"Verteidigen sie diesen Strandabschnitt", lautet meine Mission. Vor mir ist ein MG-Nest aufgebaut. "Das wird ein leichtes Spiel", denke ich. Was folgt, sind allerdings Minuten des Frustes, des Hasses. Die Fronten brechen an allen Verteidigungs-Positionen des Städtchens zusammen, Feinde fallen uns in den Rücken, flankieren meine drei Männer und mich. Wie viele Soldaten der chinesischen Armee habe ich bereits abgeknallt? Keine Ahnung, es müssen Dutzende sein.

Ich versuche es mit MG, ohne MG, lege Sprengfallen, verschanze mich in Häusern und versuche die Zeit irgendwo auszusitzen, schlage mich zu einer befreundeten Einheit durch, studiere die Angriffstaktik des Feindes. Immer mit demselben Ergebnis: tot, tot, tot! Irgendwann, es muss der 15. Versuch sein, kommt schließlich die rettende Durchsage, ich hätte den Abschnitt gehalten. Gratulation! Situationen wie diese sind typisch für die Spielerfahrung von Operation Flashpoint: Dragon Rising.

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Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Momente wie diese beschert der Nachfolger von Bohemia Interactives Operation Flashpoint (2001) en masse (getestet wurde die PC-Version). In kaum einem Kriegsspiel der letzten Jahre habe ich mich so verletzlich, so sterblich gefühlt. Fehler und Unachtsamkeit werden von den KI-Feinden härter bestraft und enden mit schweren, behindernden und oft tödlichen Verletzungen oder gleich mit dem Bildschirmtod. Oft sind es unerwartete Kontrahenten, die irgendwo im dichten Gras verborgen waren oder kleine Pixelfeinde, die nur bei sehr genauem Hinsehen als solche zu erkennen sind.

Operation Flashpoint: Dragon Rising - Leuchtfeuer am Taktik-Himmel oder Blendgranate für's Spielregal?

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Das Befehlssystem kommt etwas hakelig daher, leistet euch letztendlich aber gute Dienste beim Kommandieren eures Trupps.
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Aber oft genauso tödlich sind, wie Soldaten in unmittelbarer Nähe. Allein dieses Gefühl der ständigen Bedrohung lässt mich Dragon Rising so vorsichtig und aufmerksam spielen, wie kaum ein anderes Spiel. Bei vielen Aufträgen auf der Insel Skira wandern wir in dichten Waldgebieten unserem Ziel entgegen und bewegen uns dabei mit extremer Vorsicht voran. Wir, das sind immer drei meiner Kameraden und ich - der Squadleader.

Ich gebe die Befehle, die uns ins Verderben führen oder den Sieg bringen. Allerdings verhalten sich die KI-Kameraden erstaunlich autark. Sie geben sich beim Angriff auf gegnerische Stellungen gegenseitig Feuerschutz, öffnen Türen, um in Häuser zu gelangen, flankieren Feinde und befolgen meine Anordnungen genauestens.

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Die Raucheffekte können sich durchaus sehen lassen und wirbeln mächtig staub auf ...
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Als Anführer des kleinen Haufens steht mir ein verschachteltes Befehlsmenü zur Verfügung, das zwar etwas hakelig daherkommt, seinen Zweck letztendlich aber gut erfüllt. Als Kommandant weise ich meine Untergebenen dazu an Gebäude zu stürmen, hinter Objekten in Stellung zu gehen, rufe den Sanitäter herbei oder fordere Artillerieunterstützung an. Und so ganz "nebenbei" führe ich Gefechte gegen die feindlichen chinesischen Truppen, die sich das eigentlich von Russland kontrollierte Eiland im Japanischen Meer unter den Nagel reißen wollen.

Mangelhafte Inszenierung

Der Hintergrund des Konflikts wird in der kurzen Einleitung erklärt: Ein Ölfund macht die Insel zum begehrten Objekt, sodass Russland nach einer Invasion der Chinesen die USA um Beistand bittet. Der Weltpolizist geht eine Allianz mit den Russen ein und beschert euch so den Einsatz am anderen Ende der Welt. Viel mehr Story bietet Operation Flashpoint: Dragon Rising leider nicht. Alle weiteren Details und Missionsbeschreibungen entnimmt man reinen Textwüsten.

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Aus solcher Nähe bekommt man die Feinde eher selten zu sehen, meist ballert ihr auf weit entfernte Pixelgegner.
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Auf weitere Videos oder gar Zwischensequenzen verzichtet Entwickler Codemasters zulasten der Präsentation. Die Missionen wirken daher zusammenhangslos, lieblos aneinandergestückelt. Unser Auftrag wird nicht mit Leben gefüllt, unsere Protagonisten bleiben uns fremd, eine Identifikation mit den Spielfiguren bleibt aus. Das ist auch deshalb schade, weil der Taktik-Shooter insgesamt eine sehr dichte Atmosphäre erschafft.

