Pokémon Go ist nur ein kleines Spiel fürs Handy, aber ein großer Sprung in die Zukunft der Unterhaltungselektronik. Den möchte plötzlich auch der konservativste Mobilfunkteilnehmer nicht verpassen und schließt sich der großen Hatz nach kleinen Monstern in der freien Wildbahn und damit der vielleicht größten Gaming-Community aller Zeiten an. Und das ist erst der Anfang.

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Willste mal meine Sammlung sehen?

Ich muss gestehen, ich habe soeben erst mein viertes Pokémon eingefangen – einen fledermausartigen Flattermann, der wohl vor allem in klaren Nächten durch die Umgebung streift. So wie Millionen von Fans es gerade tun, auf der Jagd nach diesem und nach jenem Fundstück für die eigene Sammlung. An Pokémon Go und dessen monströser Community kommt man aktuell nicht vorbei. Echt nicht.

Dabei ist es nicht einmal die spielerische Qualität, der Pokémon Go seinen Erfolg zu verdanken hat – die ist nämlich gar nicht mal so gut, das Spiel nicht sonderlich umfangreich und dazu noch ziemlich fehlerbehaftet. Doch all das spielt keine Rolle, denn der Hype bahnt sich ungebremst seinen Weg und überlagert das ziemlich krasse Sommerloch 2016 komplett.

Pokémon Go - Homo Virtualis: Der Beginn einer neuen Epoche

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Pikachu mischt unsere Gesellschaft ordentlich auf – schon wieder.
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Plötzlich reich

Und genau das ist einer der Gründe für den Erfolg: Während die restlichen Publisher noch immer glauben, im Sommer würde nicht gezockt und sie ihre Titel lieber mit ins überladene Weihnachtsgeschäft quetschen, nutzt das ehemalige Google-Startup-Studio Niantic die gähnende Leere auf dem sommerlichen Markt, um den vielleicht größten Erfolg in der Geschichte der Unterhaltungselektronik einzuläuten. Das war absehbar und wer sein Taschengeld vorher in Nintendo-Aktien gesteckt hatte, mehrte es um stolze 20 Prozent – innerhalb eines Tages.

Dank der Erfahrung, die man mit Ingress gesammelt hatte und der Power von Pikachu und Konsorten schmettert Niantic nun das ohnehin ausgelutschte Clash of Clans und dessen Ableger vom Thron und holt dabei gleich noch die erste Pokémon-Generation mit ins Boot. Menschen, die Mitte der 90er mal jung und ganz vorne mit dabei waren, mittlerweile so manchen mobilen Trend jedoch an sich vorbeigehen lassen. Diesen jedoch nicht.

Packshot zu Pokémon GoPokémon GoRelease: Android, iOS (iPad / iPhone / iPod): 2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Pikachu-Burger am Poké-Stop

Und so sieht man sie mittlerweile allerorten, die mobilen Monsterjäger. Insbesondere dort, wo es Nachschub an Munition gibt, meist öffentliche Orte, deren plötzliche Popularität längst Geschäftemacher aller Art angelockt hat, ob sie nun einem legalen oder illegalen Tagewerk nachgehen. Einen solchen Einfluss auf die Welt da draußen hatte noch kein Spiel zuvor.

Augmented Reality, grob als erweiterte Realität zu übersetzen, hat auch den eher mäßig in Gang kommenden VR-Trend ins Abseits geschoben und damit einmal mehr bewiesen, dass Zugänglichkeit ein wesentliches Element jedes Hypes ist. Kein Wunder also, dass viele Studios ihre VR-Projekte schon wieder auf Eis gelegt haben, um sich neuen AR-Konzepten zu widmen.

Pokémon Alpha Saphir - Die Geschichte der Pokémon - wie die Taschenmonster die Spielewelt eroberten

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Pokémon weiß, was du diesen Sommer getan hast

Die Ideen sind grenzenlos, die Umsetzbarkeit allerdings nicht. Denn im Gegensatz zu VR-Games, die im schlimmsten Falle Motion Sickness auslösen können, verändern AR-Zocker ihr Verhalten im Alltag derart, dass sie zur Gefahr für sich und ihre Mitmenschen werden können. Schon ist von Unfällen die Rede und die ersten Todesopfer, von denen vergangene Woche berichtet wurde, werden nicht die letzten bleiben.

Und dann bringen sich außer mir auch noch zahlreiche andere Branchenheinies in Stellung und geben ihren Senf zum neuen Hype ab. Raph Koster zum Beispiel, der die AR-Spiele klar den MMORPGs zuordnet, weil darin der Spieler höchstpersönlich zum Avatar wird und das Spiel tatsächlich auf Daten zugreift, die das reale Leben schreibt. “Pokémon weiß, wohin du gehst. Pokémon kann sich mit deinem Auto verbinden. Pokémon kennt deine Freunde.”

Pokémon Go - Homo Virtualis: Der Beginn einer neuen Epoche

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Pokémon Go wird die Art, wie wir spielen, nachhaltig verändern.
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Fette Beute auf der Überholspur

Und natürlich wird der Hype um Pokémon auch dazu beitragen, dass in Zukunft noch viel mehr Menschen mit viel mehr Apps umherlaufen, die vielleicht weniger harmlos sind als die kleinen Nintendo-Monster. Bald gibt es virtuelle Schnitzeljagden, Spiele, in denen sich nicht nur die Pets duellieren, Lanzenturniere mit dem Fahrrad, Handels- und Transportsimulationen und viele Dinge mehr, an die wir nicht im Traum gedacht hätten.

Und überall in der plötzlich erweiterten Welt stehen bald NPCs herum, mit denen man quatschen kann und für die man diesen und jenen Blödsinn in der Umgebung zu erledigen hat. Eine Satire-Plattform stellte auch schon Mario Kart Go vor, bei dem Autofahrer auf der Straße liegende Powerups einsammeln müssen. Und die fettesten liegen natürlich auf der Gegenfahrbahn.

Homo Virtualis

Nicht der sperrige VR-Helm ist es also, der uns letztlich im Alltag digitalisiert, sondern die neu entdeckte Verwendungsmöglichkeit der Mobiltelefone. Wenn es vor kurzem noch so schien, als wüssten deren Hersteller nicht so recht, womit man den nächsten Technologiesprung einleiten könnte, so dürften die kreativen Köpfe bei Apple und Konsorten aktuell ordentlich glühen.

So wie eine Handvoll Computerspiele Anfang der 90er dafür gesorgt hatten, dass die träge gewordenen Hardware-Entwickler in die Puschen kamen, wird Pokémon Go die Handybranche derart umkrempeln, dass wir in ein paar Jahren schon den Kopf darüber schütteln werden, mit welch rückständigen Geräten wir 2016 noch versuchten, die Realität zu erweitern. Freunde der gepflegten Unterhaltung – dies ist ein historischer Augenblick. Wir schreiben tatsächlich den Beginn einer neuen Epoche. Die Ära des Homo Virtualis hat begonnen und ausgerechnet Pikachu und seine Kumpanen haben sie ausgelöst.

Pokémon Go - Nicht nur im hohen Gras: Die verrücktesten Real-Life-Begegnungen

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