Wer kennt das nicht: Man sitzt bei Omis Geburtstag in gemütlicher Runde, nippt an einer Tasse Blasen- und Nieren-Tee und noch während die resolute Dame ein Stück von ihrer guten Erdbeertorte auf den Teller legt, bekommt man folgenden Monolog vor den Latz geknallt: „Junge, du musst dir endlich eine vernünftige Arbeit suchen. Dieses Internetz – das ist doch neumodischer Kram. Früher brauchten wir so was nicht.“

Tja, was derzeit in den Medien zum monströsen Treppenwitz heranwächst, wusste Omi sowieso schon immer – früher war alles besser. Die Luft klarer, die Steuern niedriger, die Blumen…äh blumiger und für Bananen musste man noch drei Stunden am Konsum anstehen. Moment. Das war eigentlich ziemlich doof. Ist „Retro“ also doch nicht so toll? Zeit für einen einzigartigen Selbstversuch.

Schon als im vergangenen Jahr „Command & Conquer 3: Tiberium Wars“ in der Redaktion eintrudelte, schallte es über die Flure: „So ein Quark, Teil eins war damals viel besser.“ C&C 3 war toll, keine Frage. Aber diese Wucht, mit der uns der „Tiberiumkonflikt“ vor zehn Jahren traf, konnte es nicht heraufbeschwören. Da kam sie das erste Mal in mir auf - diese Sehnsucht. Der Wunsch nach den Eindrücken, Emotionen und dem großen Staunen von einst.

Operation: Retroabend - Operation: Retroabend oder weil damals alles besser war

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Operation: Retroabend wird gestartet. Noch sind die Tester guter Dinge.
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Weil mir mein berufsbedingtes Mickergehalt jedoch eine Zeitmaschine ebenso verwehrt wie frische Unterwäsche oder ausreichend Frühstücksflocken, half nur ein cleverer Kunstgriff. Der verwegene Plan: Eine lustige Truppe spieleverrückter Kumpels zockt bei Pizza und Brause die coolsten Klassiker der 80er und 90er. Mit Titeln, die noch auf das Wesentliche reduziert waren - ganz ohne Schnörkel und fette Bombast-Inszenierung, deren DirectXY-Shader-Firlefanz eine sündteure Grafikkarte mit dreifacher Kontoglättung erfordert.

Zig Telefonate später war er beschlossene Sache: der „Retroabend“. Toller Name, tolles Motto - der Spaß möge kommen. Natürlich kann uns die Grafik jener Tage nicht mehr vom Hocker reißen, so die weise Vorahnung, aber die rosarote Fanboy-Brille wird’s schon richten. Oder unsere spezielle Geheimwaffe: ein wahres Schlachtschiff von einem Plasma-Fernseher mit Full HD-Auflösung und gefühlten zwei Metern Bilddiagonale.

„Ihh, Next Gen“

Fehlen eigentlich nur noch die Versuchsobjekte. Doch wozu gibt’s kaufkräftige Freunde. Wie Kindergartenkumpel Basti. Der freut sich seit Wochen wie eine frisch geteerte Autobahn über seinen „total günstigen Atari 2600“ und lässt denn auch bei keiner Gelegenheit aus, auf die Notwendigkeit dieser Anschaffung hinzuweisen – „retro“ ist ja schließlich cool. Ebenso wie es der Atari einstmals war. Vor etwa 20 Jahren um genau zu sein.

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Immer wieder spannend: Das Knirschen des Atari- Joysticks klingt, als würde er jeden Moment abfallen.
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Der logische Folgeschritt auf der nach unten offenen Retrotreppe wäre nun, sich gegenseitig mit Lochkarten zu bewerfen oder Pacman auf einer dampfbetriebenen Vorkriegsschreibmaschine zum Laufen zu bringen - wir entscheiden uns aber für die gruppenkompatiblere Variante: ein Nintendo Entertainment System (NES) und Segas Master System. Ok, so richtig „Old School“ sind die beiden 8-Bitter nicht, aber mit eben diesen Brotbüchsen sind wir halt aufgewachsen.

