Ich weiß ja nicht, welches Alter ihr so habt (die Chance steht gut, dass ihr alle unterschiedlich alt seid – shit is cray, huh?), aber ich bin aktuell 31. Wer mal zurückrechnet, kann daraus 'ne Menge über mein Leben ableiten – wann ungefähr ich zur Schule gegangen bin, wie alt ich bei gewissen historischen Ereignissen war und vieles mehr. Am 1. September 1999 war ich 14. Und wenn ich nicht gerade auf Partys meine ersten Alkoholexzesse erlebte oder bei Mädchen meine schwachen Chancen versaute, spielte ich Games. Was für eine Zeit.

Mit 14 ist man eigentlich schon ein bisschen alt für das Thema, doch als an besagtem Datum das erste Mal Pokémon ausgestrahlt wurde, ging das nicht spurlos an mir vorbei. Die Nachmittage der folgenden Jahre waren davon geprägt, dem jungen Ash Ketchum (ein dummes Wortspiel, das ich erst peinlich spät mitgekriegt habe), seinen Gefährten Misty und Rocko / Brock und ihren gefangenen Neopets dabei zuzugucken, wie sie durch das Land streifen, um noch mehr Viecher zu treffen, zu katalogisieren, zu fangen und aufeinander zu hetzen.

Ein weiteres Video

Der Pokémon-Anime war nicht viel weniger als brillant. Die breitangelegte Marketing-Strategie, bei der man Spielzeug durch dazugehörige Fernsehformate verkauft, war nicht nur nicht neu, sondern in der Vergangenheit schon eher die Regel als die Ausnahme. Selbst, wenn man ganz offensichtliche Klassiker wie die Hasbro-Vehikel Transformers und My Little Pony ausklammert, sind doch einige unserer Kindheitslieblinge (relativ egal, wie alt wir sind) unleugbar dazu gedacht oder gemacht, uns Zeug anzudrehen, und das äußerst erfolgreich. Nicht nur mein Kinderzimmer war voll mit Plaste-Abbildungen meiner Samstag-Morgen-Helden. Meine armen Eltern.

Ashs Geschichte hatte aber einige Besonderheiten. Zum ersten war der Held nicht primär, wie das bei vielen anderen Cartoonhelden der Fall ist, ein anzustrebendes Vorbild für die Kinder – keine bereits strahlende Superheldenfigur, die gleichwertig übermächtige Erzschurken bezwingt. Er ist, was sein gedachtes Publikum auch ist: ein Junge an der Grenze zum Erwachsenwerden, mit einem Traum, Ambitionen, Neugierde und all dem, was man als Fast-Teenager (Ash ist initial zehn Jahre alt) so hat oder gerade entwickelt. Die gleichnishafte Erzählung vom Jungen, der in die Welt hinauszieht um sein Schicksal zu finden und sein Glück zu machen, ist vielleicht nicht der Fokus von Pokémon, doch es gibt einen Grund dafür, warum diese Prämisse in unzähligen JRPGs und Anime der Ausgangspunkt unseres Helden ist.

Diese Form, eine Identifikationsfigur für das meist junge Publikum zu schaffen, ist nicht ausschließlich in Japan zu finden, doch unleugbar in japanischen Medien sehr präsent – ähnlich dem Prinzip des stummen Protagonisten in japanischen Spielen. Ein Luxus, den man in einem Anime natürlich nicht hat. Ash bzw. Satoshi musste im Gegensatz zu seinem Spiel-Konterpart (es gibt Diskussionen darüber, ob "Red", wie der Spielcharakter oft genannt wird, dieselbe Figur sein soll oder nicht) plappern, Motivation zeigen, nach Höherem streben.

Pokémon - Die Anime-Serie - Ich lern von dir und du von mir - Warum die Serie zum Spiel einfach großartig war

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Es war eine wilde Reise, die nun von anderen Kindern fortgeführt wird. Nur Ash muss immer 10 bleiben, der arme.
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Dass dieses Vorhaben in Pokémon hervorragend gelingt, liegt an mehrerlei. Wir haben den Identifikationswert bereits angesprochen, und auch, wenn die meisten Zehnjährigen nicht tatsächlich ihrer Mutter "Tschüss!" sagen, um anschließend für mehrere Jahre im hohen Gras mit Raubtieren zu spielen, ist das Ganze eher als eine Parabel auf die Selbstfindung und Charakterentwicklung beim Erwachsenwerden zu verstehen.

Das Publikum verstehen

Die nächste Stärke liegt in Ashs Charakter. Er ist gutherzig, ohne übermäßig naiv zu sein, neugierig und wissenshungrig, ambitioniert und zielstrebig. Er hat bereits Prinzipien, die er seinem Publikum vorlebt, aber als junger und unerfahrener Pokémon-Trainer auch jede Menge unausgeschöpftes Potential, Luft nach oben. Er ist außerdem absurd talentiert – das exzeptionelle Element vieler Helden, das sie von reinen Projektionsflächen zu bewunderten Vorbildern macht.

Und schließlich gibt es noch eine ganz wesentliche Komponente, die nicht direkt an Ashs Charakter klebt: Der Pokémon-Anime, so sehr er immer als Katalysator für das Wachstum der ganzen Marke gedacht war, ist qualitativ einfach richtig gut. Er vermengt Elemente von Abenteuer, Action, Komödie und Drama geschickter als viele andere Anime. Er liefert starke Charaktere mit Entwicklung, eingeschlossen die Widersacher Team Rocket. Er scheut sich auch nicht vor Pointen, die über die Köpfe seiner jüngsten Zuschauer gehen könnten, und nimmt sich Stoffen an, die definitiv zu hoch für fast jedes Publikum sind. Wie viele Anime für Kinder adaptieren schon Vorlagen wie Akira Kurosawas Samurai-Klassiker Yojimbo?

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Gott, war Pikachu süß und dick und knubbelig! Ich bin wieder sowas von 14.
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Es traut sich auch Stilbrüche und Experimente. Zum Beispiel ist Pikachu, der knallgelbe Schädling, der zum Gesicht der ganzen Marke wurde, am Anfang der Serie auf Ash nicht gut zu sprechen. Genaugenommen herrscht wirkliche Antipathie bei der sprachlich eingeschränkten Elektroratte gegenüber ihrem neuen Sklavenhalter. Es ist eine Beziehung, die erst wachsen muss, es werden nicht einfach faul durch die Hand des Schicksals beste Freunde auf den ersten Blick aus den beiden Jungspunden.

In einer anderen Episode werden die Helden (und auch Team Rocket) auf eine Insel geschwemmt und von ihren Pokémon getrennt. Das wird als Anlass dafür genommen, Geschichten unter den Taschenmonstern zu erzählen, mithilfe von Untertiteln, und nicht nur nette Gags unterzubringen, sondern auch eine neue Perspektive auf Ashs Begleiter und das Franchise an sich zu werfen: Wir lernen nicht nur etwas über den Charakter von Pikachu, Glumanda, Schiggy, Bisasam und die anderen, wir lernen auch mehr über Pokémon an sich – dass (und wie) sie untereinander kommunizieren, miteinander umgehen.

Inhaltsverzeichnis:

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