Drei Jahre nach »The Moment of Silence« erscheint mit »Overclocked« das jüngste Projekt des wohl talentiertesten deutschen Spielstoryschreibers Martin Ganteföhr. Erneut schafft er es mit seinem Studio House of Tales, eine bedrückende Atmosphäre und viel Spannung zu kreieren. Doch legt der Titel auch die Schwächen ab, die »The Moment of Silence« weiland den Weg zu Traumwertungen verbauten?

Overclocked - Trailer #4Ein weiteres Video

Nackt in der Stadt
Psychologie ist hip: Ob die gefühlte Million an CSI-Profilern, die sich allabendlich in die Hirne der TV-Schandtäter wühlen, oder Gutmensch und ARD-Seelenklempner Bloch - kaum ein Abend, an dem die Wissenschaft um die Seele des Menschen nicht im Fernsehprogramm vorkommt. In »Overclocked« darf man nun selbst in die Haut eines solchen Mentalschraubers schlüpfen.

Overclocked - Adventure mit zwei Gesichtern: Hier liegen Genie und Wahnsinn dicht beieinander.

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Die meiste Zeit des Spiels beschäftigt man sich mit seinen Patienten im Krankenhaus.
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Denn als Titelheld David McNamara, einem ehemaligen Militärpsychologen, findet man sich zu Spielbeginn im Zimmer eines New Yorker Hotels wieder. Fünf verstörte und unter Amnesie leidende Jugendliche wurden beinahe zeitgleich in den Straßen der Megametropole aufgegriffen, einer blutverschmiert in einem Schlauchboot, eine andere beinahe komplett nackt mit einer Pistole in der Hand. Davids Auftrag: in der forensischen Psychologie des verwitterten Staten Island Hospitals die Gründe für das wirre Verhalten der Jugendlichen zu erforschen.

Packshot zu OverclockedOverclockedErschienen für PC kaufen: ab 9,99€

Dabei ist »Overclocked« zunächst einmal ein reinrassiges Point&Click-Adventure, das vollends in der Tradition des inoffiziellen Vorgängers »The Moment of Silence« steht. Zwar haben die beiden Titel thematisch nichts miteinander zu tun, trotzdem gibt es eine ganze Menge Verbindungen. So nimmt man gleich am Anfang von »Overclocked« im Hotelzimmer seinen PDA auf, der von diesem Moment an eine zentrale Rolle spielen wird, ähnlich selbigem Gerät in »The Moment of Silence«. Allerdings übernimmt das kleine Hilfsmittel hier noch eine andere Funktion: die der Protokollführung.

Denn den Großteil des Spiels geht man eben jener Tätigkeit nach, für die man auch bezahlt wird. In vielen kleinen Sitzungen in den Zellen der fünf Jugendlichen nähert man sich ihnen immer weiter an und entlockt den Patienten so immer mehr Informationen über die Geschehnisse der vergangenen Tage. Dabei müssen zum Teil die Rahmenbedingungen in den Zellen angepasst, Erinnerungen durch Gegenstände angeregt oder - wie in den meisten Fällen - Protokolle von vorherigen Gesprächen mit Hilfe des PDAs vorgespielt werden.

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Immer wieder blendet Overclocked in die düsteren Erinnerungen der Patienten über.
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Da rasch deutlich wird, dass das Schicksal der Fünf miteinander verknüpft ist, muss man so auch über die jeweilige Zellentür hinaus denken und die Patienten mit den Aussagen ihrer Leidensgenossen konfrontieren. Hilfreich: Hat man aus der rasch wachsenden Zahl der Mitschnitte den richtigen vorgespielt, kommentiert David dies mit einem dahingeraunten »Mal sehen«, was immer ein Zeichen dafür ist, dass man nun den Patienten auf das just gespielte Dokument ansprechen sollte.

Doch damit ist das Ende der House-of-Tales'schen Kreativität noch nicht erreicht: Hat man eine Erinnerung reaktiviert, spielt man diese Szene in der Rolle des entsprechenden Patienten nach. Und es geht noch weiter: Da man sich von den jüngsten Eindrücken der Patienten immer weiter zurück arbeitet, baut man die Handlung, die zum Zusammenbruch der Kids führte, rekursiv auf.

Dabei sind diese düsteren Ereignisse so spannend gestaltet, dass man immer weiter in die Vergangenheit vordringen möchte, obgleich der ein oder andere Erinnerungsschnipsel, den man in der Rolle der Patienten nachspielt, ein wenig langatmig wirkt, da man die gleiche Szene oftmals bereits aus der Sicht eines anderen Patienten durchgespielt hat.

Wenig Platz im Kopf
Da man so immer wieder an schon gesehene Schauplätze zurückkehrt, ist die Gesamtzahl der Orte im Spiel sehr gering. Davids Hotel, eine Bar in der Nachbarschaft, das Fährgebäude nach Staten Island, das Krankenhaus und die wenigen Orte in den Erinnerungen der Patienten - Klasse statt Masse war hier wohl die Direktive der Bremer Entwickler.

