Vage Ablehnung und „Nicht noch ein verkopftes Indie-Spielchen!“ als initiale Reaktion auf einen Trailer, von denen es in den letzten Monaten eher zu viel als zu wenig gegeben hat. Tiefe Zufriedenheit und peinliche Scham ob der krassen Fehleinschätzung als abschließende Wertung eines Spiels, von denen es in den letzten Jahren viel zu wenig gegeben hat.

Von all den beneidenswerten Eigenschaften ist es vor allem die sympathische Zurückhaltung, die Angewohnheit, lieber etwas weniger als zu viel zu sagen, mit der ich vor neun Monaten am wenigstens gerechnet hätte. Ori and the Blind Forest, angekündigt auf der E3 vergangenen Jahres, perfekt platziert als charmanter Kontrapunkt einer Krachbumm-Kanonade, das zauberhafte Indie-Projekt zwischen Call-of-Duty-Einheitsbrei und proletenhaftem Brustgetrommel. Microsofts spielgewordene Imagekampagne sozusagen und eine unmittelbar erfolgreiche noch dazu, wenn man all die geseufzten „Oh, wie schööön“-Kommentare nach der Ankündigung als Maßstab nimmt.

Zu viele Indie-Versprechen dieser Art hatte es zuvor gegeben, zu wenig wurden gehalten. Zu kalkuliert wirkte das erste Projekt der Moon Studios (wenn man vom eingestellten Warsoup mal absieht) in Zeiten, in denen man nicht F5 drücken kann, ohne die neuerliche Ankündigung eines „frischen, innovativen, völlig einzig- und neuartigen“ Pixelspielchens durch die Timeline gespült zu bekommen. Nun also ein weiteres, das über den Zeitraum von vier Jahren hinweg entwickelte Ori. Sei's drum, ein weiterer Fall für die rappelvolle Klischeekiste austauschbarer Style-over-substance-Indies. „Nicht noch ein Indie-Spielchen!“

Ori and the Blind Forest - Oris Reise ins Zauberland

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 15/181/18
Die Screenshot-Funktion der Xbox One hätte nicht passender veröffentlicht werden können.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Hey, jeder macht mal Fehler.

Easy to love, hard to master

In seiner behutsamen Art ist Ori and the Blind Forest ein dringend notwendiger Gegenpol zu den krakeelenden Kollegen da draußen. Keine Superlative und überschwänglicher Pathos hier, viel Fingerspitzengefühl und Liebe zum Detail stattdessen, wenn ihr Waldgeist Ori, er seine Ziehmama Naru erst kennen-, dann lieben lernt. Ein großartiges Intro, fünf Minuten und etwa ebenso viele erklärende Sätze vielleicht, außerdem ein freundschaftlicher Klaps auf die Schulter, dann seid ihr bereit für die kommenden sechs bis acht Stunden, seid emotional gebunden an eine Welt voller kleiner und großer Überraschungen.

Ori and the Blind Forest - Die ersten 10 Minuten des Spiels4 weitere Videos

Ein einzigartiger Schauplatz für eine Geschichte von Freundschaft, von Zuneigung und Liebe, für die es sich lohnt, bis zum Äußersten zu gehen, selbst wenn dies die eigene Selbstaufgabe bedeutet. Schwerer Stoff, leicht erzählt – auch wenn die Hintergründe letztlich nicht ganz der Knüller sind, wie man mir das noch auf der gamescom weismachen wollte. Berührend, ja, minimalistisch sowieso und allemal zweckdienlich, aber keine „new ways of telling stories within 2D games“, wie es etwas zu vollmundig auf der offiziellen Webseite versprochen wird.

Trotzdem absolviert Ori and the Blind Forest diese Gratwanderung zwischen bedeutungsschwangerem Stoff und leichtfüßiger Erzählweise genau so: leichtfüßig – und im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch, sobald ihr erst einmal den Controller in der Hand habt. Wer bislang an einen Blender glaubte, sollte sich spätestens beim zehnten Ableben innerhalb eben so vieler Spielminuten ein anderes Opfer suchen.

Ori and the Blind Forest - Oris Reise ins Zauberland

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Ori ist wunderschön und hat noch was auf dem Kasten. Keine sehr häufige Kombination.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es ist dieselbe „Easy to learn, hard to master“-Prämisse wie in dutzenden anderen Spielen dieser Art auch, nur bedeutend filigraner und anspruchsvoller umgesetzt als in den meisten Fällen. Und weil wir um technische Begriffe nun mal nicht umhinkommen: Metroidvania heißt das Spielprinzip hinter dieser Coming-of-age-Geschichte in einem Wort, „kleiner Spielfigur, große Karte, viele Fähigkeiten und unverzichtbarer Orientierungssinn“ in etwas mehr.

