Letztlich war nicht so ganz abzusehen, wohin die Reise geht. Die Paper-Mario-Spiele von Intelligent Systems und Nintendo, ab dem letzten Teil etwas unstet in ihrer Zusammensetzung, können beides, Rollenspieltiefe und Jump-and-Run-Höhenflüge. Nur der Stickerstern hier klebt merkwürdig verloren zwischen auseinandergerissenen Pappstühlen. Bowser halt...

Was folgt, ist eine Brettspielkarte, die alle Orte des Pilzkönigreichs mit- und nacheinander verbindet, wenn man einen Level abgeschlossen hat. Ich mag die offene Struktur der Welt mit ihr Oberweltkarte, Linien zwischen den Stages, wie man es aus den ''NSMB''- und älteren Mario-Jump-and-Runs kennt.

Die Welt ist eine andere als in den Hüpfspielen aus selbem Haus, keine, deren Level man in einem Geschwindigkeitsrausch von links nach rechts abhakt. Sie verrät nicht viel über sich, nicht von sich aus zumindest und auch nicht übermäßig, höchstens in Dialogen mit ihren Bewohnern, die wie in Trance herumlaufen, seit Bowser das Stickerfest sprengte.

Sie lässt Mario vor Grabtüren voller Symbole umkehren, wenn ihr nicht den richtigen Sticker in der Latzhose habt, und nimmt euch mit auf eine Reise durch giftige, gefährlich blubbernde Gruben und Sandstürme, die dem Klempner die Sicht rauben. Sie hat Sightseeing-Attraktionen, von Wüstengräbern bis hin zu skurrilen Quizshows, und verlangt dafür keinen Eintritt, sondern Einsatz in ihren Pappkulissen.

Paper Mario: Sticker Star - Flachmann sucht Pappkamerad

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 49/521/52
Die Kämpfe funktionieren ausschließlich mit Stickern, die man sammelt. Immer noch rundenbasiert, aber leider ohne verwertbare Erfahrung zur Entwicklung des Charakters.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Hin und wieder grenzt es fast an detektivischer Genauigkeit, wenn man hinter einem bestimmten Busch ein Körperteil finden oder einen bestimmten Pilzbewohner aufscheuchen muss. Den einzigen, der weiterhelfen kann. Da ''Paper Mario: Sticker Star'' dem perspektivischen 90-Grad-Wechsel seines Quasi-Wii-Vorgängers den Rücken zudreht, bleibt die Ansicht eine festgelegte. Und manchmal nichts anderes, als verdattert mit dem Mario-Holzhammer, den er im Gegensatz zu seinem Beutel voller RPG-Geklimper nicht an der Kasse abgeben musste, gegen Bäume/Sträucher/Wände zu klatschen.

''Sticker Star'' versteckt hinter dem Flachen, dem Augenscheinlichen sehr gern das Nützliche und, wichtiger noch, den manchmal einzigen Weg, auf dem man weiterkommt. Man findet Risse in den Papierwänden, die Wahrheit im Schein der Fackel, Geheimpfade im Dickicht düsterer Gumba-Wälder. Und dieses halbe Um-die-Ecke-Denken macht die erzählerisch ausgesprochen unmotivierte Reise durchs Pilzreich dennoch lohnend und unterhaltsam. Man mag sich fragen, warum man das alles auf sich nimmt oder an welchem ''Weg-damit!''-Reißbrett die Begleiter früherer Tage hängengeblieben sind (Stickerwitz hier einsetzen).

Packshot zu Paper Mario: Sticker StarPaper Mario: Sticker StarErschienen für 3DS kaufen: Jetzt kaufen:

Unheimlich bedauerlich, das alles, wenn man die Vorgänger vor Augen hat. Doch ''Sticker Star'' ist trotz ärgerlicher Abmagerkur handwerklich durchdacht, auf Kurs, wie man es von einem Nintendo-Spiel mehr oder weniger erwarten darf, und irgendwo trotzdem ein sehr netter Zeitfresser, obwohl das komplexe Drumherum von damals nur noch eines ist, das ihr zwei Regale nebenan auf dem N64, Gamecube oder der Wii findet.

