Als Sony Online Entertainment mit dem Online-Shooter PlanetSide anno 2003 in den USA bereits große Erfolge feierte, zockte man in Deutschland noch mehrheitlich offline und der Titel blieb weitgehend unbeachtet. Mittlerweile jedoch sind auch wir technisch nachgerückt und bereit, uns massiven Schießereien zu stellen, und SOEs Neuauflage kommt da wie gerufen.

PlanetSide 2 - Neuer Kontinent "Hossin"22 weitere Videos

Seit ein paar Jahren läuft es nicht mehr wirklich rund bei Sony Online Entertainment. EverQuest und dessen Nachfolger haben ihre besten Zeiten hinter sich, die Lizenz für Star Wars: Galaxies musste man wieder abgeben, DC Universe Online war den Spielern viel zu kurz, The Agency wurde zwar fast, aber nie ganz fertig und von den kindgerechten Casual-MMOGs allein scheint man auch nicht mehr leben zu können oder zu wollen.

Core-Gamer statt Casual-Kids

Und so kamen die Ankündigungen von Firmenchef John Smedley, selbst leidenschaftlicher Online-Gamer und bekennender Fan von CCPs Hardcore-Sandbox EVE Online, im vergangenen Jahr nicht einmal überraschend: Als eines der ersten großen Unternehmen der Branche plant SOE offenbar einen radikalen Kurswechsel. Sandbox statt Themepark, Core-Gamer statt Casual-Kids - so könnte man die neue Richtung umschreiben.

Vor diesem Hintergrund macht die Neuauflage von PlanetSide durchaus Sinn, entstammt dieser Titel doch der goldenen Ära des Unternehmens - einer Zeit, bevor man sein Sortiment den angeblichen Bedürfnissen der ständig jammernden Masse anpasste und zusehends weichspülte. Und tatsächlich ist PlanetSide 2 in mancherlei Hinsicht oldschool.

Eine eierlegende Wollmilchsau?

Offiziell wird das Spiel von Sony Online Entertainment als “free-to-play Massively Multiplayer Online FPS” bezeichnet, der “wirklich epische Kämpfe liefert”. Das verlangt gleich in mehrfacher Hinsicht nach einer näheren Erläuterung. Während FPS einen klassischen Shooter bezeichnet, steht “Massively Multiplayer” für die beiden wesentlichen Bestandteile typischer MMOGs.

PlanetSide 2 - Einer für alle

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Indar ist einer von drei Kontinenten, auf denen die drei Fraktionen rund um die Uhr um die Vormachtstellung kämpfen.
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Und die unterscheiden sich vom herkömmlichen Shooter meist gravierend durch eine weitgehend persistente Welt, eine fortschreitende Charakterentwicklung samt neuer, stärkerer Skills und ausbaufähiger Ausrüstung. Gleichzeitig setzen sie auf Target-Lock und verzichten auf das in Shootern unerlässliche Fadenkreuz, das aus verbindungstechnischen Gründen in größeren Welten ohnehin schwierig umzusetzen ist.

Packshot zu PlanetSide 2PlanetSide 2Release: PC: 20.11.2012
PS4: 23.6.2015

Zwei Herzen in einer Brust?

Ein Fadenkreuz hat man in PlanetSide 2 dennoch, muss damit selber zielen. Die Kämpfe sollen trotzdem “episch” sein - also groß und filmreif angelegt mit Tausenden Spielern in einer Welt. Und weil es gerade so beliebt ist, bietet SOE das Spiel dann auch noch “free-to-play” an, samt den üblichen Mikrotransaktionen - angeblich ohne zahlenden Spielern besondere Vorteile zu verschaffen. Kann eine solche Mischung aus zwei Systemen funktionieren?

Kurzweilige Shooter-Action für Teamplayer. Prädikat: Kostenlos, aber nicht umsonst.Fazit lesen

Frisch im Spiel angekommen, haben erfahrene Shooter-Fans sogleich ein Déjà-vu, fühlen sich fast wie in Battlefield. Die Charakter-Generierung vorneweg fällt so spärlich aus, dass sie eigentlich keiner weiteren Worte bedarf - nur die Serverauswahl und die Festlegung auf eine von drei Fraktionen erinnert vage daran, dass man hier angeblich ein Spiel der Gattung “Massively Multiplayer” vor sich hat.

Der Shooter im MMO-Pelz

Das Gameplay selber entspricht dem eines klassischen Shooters - auch die Tastenbelegung, die man natürlich beliebig editieren darf. Die sechs humanoiden Kampfklassen, die einem Charakter zur Auswahl stehen, sind nicht bindend - man kann sie je nach Bedarf während des Spiels an eigens dafür vorgesehenen Terminals wechseln.

