Ich war immer ein bekennender Gegner der Todesstrafe. Doch mit jedem zusätzlichen Tag, an dem Unbekannte mir die Inbox vollsülzen, gewinnen Giftspritze und Erschießungskommando an Reiz.

Denn trotz massiver Gegenmaßnahmen gerät bei mir im Moment die Junkmail außer Kontrolle. Unentschlossen bin ich eigentlich nur bezüglich einer Sache: Gehören wirklich nur die Spammer gehängt? Oder sollten wir deren Kunden gleich mit aufknüpfen?

Was waren das für unbeschwerte Zeiten, als ich bei Spam an alberne Monty-Python-Sketche dachte, als ich glaubte, wildfremde junge Damen wollten mich übers Netz kennen lernen und reich beladene Geschäftsleute aus Lagos meine Taschen mit Geld füllen. Damals, als allenfalls ein bis zwei Werbemails täglich in meinen Posteingang trudelten, die zudem oft niedliche Kreativität aufwiesen...

Heute ballern mir rund 100 Exemplare pro Woche in den Spamfilter - obwohl ich meine Adresse ausschließlich Freunden weitergebe und für jede Anmeldung im Netz das Firefox Addon Temporary Inbox verwende. Zum einen stellt sich die Frage, welcher Verräter mich bei Spamyourenemies eingetragen haben mag. Zum anderen wundere ich mich zunehmend, warum derartige »Werbung« überhaupt Erfolg haben soll.

Operation Spamalot - S.P.A.M. – Die letzte Geißel der Menschheit

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Wenn der Postmann zweimal klingelt...
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Denn egal ob man mit den Gesetzen des Marktes oder der Evolution argumentiert, für die horrenden Einkünfte der Spammergemeinde gibt es nur eine Erklärung. Nämlich die Existenz einer Klickmonsterpopulation, die während der Gehirnverteilung noch am Schalter nebenan um einen Nachschlag Kaufkraft baten und eine Direktverbindung zwischen Augen und Mausfinger gratis dazu bekamen. Irgendwo muss es Konklaven dieser mit Lesbenhormonen eingenebelten und mit günstigem Viagra und Valium abgefüllten Online-Spielcasino-Zombies geben. Sonst könnte sich das System nicht tragen. Wer zum Teufel sind sie? Wo sind sie? Und vor allem: Warum sind sie?

Verstehen könnte ich das Ganze, wenn die Werbe-, Betrugs- und Phishingversuche wenigstens clever, sprich ansatzweise realistisch aufgezogen wären. Ich erwarte keine »Hustle« würdigen Coups. Aber Jobangebote mit ein bis zwei Arbeitsstunden täglich, über 10.000 Euro im Monat, ohne Qualifikationen? Vor allem, wenn die Agentur für Arbeit dem potentiellen Empfängerkreis bei gleicher Eignung nur Spargelstechen anbietet. Warum nicht gleich Röntgenbrillen verkaufen? Oder das Clone-Generator-Selbstbauset Marke 90-60-90?

Mit Gedanken an Zeitstoppuhr haben sicher auch genügend Leute ihre Wachträume verbracht. Selbst mit meinem Geschäftsmodell »Analphabetenkurs zum Selbstlesen« könnte ich vermutlich den einen oder anderen Euro verdienen, wenn ich mir einen Lapsus anschaue, wie »Nur vom nobelsten aller Casinos können Sie ein so vornehmes Geschenk erwarten: 300% Bonus für Ihre erste Einzahlung!« Auf der anderen Seite: Wer würde behaupten, er habe Klasse, wenn er nicht wirklich Klasse hätte? Ich meine, außer natürlich, Leute ohne Klasse?

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"Hast du dein V1aGra auch griffbereit?"
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Dass Universum und menschliche Dummheit sich in ihrer Grenzenlosigkeit tatsächlich gleichen, zeigen ferner die täglichen »Aktientipps«. Egal wie haarsträubend die daherkommen, sie haben offenbar Erfolg. Nach jeder Mailwelle realisieren die beworbenen Krauterfirmen Kursgewinne. Aus dem Grund hat sogar im März die US-amerikanische Börsenaufsicht im Rahmen der »Operation Spamalot« eine Reihe dieser Unternehmen kurzfristig vom Handel ausgeschlossen. Die Gelackmeierten sind die unerfahrenen Investoren. Oder verkürzt "Die Dummen sind die Dummen".