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Overclocked setzt weniger auf Rätsel als auf die gut vertonten Dialoge.
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Und klasse sehen die Umgebungen dann auch wirklich aus. Denn die vorgerenderten Hintergründe des während des gesamten Spiels stark verregneten New York sind absolut gelungen und mit schönen Effekten versehen. Da perlen Regentropfen an den Scheiben der Bar, dort branden die Wogen des Meeres gegen den Pier und im Hintergrund verschwimmt in einiger Entfernung die Skyline der City. Lediglich mit der Authentizität haben es die Entwickler nicht so genau genommen: In den Straßen ist kaum mehr los als zur Mittagszeit in den Straßen von Bottrop, und das Fährgebäude wirkt eher so groß wie der Yachthafen einer ostfriesischen Kleinstadt.

Dorthin sollte man vielleicht auch die Zeichner der Charaktere schicken. Denn die meisten der Figuren im Spiel wirken optisch selbst für ein Adventure viel zu undetailliert. Auch die Mimik ist zumeist schwach und die Lippenbewegungen passen nur selten so richtig zum Text. Staksige, abgehackte Animationen runden das schwache Gesamtbild ab.

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Von Zeit zu Zeit sorgen gut gemachte Zwischensequenzen in Rendergrafik für Kinoflair.
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Dabei sammeln die Figuren mit dem, was über ihre Lippen kommt, eigentlich viele Pluspunkte. Denn die gut geschriebenen Zeilen sind bis auf wenige Ausnahmen gut vertont. Vor allem Stephan Schwartz - bis in die 90er Jahre Synchronsprecher von Tom Cruise - weiß in der Hauptrolle zu überzeugen. Doch auch hier gibt es Schwächen: Immer wieder stolpert man über Sätze, die in einem vollkommen falschen Kontext betont wurden. Daneben können die Soundeffekte leider nur wenig überzeugen. Der dezente Soundtrack hingegen ist absolut ordentlich.

Ruhig Blut
Die Qualität der Bedienung von »Overclocked« hängt sehr stark von der Spielweise jedes Einzelnen ab. Denn hektische Naturen dürften an den langsamen und auf Dialoge und deren Wirkung orientierten Kontrollmöglichkeiten verzweifeln. So lassen sich sämtliche Textzeilen nicht einzeln abbrechen und überspringen - nur durch zweimaliges Drücken der Escapetaste verlässt man die jeweilige Szene komplett. Auf der anderen Seite war es den Entwicklern auf diese Weise möglich, den einzelnen Dialogen viel mehr Kinoflair durch wechselnde Kameraeinstellungen und -fahrten zu verpassen.

Der Rest der Bedienung ist auf der Höhe der Adventurezeit: Doppelte Klicks lassen die Spielfigur sprinten, bei längeren Strecken springt man per Doppelklick auf den Ausgang direkt ins neue Bild. Einzig die Ansteuerung von Aktionen durch zwei Klicks ist etwas ungewohnt.

So öffnet der erste Klick auf eine Figur oder ein Objekt die möglichen Optionen, die Auswahl der entsprechenden Tätigkeit setzt den Charakter schließlich in Gang. Da allerdings bereits der erste Klick auf den Aktionsknopf die Spielfigur auf den Weg schickt, ist es bisweilen etwas hakelig, die Tätigkeit mit einem Doppelklick anzuwählen, damit die Figur dann auch zum Ort der Ausführung sprintet und nicht schlurft.

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Um die Erinnerungen der Patienten zu reaktivieren, benötigt man Gegenstände oder Aufzeichnungen mit Bezug zu ihrer Vergangenheit.
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Nichtsdestotrotz: Das sind Kleinigkeiten und der Einbau von Pfeilen zum Perspektivwechsel in jedem Raum zeigt, dass man bei House of Tales aus der miesen Wegfindung von »Moment of Silence« gelernt hat. Doch auch wenn die Bremer viele Fehler ihres letzten Titels nicht erneut begangen haben, krankt auch »Overclocked« wieder allein an Makeln in der Spielmechanik. Die Story und die Dialoge sind erneut hervorragend, und so wird einem während der vollen zwölf Stunden Spielzeit eigentlich nie langweilig.

Auch wenn der Grund der Motivation von Neugier über die Hintergründe der Handlung zu Beginn des Spiels, über den Spaß an den Heilungsfortschritten der Patienten im Mittelteil, bis hin zu erneuter Neugier auf die Auflösung des Geheimnisses wechselt. Auch die Nebengeschichten, wie die Krise in Davids Ehe oder seine eigenen mentalen Probleme, sind jederzeit spannend in die Haupthandlung des Spiels eingeflochten.

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Neben der bedrückenden Stimmung des Spiels, hat Overclocked auch visuell seine harten Momente.
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Die wenigen echten Rätsel sind dabei zumeist logisch und fair, wenngleich einige Hänger zeigen, dass in einem Adventure mit einer ernsten und dichten Handlung eher das Prinzip des interaktiven Films als das des komplexen Adventures funktioniert und Puzzles mehr als Störung der spannenden Story und nicht als Herausforderung an den Geist des Spielers empfunden werden. Denn gerade der Nervenkitzel der tollen Geschichte macht »Overclocked« zu einem immer noch guten Adventure, trotz aller Schwächen, die der Titel sonst so hat.