Terry Pratchett ist einer der erfolgreichsten Fantasy-Autoren der Gegenwart. Mit seiner Saga um die verschrobene Scheibenwelt, die auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte durchs Weltall zieht, erlangte er Kultstatus.

Doch auch seine Tochter Rhianna hat sich bereits einen Namen in der Szene gemacht. Doch hättet ihr gewusst, dass die junge Engländerin auch an etlichen Spielen mitentwickelt hat? Neben ihrer Mitarbeit an Titeln wie Mirror’s Edge, Prince of Persia und dem kommenden Risen, zeichnete sie für die Geschichte um den fiesen Overlord in Overlord 2 verantwortlich. Gemeinsam mit unseren britischen Partnern von IncGamers baten wir Rhianna zum Interview.

Overlord 2 - Der Aufstieg eines Overlords3 weitere Videos

gamona: Ich komme von Greenpeace und wollte mich mal mit dir über das „Robbenknüppeln“ unterhalten…

Rhianna Pratchett: (lacht) Alles halb so wild. Wie du bestimmt weißt, spielst du in Overlord 2 einen bösen Charakter, und das ruft nun mal ein von Natur aus böses Verhalten hervor. Und warum sollten Robben davon verschont bleiben? Ich glaube, wir haben uns ein wenig auf flauschige Tiere eingeschossen.

gamona: Es fallen nicht nur Robben eurem schwarzen Humor zum Opfer…

Overlord 2 - "Die Menschen verprügeln gerne flauschige Tiere"

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Der Overlord steht auf flauschige Tiere - um sie zu verprügeln.
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Rhianna Pratchett: Ja, im ersten Spiel gab es z.B. auch Schafe – die sind vielleicht nicht so süß, aber sie mussten auch dran glauben. Ich glaube, es gibt in den meisten Menschen einen tief sitzenden Wunsch, niedliche Tiere wie Robben und Pandabären zu verprügeln, und den können sie mit Overlord endlich ausleben. (lacht)

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gamona: Man spielt einen fiesen Charakter, das ganze Spiel ist recht düster, aber dennoch es ist auch sehr witzig.

Rhianna Pratchett: Das ist genau der Punkt – das Gameplay an sich ist echt witzig. Du bist ein böser Overlord, der mit seiner Armee kriecherischer Schergen durch die Lande zieht und alles plündert, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Es macht vom ersten Moment an Spaß. Das Gameplay ist also bereits an sich lustig und das macht es um ein Vielfaches einfacher, ein lustiges Drehbuch drum herum zu erschaffen.

"Es wird noch weitere Overlord-Spiele geben"

gamona: Beim ersten Overlord bist du ja erst dazu gestoßen, als das Spiel schon zur Hälfte fertig war.

Rhianna Pratchett: Es war vielleicht zu einem Drittel oder zu einem Viertel fertig. Es gab bereits einige Level, einige Charaktere… an diesem Punkt kam ich ins Spiel, und das war ganz in Ordnung. Bei Overlord 2 war es sehr viel besser, da ich von Anfang an dabei war und so die Hintergrundgeschichte sehr viel stärker ausarbeiten konnte. Außerdem hatten wir dieses Mal neben Overlord auch Raising Hell, kannten also die Geschichte dieser Welt sehr viel besser, wir wussten, was bisher alles passiert ist, und das half natürlich.

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Die Story von Overlord 2 ist eher ein großes Ganzes.
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Ich finde, es fühlt sich jetzt alles mehr wie ein Ganzes an als noch in Overlord 1, wo die Geschichte eher aus kleinen Episoden bestand. Da gab es einen Story-Happen, dann einen Bosskampf und obwohl die Bosse alle miteinander in Verbindung standen, war dir das bis zum Ende nie wirklich bewusst.

gamona: Dadurch werden auch weitere Fortsetzungen möglich. Hast du dir schon Gedanken gemacht, wohin es mit der Serie gehen soll?

Rhianna Pratchett: Darüber darf ich noch nicht sprechen! Aber ich bin mir sicher, es werden in Zukunft noch mehr Overlord-Spiele kommen. Ich hoffe es jedenfalls. Es ist ein wirklich spaßiges Franchise, und es machte echt Spaß, an Dark Legend und Minions zu arbeiten, weil sie in der gleichen Welt spielen, aber gleichzeitig sind sie auf ihre Weise anders.

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Rhianna durfte dem Reich der Elfen einen Namen geben.
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Beim Entwickeln der Story hatte ich ständig eine Karte der Welt vor meinem geistigen Auge und habe ihr die neuen Gebiete und Bereiche hinzugefügt und sie so zum Leben erweckt. Im ersten Overlord gab es beispielsweise ein Gebiet namens Spree in den Mellow Hills, das war das Gebiet der Menschen und Halblinge, und in „Dark Legend“ hast du eine kleine Stadt, genannt Meadowsweet. Die gab es auch schon im Mellow-Hills-Gebiet. Und Briarthorn Burrows, ein weiterer Teil, und so konnte ich mir die Welt nach und nach zusammenbauen und konnte Dinge tun wie: „Das Reich der Elfen hat keinen Namen. Oh! Dann kann ich mir ja einen ausdenken!“ Also erfand ich einen Namen und der steckt jetzt in Dark Legend. Nun ist es eine riesige Welt, wenn du alle Orte von Overlord bis Minions zusammen nimmst.