Grundsätzlich gibt es Ingenieure, leichte und schwere Angriffseinheiten, Sanitäter, Spione und Einheiten im kampfstarken, mechanischen EXO-Anzug. Jede dieser Klassen hat gewisse Sonderfertigkeiten - die schwere Angriffseinheit einen temporären Schutzschild, die leichte ein Jetpack, das es erlaubt, kurze Distanzen zu fliegen und der Spion verfügt neben dem Sniper-Gewehr über die Möglichkeit, sich kurzzeitig optisch zu tarnen.

Alle Mann an die Geschütze!

Anders als ihre Teamkollegen kümmern sich Sanitäter vorwiegend um das Heilen und Wiederbeleben der Kameraden, während der Ingenieur Munition parat hält und Fahrzeuge, Terminals und Geschütze repariert. Fahrzeuge und Fluggeräte stellen neben der Infanterie übrigens die zweite wichtige Säule von PlanetSide 2 dar.

Wer nur möglichst schnell von A nach B kommen will, dem wird das geländegängige Flash-ATV genügen. Ist hingegen etwas Feuerkraft erforderlich, stehen neben diversen Panzern auch Truppentransporter und Flugeinheiten für verschiedene Zwecke zur Auswahl. Manche davon verfügen über mehrere Geschütze, die sich bemannen lassen.

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Die Lufthoheit zu gewinnen ist überaus wichtig – allerdings sind die futuristischen Fluggeräte nicht ganz einfach zu steuern.
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Zu Lande, in der Luft und bald auch zu Wasser?

Da die Fahr- und Flugzeuge insbesondere für die Eroberung feindlicher Stationen wichtig sind, kann man sie nicht beliebig abrufen. Im Idealfall stimmt man sich also mit seinen Teamkollegen ab, damit man nicht ausgerechnet dann einen Panzer in die Schlacht wirft, wenn der letzte Ingenieur gefallen ist und außerdem gerade die Lufthoheit zu kippen droht.

Anders als die meisten Shooter auf dem Markt liefert PlanetSide 2 die Server komplett mit. Insgesamt gibt es drei riesige Karten, auf denen die drei Fraktionen jeweils gegen die beiden Kontrahenten um die Vormachtstellung streiten. Auf jeder der Karten gibt es unzählige Einrichtungen - von Radarstationen über Versorgungsstellen bis hin zu Forschungszentren.

Aller guten Dinge sind drei

Der Krieg findet also nie nur an einer Stelle statt, sondern quer über die Map verteilt. Immerhin versuchen sich einige Spieler daran, etwas Ordnung ins Chaos auf dem Server zu bringen, indem sie Trupps bilden und vereint strategisch sinnvolle Ziele angreifen. Eine integrierte Voice-Funktion erleichtert dabei die Kommunikation.

Die kopflose Masse der Spieler schert sich nicht um derlei Komfort, sondern rennt quasi rund um die Uhr sinnlos gegen die Station am Mittelpunkt der Karte an, die schon allein durch ihre erhöhte Lage erst einzunehmen ist, nachdem sie vom Hinterland und damit vom Nachschub abgeschnitten wurde.

Kopflos in den Tod

Und genau diese Kopflosigkeit sorgt für ein schwerwiegendes Missverständnis, das bei fast all jenen besteht, die PlanetSide 2 kurz angespielt haben. Schmeißt man sich als ahnungsloser Neuling in den meist sinnlosen Kampf um Stützpunkte wie “The Crown”, endet man recht schnell als Kanonenfutter, weiß kaum, wie und woran man nun gestorben sein soll.

Kaum wieder unter den Lebenden, wird auch der Spawnpunkt schon wieder erschüttert und man darf auf die nächste Auferstehung warten - und so weiter und so fort. Klar, dass PlanetSide 2 nach solchen Erfahrungen schnell wieder von der Festplatte verschwindet und man all seine Freunde vor dem furchtbaren Spielerlebnis warnt.

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Der Gleiter ist schnell, aber überaus zerbrechlich und für die ersten Flugstunden ist eine gewisse Frustresistenz von Vorteil.
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Es kann durchaus schon mal “episch” werden

Dabei hätte es ganz anders kommen können. Klinkt man sich nämlich in einen der organisierten Trupps ein, wird man bald Momente erleben können, wie sie nicht einmal Hollywood fabriziert bekommt. Beispielsweise erinnere ich mich daran, wie ich einen Stützpunkt mit einer Handvoll Kollegen über eine gute halbe Stunde hinweg gegen eine feindliche Übermacht verteidigt habe.

Und gerade als die Lage aussichtslos schien, als der Feind immer mehr schweres Kriegsgerät heranschaffte und uns zudem permanent aus der Luft bombardierte, sahen wir, wie sich am Horizont Dutzende schwere Panzereinheiten und Truppentransporter samt Lufteskorte über den Hügel schoben und die siegessicheren Eroberer ins Kreuzfeuer nahmen.

