Was mache ich denn nur? Vor mir steht der arme Müller von Goldtal. Seine Mitbürger schikanieren ihn schon seit geraumer Zeit, weil er das Mehl nicht rausrückt oder wenn, dann nur zu horrenden Preisen. Er jammert über die schlechte Ernte, beklagt sich über die Launen des wütenden Mobs vor seinen Toren. Ein klärendes Gespräch mit dem Anführer der Pöbel-Posse folgt. Und obwohl die Männer nichts weiter sind als Trunkenbolde, lasse ich das Schwert in der Scheide und entspanne die Diskussion mit diplomatischem Kalkül.

Pillars of Eternity - Update 3.0: Neuer Story-Modus und zusätzliche Aufträge2 weitere Videos

Zurück beim Müller erkläre ich die Lage und stehe vor der Wahl: Erschlage ich den Typen, weil ich ihm nicht traue? Oder belasse ich es dabei? Streiche ich dann vielleicht noch eine Prämie ein? Aber eigentlich regiert in Goldtal die Armut. Ich verzichte letztlich auf Gewalt und auch auf eine Belohnung. Das sorgt für ein wohliges Gefühl in meiner Magengrube und hilft meinem Ruf.

Pillars of Eternity stellt mich immer wieder vor die Wahl. Hier gibt es kein plattes Gut und Böse, sondern nur die eigenen Beweggründe. Mein Held ist weit mehr als eine Blaupause von netten und fiesen Entscheidungen, er entwickelt sich im Spielverlauf zu einer echten Persönlichkeit. Hier übernehme ich eine Rolle. Genau, wie es sich für ein Oldschool-Rollenspiel gehört. Pillars of Eternity macht den Tugenden von Baldur's Gate, Icewind Dale und Planescape: Torment alle Ehre – und beweist, dass Komplexität auch in der heutigen Zeit längst nicht im Widerspruch zu Qualität stehen muss.

Pillars of Eternity - Die Retro-Rollenspiel-Revolution

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Wenn die Drachen fliegen gehen, sollte sich diese muntere Heldentruppe besser in Acht nehmen.
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Kein 3D, keine Kompromisse

Pillars of Eternity basiert auf der Infinity-Engine und ähnelt mit seinen handgezeichneten Hintergründen besagten Klassikern. Es verzichtet auf opulente Zwischensequenzen und erzählt seine Geschichte wie ein Fantasy-Märchen: mit wenig englischer Sprachausgabe, dafür mit umso mehr Texten. Die deutsche Übersetzung erweist sich leider als holprig. Wer sich sicher genug fühlt, sollte daher auf das englische Original zugreifen. Die Präsentation des Rollenspiels ist sicherlich hübsch, aber entlockt mir persönlich keine Jubelschreie. Zu oft ragen Gebäude ins Bild und blockieren die Sicht auf wichtige Bereiche. Aber mal ehrlich, wer motzt bei einem klassischen Rollenspiel schon über eine biedere Präsentation? Pillars of Eternity zieht mich tief hinein in die Welt von Eora; das ist es, was hier zählt.

Kurz nachdem ich in dem umfangreichen Charakterbaukasten meinen eigenen Helden kreiert habe, befinde ich mich als ahnungsloser Siedler auf dem Weg nach Dyrwald. Nur wenige Minuten später habe ich bereits einen Räuberüberfall und einen magischen Sturm hinter mir. Künftig quälen meinen Recken fiese Albträume und Visionen, die offensichtlich mit dem Seelenzustand der Bewohner dieser Welt zu tun haben. Mein Abenteuer beginnt!

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Die etwas bieder aussehenden Ghoule stehen im krassen Kontrast zu den hübschen 2D-Hintergründen.
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Hohe Rollenspielstrategie

Pillars of Eternity war für Entwickler Obsidian Entertainment der letzte Rettungsanker. Die erfolgreiche Kickstarter-Kampagne rettete nicht nur das Rollenspiel, sondern auch das komplette Unternehmen. Doch die enge Verbundenheit mit der Community resultiert nicht in weichgespülten Optionen oder moderner Nutzerfreundlichkeit. Pillars of Eternity gibt sich zwar redlich Mühe, mir einen sanften Einstieg zu bieten, aber es dauerte Stunden, ehe ich mich wirklich heimisch gefühlt habe. Die Flut an Informationen, Kampfvariablen und Charakterwerten überrollt mich förmlich. Daran ändern leider auch die vielen Tutorial-Textkästen nichts.