"Mirror's Edge 2 spricht mein Gehirn anders an"

gamona: Nun arbeitest du gleichzeitig an mehreren Projekten, u.a. Mirror’s Edge 2 und Overlord 2. Wie schwer ist es, bei so vielen unterschiedlichen Geschichten noch den Überblick zu behalten?

Rhianna Pratchett: Manche Leute vergleichen es damit, in einen anderen Gang zu wechseln, aber für mich ist es eher, als würde ich das komplette Auto wechseln. (lacht) Aber ich arbeite an den jeweiligen Projekten in unterschiedlichen Stadien. Das verschafft Überblick, und außerdem haben sie alle etwas Interessantes und Einzigartiges an sich. Jedes Projekt für sich spricht ganz unterschiedliche Bereiche meines Gehirns an.

gamona: …weil sie so unterschiedliche Thematiken aufgreifen. Gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen deiner Arbeit an Mirror’s Edge und Overlord?

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Rhianna Pratchett schreibt auch an Mirror's Edge 2.
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Rhianna Pratchett: Da gibt es eine Vielzahl von Themen: persönliche etwa, die damit zu tun haben, wovor Faith [in Mirror’s Edge, Anm.d.Red.] wegläuft, was in der Vergangenheit mit der Stadt geschehen ist und ob sie sich zum Guten oder Schlechten entwickelt. In den Comics, die ich für DC geschrieben habe, konntest du erfahren, was vor den Geschehnissen in Mirror’s Edge passiert ist, warum Kate ein Cop wurde, wieso es zwischen den beiden kleine Feindseligkeiten gibt, welche Veränderungen in der Stadt vor sich gingen, wer dafür verantwortlich ist, was das für die Einwohner bedeutet… mit der Zeit wurde die Geschichte immer weniger persönlich und zusehends politisch.

Es basierte sehr viel auf Erfahrungen, die ich selbst in London gemacht habe, oder überall in der Welt, wo es Verbote oder Beschränkungen der Meinungsäußerung oder Informationsweitergabe gibt – die Oyster Cards zum Beispiel [eine elektronische Fahrkarte, die im öffentlichen Personennahverkehr von London genutzt wird, Anm.d.Red.]. Du musst viele Informationen preis geben, um so ein Teil zu bekommen. Leute mussten ein Bußgeld zahlen, wenn sie ihren Recycling-Müll nicht richtig getrennt haben, und Mirror´s Edge spinnt diesen Faden noch etwas weiter ins Extreme. Es ist eine politisch sehr aktuelle Geschichte.

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"Mirror's Edge ist keine Dystopie, sondern eine Anti-Utopie."
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Die Grundidee war, eine Anti-Utopie zu schaffen. Die meisten Leute bezeichneten es als Dystopie, aber das war es nicht, es ist eine Anti-Utopie. Eine Dystopie weiß ganz genau, was sie ist – sie gibt nicht vor, etwas anderes zu sein. Eine Anti-Utopie hingegen möchte gern eine Utopie sein, dieses großartige Etwas, scheitert dabei aber auf katastrophale Weise und verkehrt sich ins Gegenteil. Es war eine faszinierende Erfahrung, daran zu arbeiten. Augenscheinlich sind Overlord und Mirror´s Edge sehr verschieden. Man könnte sagen, dass Overlord eine Dystopie ist, während Mirror’s Edge eine Anti-Utopie darstellt.

gamona: Viele Rollenspiele nehmen ja diese Unterscheidung zwischen Gut und Böse in ihr Gameplay auf, indem man moralische Entscheidungen treffen muss. Und auch Overlord ist in gewisser Weise solch ein Rollenspiel…

Rhianna Pratchett: Da hast du nicht ganz Unrecht, aber für Gameplay-Fragen ist Len [Lennart Sas, Director, Anm.d.Red.] vermutlich der geeignetere Ansprechpartner. Aber die RPG-Elemente in Overlord sind nicht wie in Mass Effect oder anderen traditionellen Rollenspielen. Du kannst solche Dinge wie deine Rüstung und Waffen verbessern, deinen Helm, deinen Turm und deine Schergen. Und es gibt immer verschiedene Wege und Strategien, um mit deinen verschiedenfarbigen Schergen einen Weg durch die Welt zu finden. Und dabei gibt es nie nur einen einzigen Weg.

Du kannst dich entscheiden, ob du lieber alles zerstören und jeden töten willst, um dem Pfad der Zerstörung zu folgen, oder ob du lieber alle unterjochen möchtest und dich so zum Herrscher aufschwingst. Oder von beidem etwas, alles ist möglich!

gamona: Was gefällt dir an der Story von Overlord 2 am besten?

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Im Turm ist nun sehr viel mehr los.
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Rhianna Pratchett: Ich fand die Mätressen toll! Die Frauen im Overlord-Universum sind etwas ganz Besonderes und machen immer eine Menge Spaß. Ich mochte es auch, das Ambiente im Turm zu kreieren. Gnarl hat seine ganz eigenen Ansichten über die Frauen, und er ist ganz besessen von Juno. Die Art und Weise, wie sie miteinander sprechen, ist zum Schreien, wie sie ihre Meinung über einander haben und Gehässigkeiten austauschen, das macht alles großen Spaß. Es gibt sehr viel mehr Abwechslung im Turm, und es passiert sehr viel mehr, was eine einzigartige Atmosphäre schafft – ich finde, das ist eine starke Verbesserung gegenüber dem ersten Teil.

gamona: Rhianna, vielen Dank für das Gespräch.