Als Spieleredakteur hört man sie immer wieder, die Rufe von der „Revolution eines Genres“, dem „Next Big Thing der Gaminggeschichte“, dem großen Wurf des Leveldesigns und so weiter und so fort. Nicht selten entpuppen sich diese vollmundigen Versprechen allerdings als genauso luftleer wie überzogen, entlarvt doch spätestens der finale Test den vermeintlichen Superhit als kleines Licht.

Man kann uns also kaum verübeln, dass wir mit einer großen Portion Vorsicht im Gepäck nach Singapur geflogen sind. Dort, so versprach uns Publisher dtp, würde nicht weniger als die nächste Generation der MMORPGs auf uns warten. Klingt verdächtig? Ist es aber nicht: Nach einem ganzen Tag in den virtuellen Welten von „Otherland“ zeigt sich, dass man mit großen Visionen und viel Leidenschaft selbst den vorsichtigsten Redakteur eines Besseren belehren kann.

Otherland - Next-G 2012 Trailer2 weitere Videos

Vom Buch zum Spiel

„Dieser Vergleich ehrt mich zwar sehr – aber ich bin ganz sicherlich nicht der Tolkien des 21. Jahrhunderts.“ Angesprochen auf seinen immens guten Ruf in der Fantasy-Community, übt sich Tad Williams regelmäßig in Bescheidenheit. Nötig hat er die allerdings nicht: Schon mit seiner „Saga von Osten Ard“ feierte der Autodidakt große Erfolge, die er mit seiner ersten SciFi-Saga „Otherland“ sogar noch einmal übertraf.

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
In Otherland bereist der Spieler die abgefahrensten Welten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/10Bild 59/681/68

Die vierteilige Romanreihe erzählt auf virtuose Weise die fantasievolle Dystopie einer virtuellen Simulation, in der die Menschen schier unendliche Multiversen bereisen und erschaffen können. Den größten Reiz zogen die Bücher dabei aus der Beschreibung dieser Dimensionen: Da tummeln sich Tad Williams Romanfiguren dann auch schon mal in abgefahrenen Spielzeug-Dimensionen oder auf fernen Planeten.

Eine schöne Sache - nur, was haben diese Bücher mit Computerspielen zu tun? „Als wir Tads Romane zum ersten Mal gelesen haben, wussten wir sofort, dass dieser Stoff geradezu prädestiniert für eine Spielumsetzung ist. Also haben wir ihn einfach gefragt“, erinnert sich Markus Windelen, COO bei dtp. Die fixe Idee wurde nach dessen Zusage schnell zum Politikum – „Otherland“ ist das größte Produkt, das die Hamburger Firma bisher auf die Beine gestellt hat.

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
Der Look erinnert ein wenig an Blade Runner.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden9 Bilder

Unter großem organisatorischem Aufwand stemmte man in Singapur ein eigenes Entwicklerteam aus dem Boden. Das Ergebnis hört auf den bedeutungsschwangeren Namen RealU und vereint einige der kreativsten Köpfe der Gamesbranche. So wie Andrew Carter und Kevin Buckner, die als CEO und Senior Producer das Mega-Projekt „Otherland“ an die Spitze des MMO-Genres führen wollen.

Geschichte selbst erleben

Ein ambitionierter Vorsatz, an dem jedoch nicht wenige Studios häufig gescheitert sind. „Wir sind uns dessen bewusst“, erklärt Andrew, „aber wir haben einige wirklich revolutionäre Ansätze, mit denen wir das Genre gehörig aufmischen werden.“ Und tatsächlich: Während unserer Präsentation konnten wir so gut wie kein einziges Element der typischen MMO-Vertreter ausmachen, welches die RealU-Jungs nicht völlig umkrempeln wollen.

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
Der Spieler trifft auch auf Charaktere aus den Büchern.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/10Bild 59/681/68

Da wäre zum Beispiel die Art der Storyeinbindung: „Üblicherweise erzählen MMOs ihre Geschichte sehr linear. Daran kann der Spieler teilhaben oder auch nicht – sie entwickelt sich in jedem Fall“, erzählt Kevin. „Otherland“ will mit dieser passiven Erzählweise brechen und jedem einzigen Spieler ein ganz persönliches Erlebnis bieten. Zudem verändert sich die Spielwelt durch euren Fortschritt stetig und wirkt dadurch extrem dynamisch.