Ob ihr nun mit Ori oder Samus Aran durch ein großes, ineinander verflochtenes Areal lauft, macht dabei nicht so den Unterschied. In beiden Fällen beginnt ihr mit wenig mehr als zwei Tasten zum Springen und Angreifen sowie einer vagen Marschrichtung, ehe ihr auf weitere Fähigkeiten und damit neue Wege stoßt, die vorher noch unerreichbar waren. Morph Ball und Greifhaken waren das bei der Grundsteinlegung hierfür vor 20 Jahren auf dem Super Nintendo, heute funktionieren sie ähnlich, heißen mit „Stoßtechnik“ oder „Seelenverbindung“ nur anders.

Hayao Miyazaki wäre stolz

Ori and the Blind Forest schert sich nur soweit um Konventionen, wie es unbedingt notwendig ist, baut keine Bosskämpfe ein, weil sich das eben so gehört, sondern lässt sie ganz bewusst weg, weil es nicht zu einer Welt passt, in der direkte Konfrontation stets das letzte Mittel ist. Statt durch bildschirmgroße Energieleisten werden eure und Oris Fähigkeiten in wenigen, dafür sackschweren Fluchtpassagen auf den Prüfstand gestellt. Nicht, dass die Moon Studios überhaupt große Nachsicht mit weniger erfahrenen Spielern hätten, aber wenn ihr irgendwann einmal entnervt aufgeben solltet, dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit während der 20 bis 30 Versuche, die man grob über den Daumen gepeilt für einen dieser Trial-and-Error-Stolpersteine benötigt.

Wunderschön, clever, anspruchsvoll – wie oft gibt es das noch?Fazit lesen

In einem Spiel, das sich keine nennenswerten Schnitzer erlaubt, sind diese Momente beinahe die einzigen, die ihr unter „Man kann eben nicht alles haben“ verbuchen könnt. Das und die gelegentlich fehlende Übersicht vielleicht (Kudos an jeden für euch, der Ori ohne dreistelliges Aufrufen der Karte durchspielt), mit der die Moon Studios so ihre Problemchen haben. Kleine Wehwehchen und keine, an denen man sich ernsthaft stößt, wenn man punktgenau über Abgründe hüpft oder freudig über die neue Fähigkeiten jauchzt, auf die man so lange hingearbeitet hat.

Ori and the Blind Forest - Oris Reise ins Zauberland

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 15/181/18
Viel schöner kein ein Spiel nicht mehr werden.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Irgendwo zwischen märchenhafter Studio-Ghibli-Ästhetik und kräftigen Disney-Farben ist dieser spielbare Wallpaper-Generator verankert. Ihr weicht in Höhlen schimmernden Eiskristallen aus, sucht euch einen Weg durch dickes Baumdickicht, vorbei an wabernden Blättern, während der Mond im Hintergrund eine dicke Wolkendecke durchbricht und das Panorama in eisiges Blau taucht. Nichts ist statisch, alles organisch, ganz so, wie es sich für eine Welt gehört, deren Lebendigkeit mehr als Mittel zum Zweck ist. „Kunstvoll“ wäre noch untertrieben für diesen einzigartigen Spielplatz. Es ist der zauberhafteste, den ihr dieses Jahr finden werdet.

Aus keinem der Vorbilder hat das wenige Mann starke Team hierhinter je einen Hehl gemacht, was zumindest mal mutig ist, um es vorsichtig zu formulieren. Das Schmücken mit fremden Lorbeeren ist eine gut gepflegte Tradition in dieser Branche, das Auf-die-Nase-fallen damit aber ebenso – erst recht, wenn man sich mit Namen wie Super Metroid, Zelda: A Link to the Past und Studio Ghibli schmückt.

Und trotzdem bewahren sich die Moon Studios zwischen all den offenkundigen Parallelen stets mehr als genug Selbstständigkeit. Sie wissen um die Gefahr hinter dem Liebäugeln mit großen Namen, nennen und zitieren diese nicht einfach, damit ihr Glanz in Texten wie diesen auf das eigene Spiel abfärbt. Sie wollen ihren Idolen ein Denkmal errichten, ästhetisch wie spielerisch, wollen aus verschiedenen Versatzelementen sowie eigenen Ideen etwas Neues, Nachhaltiges schaffen. Mission erfüllt, würde ich sagen.