Wie bei kaum einem anderen Gerät war und ist die Betrachtung einzelner Wii-U-Spiele fest an das Schicksal der Konsole gekoppelt, die sie befeuern sollen. ZombiU als vielversprechender Startschuss, die sichere Bank Mario Kart und der vermeintliche Wendepunkt Splatoon zu einem Zeitpunkt, als das Kind längst in den Brunnen gefallen war. Diese Verflechtung hat beinahe Tradition und ist bis heute nahezu unumgänglich. Erst recht, da Color Splash das spielgewordene Ebenbild von Nintendos sterbender HD-Kiste ist. Paper Mario als Beatmungsmaschine.

Letztlich war nicht so ganz abzusehen, wohin die Reise geht“, begann Kollege Seb an dieser Stelle den Test des 3DS-Vorgängers Sticker Star und wenn wir bei der Wii-U-Analogie bleiben (was wir, es geht nicht anders, bis zum Schluss tun), trifft dieses Bild gleich doppelt zu. Sticker Star verhielt sich zur Paper-Mario-Serie bisweilen wie die Wii U zur Wii: Den Zenit überschritten habend, wurde das Erfolgsmodell gerade stark genug variiert, um beim berechtigten Pochen auf die neue Eigenständigkeit eine vertraute Nähe zum einstigen Überraschungserfolg herstellen zu können. Eine enorm untypische „Play it safe“-Strategie für ein Unternehmen, das Zeiten des Umbruch immer auch als Chance begriffen, sich Veränderungen stets gestellt hat, statt ihnen nur ängstlich entgegenzublinzeln.

Nun, knapp vier Jahre sowie viele Einsichten später, ist die Reise zu Ende – und dass weder dem einen noch dem anderen Projekt übermäßiger Erfolg vergönnt war (wenn auch in völlig unterschiedlichen Ausprägungen), liegt auch und gerade in eben jenem Duckmäusertum begründet. Color Splash ist ein Kind dieser Zaghaftigkeit und beantwortet mit seiner Linientreue ein für allemal die bereits angeschnittene Frage, wohin dieser Weg letztlich führt: in seichtere Gewässer nämlich.

Mit der Mario-&-Luigi-Reihe hat Nintendo längst ein Rollenspielpferd im Stall und die Idee, beide Serien stärker voneinander abzugrenzen, ist sicher keine falsche (dafür freilich reichlich spät gestellt, bestehen beide Marken immerhin seit über 13 Jahren nebeneinander). Als Sticker Star daher Ende 2012 um seine RPG-Anteile kastriert wurde und Intelligent Systems ohnehin alles andere als zurückhaltend beim Vorhaben waren, vermeintlichen Ballast über Bord zu werfen, war das weniger ein Bekenntnis gegen, sondern gerade für die Zukunft des zweidimensionalen Latzhosenträgers: Wir glauben an dich, deshalb stampfen wir deine Spiele nicht ein, sondern passen sie lediglich ein wenig an.

Paper Mario: Color Splash - Dasselbe in Grün (und Blau, Rot, Gelb, Purpur...)

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Etwas Fingerspitzengefühl und eine gute Kartenauswahl sind alles, was ihr in den Kämpfen braucht.
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Neuer Anstrich, alter Mario

Die Aufgabe von Color Splash wäre es nun gewesen, die Löcher zu stopfen, die der Vorgänger mit seiner neuen Marschrichtung unweigerlich hinterlassen musste und anhand meiner suggestiven Formulierung werdet ihr vermutlich schon ahnen, dass diese Aufgabe nur unzureichend geglückt ist. Dass der Wegfall jeglicher Charakterentwicklung noch immer nicht ausreichend kompensiert wird, dass die rundenbasierten Kämpfe dadurch reine Fingerübung sind, dass ihr euch in der Konsequenz binnen weniger Stunden dabei erwischt, Gegner einfach großflächig zu umgehen. Dass wir hier genauso gut über „Sticker Star 2“ sprechen könnten, weil ihr statt Stickern eben Karten sammelt, ohne dass es irgendeinen Unterschied machen würde. Sie allein diktieren Marios Manöver und wer gegen die Bowser-Zwischenbosse gerade nicht die richtige Spezialkarte in der Latzhose spazieren führt, wird erst von hämischen Zwischenrufen, schließlich vom Game-Over-Bildschirm dazu aufgefordert, es doch noch mal mit einer anderen Karte zu versuchen.

