Entwickler Gambitious Digital Entertainment hatte an sich eine brillante Idee: Wie wäre es, das Spielprinzip von XCOM in ein Agentenszenario einzubetten? Was dabei herausgekommen ist, ist Phantom Doctrine, ein rundenbasiertes Strategiespiel, indem ihr viel macht, viel plant und ab und zu auch mal ein Erfolgserlebnis habt. Bis dahin prägt euch folgenden Satz gut ein: Übung macht den Meister, viel mehr Übung macht den Geheimagenten.

Dieser streng geheime Trailer löscht sich nach dem Anschauen von selbst:

Phantom Doctrine - Mission Debriefing Trailer

Dungeon and Agents

Wolltet ihr auch schon immer lieber M als James Bond sein? Klar, als Doppel Null-Agent dürft ihr schießen, Sponsoren-Autos fahren und Bösewichte von Raktenabschuss-Knöpfen wegschubsen, aber sind wir doch mal ehrlich: Bond ist nur eine Schachfigur (zugegeben, eine Dame mit Raketenwerfer), während M als Chefin auf einer viel höheren Ebene spielen kann. Von ihren Entscheidungen und Plänen hängt das Schicksal der Welt ab. Sie sieht das große Ganze und muss nachts noch alle Eventualitäten durchrechnen, während Bond mal wieder den Sexisten aus sich heraushängen lässt.

Wie cool wäre es also, anstatt wie sonst einen tropischen Inselstaat oder Sims-City zu führen, zur Abwechslung mal die Welt als Geheimdienst zu beeinflussen? Genauso cool wie anstrengend, das kann ich euch sagen.

In Phantom Doctrine seid ihr sowohl Leiter als auch Mitarbeiter einer geheimen Agentenabteilung, die im Laufe des kalten Krieges eine Verschwörung aufdecken soll. Nachdem der Spieler seine eitlen dreißig Minuten im Charaktererstellungs-Editor verbracht hat, gibt es eine kleine Infiltrations-Mission zum Warmwerden. Keine Sorge, nur Atomwaffen finden, es ist schließlich euer erster Einsatz. Tabletop-typisch werden die Charaktere übers Spielfeld geschickt, jeder hat eine begrenzte Anzahl an Bewegungs- und Handlungszügen.

Nach meiner Karriere als Geheimagent kann ich nur sagen: Im Film sieht es viel leichter und cooler aus.Fazit lesen

Erst seid ihr dran, dann der Gegner inklusive aller Einheiten und unbeteiligten Zivilisten. Spätestens hier werden die Strategie-Fanatiker enthusiastisch ihre Planungsblöcke hervorziehen und die Strategie-Neulinge überfordert durch die zahlreichen Optionen scrollen. Ja, die Landung im Spiel ist etwas holprig, aber der Entwickler ist kein unerfahrener Pilot und führt euch langsam an das komplexe Prinzip heran. Nach einer Viertelstunde sollte sich jeder Spieler zurechtfinden, bevor das eigentliche Abenteuer an eure Bürotüre klopft.

Die Kulissen ziehen euch in den Agentenbann

Gefährliche Atomwaffen, mysteriöse Organisationen, verdeckte Operationen – der kalte Krieg ist ein heißes Pflaster. Euer Land braucht euch (je nachdem, welches ihr gewählt habt). Euer Arbeitsplatz ist das Agentenbüro, wovon ihr aus Einsätze plant, Hinweise untersucht und Ressourcen verwaltet. Wenn ihr nicht gerade irgendwo da draußen seid und tabletop-mäßig die Welt rettet, seid ihr hier und macht – neben dem Zuweisen von neuen Waffen und Fähigkeiten an Agenten – zwei Sachen: Aktenhinweise mit den ikonischen roten Fäden verbinden (Achtung: Verknotungsgefahr!) und kleine Nadeln über eine Weltkarte schieben wie ein Zigarre rauchender Stratege im Dunklen.

