Kennst du das? Da erscheint ein neues Handy und alle Welt redet dir ein, du musst es dir kaufen, obwohl es dir nach Monaten gerade erst gelungen ist, die Apps deines alten zu beherrschen. Oder ein weiteres Pad ist da und vom Werbeplakat bis zum besten Freund wird dir zum Umstieg geraten - ausgenommen vielleicht von deinem Girokonto. Und wehe du lässt keinen 50-Zoll-Fernseher in dein Wohnzimmer. Denn wer so viel Platz leer lässt, der muss im Kopf wohl über ähnlich freie Kapazitäten verfügen.

Der Fortschritt hat unsere Verbraucherhirne fest im Griff und wer den Anschluss verliert, gilt als Verlierer. Doch auch die MMO-Welt kennt reichlich Beispiele für konsumorientierten Gruppenzwang. Kaum betritt ein neues Spiel die Bühne der Onlinewelten, dann wird der nächste Hype ins Rollen gebracht. Wehe wer bei seinem alten MMO bleiben will. Der Titel engstirnige Mumie wäre noch geschmeichelt.

Daher soll heute etwas für die Menschen getan werden, die das Rückgrat als Bestandteil ihres Körpers entdeckt haben und ihren Geldbeutel nicht gleich von jedem Modetrend aussaugen lassen. Nichts gegen Vampire - so lange sie in ihren virtuellen Ländereien verbleiben. Werfen wir doch einmal einen Blick auf den neuesten Blutsauger der MMO-Welt, Guild Wars 2.

Man verstehe mich nicht falsch. GW2 ist ein fantastisches MMO mit Unmengen an frischen Ideen, einer umfangreichen Spielwelt und einem so wunderbar fantasievollen Ambiente, welches sich ein Junkie auf LSD, Crystal und Pattex zugleich nicht besser hätte ausdenken können. Doch wer trotzdem bei seinem bisherigen Onlinespiel bleiben will, der benötigt dringend ein paar Gegenargumente, mit denen er enthusiastische GW2-Fanbois auf Distanz halten kann. Es ist also höchste Zeit für ein paar Guild-Wars-2-Knoblauchzehen, die selbst geschulteste Befürworter zum entsetzten Zurückweichen bringen dürften.

1. In GW2 sind die Skills an die Waffe gebunden und derer auch nur lächerliche fünf Stück. Wer also 80 Level lang denselben Waffentyp benutzt, der unterzieht sowohl Tastatur als auch Verstand einem ähnlichen Belastungstest wie ein Specht seinen Schnabel beim Innenausbau von fünfhundert Baumhäusern.

2. Die gute Nachricht zuerst. GW2 kostet keine Abo-Gebühren und das hierdurch ersparte Geld kann endlich wieder für Alkohol und Zigaretten verprasst werden. Guild Wars 2 schadet also der Gesundheit. Die schlechte Nachricht ist, dass GW2 zusätzlich zu seinem Kaufpreis auch einen Ingame-Shop besitzt. Es hat also mit dem ursprünglichen Guild-Wars-1-Konzept noch so viel zu tun wie Akne mit Körperschmuck.

3. In GW2 kann man ausgenommen der beim Aufheben gebundenen Items alle anderen Gegenstände mit echtem Geld kaufen. Reales Geld kauft Diamanten. Diamanten kaufen ingame Gold, und schon werden die zu erwartenden Geldmengenverschiebungen in Sachen Unberechenbarkeit und Turbulenzen denen des derzeitigen Eurogeldraumes in nichts nachstehen. Ganz zu schweigen von der Motivationsvollbremsung, dass man jetzt bereits auch schon in der virtuellen Welt die Folgen der Ellbogen schwingenden Finanzjongleure ertragen muss.

4. Doch GW2 ist nicht nur für Kapitalisten ein Eldorado, sondern auch für Kommunisten. Betritt man eine Zone, für die man im Level zu hoch ist, erfolgt der sofortige Downgrade in die entsprechende Touristenklasse. Das mag gerecht und Contentmengen fördernd sein, mit Logik und Realität hingegen geht die Schnittmenge gen null. Und wer PvP als Lebenselixier ansieht, der darf sich gleich nach dem erstmaligen Schlachtantritt über das Erreichen des Maximallevels freuen. Gestern Level 20, heute Level 3 und morgen dann schon Level 80? GW2 ist das erste Fahrstuhl-MMO der Welt.

5. In GW2 gibt es Public Quests im Sekunden- und Metertakt. Wehe dem, der einsame Wege und die Erforschung eigener Spielinhalte sucht. Hier wird das Gemeinschaftserlebnis zur Unterhaltungsdiktatur erhoben, wo sich selbst jahrelang gestählte Pauschalreisende nach der Einsamkeit eines Klosters sehnen werden. Zwangsverballermannisierung in Perfektion.

6. Die herangezoomten Dialoge erinnern in ihrer Ausführung an Konzeptionszeichnungen aus den Zeiten der Höhlenmalerei.

7. Durch die automatische Skalierung der Bossgegner an die Menge der teilnehmenden Spieler verkommt fast jedes Großscharmützel zum Zergfest. Die Primitivität der Skilldefinition findet ihren gelungenen Fortschritt in deren Anwendung...

8. ...mit Ausnahme der Nahkämpfer, von denen permanente Ortsveränderung abverlangt wird, um den One-Hit-Kills der Bossmobs zu entgehen. Wie man dieserart Breakdance von schwerste Plattenrüstung tragenden Tanks rollenspieltechnisch erklären soll, weiß zwar nur der koreanische Himmel, aber Hauptsache alle Spieler mutieren zu Robin Hood und suchen ihr Heil auf der Tanne.

9. Die komplette Durchsuchung der Gebiete verlangt unter anderem die Lösung von zunehmend durchgeknallter werdenden Jump-n-Run-Rätseln. Dies mag zwar den Mario Brothers unter uns die Rohrzangen in den Hosen aufgehen lassen, hat aber inmitten einer Welt von Mord und Totschlag so viel Sinn und Bedeutung wie ebenfalls zu oft und zu tief gesprungenes Fallobst.

10. Alle Charaktere müssen auf demselben Server erstellt werden, für den man sich am Anfang entschieden hat. Einen nachträglichen Umzug lässt das GW2sche Einwohnermeldeamt nicht zu. Es ist zwar später eine Lockerung dieses Reiseverbots geplant, wobei man sich aber bereits jetzt schon darauf einstellen sollte, dass das beteiligte Umzugsunternehmen auf eine Vergoldung des LKWs bestehen wird.

Dies dürfte vorerst genügen, um das Gros der GW2-Propheten einigermaßen in den Griff zu bekommen. Und solltet man bei diesen Hype-Dämonen trotzdem kein Anzeichen beginnender Einsicht und Teufelsaustreibung entdecken, dann spreche man umgehend einen der mächtigsten aller Bannsprüche aus, der da lautet: "Gibt es in GW2 eigentlich Mounts und Housing?"