Packt die OBJECTION-Memes wieder aus, trainiert eure Stimmbänder und Zeigefinger – Ace Attorney ist wieder im Haus, und diesmal geht es ums Ganze… also alles wie immer. Wer vor drei Jahren das „erste moderne Ace Attorney“ Dual Destinies gespielt hat, kann sich in etwa ausmalen, was auf ihn zukommt. Wer es nicht getan hat: Willkommen zur Ace-Attorney-Reihe, neuer Spieler! Darf ich vorschlagen, dass du mit dem ersten Teil anfängst und dich dann gefälligst durcharbeitest, wie es sich gehört?

Allen anderen: Glückwunsch, ihr seid, wie ich, Fans einer Reihe, die noch nie einen völlig schlechten Teil hervorgebracht hat, und das, soviel sei schon mal verraten, ändert sich mit Spirit of Justice auch nicht. Aber ob es zu den stärkeren oder schwächeren Teilen der Reihe gehört, ist eine durchaus interessante Frage. Denn was macht denn einen Teil von Ace Attorney gut oder schlecht? Ist es das leichte Durch-die-Gegend-Schubsen von eigentlich ja doch größtenteils unveränderten Mechaniken, die sich seit dem ersten Teil vor 15 Jahren mehr als bewährt haben? Sind es die verschlungenen, spinnerten Wendungen der teils absurden Plots? Ist es die Kreativität der konstruierten Fälle? Die Macken alter wie neuer Charaktere? Die Zusammenbrüche von Zeugen und Tätern? Ob Phoenix‘ und Apollos Stacheln richtig auf dem Kopf sitzen?

Ich denke, die Antwort ist: All das, ein bisschen, und das Gesamtpaket, das sich aus diesen Elementen ergibt. Dennoch sind nicht alle gleich gewichtet. Wenn nun also, und so sehe ich Spirit of Justice, ein Teil erscheint, der in seiner Substanz das allermeiste richtig macht, in mancherlei Hinsicht sogar brillant ist, aber dafür in vielen seiner Details, vor allem im Script, Schwächen zeigt, die man bislang im Griff hatte oder die zumindest nicht zu sehr in den Weg gerieten, dann ergibt sich eine Schwierigkeit: Wie bewertet man das?

Manchen werden nämlich meine Probleme mit Spirit of Justice albern und übertrieben vorkommen, und ihre Auswirkung auf die Wertung (die, wie ihr sehen werdet, gar nicht so schlecht ist) werden solche Spieler nicht nachvollziehen können. Ich versteh das, ich respektiere es. Doch für mich ist ein beträchtlicher Teil der Reihe ihre innere Logik einerseits und ihre charmante, mich neckisch in die Seite pieksende Ästhetik, die mir zwinkernd immer und immer wieder verkauft: Verstehst Du, ich nehm mich nicht zu ernst – doch auch und gerade deshalb funktioniere ich und kann, das ist der Zaubertrick, genau deshalb ernstgenommen werden.

Phoenix Wright: Ace Attorney - Spirit of Justice - Ist schon Recht so

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Phoenix bleibt dezent vertrottelt und stolpert gleich zu Beginn in ein Fettnäpfchen der Größe eines Swimmingpools.
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Ich will also eine mitreißende Handlung. Gute Nachricht: Die gibt es durchaus. Sie ist etwas arg gewollt und eine Spur zu glatt auf unsere Hauptcharaktere zugeschneidert, aber das ist ja eh Usus für die Reihe: Veteranen kennen das, jeder zweite Klient, der durch die Bürotür schlendert, ist der lange verschollene Jugendfreund oder Verwandte von einem unserer Helden, jedes entwendete Objekt ist eigentlich ein Memorabilium an ein Abenteuer, das bislang noch nie erwähnt wurde. Wenn also Phoenix Wright ins ferne Königreich Khura’in reist (nicht zu verwechseln mit dem Kurain-Dorf), um seine alte und im letzten Teil schmerzlich vermisste Freundin Maya Fey zu besuchen, dann ist das gleich auch noch der Aufhänger dafür, dass der Rest der Clique ebenfalls von der Vergangenheit eingeholt wird. Mehr soll nicht gesagt werden, nur so viel: Es ist verdammt konstruiert, aber wenigstens gut konstruiert.

Natürlich stolpert Wright innerhalb gefühlter 14 Sekunden unfreiwillig in den ersten Gerichtssaal, um einen kleinen Jungen gegen eine Mordanklage zu verteidigen, und entdeckt dabei etwas Verblüffendes: Er ist seit über 20 Jahren der erste Strafverteidiger im Land, denn zur damaligen Zeit wurde ein Gesetz verabschiedet, nach dem Anwälte das Schicksal ihrer Klienten teilen. Nun winkt also auch Wright die Todesstrafe, und wenn der igelige Jurist seine eigene Haut und die seines Mandanten retten will, muss er die Kunst des Strafprozesses zurück nach Khura’in bringen – und das gegen die öffentliche Meinung, nach der Rechtsanwälte ungefähr so liebens- und vertrauenswürdig sind wie Kinderschänder, die den Holocaust leugnen.