„Ihh, mach das aus. Jetzt kommen die wahren Klassiker.“ Das allgemeine Lästern ist groß, als wir am frühen Abend bei Gastgeber Micha aufschlagen und dieser in ketzerischer Kleingeistigkeit dem Devil May Cry 4-Endgegner das überdimensionale Schwert des Hauptcharakters um die fauligen Löffel haut. „Surround Sound, hochauflösende Texturen, High Definition – alles neumodischer Kram. Steinigt ihn.“ Schließlich ist die Bude voll, die Kabel sind verlegt. Es geht ans Eingemachte.

Zum Einstieg: Die Gaming-Brotbüchse

Begonnen wird natürlich standesgemäß am Anfang der Zeitleiste: Der Atari 2600 wird ausgepackt, durch den Raum schallen ehrfürchtige Ahh's und Ohh's. Es kann losgehen: Vor dem Start noch ein beherztes Pusten in den Kassettenschacht, damit die Spiele überhaupt laufen, dann der Griff zum Power-Schalter, den der Atari mit einem liebevollen Knarzen kommentiert. Da ist sie wieder, diese längst vergessene Angst, das teure Stück könnte nach jedem Handgriff in tausend Stücke zerfallen – hach ja, das ist retro!

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Damals schick, heute eher "zweckmäßig": Das Brotkasten-Design des Atari 2600.
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Nur dieses – nun ja – gewagte Design. Das hatte man doch irgendwie anders in Erinnerung. Oder um es mit den Worten eines Anwesenden zu umschreiben: „Sah der schon immer so scheiße aus?“ Was man heute als Billigtoaster nicht mal auf polnischen Hinterhof-Flohmärkten loswerden würde, galt damals eben als „chick“. Dabei ging diese Mischung aus schwarzem Schuhputzkasten und Opas antiquierter Fußbodenheizung mit der ästhetisch meist wenig ansprechenden Erscheinung der Spieler oft eine optische Symbiose ein.

Derlei Zweifel passen natürlich nur bedingt zu einem Abend voller Spaß und Glückseligkeit. Also machen wir es wie bei der Partnersuche: Man belügt sich selbst und verkündet lautstark: „Was zählt, sind die inneren Werte!“ In diesem Fall die Spiele. Klassiker Nummer eins steckt bereits im Kassettenfach: Space Invaders. Bevor uns vor Freude allerdings so richtig die Knöpfe aus der Bluse platzen können, folgt erst einmal Schmerz – in den Augen.

United Pixelbrei of Benetton

Grausiges Flimmern, monströse Klötzchen und ein Farbenbrei, der aussieht als wäre „United Colors of Benetton“ ins Spielesegment gewechselt, zerren in schönster Breitbildauflösung an unseren Sehnerven. „Ähm, ich glaube du musst den richtigen Kanal suchen – dieser produziert Bildfehler“, meint noch jemand aus dem Hintergrund, bevor sich die ernüchternde Wahrheit manifestiert: „Das ist der richtige Kanal!“ Naja, man kann nicht alles haben.

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Space Invaders in Full HD: Ein Brechreiz-Erlebnis besonderer Güte.
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Dann wird eben das Spiel gewechselt: Mit „Moon Patrol“ haben wir nämlich einen ganz heißen Klassiker auf Lager. Hier muss man mit seinem Mondfahrzeug lediglich kleinen Kratern und Ufos ausweichen. Besser sieht das auch nicht aus, bietet aber mehr Action – oder so. Und wirklich lang ist es mit seinen fünf Levels auch nicht. „Fünf Level. Das ist aber etwas wenig für ein Computerspiel.“

Irrtum! Wenn man nämlich bereits das zweite Level derart hart gestaltet, dass selbst ein genetisch gezüchteter Supersoldat mit übermenschlichen Reaktionen keine Chance hat, macht das sogar Sinn. Ganze acht Mal versuchen wir uns an Stufe zwei – jeder von uns. Vergebens. Selbst wenn man den Atari-Joystick im perfekten Moment nach hinten zieht (der dabei übrigens knirscht, als hätte jemand Popcorn in die Couchritze geschüttet), verarbeitet das Spiel die Eingabe erst Sekunden später. Pah, unfair – nächstes Spiel.

