Angefangen beim Game Boy über das Nintendo 64 hin zum Nintendo 3DS: Pokémon-Spiele erschienen in den letzten 20 Jahren primär für Hardware des japanischen Videospielriesen Nintendo. Umso mehr darf man gespannt sein, wie Pokémon Go angenommen wird – eine schweißtreibende Free2Play-Geo-Schnitzeljagd für iOS und Android von den Ingress-Machern Niantic. Was genau es mit dem ersten namhaften, noch für 2016 geplanten Pokémon-Spiel für Smartphones auf sich hat, konnte ich nun bei einem sehr ungewöhnlichen Hands-on-Event in London herausfinden.

Anthony Cornish, Pressesprecher von The Pokémon Company ist leicht nervös, als er geladenen Journalisten am 2. Juni in einem idyllischen Stadtpark im Westen Londons jeweils ein iPhone 6 samt vorinstallierter App mit dem Namen Holoholo Dogfood in die Hand drückt. Was auf den ersten Blick nach einer schrillen Applikation für schmackhafte Hundefutterrezepte klingt, bezeichnet in Wirklichkeit den Codenamen für die Betaversion von Pokémon Go.

„Das Spiel ist noch nicht auf dem Markt, also seid bitte vorsichtig, wenn ihr Zivilisten über den Weg lauft. Rentner werden sich wahrscheinlich nicht dafür interessieren – alle jünger als das dagegen schon“, gibt Cornish mahnend zu verstehen, als die ersten Schreiberlinge beginnen, die App genauer in Augenschein zu nehmen. Einen knapp fünfminütigen Crash-Kurs zu Pokémon Go später, darf der Trupp dann endlich losmarschieren – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Pokémon Go ist – genau wie Ingress vom selben Entwickler – ein „Location Based Game“, das die Spielwelt auf Basis aktueller Google-Maps-Kartendaten umsetzt.

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Will ich auf der Karte also den Weiher in einigen hundert Metern nordöstlicher Richtung erreichen, muss ich meine Beine tatsächlich in die Hand nehmen und zu eben diesem Gewässer laufen. Oder um es mit den Worten von John Hanke, Gründer von Niantic auszudrücken, der gamona später noch Rede und Antwort steht: „Der Aktivitätsfaktor spielt eine wichtige Rolle. Man muss rausgehen und sich bewegen, um zu spielen.“ Und da Google Maps nun mal den ganzen Globus abdeckt, spielt es fast keine Rolle, wo man auf die Jagd geht. „Du kannst es sogar in der Antarktis oder am Nordpol daddeln“, sagt Hanke. „In Nordkorea dagegen klappt’s meines Wissens nach aus technischen Gründen nicht. Und auch mit Iran gibt’s Probleme – primär politischer Natur. Doch abseits dieser wenigen Ausnahmen funktioniert es fast überall.“

Schnapp sie dir alle!

Vorrangiges Spielziel bei Pokémon Go“: Zum erfahrenen Pokémon Trainer aufsteigen und dem eigenen Trainer-Team helfen, möglichst zahlreich Basen – sogenannte Gyms – auf der Weltkarte zu erobern. Damit dieses ambitionierte Unterfangen gelingt, habe ich serientypisch die Aufgabe, möglichst viele der insgesamt 100 zum Launch verfügbaren Pokémon einzufangen und aufzuleveln.

Pokémon Go - Poké-Jagd in freier Wildbahn

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Taucht ein Pokémon auf, vibriert das Handy und zeigt die Kreatur als nett animiertes 3D-Modell in einer schicken Augmented-Reality-Ansicht.
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Praktisches Hilfsmittel in diesem Zusammenhang ist die „In der Nähe“-Anzeige. Auf einen Blick zeigt sie mir an, welche Pokémon sich in der Nähe meines Standorts aufhalten – grobe Entfernungsangabe inklusive. Da mein Radar jedoch keine exakte Laufrichtung ausgibt, sondern lediglich einen ungefähren Suchbereich auf der Karte definiert, ist ein bisschen Geduld und Experimentierfreude gefragt. Die Folge in meinem Fall: Das Mobiltelefon wie eine Art Kompassnadel vor mich haltend, grase ich Suchbereich für Suchbereich in meinem Umfeld systematisch ab. Erste Passanten schauen schon skeptisch hinüber, mich hingegen stört das herzlich wenig. Denn nach nicht einmal zehn Minuten haben mich Jagdfieber und Ehrgeiz gepackt.