Während ihr in den ersten zwanzig Minuten noch aufgeregt „Wie ein richtiger Agent! Wie ein richtiger Agent!“ murmelt, wird euch danach wahrscheinlich nur noch ein krächzendes „Wie richtige Arbeit! Wie richtige Arbeit!“ über die Lippen kommen. Es sind zwei süße Minispiele, die das Gameplay in einen sinnvollen Kontext zur Geschichte setzen, aber mehr auch nicht. Papierkram ist ohnehin langweilig, wie sieht’s denn mit dem Agententreiben da draußen aus?

Packshot zu Phantom DoctrinePhantom DoctrineRelease: PC, PS4, Xbox One: 14.8.2018 kaufen: Jetzt kaufen:

Chef! Chef! Chef! Meine Pistole will wieder nicht schießen!

Ich komme erschöpft von einem Einsatz mit zwei meiner Agenten zurück. Wir sollten einen feindlichen Spion entweder töten oder als Geisel nehmen, damit wir ihn hier noch verhören können. Da Informationen wie guter Wein sind und nicht verschüttet werden dürfen, haben wir ihn selbstverständlich im Kofferraum mitgebracht. Es ist bereits der vierte Einsatz dieser Art hintereinander, ignorieren sollte ich ihn nicht, da sonst meine Basis irgendwann auffliegt und ich wieder für teures Geld in eine andere abgelegene Gegend umziehen muss.

Die Kampagnenmissionen plätschern ein wenig langsam vor sich hin. Bei dem Einsatz wurde wieder ein Agent schwer verletzt und der andere hat sich fast zu Tode gelangweilt. Sollen meine Leute die Geisel doch in die Informationspresse stecken, ich will jetzt meine Ruhe haben.

Oft heißt es Neuladen oder Stirb!

Kaum bin ich in meinem Büro angekommen, klopft der gelangweilte Agent an meine Tür. „Herein!“, sage ich genervt. „Ist ganz gut gelaufen, oder?”, fragt er mich. „Ich weiß nicht. Wir haben die Mission, lass mich raten, wie oft neu gestartet? Fünfmal? Ich meine, abgesehen von dem Laden der Auto-Save-Punkte. Da habe ich nicht mehr mitgezählt.“ „Es waren sechsmal, Sir. Beim fünften Versuch wurde ich von einer Wache erschossen, die im Treppenhaus eines anderen Gebäude stand, während ich Schutz in einem Badezimmer suchte“, korrigiert er mich. „Ach ja, das ist passiert, als ich am anderen Ende der Karte entdeckt worden bin?

„Ja, unsere Agentin hatte ein zu geringes Bewusstseins-Level, um Ihnen helfen zu können.“ Ich seufze und kann nicht sagen, ob wir nach all den Fehlern wirklich besser gehandelt haben oder einfach nur Glück bei der neuen Aufstellung der Mission hatten. Der Weg ist gefühlt leichter gewesen und auch die Wachen scheinen plötzlich andere Patrouillen gelaufen zu sein. „Kennst du eigentlich den Film Edge of Tomorrow?“, frage ich meinen Agenten.

Phantom Doctrine kennt zwei Spielmodi. Entweder ihr schafft es, eine Mission heimlich abzuschließen oder ihr schafft es nicht. Dazwischen gibt es nichts. Wenn auch nur ein Agent entdeckt wird, wissen alle Einheiten, wo sich eure Agenten befinden. Dann heißt es Schießen und Verstecken. Und beten, dass die Gegner beim Zielen schielen.

So verkommt das Agentenabenteuer schnell zu einem GTA, bei dem es nach jedem Schusswechsel Ladezeiten gibt. Oder nach allen zehn Schritten. Abgesehen von den ganzen Bugs und KI-Aussetzern gibt es bestimmt ein nachvollziehbares System hinter dem Gameplay, aber das zu ermitteln, stellt eine größere Herausforderung dar, als die eigentliche Verschwörung aufzuklären.

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Es kommen später tatsächlich noch interessantere Missionen, aber bevor ihr die zusehen bekommt, müsst ihr erst durch ein langes Agententraining, bei dem ihr oft nicht wisst, was ihr jetzt richtig oder falsch gemacht habt, warum bestimmte Dinge funktionieren und andere wiederum nicht. Aber wenn ihr viel Geduld mitbringt, geht euch auch die Munition und Hoffnung nicht aus.