Gerade als ich mit dem Schreiben dieser Kolumne beginnen möchte, schaut mir ein Kollege über die Schulter. Er liest die Überschrift und sagt „Online-Freundschaften? Gibt’s doch gar nicht.“

Dabei möchte ich nicht wissen, wie oft täglich in den verschiedensten Haushalten weltweit der Satz „Du sitzt ja schon wieder vor diesem schrecklichen Computer! Warum gehst du nicht mal raus und verbringst deine Zeit mit deinen Freunden?“ fällt und wie oft daraufhin der genervte Sprössling denkt: „Ganz einfach, Mama: Meine Freunde sind im Computer.“

In der Tat: Die Generation der heutigen Zocker erlebt ein vergleichsweise junges technologisches Phänomen, das deren Eltern in ihrer Jugend so nicht kennen gelernt haben: die globale Internet-Community. Während es früher lediglich Brieffreundschaften gab, bekommt man heute ganze Gilden mitsamt Instant Messengern und virtuellen Plätzen zum Abhängen. Aber können die virtuellen Bekanntschaften des Web 2.0 eigentlich die Freundschaften der Realität 1.0 ersetzen?

Online-Freundschaften - StudiVZ, WoW & Co: zwischen Sex und Raid-Bekanntschaft. Gibt es wahre Online-Freunde?

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Sam und Max: echte Freunde im Web 2.0.
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Der Medientheoretiker Marshall McLuhan beschrieb es bereits 1962: Die moderne Welt wird dank der elektronischen Vernetzungen, die Daten mit Hochgeschwindigkeit übertragen können, zu einem globalen Dorf zusammenwachsen, in dem jeder mit jedem in Kontakt treten kann – und er sollte Recht behalten. Früher trommelte man zusammen auf Buschtrommeln herum, heute spielt man eben via Internet zusammen Schlagzeug bei Rock Band. Auch Communities schießen wie Pilze aus dem Boden und das Zocken von Onlinegames mit Leuten aus der ganzen Welt gehört längst zum Alltag.

studiVZ: weiblich, blond und attraktiv, bitte!

Fangen wir zunächst mal mit den zahlreichen Communites an, in denen man sich innerhalb kürzester Zeit jede Menge Freunde anlachen kann. Ich oute mich gleich und sage euch, dass auch ich beim mittlerweile omnipräsenten studiVZ angemeldet bin. Anfangs wollte ich eigentlich gar nicht, habe mich aber dann doch bequatschen lassen und kann jetzt immerhin meine Freundschaften dort überprüfen. Wenn ich deren Anzahl schätzen müsste, ohne vorher nachzusehen – ich könnte nicht sagen, wie viele Freunde sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. Also hinsurfen und nachsehen.

„Du hast 90 Freunde“, steht auf meinem Bildschirm. Puh, doch schon mehr, als ich eigentlich gedacht hätte. In der Liste tummeln sich Leute, mit denen ich irgendwann mal zur Schule gegangen bin und die ich teilweise jahrelang nicht zu Gesicht bekommen habe, die Vögel aus meiner Band, Arbeitskollegen, Personen, die ich während meiner Studienzeit kennen gelernt habe, Bekannte meiner Freundin und auch Leute, die ich in meinem Leben noch nicht einmal gesehen habe.

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studiVZ: 300 Bekannte, aber keine Freunde.
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Jede Menge Menschen also, die ich mehr oder weniger gut kenne - aber Freunde? Mitnichten. Als wirkliche Freunde würde ich lediglich ein paar von diesen 90 Leuten bezeichnen, zu denen ich eine langfristige und tiefgehende Beziehung aufgebaut habe. Freundschaft bedeutet für mich, der Person in jeder Hinsicht vertrauen zu können und gern Zeit mit ihr zu verbringen, ohne dabei einen bestimmten Zweck zu verfolgen oder mir gar einen Nutzen von der Bekanntschaft zu erhoffen – auch wenn ein Freund natürlich zur Stelle ist, wenn mal ein Umzug ansteht…

Wenn ich dann sehe, dass manche Leute in studiVZ über 300 Freunde haben, kommt bei mir unweigerlich das Gefühl auf, dass diese Personen wohl eher Kontakte sammeln, um sich selbst zu inszenieren und zu demonstrieren, wie beliebt sie doch sind. Wie oberflächlich die Bezeichnung „Freund“ im Zusammenhang mit Bekanntschaften aus Communities wie studiVZ, Facebook oder Myspace ist, zeigt schon ein Forschungsprojekt, das ein Medienmanagement-Student der BiTS Iserlohn durchführte.

Unter dem Namen „Tebis Nador“ sammelte er im studiVZ möglichst viele Freunde. Einzige Voraussetzung: Die Personen mussten weiblich, blond und attraktiv sein. Bereits nach kurzer Zeit hatte er mehr als 100 ihm völlig fremde Personen gesammelt, die seine Freundschaftseinladung akzeptiert hatten. Kein Zweifel also, dass man im Web fix Bekanntschaften sammeln kann.

Onlinegaming: Mitspieler oder Freund?

Die oberflächliche Suche nach virtuellen Freundschaften in Communities ist aber natürlich nicht repräsentativ für das gesamte Internet, schließlich kann man auch beim Zocken eine Menge Leute kennen lernen. Das Problem bei vielen MMOs: Das Onlinegaming ist sehr wettbewerbsorientiert. Viele Spieler denken beim Zocken zuerst an sich selbst und suchen sich ihre Mitstreiter nur danach aus, ob sie dabei helfen können, den eigenen Charakter hochzuleveln.