Gute Aussichten für die virtuelle Zukunft: Otherland will ein ganzes Genre umkrempeln – und hat beste Chancen ein Geniestreich zu werden.Ausblick lesen

„Wir wollen den Spieler ständig mit neuen Informationen und Teilen der Geschichte füttern. Jede Welt in Otherland erzählt ihre eigene Story und nur wer dies wirklich möchte, kann auch alle Geheimnisse dahinter lüften“, verrät Kevin. Wer überdies ganz genau hinsieht, trifft während seines Abenteuers immer wieder auf wichtige und bekannte Charaktere aus den „Otherland“-Romanen, mit denen er sogar interagieren kann.

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
Durch diese Tunnel reist der Spieler in ferne Dimensionen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden9 Bilder

Die Spielversion hält sich allgemein recht nah an Tad Williams Buchvorlage, ohne diese jedoch platt zu kopieren. RealU nutzt lediglich die facettenreiche Otherland-Welt und erweitert diese durch frische Impulse. Und dies in enger Zusammenarbeit mit ihrem geistigen Schöpfer – schließlich ist Williams stark in das Projekt involviert. „Das Otherland-MMO ist so etwas wie das fünfte Buch, das ich nie geschrieben habe“, scherzt Tad, „da lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, eigene Ideen einzubringen.“

A Night at the Lambda

Einer der zentralen Punkte aus Tad Williams Büchern ist die Lambda Mall. Diese Vergnügungsmeile dient im Spiel als Ausgangspunkt für sämtliche Abenteuer, in der ihr euch von den Strapazen eurer Reisen erholt oder mit Freunden Spaß habt. Hier treibt ihr Handel, chattet mit Freunden, hebt gemeinsam die virtuellen Becher in den Bars oder schwingt das Tanzbein in den Clubs.

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
Die Lambda Mall ist die Vergnügungsmeile von Otherland.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/10Bild 59/681/68

Anders als die Hauptstädte in World of Warcraft oder Warhammer Online soll die Lambda Mall als eine Art Social Community-Center dienen, in der sich auch Spielergruppen regelmäßig verabreden, die mit Quests und großen Raidbossen nichts am Hut haben. Genügend Möglichkeiten zur Unterhaltung gibt es schließlich allemal: In den Discos lockern zum Beispiel kleine Tanz-Minispiele das Geschehen auf. Wer hier besonders gut ist, darf sich sogar in den geplanten Weltranglisten verewigen.

Und noch eine Funktion hält die Lambda Mall inne: Das futuristisch angehauchte Entertainment-Zentrum dient gleichzeitig als Transport-Punkt in die zahlreichen Multiversen der Otherland-Welt. Über ein intelligentes Reisesystem, welches euch durch eine Art Warptunnel von Ort zu Ort geleitet, gelangt ihr so in die wohl fantasievollsten Welten, die man je in einem MMO zu sehen bekommen hat.

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
Auf der Lambda Mall treffen sich Spieler zum Plaudern, Tanzen, Spaßhaben.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden9 Bilder

Geplant sind beispielsweise Fantasy-Welten, die euch in der Tradition der Tolkien-Werke ins tiefste Mittelalter entsenden. In einem anderen Universum sind hingegen sämtliche physikalische Regeln außer Kraft gesetzt worden. „In Tads Büchern gibt es z.B. eine Welt, die wie eine gigantische Küche erscheint. Die Menschen sind jedoch winzig klein und kämpfen sich vorbei an Toastern und Gemüse. Denkbar sind wirklich alle möglichen Welten – Limitierungen setzt uns dahingehend nur unsere eigene Fantasie“, erklärt Kevin.