Nachdem ihr euch auf diese Art zweieinhalbmal ein blaues Auge geholt und eine falsche Spezialkarte verschwendet habt, weil ihr die richtige entweder nicht dabei hattet oder ihr Einsatz, auch das kommt immer mal wieder vor, in der jeweiligen Situation nur bedingt sinnvoll erschien, lernt ihr die kleinen Fingerzeige des Spiels dann notgedrungen zu lesen. Ihr macht euch vorher kundig, einen Eisblock eben nicht mit einem Eispickel zu beackern, sondern mit einem Fön zum Schmelzen zu bringen und nehmt dafür einen weiteren der vielen Rückwege in Kauf: um Geld oder diese eine Spezialkarte zu besorgen. Beides wächst nicht auf Bäumen und dass euer Panini-Heftchen auf 99 Plätze beschränkt ist, versteht ihr nur zu Beginn als Großzügigkeit. Sehr schnell nehmt ihr diese Begrenzung allerdings als das, was sie ist: als Symptom fehlender Stellschrauben, mit Hilfe derer Nintendo die Schwierigkeit über Sonntagsnachmittagsniveau hieven könnte.

Packshot zu Paper Mario: Color SplashPaper Mario: Color SplashErschienen für Wii U kaufen: Jetzt kaufen:

Geld ist nur eine Frage des Fleißes, steigerbare Charakterwerte nicht vorgesehen und nahezu alle Karten jederzeit in unbegrenzter Auflage nachkaufbar. Wie soll Paper Mario jemanden ins Schwitzen bringen, der heilende Power-Pilze wie Gummibärchen futtert und ein ausgewogenes Deck pflegt? Drei Viertel der Spielzeit: gar nicht. Und auf den letzten Metern vor allem durch die auferlegte Kartenbeschränkung. Wenn ihr schlicht keinen Platz mehr für die benötigten Fähigkeiten habt, werden Auseinandersetzungen automatisch knackiger. Ein Taschenspielertrick.

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In seinen stärksten Momenten ist Color Splash wunderbar durchgeknallt und verflucht unterhaltsam.
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Erwartet deshalb noch keinen Selbstläufer: Es hat durchaus seinen Grund, dass Color Splash das Kampf- und Stickersystem seines Vorgängers nahezu unverändert übernommen hat. Mario klaubt sich mit der Zeit immer neuere, stärkere Kärtchen und damit für jeden Gegner die richtige Fähigkeit zusammen. Schwächliche Sprungattacken nehmt ihr irgendwann nicht einmal mehr geschenkt, konzentriert euch stattdessen auf immer wuchtigere Manöver, an die vor einigen Stunden noch nicht mal zu denken war – ein kleines Trostpflaster für die mangelnde Progression durch Marios fehlende Charakterwerte. Von wenigen Totalausfällen abgesehen, greifen all die verschiedenen Karten fein verzahnt ineinander und ihr werdet schnell einsehen, nicht ausschließlich auf dieselben setzen zu können. Nur: Habt ihr das einmal verstanden, baut ihr euer Deck schnell gezielt nach verschiedenen Verhältnissen zusammen und müsst daran später kaum noch herumschrauben. Habt ihr diesen Sweet Spot, das richtige Mischungsverhältnis erst gefunden, routiniert ihr euch schließlich so durch die kunterbunte Welt.

Allerdings weniger an der Nase gezogen als noch vor vier Jahren, als euer Abenteuer im Wesentlichen eine Aneinanderreihung (oder eben: das Umgehen) von Kämpfen darstellte. Auf der Wii U kann der schnauzbärtige Klempner auch mal Fünfe gerade sein lassen, kann hier und da seine grauen Zellen bemühen, wo es früher allein mit purer Muskelmasse getan war. Deshalb wird noch niemand nach einer Komplettlösung googeln, aber doch gut genug unterhalten, um bis zum Schluss am Ball zu bleiben.

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Jetzt sagt mir nicht, dass dieses Kampfsystem nicht ohne diesen bevormundenden GamePad-Zwang möglich gewesen wäre.
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Schnittiger Typ

Auch wenn es dazu nicht unbedingt diese Konsole gebraucht hätte, denn selbst eines der letzten Wii-U-Spiele weiß nichts besseres mit sich und dem GamePad anzufangen, als einen Teil seines HUDs auf den zweiten Bildschirm auszulagern, ohne euch die Möglichkeit einzuräumen, dabei vielleicht ein Wörtchen mitzureden. Von kleineren Spielereien einmal abgesehen, ist uns Nintendo bis heute einen Nachweis für die Existenzberechtigung seines Tablet-Controllers schuldig geblieben und selbst, wenn inzwischen auch der letzte Gutgläubige (Hi, ich bin Gregor!) die Hoffnung auf einen späten Aha-Moment fahrengelassen haben dürfte, stellt Paper Mario doch noch einmal beeindruckend unter Beweis, wie wenig Konkretes die Japaner bei ihrem Konzept tatsächlich vor Augen hatten. Ausgerechnet eine Reihe, noch nie für ihre sonderlich konservative Art bekannt und wie geschaffen für ein letztes kreatives „Was wäre, wenn…?“-Feuerwerk, für ein spielgewordenes Ausreizen der Möglichkeiten seiner Plattform, wie selbst die Vita mit Tearaway eines hatte. Wo Spiel und Hardware drüben bei Sony in perfekter Harmonie aufgingen, legt sich das GamePad wie eine Fußfessel um Marios flachen Knöchel. Angestrengt schleift der Wasserinstallateur diese Last durch sein umfangreiches Abenteuer, sichtlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, die Gute-Laune-Sauermann-Fassade aufrechtzuerhalten. Die meiste Zeit gelingt ihm das – er macht diesen Job nicht erst seit gestern – ganz hervorragend und selbst in seinen schwachen Momenten noch gut genug, der Wii U nicht die Verkaufszahlen zu wünschen, bei denen sie so kurz vor ihrem Exitus noch rumdümpelt.

