PR-Team mit regelmäßigen Infohäppchen und sehenswerten Trailern einen tollen Job darin macht, das Interesse konstant aufrechtzuerhalten. Vielmehr, weil man den neuen Teilen ihre größte Änderung auf den ersten Blick ansieht.

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Keine Kampfmaschinen, sondern Freunde: Die Beziehung zu euren Taschenmonstern soll eine größere Rolle als bisher spielen.
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Nachdem bereits X und Y mit den Pferdchen unter der 3DS-Haube ein paar zaghafte Schritte Richtung 3D-Welt machten, ermöglicht ein Engine-Wechsel nun endlich so etwas wie wirklich zeitgemäße Grafik, wenn man die Leistung der Plattform im Hinterkopf behält, auf der man gerade dutzende Stunden versenkt. Wir reden hier nicht länger von vorsintflutlichen Perspektivspielereien: Euer Sonne- und Mond-Trainer ist endlich größer als achteinhalb deformierte Pixel, bewegt sich nicht mehr in einem festgelegten Acht-Wege-Raster, sondern stufenlos in einer vollständig modellierten, dreidimensionalen Welt. Mein neunjähriges Ich kreischt vor Freude (und auch der Redakteur in mir nickt anerkennend).

Ein begrüßenswerter, vor allem aber längst überfälliger Schritt – auch und gerade vor dem immens fotogenen Yo-Kai Watch. Ohne historische Altlasten und mit ähnlichen Konzept zeigt die Nintendo-eigene Pokémon-Konkurrenz seit nunmehr drei Jahren, wie ein modernes Monster-Rollenspiel auszusehen hat, bot bereits Anime-Zwischensequenzen und schicke 3D-Optik, als Pikachus Kumpels noch so aussahen.

Pokémon Sonne & Mond ist die nuancierte Weiterentwicklung eines unverwüstlichen Erfolgskonzepts, das vor allem technisch ein paar wichtige Schritte nach vorne macht.Ausblick lesen

Jetzt gehören Zwischensequenzen und derlei auch bei Game Freak zum täglich Brot, die sichtbar zufrieden mit dem neuen Anstrich sind und ihn gern zur Schau stellen. Sonne und Mond haben es nicht eben eilig, euch in den erstbesten Kampf zu werfen, lassen sich dafür sehr ordentliche 30 Minuten Zeit, was eine halbe Ewigkeit in Pokémon-Maßstäben ist. Zuvor kommt ihr erst einmal an in eurer neuen Heimat, wortwörtlich, wenn euer aufgeweckter Dreikäsehoch sein eben erst bezogenes Häuschen verlässt, sich von Mutti und Hauskatze Mauzi verabschiedet, um eine Runde durch die neue Nachbarschaft zu drehen. Es ist nicht eben Shakespeare, was ihr in dieser Zeit erlebt, aber inszenatorisch alles doch eine ganz andere Nummer als in früheren Teilen.

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Hat doch tatsächlich jemand sein Pikachu zu Raichu weiterentwickelt. Welches Monster tut so etwas?!
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Überhaupt ist da in Momenten wie diesen die stille Hoffnung, der frische Anstrich wird mehr sein als hübsche Fassade, könnte sich als Vehikel für eine Rahmenhandlung erweisen, deren Texteinblendung man auf der Jagd nach dem nächsten Begleiter nicht geflissentlich wegdrückt. Keine allzu unwahrscheinliche Möglichkeit, wenn ich an die Ninjas denke, die Nintendo mir während meines Besuchs in Frankfurt auf den Hals zu hetzen drohte, sollte ich euch bestimmte Storydetails der ersten beiden Spielstunden verraten. Hat da jemand was zu verheimlichen? Gegenfrage: Kennt ihr ein gutes Zeugenschutzprogramm?

Spieler sollen Pokémon anhand ihrer Bewegungen und Emotionen observieren können, statt sie nur als ein Bündel verschiedener Zahlenwerte zu betrachten, erklärten Director Shigeru Ohmori und Produzent Junichi Masuda in einem ausführlichen Famitsu-Interview. Grafik kann und müsse immer auch mehr sein als purer Selbstzweck und wenn die neue Engine einen großen Vorteil ermögliche, dann vor allem jenen, ihre zähmbaren Kumpanen nahbarer, authentischer zu gestalten. Das ist vor allem deshalb sinnvoll, als das Band zu euren Rackern tatsächlich ein engeres werden soll. Pokémon sind eure Freunde, keine lethargischen Kampfmaschinen, insofern ist es in beidseitigem Interesse, sie nach einem Kampf ein wenig zu pflegen, ihnen jene Aufmerksamkeit und Zuneigung zu schenken, die sie verdient haben. PokéPause nennt Game Freak dieses nicht ganz unwichtige Element, das auch PokéMonAmi 2.0 heißen könnte und erst noch beweisen muss, ob es der guten Idee dahinter gerecht wird.

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Es gibt keine tiefschürfende Charaktererstellung, aber jede Menge Klamottenläden, in denen ihr euch austoben und individualisieren könnt.
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An Anlässen, den Poké-Doktor zu mimen, wird es jedenfalls nicht fehlen, denn so sehr die neuen Editionen anfangs noch auf die Bremse treten, so schnell legen sie jegliche Scheu ab, sobald sie euch erst mal beschnuppert haben. Zufallsbegegnungen sind immer noch in einer Frequenz vorhanden, die wohlwollendere Naturen unter euch vielleicht als „trainingsfreundlich“ bezeichnen würden, aber auch mit „ICH BIN DOCH NUR ZWEI VERKACKTE SCHRITTE GELAUFEN!“ einigermaßen treffend beschrieben wären. Pokémon, wie man es kennt und liebt (oder eben hasst). Den Wunsch, die Monsterchen bereits umherstreunend in der Welt sehen zu können, um ihnen auf Wunsch aus den Weg gehen zu können, müssen wir uns jedenfalls für eine mögliche NX-Version aufheben.

Es gibt also ganz gut zu tun, online und gegen andere Spieler sowieso, wenn ihr euch etwa in den „Battle Royale“ getauften Vier-Trainer-Kämpfen eure Sporen verdienen wollt, in denen der Sieger anhand der besiegten und ihm verbliebenen Pokémon ermittelt wird. Es ist eines von dutzenden Features, die ich euch nun ewig und drei Tage herunterbeten könnte, nur will ich das weder euch noch mir zumuten. Klickt euch durch die offizielle Webseite, dreht ab nächstem Dienstag in der Demo eure Runden oder vertraut mir, wenn ich uns allen ab dem 23. November ein paar zusätzliche Augenringe prophezeie.