Packshot zu Phoenix Wright: Ace Attorney - Spirit of JusticePhoenix Wright: Ace Attorney - Spirit of JusticeErschienen für 3DS kaufen: Jetzt kaufen:

Die einzig akzeptierte „Wahrheit“ in khura’inschen Gerichtshäusern sind die von der Kronprinzessin in einer Séance beschworenen letzten Erinnerungen des Mordopfers (da fragt man sich, wie Prozesse beigelegt werden, in denen es nicht um Mord geht). Ohne Rechtsanwälte werden diese Visionen als unumstößliche Wahrheit betrachtet. Die Neuerung ist in dreierlei Hinsicht bemerkenswert. Sie ist erstens Aufhänger für eine neue Spielmechanik, in der die letzten Wahrnehmungen des Opfers mit der Interpretation der Kronprinzessin Rayfa verglichen werden müssen, um Widersprüche aufzudecken. Hierin steckt eine andere Form der Beweisführung, als man es von der Reihe gewohnt ist, und das Resultat klappt prima. Zweitens ist es wundervoll, in einem Spiel, zumal einem, das sich um Rechtsprechung geht, eine so reife Position zu erleben, die der gemeinhin verbreiteten Faktengläubigkeit und dem allgegenwärtigen Positivismus die lange Nase zeigt. Fakten sind eben nicht Wahrheiten, sondern bestenfalls die Bausteine selbiger, und Spirit of Justice zeigt, wie sie missbraucht und zu destruktiven Unwahrheiten geformt werden können.

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Die Kulisse ist eine exotischere, doch die Szenen vor Gericht laufen weitestgehend ab wie immer. Zum Glück.
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Und drittens ist diese Abkehr von der üblichen Formel etwas eigenartig, denn bislang war Ace Attorney im Hintergrund immer eine nicht sehr verschleierte Kritik am japanischen Rechtssystem, das tatsächlich dem der Spiele gar nicht so unähnlich sein soll. Nun aber geht es in der Aussage eher in die Richtung „Es könnte immer noch schlimmer sein…“, und wer zum Beispiel noch das Hickhack um Professor Means aus Dual Destinies im Hinterkopf hat, der wird sich über diese versöhnliche Note vielleicht wundern.

Wie auch vielleicht darüber, dass ich am Anfang geschrieben habe, das neue Ace Attorney habe Schwächen und bislang eher lobend darüber rede. Also, frisch ans Werk! Natürlich kann ich euch wenige konkrete Beispiele über das Gesagte hinaus geben, ohne euch den Spaß an der Sache zu verderben, also verzeiht mir eine gewisse Schwammigkeit. Zum ersten erscheint mir, dass die Fälle nicht ganz so gut oder verblüffend konstruiert sind, wie wir es aus der Vergangenheit gewohnt sind. Ja, es gibt die gefühlt 57. Locked-Room-Mystery hier, einen Fall von großem Zeugengeheimnis dort, doch kaum jemals hat sich bei mir das ungläubige Staunen eingestellt, das ich aus der Reihe kenne und so sehr schätzen gelernt habe. Der Eindruck ist insgesamt ein befriedigter, aber ich schmeiß nicht eben mit Konfetti.
Die innere Logik der Fälle lässt ebenfalls zu wünschen übrig, in zweierlei Hinsicht: Sie ist entweder zu offensichtlich vorherzuahnen oder weist Lücken auf. Insbesondere der zweite Fall, der im Magiermilieu spielt (das hatten wir auch schon, und mittlerweile mehrfach), hat einen Twist in der Mitte, den man dermaßen leicht drei Meilen gegen den Wind riecht, dass es schon ein bisschen unangenehm ist.

Nicht der stärkste Teil der Reihe, aber einer der mutigsten und längsten.Fazit lesen

Und was die Logiklöcher angeht: Wie immer, das hat ja quasi Tradition, findet man bestimmte Sachverhalte viel früher heraus als die Figuren im Spiel und will dann mit Beweisstücken vorgreifen, fängt sich aber Backpfeifen, weil man zuvor zwingend jeden noch so stumpfen Zwischenschritt gehen muss. „Ja, natürlich starb das Opfer durch die vergiftete Limo, aber bitte zeigen Sie mir ERST die Giftkapsel, DANN die eindeutig vergiftete Limo.“ (Das Beispiel ist fiktiv und nicht aus dem Spiel.) Auf derlei Sperenzien sei mal gepfiffen, die haben halt den Großvater-Bonus. Wenn man sich aber selbst nach Auflösung eines Falls fragt „Hä, wie soll das denn gehen?!“, dann ist etwas an der Konstruktion schief. Es ist ein bisschen wie im Bonusfalls des ersten Teils der Reihe, in dem alle denken, dieselbe Person sei an zwei Orten ermordet worden, obwohl die Leiche offensichtlich nur an einem der Orte gefunden wurde. So, könnten wir jetzt bitte alle wieder unser Gehirn anschalten?

