Nur wenigen Menschen ist bekannt, dass dem Staat uns Bürgern gegenüber eine staatliche Fürsorgepflicht auferlegt ist. Das heißt, die Regierenden dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn wir uns selbst Schaden zufügen wollen. Wer sich jetzt fragen mag, warum Talkshows dann noch nicht verboten wurden, der sei auf einen erfolgreicheren Präventionsbereich verwiesen. Wenn es darum geht, Gefahr von unser Leib und Festplatte fernzuhalten, dann wird dort den Staat bestimmt niemand vor die eigenen Gerichte zerren wollen.

Als neueste Folge in der unendlichen Fortsetzungsserie "Besserwissen mit Daniel Bahr" hat das Bundesministerium für Gesundheit die Internetseite Ins-Netz-Gehen.de ins Leben gerufen. Doch anders, als es der Wolf-im-Schafpelz-Name vermuten lässt, ist hier nicht die schnelle Router-Installation, sondern die vorzeitige Leitungsabschaltung Thema der serverseitigen Platzverschwendung.

Jedoch soll hier nicht geunkt, sondern tatkräftige Hilfe geleistet werden. Denn wie bei staatsgelenkten Jugendaktionen üblich, erwecken die allzu krampfhaft auf cool und angesagt gestalteten Informationen nach nur wenigen Minuten Besuchszeit den Eindruck, als hätte die Gletschermumie Ötzi damals nicht nur die Alpen überqueren, sondern auch eine Homepage einrichten wollen.

Ein zentrales Element der Homepage ist ein Selbsttest, mit dessen Hilfe das eigene Suchtpotenzial gemessen und bewertet werden kann. Gerade hier steckt der Teufel im Detail, sind doch die Fragen viel zu weltfremd formuliert. Mögen die ersten beiden Erkundigungen nach Alter und Geschlecht zumindest bei den meisten von uns mit etwas Nachdenken zu lösen sein, beginnt ab der dritten Frage der Homepage-Gestalter seine falsche Berufswahl zu offenbaren. Hier meine Verbesserungsvorschläge.

Frage 3: "Wie häufig spielst du Internetspiele"

Zuerst würde ich hier ein Fragezeichen anfügen, es sein denn, der Fragesteller wollte in eigener Sache das Kultusministerium auf Defizite im Bildungswesen hinweisen und ihm die Rechtschreibschwäche überbezahlter Beamter als dringendstes Tätigkeitsfeld nahelegen.

Die Antwortmöglichkeiten der Frage 3: "Wie häufig spielst du Internetspiele" sind mit "nie", "einmal im Monat", "einmal die Woche", "mehrmals pro Woche" und "täglich" so fachfremd wie ein Beduine beim Schlitzschuhschleifen. Wenn es da draußen wirklich Menschen geben sollte, die nur einen Tag im Monat spielen, dann muss es sich hierbei entweder um Damen mit wirklich sehr eigenartigen Menstruationsbeschwerden handeln oder der Befragte ist ein Erdtrabant und hat deswegen nur zu Neumond seinen freien Tag. Wesentlich realitätsnäher wäre eine Unterteilung in "nie", "mehrmals die Woche", "täglich ein bis ein paar Stunden" und "bis zur Erschöpfung" gewesen.

Bei der Frage 11: "Wenn du vor die Wahl gestellt würdest, welche der folgenden Anwendungen wäre dir lieber?" beginnt der Wahnsinn seine Herrschaftsansprüche zu zementieren. Als einzige Antwortmöglichkeiten wird hier "Computerspiele (einschließlich Online-Spiele)" und "Internet (ohne Online-Spiele)" vorgegeben. Lasst mich mal raten, wie alt die für diese Fragestellung verantwortliche Person war. Irgendetwas zwischen Methusalix und Archäopteryx? Wäre dieser jemand in diesem Jahrtausend angekommen, würde er nicht eine sinnlose Wahl zwischen reiner Unterhaltung und einer alltäglich gewordenen Kommunikationsform abverlangen. Oder was ist Ihnen lieber, Herr Testersteller? Bücher lesen oder Telefon? Sex oder Atmen? Blau oder Stern?

Wesentlich intelligenter wären bei Frage 11 Antwortmöglichkeiten gewesen, die den echten Gegebenheiten entsprechen. Ich stelle mit das so vor. Die Frage lautet "Was ist dir lieber?" und als Antwortmöglichkeiten gibt es "Computerspiele", "mit Mutti täglich Dokusoaps glotzen", "mit Vati das allabendliche Entspannungssaufen genießen" oder "beiden beim Streiten zuhören". Oder ihr lasst die Testperson gleich zwischen "Computerspiel" und "Millionengewinn" auswählen. Und sollte dann jemand tatsächlich der Millionen entsagen, dann habt ihr zwar keinen Süchtigen geoutet, aber immerhin neben dem Fragesteller gleich den zweiten Verrückten gefunden.

Bei Frage 16 habt ihr die rhetorische Frage zur Überprüfung der Ernsthaftigkeit des Antwortgebers viel zu offensichtlich eingebaut. Wie könnte man auf die Frage, "ob man in den letzten 2 Wochen einmal den Gedanken gehabt hat, lieber tot zu sein oder anderen ein Leid zuzufügen" mit "überhaupt nicht" beantworten, wo man doch gerade im Moment euren Test über sich ergehen lassen muss.

Die größte Enttäuschung war allerdings die Testauswertung. Speziell eure Empfehlungen, was man als Alternative zum Computerspiel machen soll, haben mich maßlos irritiert. Der Vorschlag, sich als Clown zu verkleiden und beim nächsten Kindergarten vorstellig zu werden, dürfte doch gerade in Zeiten freigelassener Triebtäter nicht gerade zur Beruhigung des anwesenden Betreuungspersonals beitragen. Ebenso erscheint mir der Rat, ins nächste Tattoo-Studio zu gehen und sich die Haut partiell einschwärzen zu lassen, bei einem minderjährigen Süchtling auch nicht gerade als die Beste der Alternativen. Es sei denn, ihr wollt ihm schon mal einen Vorgeschmack auf die unzähligen Nadelstiche der kommenden Heroinkarriere gewähren.

Wieso gebt ihr den Kindern nicht auch ein paar positive Alternativen zum Computerspiel? Regt doch einen Beitritt in den nächsten Fußballverein an, damit bereits in der Jugend bei den Kniegelenken und -bändern eine ausreichende Grundlage für die spätere Frühverrentung gelegt wird. Selbstverständlich wäre auch eine engere Bindung zwischen Vater und Sohn wünschenswert. Warum also nicht den Sprössling mit zur Jagd nehmen und beim anschließenden Waffenreinigen über alternative Anwendungsmöglichkeiten bei ungerechten Lehrern und mobbenden Mitschülern sprechen?

Alles in allem finde ich aber euren Internettest hervorragend gelungen. Denn wer früher seinen Kindern beibringen wollte, wie wertvoll ein guter Schulabschluss und ein einträglicher Arbeitsplatz sind, der musste erst mühsam einen Stadtstreicher suchen, dann auf ihn zeigen und die Frage stellen: "Willst du so enden?". Heutzutage geht das viel leichter. Einfach eure Homepage aufrufen und fragen: "Willst du mit so einem Mist dein Geld verdienen?".