Das erste Mal habe ich Overwatch auf der Blizzcon 2014 gespielt und schon damals war absehbar, dass Blizzard an dem nächsten großen Ding arbeitet (wann tun sie das nicht?). Doch das Spiel hat sich in dieser Zeit faktisch mehrfach massiv verändert – vor allem an einigen grundlegenden Mechanismen haben die Entwickler eifrig herumgedoktert. Grund genug, mich in der Closed Beta noch mal ordentlich umzugucken.

Allerdings habe ich von Beginn an nicht den Eindruck, dass es sich tatsächlich um einen Beta-Test handeln würde. Overwatch spielt sich bereits jetzt so gut und flüssig, als wäre es ein fertiges Produkt. Natürlich gibt es Dinge, die mich stören (mehr dazu weiter unten). Vom Mapdesign, den Charakteren oder dem Gunplay her hinterlässt der Team-Shooter ein absolut homogenes Bild. Und doch hat Blizzard in Reaktion auf die früheren Alpha- und Beta-Tests einiges angepasst.

Im Mittelpunkt dieser Änderungen stand das Levelsystem, von denen zwei Versionen über Bord gekippt wurden. Zunächst besaß Overwatch ein Levelprinzip, das vor allem Vielspieler belohnte. Danach implementierten die Macher ein System, in dem jeder der (momentan und zum Spielstart verfügbaren) 21 Helden einzeln hochlevelte. Das wiederum bestrafte diejenigen, die gerne herumexperimentieren oder ihre Charaktere oft wechseln – etwa aus taktischen Gründen. Jetzt gibt es ein Fortschrittssystem, das für alle Champions gleichzeitig gilt – unabhängig davon, wie oft oder wie lange man zockt und zu welcher Figur man dabei greift.

Overwatch - Erst denken, dann schießen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 249/2521/252
21 Helden sind jetzt und zum Start des Spiels verfügbar. Das bietet jede Menge Flexibilität für jede denkbare Spielweise.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Belohnungen für Stufenaufstiege (Erfahrungspunkte könnt ihr übrigens auch in Spielen gegen Bots ergattern – jedoch weniger als gegen menschliche Widersacher) sind nur von kosmetischer Bedeutung. Ihr erhaltet Sprüche, Icons, Figurenskins, Emotes, so was halt. Allerdings verdient man sich auch virtuelle Credits, mit denen man individuelle Freischaltungen vornehmen kann. Was sich hinter dem Shop-Feature verbirgt, lässt sich nicht genau sagen, da der Online-Laden derzeit noch geschlossen ist. Laut Blizzard wird es jedoch möglich sein, Lootboxen gegen Echtgeld zu erwerben. Voraussichtlich wird man zumindest zum Start des Spiels keine neuen Charaktere bezahlen müssen, denn Blizzard hat angekündigt, dass die ersten DLCs und Karten nach der Veröffentlichung kostenlos sind. Wie lange die Inhalte für umme nachgeliefert werden, und ob später nicht doch für neuen Kram geblecht werden muss, lässt sich nicht absehen.

Spielerisch wird Overwatch oft als eine Mischung aus Online-Shooter und MOBA beschrieben. Schwer zu sagen, woher der MOBA-Bezug kommt. Vielleicht ist es dem Unterbau mit den vielen Heldenfiguren geschuldet oder den (teils) symmetrischen Maps. Oder dem Fakt, dass die Figuren alle individuellen Fertigkeiten besitzen und es einer guten Absprache zwischen den Spielern bedarf, wer mit welchem Charakter in die flotten Partien zieht, um nicht von Beginn an ins Hintertreffen zu gelangen.

Packshot zu OverwatchOverwatchErschienen für PC, PS4 und Xbox One

Dabei gibt uns Overwatch eine Hilfestellung: Bei der Figurenwahl vor Spielbeginn zeigt es uns an, was für Klassen dem 6er-Team noch fehlen und welche eventuell überrepräsentiert sind für die anstehende Aufgabe. Die Rollen für beide Mannschaften sind vorgegeben: Angriff oder Verteidigung – und entsprechend dieser Aufteilung und der angezeigten Karte versucht man, eine möglichst ausgewogene Truppe auf die Beine zu stellen. Das erweist sich jedoch als schwierig, wenn jeder nur immer seine Lieblingsfigur wählt. Denn in einem Team kann es nicht nur Tanks oder offensive Helden geben: Wenn niemand die Supporter (sprich: Heiler) zockt, das gegnerische Kollektiv aber harmonisch besetzt ist, hat man kaum eine Chance, das Match zu gewinnen.