Besondere Momente

Unsere Verstärkung war von der dritten Fraktion aufgehalten worden, hatte sich zu uns durchkämpfen müssen und lange auf sich warten lassen, doch sie hatte uns nicht vergessen. Binnen weniger Augenblicke war der Stützpunkt gesichert und gemeinsam zogen wir weiter, um dem Feind zu zeigen, was eine koordinierte Armee bewerkstelligen kann.

Das sind die Momente, die PlanetSide 2 zu etwas Besonderem machen. Momente, die ein klassischer Shooter mit maximal 64 Spielern kaum bieten kann. So verwirrend die schier endlosen Landschaften von PlanetSide 2 anfangs sind, so unkalkulierbar die Bewegungen der kopflosen Masse - hat man sich erst einmal mit der Umgebung vertraut gemacht, wird man durch manchen filmreifen Augenblick belohnt.

Sonys neues Zugpferd

Belohnt wird die Treue überdies mit Punkten, die sich dann in den Ausbau von Skills oder Ausrüstung stecken lassen. Hier kommt dann auch der Shop ins Spiel, von dem sich SOE immerhin erhofft, dass er die Kosten für die gesamte Entwicklung von PlanetSide 2 einspielt und außerdem noch zukünftige Erweiterungen finanziert.

Tatsächlich ist PlanetSide 2 das derzeit umsatzstärkste Spiel im Portfolio des Publishers. Das ist durchaus erstaunlich, immerhin bietet der Shop nichts, was man sich nicht auch durch fortwährendes Spielen verdienen könnte. Doch das dauert eine Weile und es ist zu empfehlen, die mühsam erspielten Punkte vorerst in eine einzige Klasse zu stecken, vielleicht in zwei.

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Diese kampfstarken Transporter dienen, je nach investierten Upgrades, gleichzeitig als Versorgungsstation und mobiler Spawnpunkt.
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Supporter aus Egoismus

Insbesondere hat es sich für den Anfang bewährt, sich als Ingenieur einer Truppe anzuschließen, die vermehrt mit Fahrzeugen unterwegs ist. Kommt es dann zum Stellungskampf, kann man quasi pausenlos reparieren und gleichzeitig Munition liefern. So sammelt man weit mehr Punkte als die meisten hochgerüsteten Angriffseinheiten.

Ähnlich schnell geht das auch beim Sanitäter. Er heilt und belebt seine Kameraden wieder, ohne dass er selber allzu oft zum Schießeisen greifen müsste. Zudem kann ein einzelner Sanitäter oft mehr zum Sieg beitragen als ein Dutzend schwerer Kampfeinheiten, denn eine Wiederbelebung dauert nur wenige Sekunden, während der Weg vom Spawnpunkt zum Einsatzort gerade für Angreifer oft weit ist.

Klasse statt Masse

Die Erweiterung der Ausrüstung sowie der Ausbau der Fähigkeiten wird nach oben hin immer teurer. Für ein halbwegs brauchbares Setup kann man, je nach eigenem Talent und bevorzugter Klasse mit etwa fünfzig Spielstunden rechnen. Richtig zeitaufwendig wird es allerdings, wenn man in die Breite skillen oder am Fuhrpark schrauben möchte.

Für manchen Shooter-Fan mag es nicht akzeptabel sein, dass ein Spieler durch zusätzliche Ausrüstung und erweiterte Skills eine größere Chance auf dem Schlachtfeld hat. Tatsächlich sind die Unterschiede aber zu verschmerzen und ein koordinierter kleiner Trupp schlägt noch immer den kopflos agierenden Zerg, selbst wenn dort einzelne Spieler extrem gut ausgerüstet sein sollten.

Smedley plant Großes

Und obwohl der Durchschnittsspieler noch einige hundert Spielstunden vor sich haben dürfte, bevor er seine Ausrüstung für alle Klassen optimiert hat, arbeitet SOE bereits am Nachschub für das futuristische Schlachtfeld. So geistern schon Blaupausen eines riesigen Trägerschiffs durch die Foren, von dem noch niemand genau weiß, ob es denn nun fliegen oder schwimmen soll.

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Noob-Alarm bei "The Crown". Der Weg scheint frei – tatsächlich ist diese Einrichtung jedoch äußerst schwer zu erobern.
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Denn auch ein ganzes Arsenal an Wassereinheiten schließt Firmenchef John Smedley für die Zukunft von PlanetSide 2 nicht aus. An dem Spiel werde auch weiterhin auf Hochtouren gearbeitet und zumindest in dieser Hinsicht ist der kurzweilige Online-Shooter dann eben doch auch ein klein wenig MMOG.