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Na, erratet ihr, wie die große neue Spielmechanik heißt?
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Erfreulich ist, dass es neben Wiedersehen mit alten Freunden (auch aus dem offensichtlich zur neuen Hauptkontinuität erhobenen Dual Destinies) auch einen reichhaltigen Cast an neuen Charakteren gibt. Nun, reichhaltig zumindest in Anzahl. In Sachen Persönlichkeit bleibt die Ansammlung von Staffagenfiguren nämlich ziemlich blutleer. Der neue Staatsanwalt stößt selbst Vorgänger wie Godot und Blackquill in Sachen Stoizismus vom Thron und ist neben der königlichen Séance-Göre Rayfa, die kurzzeitig zur Assistentin bei Ermittlungen wird, eine der repetitivsten Nervensägen in der Geschichte der Serie. Ich schwöre, wenn ich in meinem Leben noch eine einzige Tautologie über die Verkommenheit von Rechtsanwälten hören muss, fang ich an zu schreien. Und wenn ich des Staatsanwalts Catchphrase „Let it go and move on.“, die er teilweise im gottverdammten Minutentakt runterbetet, dermaleinst auf dem Sterbebett höre, werden wohl meine letzten Momente von einer Art PTSD -Flashback zu den Gerichtsverhandlungen von Spirit of Justice geprägt sein. Apropos: Es hilft auch nicht, dass die Macher des Spiels offenbar denken, ihr Zielpublikum seien Goldfische. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand eine Rückblende auf einen Dialog braucht, der vor maximal zwei Minuten geführt wurde – und so etwas passiert mehrfach!

An der Zeugenfront übrigens ist es auch etwas mau. Das unbestreitbare Highlight in Sachen Witz und Zusammenbruch ist im ersten (und somit, noch so eine Tradition, kürzesten und schwächsten) Fall zu finden, danach wird es nie wieder so lustig, und im Gegenteil sehen wir sogar recycelte Konzepte. In Pink gekleidete Zeugin mit großen Brüsten und koketter Attitüde, anyone? Jene Zeugin taucht übrigens im vierten Fall auf, der aus mehreren Gründen ein Problem darstellt, kleinere Spoiler bis zum Ende dieses Absatzes: Es ist der einzige Fall, der in der Kontinuität von Spirit of Justice in keinerlei Hinsicht in einen größeren Kontext oder Handlungsbogen eingearbeitet ist, er ist nur da, damit Athena auch einen Fall haben darf in einem Spiel, das sich ansonsten fast nur um Wright und Apollo dreht. Liegt es daran, dass die Autoren bereits nach einem Teil nichts mehr mit der Psychologie-Anwältin anzustellen wissen? Dieser Lückenfüller von einem Fall ist kurz (nur eine Gerichtsverhandlung ohne Untersuchungsphase, kaum Zeugen – mit anderen Worten, ein zurückgewiesener Erstfall), was umso klarer wird, da er auf den dritten und gefühlt längsten Fall des Spiels folgt. Und er fördert ein altes Problem zutage: die Lokalisierung. Wer auch immer dachte, es sei eine gute Idee, Ace Attorney statt in Japan in Amerika spielen zu lassen, kriegt wahrscheinlich bald eine Briefbombe von den aktuellen Übersetzern. Jedenfalls braucht es zum vollständigen Genießen dieses Falls nicht nur die Kenntnis der ur-japanischen Kunstform des Rakugo-Theaters, man muss auch den Unterschied zwischen japanischen Buchweizennudeln und Weizennudeln kennen. Viel Spaß!

So, Spoilerende. All das klingt harsch, und tatsächlich ist meine Freude eine gedämpfte. Aber, und das sollte nach all dem Gemecker noch mal extra betont werden: Ich liebe Spirit of Justice. Ace Attorney ist eine Reihe ohne Alternative, und sie hat in sich schwächere und stärkere Teile, doch wie eingangs erwähnt niemals Totalausfälle. Der neue Teil ist mutig und geht mit dem etablierten status quo ruppig um, schüttelt das Gerüst, auf dem etablierte Charaktere stehen, ordentlich durch und schafft es dabei noch, einmal mehr eine Reihe spannender und schmucker Murder Mysteries abzuliefern. Ich habe mit Fans gesprochen, die ihn für einen der stärksten Teile der Reihe halten. Ich halte ihn für einen der schwächeren. Und dass ich ihn immer noch wahnsinnig gern habe, zeigt nur, wie hoch diese Reihe ihre eigene Messlatte gelegt hat.