Charmantes Abenteuer mit putzigen Ideen, die den spielerischen Leerlauf aber nicht ganz kaschieren können.Fazit lesen

Hätte ohne Marios furchtbar charmante Art auch anders aussehen können, wenn selbst das Ausführen einer einfachen Attacke sechs Eingabebefehle erfordert – standardmäßig natürlich ausschließlich über den Touchscreen, nach kurzem Wühlen im Menü dankbarerweise zumindest über die haptischen GamePad-Tasten, wenn schon nach wie vor auf das zweite Display beschränkt. Sieht außerhalb der Kämpfe nicht viel besser aus, wo ihr willkürlich und immer dann auf die Y-Taste hämmert, wo es gerade nicht weitergeht – in der Hoffnung, einen Teil der Spielwelt auf dem Touchscreen ausschneiden zu können, um voranzukommen (nicht dass euch das Spiel dafür klare Indizien geben würde). Es ist ein letztes verzweifeltes Aufbäumen, ein finales „Hey, guckt doch mal auf den tollen Bildschirm da zwischen euren Händen!“, das nie dysfunktional oder gar destruktiv wäre, dafür aber unheimlich auf die Eisen steigt in einem Spiel, das zwischen Oberweltkarten-Backtracking, kleinteiligem Kartensammelmanagement und respawnenden Gegnern nun wirklich nicht noch mehr Entschleunigung gebraucht hätte.

Paper Mario: Color Splash - Dasselbe in Grün (und Blau, Rot, Gelb, Purpur...)

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Kommt euch bekannt vor? Gewöhnt euch dran, wenn ihr Sticker Star gespielt habt. Der Wii-U-Teil verwertet bei weitem nicht jedes Detail, aber doch mehr als wünschenswert wäre.
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Wenn Color Splash seiner Konsole überhaupt einen konkreten Mehrwert abringt, ist es dessen, nun, Leistung …? Ganz richtig: Vorsprung durch Technik, in einem Wii-U-Spiel. Kannste dir nicht ausdenken. Der Flachmann hat bereits auf dem Nintendo 64 mit seiner Wespentaille eine großartige Figur und seit dem letzten Vorgänger nochmals einen kleinen Sprung nach vorn gemacht, als Nintendo auch seine Umwelt durch den Pappkartonfilter gejagt hat. Eine feine Ästhetik, außerdem ein bisschen Perlen vor die Säue damals, denn der Taschenrechnerpixeldichte der 3DS-Bildschirme ist mit schickem Stil allein kaum beizukommen. Hier alles kein Problem mehr, wo am Lineal gezogene Falzlinien auf haarfeine Scherenschnitte und schließlich mitten ins Schwarze treffen. Nintendo-Spiele hatten schon immer etwas Handgemachtes an sich, diese einzigartige Dualität aus technischem Know-how und Stilsicherheit – doch kaum eines trug diese Eigenheiten bislang so furchtbar sympathisch nach außen wie dieses.

Paper Mario ist, war und wird immer auch ein Stück weit eine kleine Liebeserklärung sein: an die Fans, die eigene Geschichte und das Mario-Universum als großes Ganzes. Leidenschaftlich und mit viel Vergnügen presst Nintendo große wie kleine Anspielungen in diese augenzwinkernde Welt. Die sonst etwas hüftsteifen Japaner scheinen diese phasenweise Nonkonformität regelrecht zu genießen, toben sich ein wenig aus und biegen sich ihr Regelwerk auch mal so zurecht, wie sie es gerade brauchen. Natürlich funktioniert Paper Mario nach festen Strukturen, als Videospiel muss es das auch, doch bricht es diese immer wieder mit schöner Regelmäßigkeit und geradezu diebischer Freude. Ihr werdet in Bosskämpfe geworfen, die keine sind, müsst ein Steak im Kampf mit den richtigen Attacken grillen, amüsiert euch über Vierte-Wand-Witze und sollt einfach eine gute Zeit haben. Mission erfüllt. Gerade so.