Packshot zu Pokémon GoPokémon GoRelease: Android, iOS (iPad / iPhone / iPod): 2016 kaufen: Jetzt kaufen:

„Wo zum Geier könnte sich dieses verdammte Abra verstecken?“, schießt es mir noch durch den Kopf, als mein iPhone plötzlich zu vibrieren beginnt und Abra in einer Art Augmented-Reality-Ansicht – Invizimals für PS Vita lässt grüßen – auf meinem Bildschirm auftaucht. Ich sehe also das Suchfenster der Handykamera und darin eingeblendet ein hübsch animiertes 3D-Pokémon. Der Clou: Weil die Kamera just in diesem Moment auf einen Pressekollegen zeigt, sieht es tatsächlich so aus, als würde sich das Abra auf dessen Schulter räkeln. Ziemlich witzig – und zweifelsohne ein tolles Motiv für die Schnappschussfunktion von Pokémon Go.

Immer die Ruhe bewahren

Wer mag, kann die Augmented-Reality-Spielereien allerdings auch abschalten und das Pokémon in einer grafisch gestalteten Spielumgebung fangen. In beiden Fällen gilt: Erst wenn es mir gelingt, den Pokéball am unteren Bildrand mit einer gefühlvollen Wischbewegung auf das Tierchen zu bugsieren, schnappt die Falle zu. Dass ich ein wildes Pokémon serientypisch zunächst im Kampf schwäche und dann einfange, ist dagegen nicht Teil des Spielprinzips – wohl auch, weil hier ganz klar der kurze Daddelsnack für zwischendurch im Fokus steht.

Nach nicht einmal zehn Minuten haben mich Jagdfieber und Ehrgeiz gepackt.Ausblick lesen

Immerhin: Genau wie in den Pokémon-Abenteuern für Nintendo-Handhelds geben zähe Pokémon nicht so schnell klein bei und flüchten schon mal, kurz bevor der Pokéball-Riegel ins Schloss fällt. Bestes Gegenmittel? Logisch, bessere Pokébälle. Weitere nützliche Items sind Tränke zum Aufpeppen bereits gefangener Schützlinge sowie über einen bestimmten Zeitraum wirkende Duftstoffe zum Anlocken von Pokémon innerhalb eines gewissen Radius.

Pokémon Go - Poké-Jagd in freier Wildbahn

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Die Spielwelt basiert komplett auf Google-Maps-Kartendaten, weshalb man Pokémon Go – genau wie Ingress – fast überall auf der Welt spielen kann.
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Sofern ich regelmäßig sogenannte, auf der Karte eingezeichnete Pokéstops besuche, versorgt mich das Spiel sogar kontinuierlich und nach dem Zufallsprinzip mit immer neuen Hilfsmitteln. Die Pokéstops selbst sind dabei vergleichbar mit den Portalen aus Ingress und bezeichnen markante Orte innerhalb der näheren Umgebung. Das können Brunnen oder Statuen sein, aber auch Schilder oder Bauwerke – alle genau wie in Ingress zusätzlich gekennzeichnet mit kurzem Beschreibungstext und einem Foto, damit ich mich besser orientieren kann.

