Niantic hatte das Spiel des Jahres mit Pokémon Go bereits in den Fingern. Ein Trailer hat gereicht, um Jung und Alt pünktlich zum 20. Serienjubiläum Jagd auf die allerersten Pokémon machen zu lassen. Jetzt, wenige Monate nach dem Start, sieht die App eher nach einem Marketing-Gag aus, um die neuen Sonne- und Mond-Editionen zu bewerben. Wie konnte das passieren? Ein Erklärungsversuch.

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Pokémon Go - Niantic vs. The World: Warum die Community so wichtig ist

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Der initiale Hype war überwältigend, doch schon bald brach die erste Welle enttäuschter Spieler über Niantic zusammen.
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Pokémon gehört seit den späten Neunzigern zu den Spielen mit der größten und lebhaftesten Community. Die Möglichkeiten der Vernetzung sind durch das Internet enorm geworden, aber schon früher hatten wir mit Linkkabel und auf eigens ausgerichteten Turnieren die Chance, mit zahllosen anderen Fans in Kontakt zu kommen. Zwischen Stickern, Sammelkarten und den eigentlichen Spielen hat eine ganze Generation ihre Helden gefunden.

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Wie hätte man das Jubiläum also besser feiern können als mit der Modernisierung der ersten Pokémon-Generation? Und was für einer! Anstatt auf dem 3DS-Bildschirm sollten wir in der realen Welt nach Pokémon suchen, mit diesen gegen andere Trainer kämpfen, sie tauschen und in speziellen Events gemeinsam besonders seltene Pokémon wie Mewtwo fangen. Das versprach uns ein einziger Trailer und weckte damit ungeheure Erwartungen.

Erwartungen, die schon vor dem Launch ein wenig ins Wanken gerieten. Anstatt allen Spielern ein ähnlich gutes Erlebnis zu ermöglichen, entschied sich Niantic für einen serverfreundlichen Softlaunch. Neugierige Spieler hielten jedoch nicht artig die Füße still, sondern nutzten Umwege, um die App schon vor dem offiziellen Start in ihrem jeweiligen Land zu spielen. Wer also wartete, bis die App offiziell startete, sah sich plötzlich im Nachteil gegenüber denen, die den fehlenden Region-Block ausnutzten.

Serverfreundlich war der Launch ohnehin nicht, stattdessen glich es zu Beginn einem Glücksspiel, ob man die App überhaupt starten konnte. Nintendo ließ sich ein paar Tage später damit zitieren, dass sie mit dem Ansturm nicht gerechnet hätten. Tatsächlich zeigen heutzutage jedoch immer wieder Spiele mit Online-Aspekten, dass Serverkapazitäten häufig zu gering bemessen werden. Und das bei Titeln, für die Spieler einen saftigen Betrag zahlen. Ein kostenloses Pokémon-Spiel hingegen? Die potentielle Zielgruppe war riesig, die Einstiegshürde bei einem Free-to-play-Angebot außerordentlich niedrig. Der Andrang war, wenn auch nicht ganz in diesem Ausmaß, absehbar.

Hätten mehr Server geholfen? Durchaus. Andererseits ist der Ansturm gerade zu Beginn oft enorm, ehe sich die Nutzerzahlen einpendeln, weil nur noch jene Spieler bleiben, die wirklich überzeugt sind. Hätte Niantic hier auf deutlich mehr Server gesetzt, wäre möglicherweise kein geringer Verlust entstanden. Und als die Serverüberlastungen schließlich abzusehen waren, fehlte womöglich Geld und Personal, das sich um die neuen Server hätten kümmern können. Dass eine gewisse Personalknappheit besteht, ist kein Geheimnis, beschäftigt Niantic laut dem eigenen Linked-In-Profil nicht mehr als 50 Mitarbeiter.

Pokémon Go - Niantic vs. The World: Warum die Community so wichtig ist

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Die vermeintlich wichtigste Entscheidung des Zockerjahres: Welches Team soll es sein?
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Wer sich in dieser Launch-Phase allerdings einloggen konnte, erlebte ohnehin Ernüchterung. Die vorab versprochenen Features waren entweder nicht existent oder nicht annähernd so spannend umgesetzt wie im Trailer. Vernetzung mit anderen Trainern fehlte genauso wie Kämpfe gegeneinander oder das Tauschen von Monstern – also im Grunde das, was Pokémon seit jeher ausmacht. Auch das Auffinden von Pokémon war nicht halb so simpel wie angedeutet. Tatsächlich hat Niantic den schlichten Tracker, der zu Beginn aktiv war, sogar kurz nach dem Deutschland-Launch gestrichen. Das Spiel, was uns versprochen wurde, war also gar nicht existent. Schon da machte sich Enttäuschung in der Community breit.

Niantic hat seitdem einiges versprochen – einen neuen Tracker ebenso wie das Tauschen- und Kämpfen-Feature –, nur leider ohne jedwedes Datum. Das hat viele Fans dazu veranlasst, sich eigene Möglichkeiten zu suchen, um das Spiel zu verbessern. Verschiedene Tracking-Seiten ersetzten das fehlende Feature der App und zeigten auf einer Karte alle Pokémon in der Umgebung an. Auch dafür brauchte es allerdings Serverkapazitäten, weil unzählige Fake-Accounts die nötigen Informationen aus dem Spiel zogen. Das war dann auch Niantics offizieller Grund, dem Treiben Einhalt zu gebieten und die Apps und Seiten aus dem Verkehr zu ziehen. Das ist natürlich durchaus legitim, denn je mehr Serveranfragen anfallen, desto mehr müssen diese arbeiten und echte Spieler bleiben womöglich auf der Strecke. Doch was bei vielen vor allem hängengeblieben ist: Niantic kümmert sich lieber um die „Konkurrenz“ als darum, die eigene App zu verbessern und den Wünschen der Fans nachzukommen.

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