Über den mit dieser Erkenntnis einhergehenden Anflug von Melancho-, wie Tautologie tröstet mich jedoch eine alte Börsenregel: Das Geld ist ja nicht weg, es hat nur ein anderer. Ohnehin kann ich kein aufrichtiges Mitleid mit jemandem empfinden, der Anlagetipps von Absendern wie »Winnie Pooh« befolgt. Ich meine… Comicbären in der Vermögensberatung? Weiß doch jeder Dreijährige, dass seit jeher »Tigger« der Finanzexperte der Truppe ist.

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Wer reich sein will, buddelt nach Schätzen - oder sammelt Spammails.
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Noch mehr als die uneingelösten Versprechen, mein Portemonnaie zu füttern, schlagen mir die permanenten Auffüllangebote bezüglich der jenseitigen Hosenfront aufs Gemüt. Zwar weckt bei mir die Betreffszeile »Turn over the page of your life with a small dick« für Sekunden das Bild von Gunther von Hagens, wie er mit einem seiner Präparate in der Hand Tagebuch schreibt. Aber aufgrund jahrelanger Vertragsverlängerungsangebote der Genitalmafia ahne ich schnell den wahren Sinn der Aussage. Denn selbst wenn mir jede dieser Offerten nur schlappe 0,5 cm gebracht hätte, könnte ich heute jederzeit auf einen Schal verzichten.

Apropos schlapp: »I present to you this cool site about Viagra. May be it help you to find him« ging dann doch unter die Gürtellinie. Wenn es so schlimm um »Ihn« stünde, bräuchte ich nun wirklich kein Potenzmittel mehr. Eher eine Warzencreme. Andererseits… vielleicht wollten mir genau das die Bekundung der Spam-Kollegen schonend beibringen, als sie sagten »She will be suprised, what happend to your dick«.

Völlig aussterben wird die Belästigung jedenfalls nicht, solange es deren Adressaten nicht tun. Wobei die Raffkes und Konsumidioten seit Generationen als äußerst robuste Spezies erscheinen. Könnte man vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis nicht wenigstens als Kompromiss die für Spam verantwortlichen Firmen um Kooperation bitten? Das würde die Müllmenge reduzieren. Etwa der Genitalverlängerung das Viagra beilegen und beides mit Aktiengewinnen finanzieren. Verkehrt wäre auch nicht, wenn das verblüffend »preiswerte« Softwareangebot direkt mit der passenden anwaltlichen Abmahnung wegen urheberrechtlicher Verstöße einherginge. Dann bekäme ich letzte wenigstens endlich mal zu Recht. Im Grunde bräuchte es die Spammail, um allen Spam zu beenden. Mein Vorschlag (um nicht zu sagen "Geschäftsvorschlag") lautet daher:

»Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr,

Sie sind Erbe eines Online-Casino-Inhabers geworden. Schicken Sie der Union Bank PLC, Lagos, umgehend 300.000 USD, damit diese Ihnen 18,5 Millionen USD auszahlen kann. Kaufen Sie hiervon in unserem Online-Shop 450.000 Packungen »Ciali$« und leiten Sie diese an alle Bekannten weiter (die letzte Person, die es nicht tat, muss heute Kettenbriefe für die russische Mafia schreiben). Hierfür deaktivieren Sie Firewall und Virenscanner und klicken auf das anhängende Bestellformular. Zum Dank faxen wir Ihnen einen iPod. Andernfalls veröffentlicht das BKA Ihre Privatpornos und verkleinert Ihren Penis um weitere 3 cm.

Mit freundlichen Grüßen,
i.A. Kriminalkommissar Igwe Williams«

P.S. Bitte schickt diese Kolumne an so viele Leute wie möglich. Ihr wisst schon…