Overwatch - Erst denken, dann schießen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Auch wenn es so erscheint: Blizzard hat Overwatch nicht nach dem Stein-Schere-Papier-Prinzip entworfen. Nicht auf jeden Gegner hat man sofort das richtige Rezept parat – die Team-Zusammensetzung ist entscheidend.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das Gute ist: Keine Runde ist von Beginn an verloren. Selbst wenn sich die anfängliche Wahl der Figuren als nachteilig erweist, kann man praktisch jederzeit auf einen anderen Charakter wechseln und versuchen, die Gegenseite so aus dem Konzept zu bringen. Oder die eigene Seite zu stärken. Oft genug werden Zielpunkte erst in den letzten Sekunden eingenommen oder verteidigt und manchmal entscheiden ein paar Momente der „Verlängerung“ über Sieg oder Niederlage. Die 21 Charaktere bieten jedenfalls massig Raum zum Ausprobieren, allerdings wird man sich am Ende wohl auf bestimmte drei, vier Helden spezialisieren, um effektiv mit ihnen zocken zu können.

Natürlich kann man auch die Ego-Nummer durchziehen, wird am Ende aber in der Regel trotzdem als Verlierer das Schlachtfeld verlassen, wenn die Gegner ein halbwegs aufeinander angepasstes Team-Setup einsetzt. Blizzard belohnt zwar auch gute Solo-Künstler, indem am Ende jeder Runde der coolste Move der Partie ausgezeichnet wird und außerdem über den besten Spieler abgestimmt werden kann. Doch das ist in etwa so viel wert wie die Wahl zum besten Spieler im Fußball-WM-Finale, wenn die Gegenseite gewonnen hat – stimmt's, Messi?

Overwatch - Gameplay-Video mit Bastion30 weitere Videos

In der Beta läuft das Matchmaking automatisch ab. Man wird in die nächstbeliebig freie Partie geworfen und zockt los. Oder man wählt individuelle Einstellungen für die Matches mit persönlich festgelegten Parametern. Der generelle Spielablauf wirkt, wie bereits erwähnt, schon ziemlich fertig und rund. Die Baller-Mechanik etwa funktioniert tadellos, jede Figur besitzt da so ihre Eigenheiten, mit denen man erst mal zurechtkommen muss. Im Prinzip sind es drei Basis-Talente plus eine Spezialattacke (oder Defensivaktion), die man meistern muss. Das klingt nicht nach viel und das hat auch einen Grund: Blizzard hat sich dabei zur Maxime gesetzt, dass Overwatch nicht mit Fertigkeiten überladen wird, damit es sich auch mit einem Controller an der Konsole gut zocken lässt.

Die hohe spielerische Flexibilität ist einer der großen Pluspunkte von Overwatch - und ein wichtiger Grund, weshalb ich mich so auf das Spiel freue.Ausblick lesen

Aber noch (?) ist nicht alles Gold, was glänzt. In den diversen Partien stolpere ich über Dinge, die mir nicht so gelungen erscheinen. Das Map-Design gefällt generell sehr, allerdings hat Blizzard die zehn derzeit verfügbaren Karten absichtlich mit einigen Nadelöhren ausgestattet, die es für eine Seite häufig sehr schwierig machen, den nächsten Punkt einzunehmen oder die beschützenswerte Fracht hindurchzulotsen. Natürlich kann es sein, dass mit besserer Map-Kenntnis bislang mir verborgene Schlupflöcher offenbar werden und diese Chokepoints nicht so gravierend ins Gewicht fallen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es einer bestimmten Taktik bzw. Team-Zusammensetzung bedarf, um da wirkungsvoll hindurchzustoßen. Ich habe auch auf solchen Maps Partien gewinnen können, also ist das durchaus machbar, kann aber durchaus zu Frust führen, wenn man minutenlang anrennt und immer nur auf den Deckel bekommt.

Overwatch - Erst denken, dann schießen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 249/2521/252
Wer ohne Heiler ins Gefecht zieht, wird nicht lange überleben. Zum Glück lassen sich „Aufstellungsfehler“ flott korrigieren.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Womit ich beim zweiten Kritikpunkt wäre: den teils verdammt langen Laufwege zurück an die Front. Gerade wenn es eng wird, ist es nervig, eine gefühlte halbe Minute zu benötigen, um erneut ins Gefecht eingreifen zu können. Klar, andererseits würde das gegnerische Team sonst vielleicht nie die Möglichkeit erhalten, voranzukommen. Aber wenn die eigenen Mitspieler keinen Teleporter aufstellen (der von der Gegenseite vernichtet werden kann), um schnell wieder im Spiel zu sein, haben es insbesondere langsamere Helden wie Bastion schwer, wieder Fuß zu fassen.

Ich will an dieser Stelle nicht zu viel meckern – es ist ja eine Beta –, nur habe ich momentan den Eindruck, dass einige Charaktere in dem Sinne übermächtig sind, dass man zu häufig Onehit-Kills von ihnen einsteckt. Vermutlich wird sich das noch einpendeln, wenn im Laufe der Zeit die Fertigkeiten und Taktiken einzelner Spieler/Figuren klarer hervortreten und man sich Konter dazu einfallen lässt. Aber nach einem ewigen Marsch an die Front gleich wieder mit einem Schuss aus den Socken gepustet zu werden und den Fußmarsch erneut auf sich nehmen zu müssen, kann gehörig nerven.