Selbst die außergewöhnlichsten Errungenschaften begannen als vage Konstrukte: geboren aus zwanglosen „Was wäre, wenn...?“-Gedankenspielen und dem latenten Gefühl, womöglich einer größeren Sache auf der Spur zu sein. Je beachtlicher, je omnipräsenter jedoch der spätere Erfolg, desto selbstverständlicher wird er im Laufe der Zeit. Geschichtliche Meilensteine fallen hintenüber und kleine Details verschwinden immer mehr im Schatten des großen Ganzen, das irgendwie schon immer da war. Und es gibt einiges, das in 20 Jahren Pokémon beinahe der Vergessenheit anheimgefallen wäre.

Pokémon - Super-Bowl-Trailer

Ihr werdet dieser Tage zwangsläufig mit einigen nostalgischen Rückblicken und derlei Pokémon-Inhalten konfrontiert. Sehr wahrscheinlich ist auch die ein oder andere Geschichtsstunde wie jene hier darunter und wer nun argumentiert, diese seien bereits dutzendfach geschrieben worden, hat sicher nicht Unrecht, übersieht aber zweierlei:

  1. Ein Großteil dieser Chronologien setzt ab der Veröffentlichung der ersten Spiele ein, begleitet sozusagen die Erfolgs- statt Entstehungsgeschichte. Diese nicht.
  2. Retrospektiven verlieren zwar nicht unbedingt an Gültigkeit, wohl aber an Aktualität. Interviews und Berichte fördern selbst nach Jahren noch neue Informationen zutage, lassen unumstößliche Tatsachen bisweilen sogar in einem neuen Licht erscheinen. Ist also nicht die schlechteste Idee, solche vermeintlich gesicherten Fakten gelegentlich auf etwaige Neuigkeiten hin abzuklopfen – und welchen besseren Anlass könnte es dafür geben als einen runden Geburtstag wie diesen?

Käfersammler Satoshi möchte kämpfen!

Es sind romantische Ursprünge wie diese, von denen wir kaum genug bekommen können. Eine natürlich gewachsene Idee, entstanden wie die meisten dieser Art: quasi nebenher, ohne es darauf anzulegen. Dieses inzwischen milliardenschwere Konzept war keines, das in stickigen Büroräumen zwischen Quartalszahlen und Aktenvernichtern geboren wurde, basiert vielmehr auf dem etwas verqueren Hobby eines Jungen, der sich nie so recht mit der japanischen Konformität anfreunden konnte.

Satoshi Tajiri war nie ein Außenseiter oder gar Problemkind, eher ein Querdenker, der lieber seinen eigenen Weg gehen wollte, als dem vorgezeichneten seines Vaters zu folgen. Eine Zukunft als Elektriker oder Student kam dem 1965 im ländlichen Tokioter Stadtteil Machida geborenen Freigeist nicht in den Sinn, der in seiner Jugend begeistert Insekten sammelte und infolge dessen den Beruf des Entomologen anstrebte – ein eigenwilliger Charakterzug, der ihm unter seinen Freunden den Spitznamen „Dr. Käfer“ einbrachte.

Pokémon - Die unwahrscheinliche Entstehung eines Milliarden-Dollar-Phänomens

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Der sehr zurückhaltende Satoshi Tajiri konserviert mit dem Pokémon-Konzept auch ein Stück weit seine eigene Kindheit.
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„Insekten faszinierten mich. Sie haben sich merkwürdig bewegt – sie waren ungewöhnlich.“, resümiert Tajiri seine Begeisterung in einem Interview. „Jedes neue Insekt, das ich gefunden habe, war ein kleines Mysterium. Und je mehr ich suchte, desto mehr habe ich gefunden.“ Noch heute hat er nichts von dem Enthusiasmus verloren, aus dem später einmal Pokémon erwachsen sollte.