Paper Mario: Sticker Star - Flachmann sucht Pappkamerad

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 49/521/52
Was tun mit all den merkwürdigen Gegenständen, die man findet? Klar, sie an eine Leinwand klatschen und Sticker daraus machen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Intelli Systems und Nintendo haben wunderbare Levelgestalter, kompetente Leute mit einem Blick fürs Verstecken, Durchscheinen-Lassen und Andeuten. Ihr werdet viel Zeit damit verbringen, alternative Ausgänge zu suchen oder den einen Riesensticker, den man an eine kahle Stelle kleben muss, um Windmühlen in Gang zu setzen oder Bowling-Pins aus dem Weg zu titschen.

Hätte Mario etwas (irgendwas) dazu zu sagen, wäre es: ''Als Pappkamerad läuft man sich öfter einen Knick in den Fuß und sammelt Gott und die Welt. Wo man all das braucht – 'stickerfizierte' Ventilatoren, Billardkugeln, Steuerräder –, das weiß man nie so genau''. Also wird alles mitgenommen, was einem in die Hände fällt, immer schön ins Stickeralbum, in dem bereits zigdutzend normale Kampfsticker kleben, und pinnt es dort an, wo es nötig ist.

Du kommst hier nicht weiter

''Sticker Star'' fordert eine gewisse Hingabe, wenn es um das Erkennen seiner Wege und Durchgänge geht, und gibt euch bis auf eine plappernde Krone nicht viel Hilfreiches mit auf den Weg, falls ihr an einer Stelle nicht weiterkommt. Ausnahme sind die Bossgegner, die sich meist nur mit einem bestimmten Aufkleber überhaupt verletzen lassen.

Lange Spielzeit und hübsche Papierwelt, aber leider um viele RPG-Elemente kastriert.Fazit lesen

Hier erbarmt sich das Spiel nach einigen glücklosen Versuchen zu einem Schubser in die richtige Richtung. Dann wisst ihr zumindest, wonach ihr suchen wollt. Auch wenn niemand sagt, wo genau man fündig wird. Also wieder raus, gucken und probieren, irgendwo geht es schon weiter.

Man kann dem Spiel nicht zur Gänze vorwerfen, dass es heruntergedampft wurde. Aber in einem Bereich, da gönnen uns die Entwickler nicht mal den schnellen, befriedigenden Kick: Das Level-up-Lied ist verstummt. Zwar gibt es nach wie vor goldene Münzen zum Kauf von normalen oder Spezialstickern, etwa Scheren oder Baseballschläger, die auf den Köpfen von Bossen Rumba tanzen.

Das Meiste davon findet man ohnehin an den Wänden klebend - überall, in jedem Abschnitt aufs Neue und nach dem Verlassen immer wieder -, und irgendwann stellt sich die Frage, warum man all das Fußvolk von Gumba bis Koopa, Shy Guy und Co. eigentlich bekämpfen soll, wenn es doch keinen Sinn hat.

Paper Mario: Sticker Star - Flachmann sucht Pappkamerad

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 49/521/52
Natürlich gibt es ein Wiedersehen mit vielen liebgewonnenen Feinden. Und Pilzen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Vorbeilaufen ist das, was ich nach einigen Stunde versuchte, weil die Kämpfe sich ab diesem Punkt fast wie eine lästige Fußfessel anfühlen, die man notgedrungen mit sich herumschleppt. Zumal es weniger taktische Tiefe, keine Teammitglieder oder andere Kniffe gibt, abgesehen von einer Verteidigungsstellung und Angriffsketten, wenn man zum Beispiel mehreren Gegnern nacheinander mit einem ''Seriensprung''-Aufkleber auf die Rübe hopst. Das dauerhafte Erhöhen der Lebensenergie kann man mit Müh und Not als Entwicklung zählen, das war es.

Was am Ende der Reise übrigbleibt, ist ein in wichtigen Bereichen tragisch reduziertes Abenteuer mit netten Dialogen, guten Rätseln und einer liebevollen Welt, in der ich gern unterwegs war. Aber auch mit vielen Wiederholungen, langen Laufwegen und einem Kampfsystem ohne großartige Entwicklung.