Die Scheinidentität. Für verfolgte Andersgläubige war es von der Antike bis zur Neuzeit das Zauberwort für das Abwenden körperlicher Vorzeitauflösung. In totalitären Staaten ist sie für Oppositionelle heute noch das beste Mittel der Überlebensstrategie. Ja selbst James Bond oder Superman würden ohne sie einzig zum Sargfutter und Langweiler taugen. Was spräche in Anbetracht eines überzogen voyeuristischen Facebooks und einem staatssicherheitsgeilen World of Warcraft dagegen, die Scheinidentität endlich auch für uns Normalbürger zu einer Selbstverständlichkeit werden zu lassen?

Doch eine Scheinidentität will gut geplant sein. Zu zahlreich die Fettnäpfchen, die auf das Betreten warten. Aus diesem Grunde soll heute in einer Glossen-Extraausgabe tatkräftige Unterstützung geleistet und die wichtigsten Fragen rund um die Identitätsmetamorphose beantwortet werden.

1. Darf ich das?

Zugegeben. Hätte sich seinerzeit Dr. Jekyll diese Frage rechtzeitig gestellt, dann wäre der Bevölkerungszahl Londons eine Schrumpfung aufgrund hydescher Überaktivitäten erspart geblieben. Andrerseits, wäre die Scheinidentität niemals erfunden worden, würde jeder Geheimdienst der Welt nicht nur über eklatante Nachwuchssorgen klagen, sondern zudem bei jedem Bestattungsinstitut Mengenrabatt bekommen. Doch wozu diese Frage überhaupt erörtern? Die Rechtfertigung erwächst aus dem Grad der Sorgenersparnis.

2. Wie beginne ich?

Entgegen der allgemeinen Annahme, besteht eine Scheinidentität nicht nur aus der Verwendung eines Decknamens. Wer seinen Namen in Brad Pitt ändert und danach unter Beibehaltung seiner heimischen Adresse im Internet auf Kontaktsuche geht, der wird alsbald gewisse Akzeptanzprobleme erleben. Eine Scheinidentität umfasst mindestens die Adresse und das Geburtsdatum. Je mehr sich das Alter Ego von den Tatsachen entfernt, umso tiefer vergraben sich des informationsgeilen Großkonzerns Zähne in das Beißholz.

3. Wer soll ich werden?

Die Wahl der neuen Persönlichkeit darf keineswegs übertrieben werden. Ein José Garcias mit peruanischem Wohnsitz, der in einem europäischen Forum seine Hasstiraden in urbayrischer Lautschreibung zum Besten gibt, ist dem Instant Ban als zu erwartendes Echo unentrinnbar ausgeliefert. Aus Gründen der glaubwürdigen Authentizität und zudem in Zeiten weltweit bekannter Regionalzuordnungen der IP-Adressen sollte das zweite Ich keine hundert Kilometer von einem selbst geboren sein. Es sei denn, man plant die Infiltration iranischer Sicherheitskräfte. Hier wäre eine wesentlich großzügigere Handhabung der Personalien der eigenen Lebenserwartung überproportional zuträglich.

4. Was muss man vermeiden?

Der Wechsel des Geschlechts und Übertreibungen im Geburtsjahr sind tabu. Wer vorgibt weiblich zu sein und dann angesichts einer Diskussion über Traumfrauen derb bekennt, von Gisele Bündchens Anblick einen Ständer zu bekommen, der bringt die Lüge schneller zum Einsturz als deutsche Tunnelbauer ihre Staatsarchive. Und wie würden Sie reagieren, falls der im Chat um Bewerbungstipps bittende Lehrstellensuchende in Facebook als Geburtsjahr 1921 angegeben hat?

