Der bedeutendste Schritt in der Geschichte der Menschheit vom Neandertaler bis zum Neanderbanker war wider Erwarten nicht die Entdeckung des Feuers oder die Erfindung des Steinspeers. Mögen diese auch die Essensabwicklung entscheidend verbessert haben, so ist es doch einzig der Sprache zu verdanken, dass unsere Vorfahren gesellig werden konnten.

Bewegt man sich im Bereich der Internetmedien, so entsteht zunehmend der Eindruck einer stetigen Rückentwicklung der Menschheit. Immer öfter tendieren gerade Foreninhalte dazu, weniger zur konstruktiven Fortbildung aller Beteiligten beizutragen, sondern einzig als kriegerischer Steinspeerersatz zu dienen. War die destruktive Zerlegung von Forengemeinschaften früher vereinzelten Trollen vorbehalten, entsteht heute der Eindruck erster virtueller Weltkriege.

Auffallend ist hierbei, dass einem die Militarisierung verbaler Meinungsäußerung vor allem im Bereich der Spieleforen begegnet, wohingegen zum Beispiel Treffpunkte für den allgemeinen Rezeptaustausch oder zur Abklärung medizinischer Probleme davon vollkommen unberührt bleiben. Wieso ist das eigentlich so?

Wann immer ein neues Spiel auf dem Markt eingeführt wird, ist der erbitterte Forenstreit vorprogrammiert. Wie selbstverständlich beginnen sich ab Tag eins die Befürworter und Gegner mit Anreden aus den Bereich des Verdauungstrakts und sehr direkten Hirninsuffizienzvorwürfen zu überhäufen. Würde die Forenpolizei nicht regelmäßig Überstunden machen, so könnten Anwaltskanzleien dank der Honorarerträge aus den Beleidigungsklagen die Errichtung ganzer Wolkenkratzer finanzieren.

Wirft man hingegen einen Blick in die Foren eines Feinschmeckermagazins, dann überkommt den Betrachter das beschauliche Gefühl, sich auf dem Friedhof einer Südpolarstation zu befinden. Käme hier jemals ein Schreiberling auf die Übertreibung, das Perlhuhnrezept des anderen als Anleitung für einen Sekundenkleber zu verunglimpfen? Oder traut sich in einem Patientenforum irgendeiner, seinen Zahn-, Frauen- oder HNO-Arzt des organisierten Organhandels zu beschuldigen?

Bei Spieleforen ist das anders. Hier steht sofort der Vorwurf im Raum, der Hersteller wäre allumfassend unfähig, seine Produkte würden Betriebssysteme und Gehirne destabilisieren und überhaupt wäre ausgenommen der Bugs alles von der Konkurrenz geklaut. Da diese Vorwürfe inzwischen bei jedem neuen Spiel so automatisch wie Blähungen beim Bohnenkonsum auftauchen, weiß der unbedarfte Interessent bei seinem Homepage-Besuch längst nicht mehr zwischen Wahrheit und Fiktion zu unterscheiden. Wären Spieleforen von heute reale Orte, dann müssten dort dauerhaft Blauhelmkontingente stationiert werden.

Gerade der Vorwurf des Diebstahls nimmt immer absurdere Züge an. Hat man jemals davon gehört, im „Gourmettempel Online“ würden sich die Hausfrauen gegenseitig mit den Schürzen erwürgen, weil es schon wieder jemand gewagt hat, für sein Rezept Zucker und Salz zu verwenden? Wer hat überhaupt Zucker und Salz erfunden? Oder würde im „Forum fröhliches Krankenhaus“ ein Beitragsschreiber den Chefarzt eines Zentralklinikums der Produktpiraterie beschuldigen, nur weil dieser regelmäßig eine Herzklappe verwendet, deren Funktion ihn an das Rückschlagventil der heimischen Wasserversorgung erinnert?

Doch Gamer können noch viel grausamer sein. Wer kennt sie nicht, die Foren, in denen aus jeder Mücke ein Elefant gemacht wird und dabei die wichtigen Threads rasend schnell nach unten durchgereicht werden. Eine dicke Haut braucht hier, wer sieht, wie Massen von Schreihälsen sich vor das eigene Problem drängen. Massen, denen das Gras einen Hauch zu grünstichig ist und die deswegen damit drohen, umgehend den Account zu kündigen. Alles, was bleibt, ist die ohnmächtige Erkenntnis, dass andernorts dem Verstand noch viel früher als der Account gekündigt wurde.

In der Online-Küche käme niemand auf die Idee, aufgrund einer verfaulten Banane zukünftig gänzlich auf Obst verzichten zu wollen und ab sofort nur noch Fleisch zu essen. Und den Patienten möchte ich sehen, der von der Entfernung des akut entzündeten Blinddarms absieht, nur weil die Farbe des Narben zusammenhaltenden Wundfadens nicht mit der Lackierung der eigenen Fingernägel harmoniert.

Die Spitze des kognitiven Serienmords markiert die Diskussion um die Spielmechanik. Früher hatten die Spielinhalte noch etwas mit Geschmack zu tun und niemand wäre auf die Idee gekommen, einem Billardtischhersteller vorzuschreiben, dass Fußbälle in die Löcher zu passen hätten. Heute ist das anders. Wehe, das Spiel entspricht nicht hundertprozentig den eigenen Erwartungen, denn dann beginnt der heilig-fanatische Feldzug wider der Individualität. Jeder, der nicht hasst, was man selbst hasst, ist wegen des krepierten Geschmackssinns umgehend an die gar nicht so virtuell gemeinte Wand zu stellen.

Wer aber käme auf die Idee, bei einem Restaurantbesuch dem Koch die Schusswaffe an den Kopf zu halten und ihn zu einer Bestelländerung zu nötigen, nur weil der Gast am Nebentisch seinen Schweinsbraten anstatt mit Knödeln lieber mit Nudeln isst? Wenn Eigeninteressen unvereinbar mit dem Produkt sind, dann sind sie es eben. Wer würde denn einem Arzt, der gerade dazu ansetzt, mit seinem Stethoskop die Lungen abzuhören, vorwerfen, dass er keinen richterlichen Beschluss für diese Abhöraktion vorweisen kann?

Wobei man den Foreninhalten Version 0.00 wenigstens eines zugutehalten kann. Je aggressiver die Streitprofis und je wahnwitziger ihre Argumente werden, umso unterhaltsamer kommt für den Unbeteiligten das weitere Thread-Gebaren daher. Und wo die beste Nachspeise einmal aufgegessen ist und die ärztlich verordnete Massage ihr Ende findet, da scheint der Soldatennachschub für die binären Schlachtfelder niemals zu versiegen. Eine Splatter-Talkshow-Soap, die niemals endet und nichts kostet - manchmal haben Foren auch ihr Gutes.