Selbst wenn man eine zeitlang mit einer anderen Person zusammen zockt, muss man ständig damit rechnen, dass sie sich plötzlich in Luft auflöst – sei es wegen unterschiedlichen Interessen beim Vorankommen im Spiel, aber auch bei Problemen mit dem Internet oder Streitereien mit dem Partner, der das ständige Zocken satt hat. Dass es aber auch anders geht, habe ich selbst schon festgestellt.

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StarCraft2: Das Battle.net hat gute Freunde...
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Als ich in den Neunzigern anfing, StarCraft zu spielen, und mich auch im Battle.Net herumtrieb, fand ich nach kurzer Zeit einen Clan, in dem ich mich mit einem anderen Mitspieler besonders gut verstand. Anfangs standen wir lediglich über das Spiel in Kontakt, stellten aber relativ schnell fest, dass wir auf einer Wellenlänge lagen und sprachen des Öfteren über ICQ miteinander.

Als sich schließlich unser Clan nach einem Jahr auflöste und ich kaum noch Zeit für StarCraft hatte, war für uns beide schon lange klar, dass wir auch ohne das Zocken weiterhin in Kontakt bleiben würden. Mittlerweile wusste ich mehr über diese Person als über manch Anderen aus meinem nicht-virtuellen Bekanntenkreis. Schließlich ergab es sich sogar, dass wir uns gegenseitig besuchten und mit der Zeit zu richtig guten Freunden wurden.

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Auch in den weiten MMO-Landschaften bilden sich echte Freundschaften heraus.
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Sicher, eine virtuelle Freundschaft bietet nicht all das, was eine Freundschaft auszeichnet: Man sitzt dem Freund nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber und kann nur über Instant Messenger oder Skype kommunizieren. Man kann nicht mal eben zusammen auf eine Party gehen und dort zusammen ein Bier zischen und den Freund anderen Bekannten vorstellen. Kurz: Man kann aufgrund der räumlichen Distanz einfach viel weniger Sachen zusammen unternehmen.

Gibt es überhaupt Online-Freundschaften?

Das ist wohl auch der Hauptgrund dafür, dass einige Leute sagen, Online-Freundschaften gäbe es nicht. Der Mensch sei ein soziales Wesen und diese Komponente könnten virtuelle Freundschaften eben nicht hinreichend erfüllen – sie böten nun mal keine Schulter zum Ausheulen, wenn man eine braucht, sondern höchstens eine pixelige Webcam. Dennoch kann man nicht pauschal behaupten, dass es Online-Freundschaften nicht gäbe.

Wenn dies von jemandem behauptet wird, dann mag das für diese einzelne Person zutreffend sein, aufgrund ihrer sozial, emotional und vielleicht auch kulturell bedingten Einstellung – es ist jedoch nicht gültig für die Menschheit im Allgemeinen, denn wenn es um die Erfüllung von emotionalen Belangen geht, ticken die Menschen nun mal unterschiedlich und auch der Begriff Freundschaft wird nicht von jedem Menschen gleich ausgelegt.

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"Wollen wir beide Freunde sein? *hüstel*"
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Hinzu kommt, dass man differenzieren muss zwischen Freunden, die man lediglich über das Internet kennt, und Freunden, die man über das Internet kennen gelernt hat und aus denen sich Freundschaften im richtigen Leben ergeben haben. Ich zum Beispiel habe in einer Community eine Person kennen gelernt, mit der ich über Jahre in Kontakt geblieben bin, bis sie schließlich in dieselbe Stadt gezogen ist, in der ich studiert habe, und wir zu guten Freunden geworden sind – an welchem Punkt hört aber die Online-Freundschaft auf? Wenn man sich einmal trifft? Zweimal? Wenn, wie in meinem Fall, der Freund in dieselbe Stadt zieht?

Selbst wenn für manche Leute Online-Freundschaften nicht möglich sein sollten, so muss man dennoch anerkennen, dass das Internet ein Medium ist, durch das Freundschaften entstehen können. Immerhin hört man immer wieder von Personen, die sich zum Beispiel über ein MMO kennen lernen und später heiraten. Wenn man eine Weile spielt und in einer Gilde ist, erfährt man meistens früher oder später das ein oder andere über die Mitspieler – und zwar nicht nur Details, die im Zusammenhang mit dem Spiel stehen und früher oder später dazu führen, dass sich nicht selten eine gewisse Vertrauensbasis aufbaut.

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Geimeinsam gegen das Böse: Raids sind eine gute Möglichkeit, Freunde zu finden.
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Letztendlich ist das Pflegen von sozialen Kontakten im Internet einer von vielen Wegen, mit Leuten, die man mag, Zeit zu verbringen – genauso wie mit anderen Leuten ins Kino oder Essen zu gehen. Sobald die Verabredung vorüber ist, wendet man sich wieder etwas anderem zu, bis man sich erneut trifft. Ob man dabei einer Person von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen muss, um sie als Freund bezeichnen zu können, lässt sich dabei nicht pauschal festlegen. Vielmehr kommt einfach darauf an, das Beste aus den sozialen Kontakten zu machen – egal, ob online oder nicht.