Manchmal wünschte ich mir, ich wäre wieder ein Kind. Nein, nicht wegen der damaligen Unbeschwertheit des Lebens oder der reichlichen Geschenke zu Weihnachten, die sich allesamt aus dem spannenden Spielzeugbereich und noch nicht aus irgendwelchen Kleidungsausverkäufen rekrutierten. Sondern weil als Kind alles strikt verboten war.

Als Kind wusste ich, dass man absolut nichts durfte. Als Erwachsener hingegen hat man es wesentlich schwerer. Sich im Bereich der Medien zu bewegen, heißt im Minutentakt von einem Extrem ins andere zu wechseln. Strikte Verbote hier und uneingeschränkte Freiheiten dort. Hierbei den roten Faden einer einheitlichen Moralstrategie finden zu wollen, ist ähnlich Erfolg versprechend, wie an einem Sandstrand der Malediven eine verlorene Kontaktlinse wiederzufinden.

Da will ich dieser Tage die Demo von Kingdoms of Amalur: Reckoning runterladen und alles, was ich dabei lerne, ist die Erkenntnis, auf meine alten Tage immer noch nicht alt genug zu sein. Man muss dazu anmerken, dass dieses Spiel eine Altersfreigabe ab 18 Jahre hat. Also nichts für zarte Kinder- und Jugendhände. Jedoch die meinen dürften dafür alt und runzelig genug sein. Sollte man meinen.

Mein erster Weg führte mich in den neuen EA-Shop Orwell. Oder hieß er Origin? Egal. Ein Klick auf den Demo-Runterladen-Button und schon… erhalte ich die Meldung, dass die Demo aufgrund des Jugendschutzgesetztes in Deutschland nicht zwischen 6 und 23 Uhr heruntergeladen werden darf. Wie bitte? Ein Blick auf die Uhr belehrte mich, dass es erst früher Vormittag war und ich somit mehr als sein Dutzend Stunden älter und erwachsener zu werden hatte.

Also bis 23 Uhr warten. Warum eigentlich 23 Uhr? Gibt es da irgendwo in Deutschland eine Schaltuhrzentrale, die bei allen Siebzehnjährigen eine Stunde vor Mitternacht die Stromzufuhr kappt? Oder wie will die Moralpolizei sonst gewährleisten, dass diese gemeingefährliche Software nicht trotzdem heimlich länger aufbleibendem Jugendvolk in die Hände fällt und dort ihre zerstörerische Wirkung ungeheuren Ausmaßes entfaltet? Mir persönlich fällt auf diese Frage zwar keine Antwort ein, aber da wird es sicherlich eine geben, weil Gesetze hierzulande schließlich von einer geistigen Elite an Politikern und Pädagogen gestaltet werden und sie sich nicht von irgendeinem Haufen überbezahlter und volltrunkener Möchtegerndespoten auswürfeln lassen.

Mein nächster Weg führte mich zu Steam, welches den Download ebenfalls bewarb. Augenblicke später werden meine Augen mit dem Hinweis belästigt, dass von keinem der Steam-Downloadserver derzeit Inhalt für dieses Spiel abgerufen werden könne und ich sollte es in wenigen Minuten erneut versuchen. Sechzig Klicks und ebenso viele Minuten später ließ mich die ewig gleiche Fehlermeldung vermuten, dass hier derselbe Jugendschutz griff und Steam ausgerechnet beim Abfassen von Kundeninformationen mit dem allgemein propagierten Energiesparen angefangen hatte. Obwohl Steam aufgrund meiner Kreditkarteninformationen weiß, wie erwachsen ich bin, darf ich mir trotzdem nicht bei Sonnenlicht mein Hirn mit testweisen Horrorbildern zupflastern. Könnte es sein, dass bestimmte Entscheiderhirne niemals in ihrem Leben Sonnenlicht gesehen haben?

Langsam beschlich mich das Gefühl, das Jugendschutzgesetz Deutschlands wäre seinerzeit nicht im Bundesanzeiger sondern besser auf Toilettenpapier veröffentlicht worden. Erschöpft sich Jugendschutz hierzulande darin, Zeitzonen zu definieren und Baby wie Greis gleichermaßen auszusperren? Und wie ist’s eigentlich mit dem Sex? Einen Versuch weiter vermeldet mir die ZDF-Mediathek bei einem Beitrag ihrer seriösen Reportagenserie 37 Grad, in dem über Sexualität zwar geredet aber sie nicht vollzogen wird: „Die Sendung ist nur in der Zeit von 22 Uhr bis 6 Uhr abrufbar.“ 22 Uhr? Schon wieder hatte ich etwas gelernt. Sex ist 22 und Gewalt ist 23. In Deutschland darf man also in der Stunde zwischen 22 und 23 Uhr sich selbst einen und erst danach anderen die Rübe runterholen.

Wohingegen die Zeitangabe 6 Uhr einen offensichtlich sittenkonformen Universalgrenzwert darstellt. Gewarnt sei deshalb, wer seine Kinder vor 6 Uhr morgens weckt und ihnen hierdurch Gelegenheit zum Konsum kindesabartiger Unterhaltung zubilligt, der macht sich wahrscheinlich sowohl des sexuellen als auch gewalttätigen Missbrauchs strafbar. Man kann sich vorstellen, wie schockiert ich war, als ich begriff, welch enormes psychisches Schadenspotenzial die Ausbildungswahl eines 17-Jährigen zum Bäckergesellen nach sich ziehen kann.

Allerdings bekam ich auch zunehmend Angst um mein eigenes Seelenheil. Wenn man mich Erwachsenen jetzt auch schon so konsequent von spritzendem Blut und Sperma fernhielt, bestand dann nicht die akute Gefahr des Kollateralschadens? Könnte ich mich etwa gar zu einem Kind zurückentwickeln? Der umgehend panisch eingeleitete Selbsttest belehrte mich eines Besseren. Sowohl alle gängigen Hardcore-Porno-Internetseiten als auch die Videos real durchgeführter Enthauptungen irakischer US-Geißeln ließen sich nach wie vor ohne Altersüberprüfung und zur besten Mittagszeit abrufen. Meine deutsche Welt war wieder in Ordnung. Es war für mich als Tageskind also lediglich das Reden über Sex und der Konsum abstrakter Gewalt verboten.

Ich beschloss, meinen Nachhilfeunterricht im Fach Augenwischerei als beendet anzusehen. Ich hatte gelernt, dass man der Öffentlichkeit tatsächlich nur vorgaukeln wollte, man könne die erzkonservativen Moralvorstellungen und die technische Umsetzung von Gesetzen miteinander in Einklang bringen. Eine tatsächliche Annäherung zwischen theoretischer Moral und faktischem Handeln war nie geplant und widersprach nach wie vor jeglicher gesellschaftspolitischer Gewohnheit. Jetzt hatte ich auch endlich diesen ganzen scheinheiligen Streit über das Bundespräsidentenamt kapiert.