Als neue Folge unserer unregelmäßigen Doku-Reihe „Der Wahnsinn und sein Revier“ wenden wir uns heute im zweiten Teil den Gralshütern des Konservatismus zu. Es geht um Spielehersteller und die, die sich dafür halten. Da der folgende Text für die betroffenen Unternehmerkreise stellenweise sehr schwer verständlich sein dürfte, wird er mit einigen Fallbeispielen erläutert.

Menschen, die mehr Falten als Zähne besitzen, werden sich vielleicht noch erinnern. In den Pionierzeiten der binären Unterhaltung war es nahezu undenkbar, dass die kreativen Kräfte der Computerspielbranche die Ideen der Konkurrenz ohne jedweden Verbesserungsansatz übernahmen. Fantasie und Erfindergeist waren die Grundpfeiler einer jeden Neuerscheinung. Fortsetzungen waren nur dem ursprünglichen Byte-Schöpfer selbst zugestanden und bei der Konkurrenz verpönt.

Fallbeispiel: „Hat Kapitän Kolumbus zur Verwunderung der Reederei die angebotene Stelle als Fährmann zwischen Dover und Calais strikt abgelehnt.“

Wer den heutigen Spielemarkt betrachtet, kann den Eindruck gewinnen, die wahren Schwarzkopierer säßen nicht in irgendwelchen Kinderzimmern, sondern in den Chefetagen der Großkonzerne. Prozesse um Markennamen und abgeworbenes Personal sind so selbstverständlich geworden wie eine Versandabteilung. Es würde nicht verwundern, wenn das Budget für Rechtsanwälte inzwischen der wichtigste Etatposten bei der Spielentwicklung wäre. Richtig bizarr wird es in Fällen, in denen das Produkt des Klägers in seiner Qualität Welten hinter dem des angeblichen Plagiats liegt.

„Sehr geehrter Herr Fleming, da die von Ihnen gefertigten Penicilline-Pillen in Form und Farbe an unsere Süßstofftabletten erinnern, fordern wir Sie hiermit auf, die Behandlung von sterbenskranken Patienten umgehend einzustellen oder deren Medikation durch unser Produkt zu ersetzen.“

Aufgrund der zunehmenden Bündelung der Spielehersteller hin zu einigen wenigen Großunternehmen werden die kleinen Byte-Schmieden zum fossilen Ausgrabungsobjekt degradiert. Kein erfolgreiches Indie-Projekt, das nicht mittelfristig von einem Giganten geschluckt wird und langfristig seine Kreativität verliert. Wenn wenigstens die eingekauften Produkte den neuen Herren gleich im Halse stecken bleiben würden. Aber nein, sie müssen ja unbedingt noch in den Verdauungstrakt weiterwandern, wo ehemalige Perlen in unzähligen Sequels mit abnehmender Qualität und indirekt proportional ansteigendem Fortsetzungsintervall endgültig zu dem werden, was man in einem Enddarm vorzufinden erwartet.

„Die von den Gebrüdern Wright erfundene Luftfähre mit einer Flugreichweite von 37 Metern geht ab sofort unter Regie der Meyer Werft in Serienfertigung. An eine technische Weiterentwicklung der Erfindung ist nicht gedacht, zumal es in Deutschland wenige Flüsse gibt, die breiter sind und damit überquert werden können.“

Je größer die Firmen anwachsen, umso schwerfälliger und innovationsfeindlicher werden sie. Wer gleichzeitig andere Firmen aufkaufen, gigantische Mitarbeiterstämme um ihrer selbst willen verwalten und dann auch noch Aktienkurse beflügeln muss, der wird Sklave seines Erfolges. Der Rubel muss rollen, und das stetig und zunehmend. Da ist für Experimente kein Platz mehr. Wo in anderen Branchen eigene Forschungsabteilungen und Universitäten mit Geld überschüttet werden, um völlig andere Wege zu erschließen, da wird in den Bürogängen der Spielehersteller bestenfalls in neue Kopierer investiert.

„Werter Herr Edison, leider passt die von Ihnen angebotene Glühlampe nicht in unser Produktportfolio. Allerdings wären wir Ihnen sehr zugetan, wenn sie für unser Sortiment an Wachskerzen einen neuen, bislang noch nicht auf dem Markt erhältlichen Farbton entwickeln könnten.“

Um übergroße Vertriebsapparate und Verwaltungen am Leben zu erhalten und deren Kosten zu rechtfertigen, wird dem Nischenprodukt der Krieg erklärt. Ein Spiel zu entwickeln, das für weniger als eine Million Kunden gedacht ist, kann bei derartigen Umsatzdinosauriern nur noch dem Verlustvortrag dienen. Wo in der Mode und der Musik viele Trends und Erfolge aus Individualität und Nichtkonformität heraus entstehen, ist bei dieserart binärer Fließbandherstellung das Endprodukt so vorhersehbar wie der Uhrzeitverlauf geworden.

„Rad? Wozu ein Rad? Wir haben doch seit Generationen Füße.“