Polygon hatte die Gelegenheit, ein Interview mit Tatsuya Minami, dem Präsidenten von Platinum Games zu führen. Thema war sein Werdegang vom 'Poster & Werbelayout'-Studenten zum Präsidenten des Ausnahme-Entwicklers. Zudem sprach Minami über das Studio-Portfolio und zukünftige Projekte.

So studierte Minami Anfang der 90er mangels Schulen, die Computer-Grafiken lehrten, 'Poster & Werbelayout'. Da es zu der Zeit auch keine formelle Ausbildung für die Spieleindustrie gab, suchte Minami nach ortsansässigen Unternehmen und wurde schließlich bei Capcom angestellt. So kümmerte er sich zu Beginn um das Poster-Design der Arcade-Titel und die Pixelgrafiken für die Spiele.

Später wurde er innerhalb Capcoms zum Game-Designer und Produzenten und kümmerte sich um Konsolenumsetzungen von Arcade-Titeln wie Final Fight. Sein größtes Projekt zu der Zeit war Super Ghouls 'n Ghosts für das Super Nintendo 1991, bei dem er ein Team von 50 Leuten unter sich hatte.

In den nächsten 15 Jahren kümmerte er sich um Capcoms Glanztiteln wie Resident Evil, Devil May Cry oder Mega Man. Doch trotz des Erfolgs, wurde Minami immer unzufriedener. "Bei Capcom arbeitete ich an vielen Titeln und viele von denen waren einfach nur Spiele, die für das Unternehmen gemacht werden mussten."

Die repetitive Auftragsarbeit und die Aussicht, mit einem neuen Team und einem neuen Studio endlich innovative und neue Spiele entwickeln zu können, brachten ihm den Entschluss nahe, Capcom zu verlassen. Das war 2006. Zu der Zeit verließen auch Mitglieder von Capcoms Clover Studio das Unternehmen. Gemeinsam formte man Platinum Games.

Es sei anfangs bescherlich gewesen, statt einen Titel kreativ zu überwachen, nun als Präsident eines Studios sich nur noch um das Geschäftliche kümmern zu müssen. Doch die Möglichkeit, die Teams bei ihrer Kreativität zu unterstützen und davor zu bewahren, in eine ähnliche Situation zu geraten, wie Minami bei Capcom, wurde seine neue Motivation.

"Es ist etwas frustrierend, dass ich da nicht einfach reingehen und selber Spiele machen kann," so Minami. "Aber eines der coolen Dinge dabei ist, dass einige Leute, die hier arbeiten, viel talentierter und besser darin sind, Spiele zu entwickeln, als ich."

Platinum Games' Portfolio umfasst momentan sechs Spiele: MadWorld, Infinite Space, Bayonetta, Vanquish, Anarchy Reigns und Metal Gear Rising: Revengeance. Alles Spiele, die frische, innovative Ideen einbrachten und auch mal Risiken eingegangen sind, indem sie auf Systemen erschienen, deren Klientel nicht gerade zur Zielgruppe gezählt werden konnte. So beispielsweise MadWorld. Von den Spielen verkaufte sich das Rollenspiel Infinite Space für Nintendo DS mit 170.000 verkauften Exemplaren am schlechtesten, während bislang Bayonetta das erfolgreichste Spiel des Studios darstellt, mit 1.92 Millionen verkauften Exemplaren.

Obwohl die Spiele international durchwegs überdurchschnittliche Wertungen erhalten haben und von Fans gelobt werden, so erzeugte die Nachricht, dass Bayonetta 2 exklusiv auf der Wii U erscheint, einen empörten Aufschrei unter den Fans des ersten Teils, haben sich die Titel bislang nicht gut genug verkauft. Daher sei die größte Herausforderung auch das Finden neuer Projekte.

So würde Minami seinem Team eine Note 1 geben, was die Spiele anginge. "Das Team hat sehr hart gearbeitet. Sie haben ihren Teil beigetragen und wirklich herausragende Spiele entwickelt." In Bezug auf das Geschäftliche sei er aber weit weniger zufrieden. "Unabhängig davon, ob wir soviel verkauft haben, wie wir gewollt hätten und ob wir das Geld haben, das jeder hier gern hätte, würde ich wahrscheinlich entweder eine 3 oder eine 4 vergeben."

