Ich wollte es gar nicht. Es war alles nur ein Unfall. Auf einmal stand er da und bettelte geradezu um Schläge: Peter Molyneux, kreativer Kopf der Lionhead Studios, dieser Baron Münchhausen der Spielewelt. „There's someone here“, schrie er, als ich vor ihn trat. Es dauerte nur zwei Sekunden, dann senkte er den Kopf. Für immer.

Seine eigene Schuld. Warum muss er auch unbedingt im Perfect-Dark-HD-Remake sein Gesicht in die Kamera halten? Er provoziert es ja förmlich. Wieso er da eigentlich herumscharwenzelt? Irgendjemand musste her. Im Nintendo-64-Original, ihr erinnert euch sicher alle, war es ein Großteil die Rare- und Nintendo-Belegschaft, der dran glauben musste – nicht zuletzt Sonnenschein Shigeru Miyamoto.

Perfect Dark - Zurück in die Zukunft

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Witzige Idee: Peter Molyneux als Spielcharakter.
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Heute ist alles anders. Heute steckt keine Cartridge mehr im klobigen grauen Konsolenklotz. Heute flutscht das Spiel über die Xbox-Live-Verbindung in den weißen, elchhaft röhrenden Klotz. Und heute darf natürlich kein Gesicht aus der Big-N-Sippe durch ein Spiel stromern, das ausschließlich die Kiste mit den drei Ziffern im Namen befeuert: 3-6-0.

Aber Moment. Ist wirklich alles anders? Nein, nur die paar Parameter, um Rares Shooter-Pionier für die HD-Generation fit zu machen. Mehr noch: Wer der Faszination von Joanna Dark heute nachspüren will, ohne vor zehn Jahren das Original erlebt zu haben, wird vielleicht herbe Probleme damit haben. Zumindest dann, wenn man nicht beide Augen in blinder Ignoranz zudrücken kann oder will. Schön ist ja, dass deutsche Spieler endlich ohne Importfirlefanz eines der Abenteuer erleben dürfen, das nach GoldenEye so wichtig für die Welt der Konsolen-Shooter war.

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Witzig wie eh und je: der Splitscreen-Modus für vier Spieler.
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Aber sagen wir es mal so: Wessen Augen beim Anblick der sich aneinanderschmiegenden Buchstaben H-D schon in den Traum von der technischen Qualität eines Perfect Dark Zero fallen, der könnte deftig enttäuscht werden. Und das zu Recht: „Wir wollten, dass sich alles Sichtbare möglichst nah am Original bewegt“, erklärt Producer Paddy Burns des Entwicklers 4J Studios, wo man die XBL-Umsetzung stemmte.

Im Klartext: 1080p-Make-up gibt’s, feinere Texturen auch, 60 Frames pro Sekunde die meiste Zeit über. Das ist alles schön und gut, lässt sogar ein paar verträumt-nostalgische Blicke zu, aber Burns' Statement bedeutet auch: Das Figurenhalten, die Animationen, die Architektur, das rudimentäre Physiksystem – all das bewegt sich auf einem zehn Jahre alten Niveau. Ach ja: Clipping-Fehler ahoi.

Das Experiment, den Spielern da draußen die ungeschminkte Perfect-Dark-Faszination näherzubringen, und zwar so, wie sie im Jahre 2000 auf dem Nintendo 64 erlebbar war, ist geglückt. Und die Beantwortung der Frage, ob sie heute immer noch so stark ist wie damals, liegt mehr an euch als am Spiel selbst. Es gibt nur einfache Lichtquellen, kaum zerstörbare Objekte, vorgefertigte Sterbeanimationen – eben genau das, was das Nintendo 64 weiland ins Schwitzen brachte und ächzend nach einer Speichererweiterung schreien ließ.

Schwelgen in Nostalgie

Und natürlich erwartet euch Joanna Dark selbst, Rares Powerfrau, die selten die Anerkennung bekam, die sie verdient. Heute strahlt sie sexy in die Kamera, ihre Rundungen sind formschön, die Flächen ihrer Rüstung sogar mit Spiegelungen überzogen. Hey, Joanna, lass dir gesagt sein: Du hast dich echt gut gehalten! Das wissen auch feindliche Wachmänner, die ihr hinterherpfeifen, also genau das Fitzelchen Reaktivität erkennen lassen, das auf dem N64 noch für verblüffte Gesichter sorgte.

