Ein schelmisches Funkeln blitzt in den Augen von Kollege Roland, während er mir die neueste Download-Gaudi schmackhaft machen will, von der ich natürlich noch nie gehört habe. "Ist wirklich witzig, wie ein Tower-Defense-Spiel, aber mit Fallen statt Türmen und schrägem Humor".

Orcs Must Die! - Ankündigungs-TrailerEin weiteres Video

Klingt doch prinzipiell prima, ich brauche sowieso noch ein nettes Spiel, bis sich Microsoft und Double Fine juristisch auskäsen und endlich das lange verhinderte Trenched in Europa veröffentlichen – unter dem neuen Namen "Iron Brigade", wohlgemerkt.

Rolands Empfehlung kommt an, doch das ist nur die halbe Miete, denn dank Privatfernsehen und Shooter-Sucht habe ich ein Kurzzeitgedächtnis wie ein Regenwurm. Was den Deal letztendlich besiegelt und das Spiel in meine Synapsen brennt, ist der Titel: Orcs Must Die! So simpel, so vielsagend, pure Poesie. In mir wird eine leichtherzige Erwartungshaltung geweckt – offenbar nimmt man sich nicht zu ernst, sondern setzt stattdessen auf ordentlichen Ulk und Spielspaß satt.

Orcs Must Die! - Zwei grüne Daumen nach oben

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Einer gegen alle. Ein riesiger Spaß.
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Verteidigung ist der beste Angriff

Der alte, langbärtige Kriegsmagier ist bedrückt. Jahrzehntelang hat er die Festungen seines Ordens vor heranrückenden Wellen übler Monstren verteidigt, mit Armbrust, Schwert, Magie und zahllosen Fallen. Doch nun geht er unfreiwillig in den Ruhestand, denn er rutscht auf einer steinernen Treppe aus und bricht sich den Schädel.

Seine letzten Gedanken gelten der Frage, wer seine Nachfolge antritt. Es graust ihm, sein Blick fällt auf seinen Schüler – ein Großmaul und Grünschnabel, übermütig und leider einer der letzten noch verbliebenen Magier, die nun in den Burgen und Kathedralen des Ordens diverse Dimensionsportale vor einfallenden Orks und anderem Gesindel verteidigen müssen. Die letzten Worte des Alten: "Diese Welt ist dem Untergang geweiht..."

Packshot zu Orcs Must Die!Orcs Must Die!Erschienen für Xbox 360 und PC kaufen: Jetzt kaufen:

In der Rolle des namenlosen Jungspunds erben wir also Armbrust, Klingenstab und die ersten paar Fallen unseres alten Meisters und finden uns auf einem schmalen Korridor wieder. An einem Ende steht eine große leuchtende Kugel, der Rift, ein Dimensionsportal und Objekt der Begierde für die Grünhäute. Auf der anderen Seite: eine halbwegs massive Holztür, verriegelt mit einem großen Balken, und von außen rammt jemand energisch gegen die Pforte und grunzt wie... nun, wie ein Ork eben. Wir haben offenbar keine Zeit zu verlieren.

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Die Eindringlinge im Nahkampf zu bekämpfen, das ist die naheliegende Methode.
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Normalerweise würde an der Stelle ein Tutorial starten, nicht aber in Orcs Must Die! Man bekommt schnell übergebraten, dass man nur dann ein guter Verteidiger wird, wenn man kein Problem damit hat, oft und mit Karacho aufs Fressbrett zu fliegen. Was echte Tipps und Hinweise angeht, ist das Spiel erstaunlich maulfaul und lässt den geneigten Orkschlächter vor der Xbox bzw. dem Rechner lieber selbst herumprobieren. Fallen erhalten nur Minimalbeschreibungen, die von den eindringenden Orks bevorzugten Wege sind höchstens notdürftig gekennzeichnet und später, wenn es mehr Gegnervarianten, mehr Eingänge für die Feinde und sogar mehr Rifts, also zu verteidigende Ziele gibt, scheitert man quasi zwangsläufig ein paar Mal.

Aber noch ist alles einfach: ein gerader Flur, ein idealer Engpass. Aus der Third-Person-Perspektive sehen wir uns um, öffnen dann unser Buch mit den Zaubersprüchen und wählen aus unserem anfangs beschränkten Arsenal unsere Waffen. Stachelfallen verstecken wir im Boden, tödliche Pfeile schießen aus den Wänden und Teergruben verlangsamen die Meute. Alles wird taktisch und mit einfacher Steuerung platziert, das notwendige Kleingeld geht dabei von unserem Konto ab.