Das gesamte Team bestünde zwar aus Entwicklern, die sich bislang für japanische Unternehmen und für den japanischen Markt verdingt hätten, doch um global zu denken, müsse man auch globale Verkaufszahlen aufweisen können. So sei auch der Erfolg von Bayonetta nicht genug. "Bayonetta hat sich nicht so oft verkauft, wie wir es gern gehabt hätten. Wir hofften darauf, dass es sich mehr verkaufen ließe, auch wenn man das nicht auf das Spiel alleine beziehen kann. Wir glauben, dass es sehr viel mehr Probleme gab, als es herauskam, auch mit dem Marketing dahinter."

Nun hofft Minami, dass sich mit Metal Gear Rising: Revengeance alles ändert, vor allem die Verkaufszahlen. "Wir erwarten, dass sich Metal Gear Rising: Revengeance besser verkaufen wird als Bayonetta, und das Spiel ist gerade erst veröffentlicht worden. Aber wenn man sich Spiele westlicher Entwicklungsstudios ansieht, sind die uns, was die Verkaufszahlen angeht, weit voraus. Und wir werden uns solange nicht zufrieden geben, bis wir dieses Level erreicht haben."

So müsse Platinum Games sich im Bereich Produktion verbessern und weiterentwickeln, mehr Outsourcing betreiben und sich mehr auf die Interessen der weltweiten Spieler konzentrieren. Ein wichtiger Schritt dahin ist die Co-Produktion Metal Gear Rising: Revengeance mit Kojima Productions. "Das, was wir am meisten von allem in naher Zukunft wollen, und an dem wir hart arbeiten, ist, dass die Leute verstehen, dass wir die Spiele hier in Japan entwickeln, aber dass wir sie für alle machen."

Was zukünftige Projekte betrifft, hat Platinum Games momentan zwei Spiele in Entwicklung, und beide für die Wii U - The Wonderful 101 und Bayonetta 2. Und gerade was The Wonderful 101 angeht, möchte man doch meinen, dass dies nicht unbedingt zu der Sorte an Spielen gehört, die Platinum Games machen wolle, um ein internationales Publikum zu gewinnen. Doch Minami verweist auf Viewtiful Joe von Capcom.

"Wenn die Leute an Viewtiful Joe denken, sagen die meisten von ihnen, 'das war ein ziemlich japanisches Spiel', aber Viewtiful Joe verkaufte sich in Nordamerika besser als irgendwo anders."

Doch das Studio sei auch bereit, sich zu ändern, den spezifischen Platinum-Games-Style beizubehalten und gleichzeitig den Geschmack amerikanischer und europäischer Spieler zu treffen.

Zwar hat Platinum Games momentan nur zwei Wii-U-Titel in Entwicklung, doch man würde auch mit anderen Plattformen, beispielsweise iOS und Android experimentieren. "Wir entwickeln viele Prototypen. Die Sachen, die wir als Prototypen für mobile Geräte haben, sind ziemlich risikoarm, nur Herumgespiele. Man könnte fast sagen, Forschungsprojekte."

Das Logo des Studios ist bekanntlich auch beim Play Station Meeting 2013 von Sony aufgetaucht, und das, obwohl Platinum Games momentan nichts in petto hat. Doch das hinge damit zusammen, dass Platinum Games als reines Entwicklungsstudio immer mit Publishern zusammenarbeiten müsse, egal ob nun First- oder Third-Party. Und wenn Platinum Games mit Third-Party-Entwicklern, wie zuletzt mit Konami und Kojima Productions zusammenarbeitet, dann wären das auch immer Multi-Plattform-Titel. Daher wäre auch der Name des Studios bei der Präsentation aufgetaucht.

Trotz all der Bemühungen und unterschiedlichen Betätigungsfelder wolle Minami eines verhindern - dass sein Studio wie Capcom wird und Spiele entwickelt, die gemacht werden müssten, statt Spiele zu entwickeln, die Spieler gerne hätten.