Bei unseren teilweise zu langen und inhaltslosen Märschen durch die Waldgebiete, stößt der Trupp immer wieder auf weite Lichtungen. Wir wissen, dass irgendwo Feinde lauern, im Hintergrund vernehmen wir das rattern eines gegnerischen Kampfhubschraubers auf Patrouillenflug. Wie sollen wir diese Schneise überbrücken, ohne gesehen zu werden? Sollen wir 600 Meter kriechen? Vorsichtig suche ich mit dem Fernglas die Umgebung ab, nirgendwo ist ein Soldat der VBA zu sehen. Doch im Unterholz verborgen habe ich sie schon des Öfteren übersehen.

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Dreckspritzer wie diese zeugen von nahen Projektileinschlägen. Da heißt es: Kopf einziehen, Soldat!
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Ich warte ab, bis der Heli seine Runde abschließt und mir sein Heck zuwendet, Hetze geduckt los, die Waffe immer im Anschlag sehe ich mich ständig um, der Schweiß läuft mir über die Stirn. Ist das Angst? Wir erreichen unbeschadet und unentdeckt die gegenüberliegende Seite des Waldes. Die Spielfigur keucht, mir schlägt das Herz in der Brust. Diesmal habe ich Glück gehabt, oft genug wird bei solchen Aktionen der Hubschrauber auf mein Team aufmerksam, feuert Raketen ab und bereitet dem Einsatz ein rasches Ende. Oder wir sehen uns plötzlich von feindlichen Truppen umzingelt, die uns gnadenlos zusammenschießen. Wo ist eigentlich die "Ich gebe auf!"-Taste?

Hilfe, ich will nicht sterben!

Der Krieg in Dragon Rising läuft so realistisch ab, wie man ihn sich vorstellen kann. Nicht nur der schnelle Tod sorgt für Atmosphäre, auch das Soundgerüst sorgt mit trockenen aber realistischen Waffensounds für eine passende Hintergrundbeschallung, die enorme Weitsicht (die jedoch unter Popups leidet) sorgt für's Ambiente, sehr gute Rauchwolken zeugen von Tod und Zerstörung, aufspritzender Dreck und Leuchtspurmunition lassen uns hinter der schützenden Deckung verharren, obwohl der Zeitdruck uns im Nacken sitzt. Mörsereinschläge bringen alles zum Wackeln und verhindern gezielte Schüsse, während kreisende Kampfhubschrauber sowie panisch schreiende Kameraden weitere intensive Eindrücke ins Spielgeschehen einbringen.

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Gelegentlich könnt ihr auf Artillieunterstützung zurückgreifen und euch damit viel Ärger ersparen.
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Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt. Die bereits angesprochene mangelnde Inszenierung ist schon ein arger Stimmungskiller, lässt sich aber gerade so verschmerzen. Die leblose Welt ohne Zivilisten und andere Lebewesen zählt ebenfalls zu den Minuspunkten. Noch weniger tolerierbar sind die Aussetzer der KI-Feinde, die teilweise teilnahmslos in der Gegend rumstehen und sich widerstandslos umnieten lassen. Es kommt vor, dass sie einfach an unserem Team vorbei laufen oder uns selbst aus nächster Nähe nicht mit ihren Geschossen treffen, dann wieder scheinen sie durch feste Objekte hindurchsehen zu können und erspähen uns selbst hinter Deckung.

Dragon Rising ist sicherlich nicht fehlerfrei - aber intensivere Gefechte wird man in keinem anderen Spiel finden.Fazit lesen

Zu einer vollkommenen Militärsimulation gehört zudem der Einsatz von Vehikeln aller Art. In Operation Flashpoint: Dragon Rising bekommen wir nur sehr selten überhaupt Zugriff auf rollende Untersätze und dann auch nur auf leicht gepanzerte Fahrzeuge. Kampf-Helis können wir gar nur im Multiplayer-Modus oder im Editor bedienen. Die wenigen Momente, in denen Fahrzeuge zum Einsatz kommen, lassen sich in den elf Missionen an einer Hand abzählen - leider.

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Vehikel-Kämpfe sind leider ein seltenes Gut.
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Ich hätte mir Schlachten mit Panzereinsätzen oder Fliegerangriffe gewünscht. Insgesamt überzeugt auch der Umfang der Kampagne, die übrigens im Koop-Modus zu viert gezockt werden kann, nicht. Zieht man all die Neuversuche ab, bleiben vielleicht sechs Stunden reiner Spielzeit übrig und das ist eindeutig zu wenig. Auch im Mehrspielermodus (für bis zu 32 Spieler) hätten die Entwickler noch einige Modi draufpacken können, hier stehen lediglich Infiltration und Deathmatch sowie vier Maps zur Verfügung. Schwierig für Neueinsteiger ist zudem die sehr steile Lernkurve, die ohne Tutorial ins kalte Wasser geschmissen werden.