Die Horde rennt

Später werden wir auch Helfer wie Bogenschützen platzieren können oder mächtiges Kriegsgerät wie ein automatisches Pfeilgeschütz. Wieder andere Apparate basieren eher auf Physik, schleudern die Orks durch die Gegend, schubsen sie (vorzugsweise in Säure oder Lava) oder heben sie kurzzeitig in die Luft. Über mangelnde Vielfalt kann man sich nicht beklagen, viele clevere Ideen erlauben es uns, zahlreiche Grunzer vor ihren grünen Schöpfer treten zu lassen.

Ork müssen sterben, ich muss grinsen – eine clevere Variation des ohnehin süchtigmachenden Tower-Defense-Genres, voller Humor und schöner Einfälle.Fazit lesen

Alles ist eingerichtet, nun noch ein Knopfdruck, dann stürmt die hässliche Masse in mehreren Wellen hinein. Schnell merkt man, dass die Maxime "zurücklehnen und zugucken" nicht oder nur bedingt aufgeht. Auch die bestplatzierten Fallen brauchen nach dem Einsatz Zeit, sich wieder zu aktivieren, und die Horde strömt unbarmherzig und ohne Unterlass. Wer also eigentlich nur zugucken will, sollte sich schon mal mit dem Gedanken anfreunden, selbst zur Armbrust oder zum Zauberspruch greifen zu müssen.

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Fallen stehen ebenfalls zur Verfügung.
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Auch deshalb, weil Orks bei weitem nicht die einzigen Gegner bleiben. Flinke Kobolde huschen einfach durch unsere Fallen, riesige Oger lassen sich ohne aktives Eingreifen kaum aufhalten und Gnolljäger ignorieren angestammte Wege und den Rest der Karte – sie rennen stattdessen wie die angesengten Säue in unsere Richtung und wollen uns ganz persönlich auf die Mütze hauen.

In seinen besseren Momenten schafft Orcs Must Die so einen schönen Rhythmus aus Planung, Finanzmanagement und aktiver Action. Oft aber frustriert es auch, nicht nur die bereits erwähnte Maulfaulheit und der Mangel an Erläuterungen, sondern auch die leicht unübersichtliche Oberfläche führen jedes Mal zu mehreren Partien voller Trial & Error, bevor die gepflegte Orkschlachtung gelingt. Hat man eine der 24 Karten erfolgreich absolviert, gibt es je nach Leistung bis zu fünf Schädel, mit denen man wiederum die über 20 Fallen verbessern kann.

Im späteren Spielverlauf nimmt unser junger Kriegsmagier noch Kontakt mit den Weberinnen des Ordens auf, die es uns erlauben, unsere sauer erschlachtete Knete in einen von drei Talentbäumen zu versenken, was mächtige passive Boni freischaltet. Überhaupt ist Motivation durch neue Inhalte einer der besten Tricks von Orcs Must Die. Keine Karte wird bezwungen, ohne dass etwas freigeschaltet wird – Fallen, Zaubersprüche, neue Helfer, alles sehr witzig. Leider sind viele der Gerätschaften eher minder nützlich, schnell hat man die wirklich sinnvollen und mächtigen Fallen ausgemacht und versteht alles andere als Geldverschwendung.

Doch alles Meckern ist vergebens, wenn eine weitere Welle der Orks von einer aus der Wand klappenden Kreissäge zu Haschee verarbeitet wird – es ist einfach zu schön. Entwickler Robot Entertainment schaffen dabei stilistisch einen Balanceakt, denn die gesamte Nummer läuft ohne Blut und in einem putzigen Cartoonstil ab; dennoch kommt echtes Schlachtgefühl auf. Sobald Dutzende Orks in ihre Einzelteile zerlegt werden, dann ist das trotz Knuddeloptik und fehlender Innereien schön rabiat und ungemein befriedigend.

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Und wenn nichts mehr hilft, dann umdrehen und Augen schließen.
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Sympathisch sowieso, wenn unser Sonnyboy von Protagonist nach einer bestandenen Karte einen Breakdance hinlegt oder beim Setzen von Fallen seine Vorfreude nicht verhehlen kann, dann kann man ihm auch nicht übelnehmen, dass er eigentlich ein Windei ist. Man hätte ihm vielleicht ein Spiel mit Handlung gewünscht, denn von ein paar vereinzelten Diashows mit Off-Sprecher abgesehen lässt Orcs Must Die jeden roten Faden vermissen.

Doch der ordentliche Umfang, das gelungene Gesamtkonzept und der durchweg fordernde, aber faire Schwierigkeitsgrad machen Robot Entertainments Erstling (sie arbeiteten ursprünglich an Age of Empires Online) zu einer ungemein witzigen Nummer. Und nun entschuldigt mich, ich muss Roland im Gegenzug was Schönes empfehlen – vielleicht ein Wimmelbildspiel oder so.