Wenn die halbe Welt und die ganze Presse auflagenwirksam über einen Schreiberling herfällt, der es wagt, eine eigene Meinung kundzutun, dann müssen wir Pixelweltenbesucher umgehend unsere eigenen Wasserglasstürme kreieren. So kürten die Leser des US-Blogs "The Consumerist" die Firma Electronic Arts zum Weltfeind Nummer Eins. Erneut ertönte ein Aufschrei des Entsetzens durch Öffentlichkeit. So etwas könne man doch nicht tun, wo es doch viel bösere Bösewichte wie die Banken, Öl-Multis, Syrien und RTL gebe.

Es tut mir leid, dass ich in solcherlei Aufschrei hineinblutgrätschen muss, aber meiner Meinung nach hätte es keinen besseren "Gewinner" geben können. Selbstverständlich bin auch ich keinesfalls der Meinung, dass EA ein schlimmeres Image als ein blutbeflecktes Rüstungsunternehmen verdient hat. Oder als eine Großbäckerei, deren Angestellte so arbeitsplatzgeil sind, dass sie selbst die Pausenbrote ihrer Kinder mit Menschenfleisch belegen würden. Und meine übliche Pauschalschelte darf hier nicht fehlen. Käme ich an eine Unfallstelle, an dem ein Investmentbanker bewusstlos über dem Lenkrad hängt, dann würde ich als Erstes den Motor in die stabile Seitenlage bringen und bei dem Auspuff mit der Mund-zu-Mund-Beatmung beginnen.

Warum verdient EA trotzdem den ersten Platz in den Hasshits?

Weil es eines der wenigen Weltkonzerne mit Einsicht ist. Wer glaubt denn allen Ernstes, dass irgendein anderes Unternehmen, welches an die Spastspitze gewählt wird, daraufhin sein Gebaren ändert? Würde eine Nummer Eins BP mit der Wiederaufforstung verseuchter Fördergebiete beginnen? Oder die Bank of America irgendeinem Immobilienbesitzer die Schulden stunden? Oder würde plötzlich eine Firma die biologisch abbaubare Tretmine erfinden, welche binnen Jahresfrist automatisch verrottet? Niemals. Eher würden die USA mehr Nahrung als Waffen exportieren oder mehr Hirn statt Hamburger.

EA ist da die löbliche Ausnahme. Erinnern wir uns. Beim Release von Mass Effect 1 trugen SecuROM und Zwangsregistrierung zum allgemeinen Erbrechen bei. Die Kunden massenprotestierten, EA reagierte und verzichtete bei Mass Effect 2 auf derlei Unrat. Urplötzlich zeigte sich EA so flexibel und einsichtig, wie kein anderes US-Unternehmen es jemals getan hatte. Doch leider leidet EA unter einem auf nur drei Zylindern laufenden Langzeitgedächtnis und verbockte es erneut. Origin und die DLC-Fließbandfertigung wurden eingeführt. Es war also wieder an der Zeit, auf die Barrikaden zu steigen und den Goliath mit dem Abstimmungs-David bekannt zu machen.

Doch EA hat den „Erkenntnisgewinn durch Hinterntritt“ nicht allein für sich gepachtet. Auch der Publisher Bandai Namco Games reibt sich sowohl den Allerwertesten als auch verwundert die Augen, weil er die Menge der nach Dark Souls lechzenden PC-Spieler stark unterschätzt hat. Eine Petition und einfachst abzuschöpfende Yen-Fluten vor Augen, wird flugs reagiert und das Game für Games for Windows Live angekündigt. Und schon hagelt es die nächste Petition. Man will lieber Steam, weil dieses "unter PC-Spielern akzeptierter ist". Jetzt kann man darüber streiten, ob man über die besseren DRM-Maßnahmen streitet, zumal Origin da auch noch mitreden will. Hier schlage ich schnellstmöglich die Umsetzung des Fernsehformats "Deutschland sucht den Super-Rootkit" vor.

Ja, selbst die einst perfekten Geschichtenerzähler von Bioware müssen bei Mass Effect 3 nachbessern und sich von den Stammkunden belehren lassen, dass nicht nur die Wurst mehrere Enden zu haben hat. Die Rebellion greift also um sich und die arabische Welt sollte schnellstens über Tantiemen nachdenken. Ich hoffe, der werte Leser versteht jetzt, warum mich ein derart zivil ungehorsames Abstimmungsverhalten wie bei EA so überaus erfreut. Der Klick an die bewusst falsche Stelle ist für uns kleine Männer und Frauen von der Straße ein ganz großer Schritt hin zur Mitbestimmung. Wann immer wir Schafe nicht der Herde folgen und vermeintlich irrsinnig handeln, stürzen wir den Schäfer in tiefste Verwirrung und mit viel Glück auch in Einsichten, die er sonst so nie gewonnen hätte.

Doch an welcher Art Protestwahl werden wir uns in naher Zukunft erfreuen können?

Der Verkaufstresen steht an. Wie wird das Abstimmungsverhalten im Fall Gildenkriege gegen Pandabären ausfallen? Werden die Käufer die Einmalzahlung oder den Knuddelzwang honorieren? Die Aktienkäufer stimmen über Ubisoft ab. 90 Prozent haben deren Aktien dank Bankenkrise und geschickter Unternehmensführung in den letzten vier Jahren an Wert verloren. Wird die 1-Euro-Schallmauer dieses Jahr endlich unterschritten werden? Nicht zu vergessen, der Kampf Windows 7 gegen 8. Hier dürfen Privatleute wie Unternehmen gleichermaßen den Schiedsrichter spielen, und im Kampf Solidität gegen Grobmotorik zur Abstimmung antreten.

Das größte Potenzial sehe ich derzeit in der Politik. Wenn jetzt schon eine Hundertschaft Prominenter unter polemischer Verdrehung der Tatsachen panisch auf die Piratenpartei eindrischt, dann weiß ich, wo die nächste Stirn mit Angstschweiß zu finden ist. Wenn Abgemahnte und AbGEZockte ein Ventil vor Augen haben, wenn Niedriglöhner nicht Links- oder Rechts- sondern Mitteextremisten zur AusWahl haben, wenn die von Altsacklobbyisten mit ihren Gähnphrasen zur Ertaubung gebrachten Otto-Normalverbraucher den Protest entdecken, ja, dann macht die Vier-Jahres-Demokratie endlich wieder Spaß. Denn eines hat mir der US-Blog erneut bestätigt. Bewusst falsch zu wählen, ist weit besser als gar nicht zu wählen.