Als Kind der japanischen Shōwa-Ära war Tajiri jedoch auch unmittelbar von den Auswirkungen des wirtschaftlichen Aufstiegs Japans betroffen, das sein Heil nach dem Zweiten Weltkrieg in der Globalisierung, dem Öffnen gegenüber neuen Märkten und dem Vorantreiben seiner Industrie suchte. Aus dem provinziellen Umfeld seiner Kindheit wurde ein zusehends urbaner Stadtteil jener Weltmetropole, die Tokio heute ist. „Jedes Jahr haben sie weitere Bäume gefällt und die Zahl der Insekten sank kontinuierlich. Die Veränderungen waren dramatisch: Da wurde schon mal aus einem Fischteich ein Arcade-Center.“

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Seines Hobbys beraubt, verliebte sich Tajiri stattdessen in eben diese Videospielhallen, die auf demselben Boden standen, von dem er kurz zuvor noch Käfer in Einmachgläser einfing. So wich Natur Beton und Insekten Videospielen, bis seine neue Liebe schließlich Space Invaders hieß, „von dem ich nicht genug bekommen konnte“.

Mit diesen zwei Leidenschaften war das Fundament für Pokémon endgültig gelegt.

Vom Hobby zur Berufung: Wie aus einer Zeitschrift der Publisher Game Freak wurde

Im Schatten der Videospielpassion war, zumindest fürs Erste, kein Platz mehr für Krabbeltiere oder auch nur Schule, die Tajiri, sehr zum Missfallen seiner Eltern, regelmäßig schwänzte. Stundenlang widmete er sich den bunten Münzschluckern, haute Taschengeld auf den Kopf – und gründete 1981 sein eigenes Spielemagazin: Game Freak (zugleich sein späteres Pseudonym als freier Autor bei anderen Videospielzeitschriften). Der Name war Programm, münzte er das komplexe Wissen seiner Lieblingsspielen in ein Tipps- und Cheats-Heft um.

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Im Laufe der Jahre hat Chef-Illustrator Ken Sugimori seinen Zeichenstil verändert – und damit auch den Pokémon-Look. Während er früher mit feinen Stiften und Wasserfarbe zeichnete, arbeitert er heute mit CGI-Techniken. In der Konsequenz sind heutige Pokémon stärker ausdefiniert, verfügen über härter Schatten etc. pp.
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In einem japanischen Dōjin-Shop – ein Geschäft, das sich auf die Veröffentlichung unabhängiger und privater Publikationen spezialisiert – wurde ein junger Mann auf die nur notdürftig illustrierte Zeitschrift aufmerksam: Ken Sugimori war ein ebenso leidenschaftlicher junger Zocker wie der Game-Freak-Herausgeber und von dessen Arbeit derart beeindruckt, dass er am Projekt mitwirken wollte. Die jungen Männer ergänzten sich so gut wie sie sich verstanden – ein match made in heaven: Während der technikaffine Tajiri weite Teile der inhaltlichen Verantwortung übernahm, kümmere sich sein Freund und Kollege fortan um die Illustrationen.

Obwohl die Produktion bis 1986 fortgesetzt wurde, wollten das ehrgeizige Team schon früh mehr erreichen. Bereits 1983 beschäftigten sie sich mit Videospielentwicklung, nahmen auch mal „aus Spaß“ ein NES auseinander, um dessen Funktionsweise zu verstehen. Wie es Tajiris Wesen entspricht, verlor er sich auch diesmal in seinem neuen Projekt – und vernachlässigte darüber sein vorheriges. Das Game-Freak-Magazin wurde 1986 eingestellt, sollte jedoch wenig später in anderer Form wieder auferstehen.

Drei Jahre später waren aus den Hobbyprogrammieren ernsthafte Entwickler geworden, die kurz vor ihrer ersten Veröffentlichung standen. Das NES-Spiel Quinty war zwar weitestgehend fertiggestellt, doch stand noch die Frage der Distribution im Raum. Autodidakten, die sie waren, nahmen Tajiri und Sugimori auch diese Angelegenheit selbst in die Hand und gründeten am 26. April 1989 gemeinsam mit Junichi Masuda, dem späteren Pokémon-Komponisten, schließlich ihr eigenes Studio: Game Freak.

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