Onlineidentität

5. Kann ich auch in MMOs ein Doppelleben führen?

Das ist keine Frage des Könnens, sondern des Müssens. Gerade wenn Onlinespielbetreiber ihrem nordkoreanischen Vorbild nacheifern und ihre Eigeninteressen über die Persönlichkeitsrechte Anderer stellen, muss der Kunde seinerseits die Begriffe Ehrlichkeit und Vertrauen den Weg in die Vergangenheit antreten lassen. Quid pro quo, pflegten nicht nur handelserfahrene Römer und, der sich wegen seiner Menscheneinstellung perfekt als MMO-CEO eignende, Hannibal Lecter zu sagen.

6. Warum gehen Unternehmen so rücksichtslos mit Kundendaten um?

Hier ist sich die Forschung noch uneins. Ein Teil der Wissenschaftler sieht darin lediglich den Versuch, die Gewinnmarge in die Höhe zu treiben. Auf dem Pranger dargebotene Problemkunden tendieren dazu, dem Moderatoren- und Petitionsteam weniger Arbeit zu bereiten und somit dem Gewinn neue Weltrekordwerte zu bescheren.

Andrerseits sieht die wissenschaftliche Lehre nicht zuletzt seit der kruden Argumentationsführung eines Mark Zuckerberg erste und ernste Anzeichen des größenwahngestützten Kokettierens mit diktatorischer Machtausübung. War bislang die Selbstbescheidung der Konzernbosse von gesellschaftlich definierten Moralvorstellungen geprägt, so senkt die zunehmende Digitalisierung der menschlichen Existenz dessen Wahrnehmung als Individuum herab. Wo Menschen nicht mehr im persönlichen Kontakt gefühlt und erspürt werden, sondern ihnen stattdessen Anonymisierung und im wahrsten Sinne des Wortes Versachlichung widerfährt, da kann die Skrupellosigkeit mit ihrer Entfaltung beginnen.

7. Wie bitte? Das habe ich jetzt nicht verstanden. Was willst du Laberkopf damit sagen?

Für die da oben bist du kein gleichgestellter Mitmensch, sondern eine atmende Kreditkarte.

8. Wie bezahle ich online mit einer Scheinidentität?

Keine Sorge. Mögen auch die Unternehmen ihren Kundenrespekt zunehmend über Bord werfen, so wird die Geldgeilheit bis zum Untergang auf der Brücke verweilen. Ausgenommen einiger kostenloser Browsergames hat bis heute jedes Onlinespiel, das ernsthaft an Abonnenten interessiert war, die Trennung und Nennung von abweichenden Account- und Zahlungsinformationen zugelassen. Firmen, die nach zahlungskräftigen Multi-Accounts lechzen oder auch die Geldbörsen zahlreicher Muttis und Papis nicht verachten, die entwickeln gar mannigfaltige Ideen, in den Besitz von Geldscheinen zu kommen. Auch sollte die Existenz von Game Time Codes nicht unerwähnt bleiben. Und solange ein Donald Duck sich in Schweigen übt, wird kein Zweifel an dessen Einzugsermächtigung aufkommen.

9. Welche Gefahren birgt eine Scheinidentität?

Da manche Unternehmen die Adressdaten ihrer Kunden vor allem im Bereich Postleitzahl und Straßenname auf Plausibilität abgleichen, neigen Menschen mit einer überdurchschnittlichen Ausprägung an Faulheit und Fantasiemangel auf der Suche nach dem Online-Ich allzu leicht dazu, sich diese Daten komplett von real existierenden Mitbürgern auszuleihen. Ist eine Scheinidentität an sich schon rechtlich bedenklich und am treffendsten mit zivilem Ungehorsam zu beschreiben, so fällt ein umfassender Identitätsdiebstahl gänzlich unter den Straftatbestand des Betrugsdelikts. Wer sich zukünftig nicht den Kopf darüber zerbrechen will, wieso mancherorts Feilen in Kuchen gesteckt werden, der sollte besser nicht außer Acht lassen, dass dies hier eine Glosse ist.

10. Wann sollte ich die Scheinidentität beenden?

Wenn Sie einer Person gegenübersitzen, die so merkwürdige Wörter wie Dissoziative Identitätsstörung, Sedierung, Schocktherapie und geschlossene Abteilung äußert.