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Ordentlich aufgehübscht: Agentin Joanna Dark.
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Überhaupt ruft jeder Schritt in diesem Remake angenehme Erinnerungen an damals wach: Daran, wie die Gegner in den Nahkampf übergingen, wie sie Alarm schlugen oder Beschuss mit einer schmissigen Hechtrolle auswichen. Oder vielleicht daran, wie Zivilisten ängstlich die Arme hoben, Appelle in Richtung Joanna ausstoßend, sie nicht zu erschießen. Heute ist das natürlich nichts Besonderes mehr, aber denkt mal zehn Jahre zurück – das kann sich alles noch sehen und vor allem: spielen lassen.

Den Fans werden die Freudentränen über die Wangen kullern, wenn sie feststellen, dass die Entwickler sämtliche Bugs und Glitches von damals im Code verweilen ließen. Ja, genau die, die so große Speedrun-Wellen schlugen und noch immer schlagen. Muss man das nicht ausmerzen, wenn man schon die Möglichkeit hat? „Nein“, meint Paddy Burns. „Die Fans wollten es so. Sie wollten IHR Perfect Dark, und dazu gehören eben auch diese Kleinigkeiten.“ Der Bewegung in den Online-Ranglisten, die für jeden Abschnitt angelegt werden, wird’s guttun. Na, wer schafft den ersten Level in weniger als zehn Sekunden?

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Wer fleißig ist, kann eigene Dashboard-Designs freispielen.
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Wenn die Haupthandlung beendet ist, alle Waffen freigespielt wurden, dann wartet das zweite Herzstück des Spiels. Etwas, das ich persönlich zuletzt bei Time Splitters 2 auf dem GameCube in so schadenfreudiger Perfektion erlebt habe: der Multiplayer-Modus. Klingt wenig aufregend, aber wenn sich vier Spieler an einem Bildschirm über den Haufen ballern, kommt echt Stimmung auf.

Wenn sie das über die Xbox-Live-Leitung mit vier anderen, ebenfalls vor einem Fernseher kluckenden Spielern tun, dann weiß man, warum Perfect Dark zu Recht ein Klassiker ist. Es gibt einfach nichts Lustigeres, als den Hohn, die Freude oder den Ärger desjenigen zu spüren, der gerade neben einem sitzt – so richtig live und ohne Headset. Einfach schön.

Klasse auch, dass man fehlende Mitspieler mit Bots auffüllen oder die komplette Solokampagne mitsamt des Couch-Nachbarn im Koop-Modus durchspielen darf. Und ja, die GoldenEye-Levels, die im Original verfügbar waren, haben es auch ins Remake geschafft. Muss man noch mehr sagen?

Fazit: Zurück in die Zukunft

Was für eine schöne Reise zurück! Ich mag die zwielichtige, sich zuspitzende Elektromusik, das Blitzen und Blinken in den Schluchten der hochgewachsenen Stadt, das Schrillen der Sirenen und die Gewissheit, endlich wieder im Körper von Joanna Dark zu stecken. Es ist schön zu sehen, wie gewissenhaft die Entwickler der 4J Studios Rares Sternstunde fürs HD-Zeitalter fit gemacht haben, ohne die Spielmechanik zu grob anzupacken. Genau genommen haben sie die Samthandschuhe übergestreift und alles so belassen, wie es sich vor zehn Jahren anfühlte: fortschrittlich, neuartig, brisant.

Ob es heute genau dasselbe Gefühl ist, wenn man mit der Carrington-Institutes-Agentin Joanna Dark durch Korridore pirscht, Sicherheitspersonal überrascht und geschwätzigen Aliens die Hand reicht, das hängt von euch ab. Sind eure Vorstellungen von einem guten Shooter dieselben wie damals? Geht euch Inhalt über Schauwert? Könnt ihr fehlendes DirectX-Partikelphysikblitzboombang-Gerammel mit einem Schuss Phantasie, im besten Fall vielleicht sogar mit einer Prise Nostalgie runterspülen? Dann solltet ihr 800 MS-Punkte zücken und euch den Einblick in die Tage gönnen, als Rare noch zu den ganz Großen gehörte.

Vor allem der Multiplayer-Modus, der nicht nur eine kooperative Handlungsbrücke baut, sondern auch vier Freunde vor einen Fernseher zerrt und schadenfreudige Vier-gegen-vier-Matches ermöglicht, ist die paar Kröten wert – und das alles inklusive der legendären GoldenEye-Karten und -Waffen. Selten war ein Xbox-Live-Deal reizvoller.

Anmerkung: Wieso kein "Test"? Da es sich bei Perfect Dark HD um einen Arcade-Titel zum Schnäppchenpreis handelt, halten wir es nicht für fair, das Spiel mit denselben Maßstäben wie Vollpreistitel zu bewerten und sparen uns daher die Prozentwertung. Ob es sich aber lohnt, den Titel zu spielen, verraten wir natürlich ausführlich in Text und Fazit.

Perfect Dark - X10 Trailer