Pillars of Eternity ist der Beweis, dass sich Kickstarter lohnt. Ein Rollenspiel-Epos, das selbst Baldur's Gate vergessen macht.Fazit lesen

Immerhin: Ich darf zwischen den vier Schwierigkeitsgraden jederzeit hin und her wechseln. Auf „Eisenurteil“ stirbt meine Truppe sogar den Permadeath und verschwindet auf ewig im Datennirwana. Diese Hürden habe ich allerdings gar nicht gebraucht. Schon auf „Normal“ fordert mich das Rollenspiel mächtig. Die Kämpfe laufen zwar grundsätzlich in Echtzeit ab, lassen sich aber auf Tastendruck pausieren, sodass ich in aller Ruhe Befehle geben kann. Bei maximal sechs Charakteren mit unterschiedlichen Talenten und Spezialfertigkeiten beschäftigt mich das PC-Abenteuer in jedem Kampf mit viel Mikromanagement: Wo soll der Zauberer stehen? Welche Flächenangriffe setze ich ein? Welcher Widersacher ist am bedrohlichsten?

Schnell fühle ich mich wie ein Feldherr, der hektisch Befehle verteilt und dann das Ergebnis seiner Pläne begutachtet. Plumpe „Alle Mann auf einen“-Taktiken funktionieren nur bei einzelnen Gegnern. Daher bietet Pillars of Eternity auch ein simples Formationssystem an, mit dem ich beispielsweise meinen Krieger in die vorderste Reihe stelle und schwächliche Magier dahinter. Barden sollte ich dagegen zentral positionieren, da ihre Gesänge das Team motivieren. Spätestens, wenn ich auf größere Ansammlungen von Feinden mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen treffe, muss ich all diese Kleinigkeiten berücksichtigen, um nicht zu scheitern. Gleichzeitig muss ich beim Ausrüsten meiner Mannen auch deren Fähigkeiten beachten. Ein Magier mit schwerer Kettenrüstung etwa verliert an Effektivität und agiert deutlich langsamer.

Pillars of Eternity koppelt die Gefechte an ein komplexes Ausdauer- und Gesundheitssystem: Im Gefecht selbst büßen meine Schützlinge zunächst nur Ausdauerpunkte ein und werden dann irgendwann ohnmächtig. Folglich werfe ich auch keine Heiltränke ein, sondern blaue Ausdauer-Phiolen. Erst wenn ich den Kampf überstehe, verlieren sie Gesundheitspunkte. Zum Auffüllen wiederum mache ich einen Abstecher in die Taverne oder schlage gar unterwegs mein Lager auf. Pillars of Eternity fordert mich als Stratege und bestraft selbst auf „Einfach“ mein Fehlverhalten. Gut so!

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Gelegentlich nimmt Pillars of Eternity Anleihen bei Tabletop-Rollenspielen und lässt euch Entscheidungen in Textform treffen.
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Eine Welt in Häppchen

Obsidian verzichtet auf eine offene Spielwelt. Stattdessen unterteilt sich Pillars of Eternity in viele kleinere bis mittlere Gebiete, die aber dennoch zum Erkunden und Stöbern einladen. Dabei kommt Obsidian über weite Strecken ohne klischeehafte Sammel- oder Tötungsmissionen aus, sondern lässt euch vergleichsweise viele Türen offen. Gerade abseits der Hauptroute entdecke ich immer wieder viele kleine Details und Informationen über die Spielwelt, potenzielle Konflikte und teils merkwürdige Bewohner. Schade nur, dass das Auslesen der Seelen keinen direkten Einfluss auf das Spiel hat, sondern letztlich nur einen zusätzlichen Informationsbrocken darstellt.

Gleichzeitig aber belohnt das Spiel das Erledigen von Haupt- und im speziellen von Nebenmissionen mit wertvollen Erfahrungspunkten, mit deren Hilfe ich meine Leute verstärke und ihnen meinen persönlichen Anstrich verpassen. Dabei geht es nicht allein um die fünf Grundfähigkeiten, sondern auch um Klassen-Freischaltungen und Talente. Auch hier gewinnt die Komplexität zugunsten der Einsteigerfreundlichkeit. Die pure Masse an Variablen ist überragend und macht es möglich, eine eigene, funktionierende Truppe zu kreieren.

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Typische Situation: Der schwer gepanzerte Paladin steht die Feinde auf sich, während Barde und Magier im Hintergrund lauern.
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Auf halber Strecke setzt Pillars of Eternity sogar noch einen drauf und schenkt mir meinen eigenen Unterschlupf, den ich ausbauen und managen darf. Hier hätte man zwar noch mehr Tiefe reinbringen können, nichtsdestotrotz bietet diese Festung eine Menge Optionen für gezieltes Mikromanagement. Und unter der Trutzburg schlummern die endlosen Pfade von Od Nua, ein XXL-Dungeon mit 15 Stockwerken voller wertvoller Schätze und knackiger Gegner.

Pillars of Eternity ist ein Rollenspiel-Koloss, der einfach all das bietet, was Baldur's Gate und Icewind Dale ausgezeichnet hat. Ein Oldschool-Rollenspiel mit hoher Komplexität, von einem Entwickler, der auf aktuelle Konventionen pfeift und stattdessen sein eigenes Ding durchzieht.