Wir spielen: Klötzchen Commander

Doch auch die bringen wenig Erleuchtung: „Battlezone“ zum Beispiel. Das legendäre erste 3D-Spiel sieht zwar vergleichsweise annehmbar aus, macht aber in der Post-Crysis-Ära ebenso viel Spaß wie ein Stein im Schuh. Beim wirren Shoot'em Up „Berzerk“ ziehen wir bereits nach wenigen Sekunden den Stecker, der All Time-Klassiker „Missile Command“ steuert sich mit dem Joystick derart scheußlich, dass wir ihn all zu gern in „Missing Command“ umbenannt hätten.

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Ein echtes Spaßwunder: Der 4-Spieler-Adapter des NES bringt Freunde zusammen.
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Es reicht! Wir ziehen den Stöpsel. Traurige Gesichter, in der Luft liegt der stechende Geruch der Enttäuschung – obwohl das auch an der Zwiebelpizza liegen könnte, die wir irgendwo zwischen „Klötzchen Invaders“ und „Pixel Command“ geordert haben. Kaum zu glauben, dass uns diese Games damals ganze Nächte gekostet haben, grafische Revolutionen einläuteten, Spielestandards setzten. Wo ist das Staunen, wo die Begeisterung, die wir dabei einstmals empfanden?

Vielleicht war der Sprung zu weit, wechseln wir also in die frühen 90er. Das NES reißt bestimmt alles raus. Dementsprechend laut wird es in unserer kuschligen Einraum-Wohnung: „Lasst uns World Cup Soccer spielen, das hab' ich früher geliebt.“ Wunsch ist Wunsch, mit dem 4-Spieler-Adapter für Nintendos grauen Klapperkasten sind wir auch bestens gewappnet. So kurz vor der EM kann man so den Italien-Fans in unserer Runde auch gleich noch eine herbe Klatsche verpassen.

Ist retro wirklich cool?

Dumm nur, dass „World Cup Soccer“ da irgendwie nicht ganz mitmachen will. Beim Anblick der lächerlichen Spieler-Animationen bricht ein Großteil der Anwesenden vor Lachen fast zusammen, der Rest bekommt vom schlimmen Dauerflimmern des Bildes grässliche Kopfschmerzen. Und überhaupt: Wie schießt man da überhaupt? Gibt’s hier eine Dribbelfunktion? Das NES-Gamepad hat ja nur zwei Tasten...

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Volleyball für den NES: Sieht scheiße aus, macht zu viert aber einen Heidenspaß.
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Derlei Kuriositäten sollten noch einige an diesem Abend der unbeschwerten Spielfreude folgen: Wie man die Bälle bei „Tennis“ annimmt, hat z.B. selbst nach 20 Minuten noch niemand herausgefunden, bei Pro Wrestling für das gute alte Master System reicht ein einziger Move, um den Gegner ins Land der Träume zu schicken. Bei „Battletoads“ schaffen wir es aufgrund des Schwierigkeitsgrades nicht Mal bis ins zweite Level.

Wer aufs Klo muss, hat Pech gehabt – Speicherstände gab's damals schließlich auch noch nicht. Tutorials? Purer Luxus. Zielhilfe? Guter Witz. Erst da fällt es uns wie Schuppen von den Augen: Verdammt, sind wir heute verwöhnt. Omi würde jetzt sagen „So etwas brauchte man damals nicht.“ Aber auch nur, weil man es eben nicht besser wusste. Denn was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen.

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David im Kreise seiner Liebsten - achja, und seine Freunde waren auch noch da.
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Ist „retro“ also nur eine Floskel, die nicht mehr als eine lose Umschreibung längst vergangener Emotionen und Eindrücke ist? Wer weiß. Mittlerweile zeigt die Uhr Mitternacht. Der allgemeine Spaßfaktor liegt bereits in den letzten Zügen und eine weise, aber nüchterne Erkenntnis macht sich breit: Was bei heutigen Titeln niemand mehr verzeihen würde, galt damals als undenkbar – oder war einfach nicht zu realisieren.

Diese Wegbereiter von einst haben viel für unser aller Lieblingsmedium getan – mögen sie uns also in guter Erinnerung bleiben. Spielen müssen wir sie ja nicht mehr. Oder um es mit den abschließenden Worten unserer kleinen Retrogemeinschaft zu sagen: „Hach ja, die guten alten Zeiten – schön dass sie vorbei sind!“