Wir besiedeln den Mars

Leider wollte man uns bisher nur eine dieser Welten vorführen: Mars erinnert mit seinem feurig roten Design und den zerklüfteten Ebenen frappierend an den tatsächlichen Himmelskörper – mit einem kleinen Unterschied. Die hier ansässige Kultur entstammt scheinbar direkt dem Abendland: Prunkvoll verzierte Gebäude bestimmen hier die Architektur, davor wandeln exotisch gekleidete NPCs über die Straßen.

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
Der Mars ist die erste bisher bekannte Welt von Otherland.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/10Bild 59/681/68

„Da wir uns in einer virtuellen Welt befinden, besitzen wir beinahe unendliche stilistische Freiheit“, berichtet Andrew Carter stolz. Und dies spiegelt sich auch auf andere Bereiche des SciFi-MMOs wieder. Wie etwa die Charaktererschaffung – die im Grunde eigentlich keine ist. „Der Spieler kann zwar einen gewissen Einfluss auf die Charaktererstellung nehmen, aber nicht direkt bestimmen. Wenn man zum ersten Mal dieses virtuelle Universum betritt, kommt das in etwa einer Geburt gleich – zu viel kreativer Freiraum wäre da unpassend.“

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
Mit diesem Standard-VR-Anzug beginnt jeder Spieler in Otherland.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden9 Bilder

Störend dürfte sich dies allerdings kaum auswirken, schließlich startet ihr ohnehin in Einheitskleidung – ein schnöder VR-Anzug muss zu Beginn als einziges Textil an eurem Körper reichen. Erst mit steigender Erfahrung dürft ihr das Aussehen eures Avatars nach Belieben verändern und den VR-Anzug mit den verschiedensten Skins belegen. So zeigte man uns bei RealU Studien sehr weit fortgeschrittener Charaktere, die in Ritterrüstungen, Skelettkostümen oder noch skurrileren Outfits durch die Multiversen rannten.

Zudem dürft ihr hochstufige Charaktere mit so genannten Programmen ausstatten. „Das ist sozusagen unser Pendant zu den Gegenständen anderer MMOs. Allerdings geben euch diese Programme eher allgemeinere Verbesserungen, wie etwa stärkere Stufen für gewissen Fähigkeiten und dergleichen.“ Übrigens soll es aller Voraussicht nach auch keine traditionellen Charakterstufen geben – wie RealU den Spielerfortschritt stattdessen verbildlichen will, steht jedoch noch nicht fest.

Powered by Unreal

Besonders stolz sind die Entwickler auf ihre Grafikengine: Als Grundgerüst dient die ohnehin sehr leistungsfähige Unreal Engine 3, die von RealU aber stark modifiziert wurde, um den hohen Ansprüchen des jungen Teams zu entsprechen. Das Ergebnis sieht selbst im derzeit noch sehr frühen Projektstadium sehr ansprechend aus: Lambda Mall etwa erinnert an die legendäre Skyline aus Blade Runner.

Otherland - Exklusiv-Story: Bringt das Sci-Fi-MMO die Revolution fürs Genre?

alle Bilderstrecken
Vor allem am Detailgrad der Charaktere merkt man die Power der Unreal Engine 3.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/10Bild 59/681/68

Mars hingegen wirkt aufgrund des Settings sehr viel karger, birgt abseits aller Grafikpower aber ein nettes Detail: Im Laufe eines Kampfes kann es dazu kommen, dass die direkte Umgebung Schäden nimmt. „Dann wird der darunter liegende Programmcode freigelegt, der sofort beginnt, die entstandenen Schäden zu reparieren – schließlich spielt sich alles in einer virtuellen Welt ab und dieses Gefühl wollen wir so glaubwürdig wie möglich halten.“

Apropos Kampf: Noch wollte man uns von den restlichen Features des Spiels nichts zeigen. Außer der Versprechung, dass sowohl in Punkto Kampfsystem als auch im PVP-Bereich Großes auf uns zukäme, konnten wir keine Infos zu diesen Features auftreiben. Auch elementare Dinge wie Crafting, Gildenfeatures, Raids und sogar die Spielökonomie, also das spielinterne Währungssystem, sollen zwar grundlegend neuartig, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt enthüllt werden.