„Die Community hat schon damals bei der Entwicklung von Ingress fleißig mitgemacht“, erklärt mir John Hanke später im Interview. „Über 15 Millionen solcher Orte aus über 120 Ländern wurden eingesendet – mit Foto, Name und Beschreibung. Diese Informationen haben wir dann in Handarbeit gefiltert. Die, die die Kriterien erfüllten, wurden Portale in Ingress. Aus diesem Datensatz von mehr als fünf Millionen überprüften Locations rund um den Globus wählten wir schließlich die Pokéstops und Gyms aus, die du heute in Pokémon Go siehst.“

Gebietsansprüche sichern

Stichwort Gyms: Genau wie in anderen Pokémon-Spielen treffen sich Pokémon-Trainer hier, um Duelle gegeneinander auszutragen. So weit, so bekannt. Neu ist der Aspekt, dass Gyms zunächst leer stehen. Erreiche ich ein verlassenes Gym, darf ich ein Pokémon meiner Wahl dort absetzen und die Flagge meines Teams hissen. Ist ein Gym dagegen schon von der Konkurrenz besetzt, entbrennt ein Kampf mit den Bewachern. Die große Schwierigkeit: Hat das gegnerische Team beispielsweise sieben Pokémon zur Verteidigung stationiert, müssen erst alle sieben nacheinander besiegt werden, bis das Gym als neutral gilt und neu besetzt werden darf.

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Die Kämpfe sind hübsch anzusehen und kinderleicht zu bedienen. Mit dem Doppelpfeil-Icon unten rechts wechselt ihr das gerade aktive Pokémon.
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Laut Hanke ist die Spielstruktur dabei so angelegt, dass „mehrere Dutzend Personen, kollaborativ um ein Gym kämpfen können.“ Allerdings nicht in einer gigantischen Schlacht, sondern in Einzelduellen, deren Ausgang serverseitig ständig überprüft und mit der Spielwelt synchronisiert wird. Genau wie in Ingress bin ich also so gesehen nur ein kleines Zahnrad im einem gigantischen, ununterbrochen tobenden Online-Territorialkrieg.

Was letztlich auch erklärt, warum Kämpfe in Pokémon Go nicht rundenbasiert, sondern in Echtzeit ablaufen. Ich muss also zackig auf das Verhalten eines KI-gesteuerten Pokémon reagieren, welches serientypisch bestimmte Stärken und Schwächen aufweist. Ein Feuer-Pokémon in den Kampf gegen ein Wasser-Pokémon zu schicken, macht selbstredend wenig Sinn.

„Letztendlich geht es darum, welche Pokémon man in welcher Abfolge einwechselt“, erklärt Hanke die Feinheiten des Systems. „Wenn der Schlagabtausch dann begonnen hat, kannst du bei jedem Pokémon zwischen einer leichten und einer schweren Attacke wählen. Um Letztgenannte zu nutzen, musst du allerdings erst ihre Energie aufladen. Ein Teil der Strategie besteht somit darin, zu entscheiden, wann genau man diese Kraft einsetzt. Auch hat man die Möglichkeit, Attacken gegnerischer Pokémon mit Wischbewegungen auszuweichen.“

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Welche Pokémon befinden sich in welcher Entfernung zum Spieler? Diese Ansicht verrät es. Tipp: Zwischendurch auch mal stillstehen, manchmal kommen sie von ganz allein.
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Zugegeben, all das funktioniert in der Praxis bereits prima. Ein Kampfsystem mit einer Spieltiefe vom Schlage der Handheld-Rollenspiele sollte hier allerdings niemand erwarten.

Das Gadget für Profi-Trainer

Zwar schon als Prototyp in verfügbar, aber noch nicht auf dem Event gezeigt wurde Pokémon Go Plus. Das Zubehörprodukt sieht aus wie ein Pokéball in Tropfenform, wird an Hemd oder Handgelenk befestigt und beginnt immer dann zu vibrieren und leuchten, wenn sich ein Pokémon in der Nähe des Benutzers befindet. Hanke: „Drückt man den Knopf in der Mitte des Geräts, kann man Pokémon fangen oder Items von einem Pokéstop erhalten. Es ist so designt, dass man auch dann spielen kann, wenn man joggt oder Fahrrad fährt und nicht auf das Handy gucken kann – was wiederum dem Sicherheitsaspekt entgegenkommt.“

Was der Spaß kosten soll, wollte der Amerikaner dagegen nicht verraten. Ebenso wenig wie die Preise für Items im In-Game-Shop. „Da nehmen wir noch Anpassungen vor“, sagt Hanke.